App statt Wertungskarte: BDR wälzt Breitensport um Christian Lampe

App statt Wertungskarte: BDR wälzt Breitensport um

Breitensport-App des BDR App statt Wertungskarte: BDR wälzt Breitensport um

RTF- und CTF-Fahrer können sich ab 2023 auf weitreichende Neuerungen einstellen. Unter anderem mit Hilfe einer App soll die Breitensportszene modernisiert und neu belebt sowie das Regelwerk "entschlackt" werden.

Auf Grundlage von Vereinsbefragungen und Diskussionen mit den Landesverbänden hat der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) in Arbeitsgruppen neue Reglements für den Breitenradsport in Deutschland erarbeitet.

Als wichtigstes Instrument zu dessen Modernisierung wird es ab 1. Januar 2023 eine kostenlose BDR-App geben, über die Veranstaltungen, Teilnahme und Ranglistenerstellung organisiert werden. Die Funktionen der App werden nach und nach erweitert, zunächst enthält sie die Daten des Nutzers sowie den Terminkalender mit den Daten der Vereine und Veranstaltungen. In der ersten Ausbaustufe der App sind die elektronische Anmeldung und elektronische Erfassung der gefahrenen Kilometer vorgesehen. Auch muss jeder Verein seine Veranstaltung aktiv zur Buchung freischalten, nachdem er seine veranstaltungsspezifischen Daten festgelegt hat. Ziel ist es, dass sich jeder App-User per Handy bei jeder Veranstaltung anmelden kann.

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Keine Wertungskarte und Punkte mehr

Darum wird künftig auch die rote BDR-Wertungskarte wegfallen, ebenso wie die obligatorische Rückenummer, die viele Kosten verursachte, obwohl es keine rechtliche Verpflichtung gab, sie zu tragen. Es entfallen auch die Jahresauszeichnungen, deren Akzeptanz nach Angaben des BDR in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist und auch das bestehende Wertungsschema nach Punkten fällt weg. Alle Touren werden jetzt über Kilometer abgerechnet, gekennzeichnet nach RTF-Kilometern, CTF-Kilometern, Radwander-Kilometern oder auch virtuellen Kilometern.

Als Ersatz für die BDR-Wertungskarte wird es in Verbindung mit der BDR-App eine sogenannte "Breitensport-Lizenz" geben, die zum vergünstigten Startgeld berechtigt. Nach Absolvieren der Strecke werden die gefahrenen Kilometer im Ziel elektronisch dem individuellen Konto des Teilnehmers gutgeschrieben. Am Ende der Saison können die Vereine und Verbände die Daten ihrer Sportler über die App abrufen, das aufwändige manuelle Rechnen der gefahrenen Kilometer und Punkte entfällt. Zudem verläuft die künftige Breitensportsaison jetzt analog zum Kalenderjahr von Januar bis Dezember.

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Neue Veranstaltungsformate

Grundsätzlich können alle Radfahrerinnen und -fahrer die BDR-App downloaden und nutzen, etwa zur Teilnahme bei Veranstaltungen. Aber nur Vereins- (und damit BDR-)Mitglieder kommen dank der neuen "Breitensport-Lizenz" in den Genuss des vergünstigten Startgelds und werden mit ihren addierten Veranstaltungskilometern in den Ranglisten der Verbände gewertet – ein Anreiz, in einen Radsportverein einzutreten.

Weitere Veränderungen betreffen die RTF-/CTF-Veranstaltungen selbst: Zum einen entfällt künftig das starre Kilometersystem bei den Veranstaltungen (Punkte/Kilometer) – eine RTF-Strecke muss zwischen 20 und 199 km sein, ein Radmarathon nach wie vor über 200 Kilometer.

Wer seine Veranstaltung RTF, CTF oder Radmarathon nennen möchte, muss sie nach wie vor an einem bestimmten Termin durchführen, die Strecke komplett ausschildern oder kennzeichnen und Kontrollstellen mit "vernünftiger Verpflegung" anbieten, wie es in einer Pressemeldung des BDR heißt.

Beim neuen Veranstaltungsformat GPS-RTF oder GPS-CTF, die auch an einem definierten Termin stattfinden und Verpflegungsstellen beinhalten, müssen "nur" die ersten 80 Kilometer ausgeschildert sein – alle darüber hinaus gehenden Teilstrecken können "nur" per GPS-Track gekennzeichnet sein. Auf der Veranstalterwebsite und bei der Anmeldung muss den Teilnehmenden klar ersichtlich sein bzw. kommuniziert werden, welche Teilstrecken ausgeschildert sind und welche nicht.

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Sowohl für klassische RTF/CTF/Radmarathon als auch GPS-RTF/GPS-CTF gilt: An den Kontrollstellen auf der Strecke wird die Durchfahrt bestätigt – entweder per Stempel oder, je nach Evolutionsstufe der App, digital. So können am Ende des Tages die gefahrenen Kilometer bestätigt und in der App addiert werden.

Interessant ist das neue Format der sogenannten Mini-Brevets und Brevets. Unter diesem Begriff firmieren Breitenradsportveranstaltungen, bei denen an einem definierten Tag eine Strecke "nur" per GPS-Track abgefahren werden kann. Verpflegungsstellen unterwegs sind dabei nicht vorgeschrieben, können vom Verein aber freiwillig angeboten werden. Das reduziert den Organisationsaufwand für die Vereine signifikant. Mini-Brevets sind bis zu 199 Kilometer lang, Brevets über 200 Kilometer.

Terminunabhängig und ganzjährig befahrbar sind weiterhin Permanente RTF oder Permanente CTF, die von einem idealerweise dauerhaft öffentlich zugänglichen Startpunkt ausgehen und nicht ausgeschildert "nur" per GPS-Track abgefahren werden. Vereine können beliebig viele Permanente anmelden, die jeweils maximal zwei Streckenlängen haben dürfen.

Die gefahrenen Kilometer von Brevet/Mini-Brevet und Permanenten werden bei der Erstellung der Jahreskilometerrangliste berücksichtigt. Abgeschafft wurden die sogenannten "Generalausschreibungen", das gesamte Regelwerk im Breitensport wurde laut BDR "entrümpelt".

Einschätzung von ROADBIKE

Auf den ersten Blick ist dem BDR ein wichtiger Schritt gelungen: Ein 40 Jahre bestehendes und in vielerlei Hinsicht angestaubtes System wurde überarbeitet – und der BDR hat dabei Mut bewiesen, sich ohne viel Federlesens von so mancher lieb gewonnenen Tradition zu trennen. Beispiel? Ganze Generationen an Rennradfahrerinnen und Rennradfahrer sind mit roter Wertungskarte, Rückennummer und RTF-Punkten sozialisiert worden – das ein oder andere Gewohnheitstier wird Krokodilstränen verdrücken.

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Aber wichtiges Argument pro Neuerungen: Die Veranstaltungsorganisation wird für die Vereine vereinfacht, weil – insbesondere bei den GPS-Formaten und noch mehr den Brevets – erheblich weniger ehrenamtliche Helferinnen und Helfer zum Ausschildern oder Besetzen von Verpflegungsstellen benötigt werden. Auch die Teilnahme wird niedrigschwelliger. Die BDR-App ist – sollte sie wie geplant funktionieren – einfacher und zeitgemäßer als das bisherige System. All das hat durchaus das Potenzial, die Breitensportszene zu beleben und auch zu verjüngen. Wer das neue Regelwerk studiert und/oder die FAQ liest (bei denen spürbar versucht wurde, unbürokratisch, frisch, teils umgangssprachlich zu klingen), stellt gleichwohl fest: Ganz kann der BDR aus seiner Haut nicht heraus – noch immer ist der organisierte Breitenradsport zwar vielleicht keine Raketenwissenschaft, aber doch zumindest eine Wissenschaft für sich.

Interessant wird sein, welche Funktionen genau die BDR-App beinhalten wird. Sind in der App für jede Veranstaltung alle relevanten Informationen, Ansprechpartner, Notfallnummern und Streckenkarten hinterlegt? Werden womöglich die GPS-Tracks direkt über die App herunterladbar sein? Wie pflegen die Veranstalter all ihre Informationen ein? Wird in der App ersichtlich, ob ein Verein bei einem Mini-Brevet unterwegs Verpflegung anbietet oder nicht? Besteht die Möglichkeit, sich über die App mit anderen Mitfahrenden zu verabreden? Das Gute: Wie bei Apps üblich, besteht die Möglichkeit, auch im Verlauf der Zeit neue Funktionen zuzufügen. Ein erster Schritt ist auf jeden Fall gemacht.

Klar ist dennoch: Auch künftig werden Breitensportveranstaltung von viel Herzblut und ehrenamtlichem Engagement leben.

Christian Lampe
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