Test: 6 Rennräder unter 1300 Euro

Guter Start: Einsteiger-Rennräder

Foto: Björn Hänssler RoadBIKE Einsteiger-Rennräder im Test

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Sie sind bezahlbar, sie sind chic und sie sind schnell: Aktuelle Alu-Rennräder mit Shimanos 105-Gruppe bieten viel – für recht kleines Geld. Bleiben am Ende dennoch Wünsche offen?
Zu den getesteten Produkten

Was es braucht, um glücklich zu sein? In Bezug auf das Rennrad ist die Antwort auf diese große Frage erstaunlich einfach: einen passenden Rahmen, eine vernünftige Schaltgruppe, solide Laufräder, funktionale Anbauteile. Die Räder im aktuellen Test lassen nichts davon vermissen. Alles Weitere kommt dann hoffentlich von allein ...

Die RoadBIKE-Tester hatten daran keine Zweifel, nachdem sie mit den Alu-Rädern für diesen Vergleich unterwegs waren. 999 bis 1299 Euro kosten die mit Shimanos 105-Gruppe aufgebauten Renner. Gemessen an dem, was man für ein Rennrad ausgeben kann, ein fairer Preis. Das Beste aber: Mehr braucht’s eigentlich nicht für seriösen Rennrad-Spaß! Zumindest wenn man keine Rennen fährt oder andere ambitionierte Pläne hegt, so das einhellige Fazit der Testfahrer.

Umso erstaunlicher, dass in dieser interessanten Preisklasse nur sechs Räder am Start stehen – angefragt hatte RoadBIKE deutlich mehr. Allerdings wollten einige Anbieter gar nicht in den Test. Meist mit Verweis auf „die Versender“, die dank Verzicht auf ein Händlernetz anders kalkulieren und „bessere“ Räder in den Test schicken können. Allerdings: So erdrückend ist dieser Versender-Vorteil gar nicht – auch das eine interessante Erkenntnis dieses Vergleichs. Klar punkten Canyon und Rose durch leichtere Rahmen-Sets und Laufräder beim Gewicht. Aber: Das günstigste Rad im Test kommt von Scott: 999 Euro schafft kein Versender. Stevens kann zwar beim Gesamtgewicht mit den Direktanbietern mithalten – allerdings kostet das Stelvio 1299 Euro.

Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, warum zum Beispiel Bulls, Cube oder Merida ihre Teilnahme an diesem Test verweigerten. Immerhin entscheiden sich stolze 29 Prozent der RB-Leser für ein Rad der Preisklasse bis 1500 Euro (laut Leserbefragung 2017). Ob den entsprechenden Anbietern tatsächlich der Glaube ans eigene Produkt fehlt? Denn wie gesagt: Übermächtig sind auch die Versender nicht. Zudem sind deren Räder vor allem für Käufer interessant, die genau wissen, was sie von ihrem neuen Rad erwarten, wie sie darauf richtig sitzen, und die über etwas Schrauber-Erfahrung verfügen. Alle anderen sind bei einem guten Händler mit entsprechender Beratung und eigener Werkstatt ohnehin besser aufgehoben. Auch die Möglichkeit, Probe zu sitzen, bietet nur der stationäre Händler.

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Was können die Rahmen?

Einen deutlichen Vorsprung erarbeiten sich die Versender im Testfeld hingegen im RB-Prüflabor: Die Sets aus Rahmen, Gabel und Steuersatz von Canyon und Rose wiegen unter 1900 Gramm, bei den Fachhandelsmarken liegen diese Gewichte oberhalb der 2000-Gramm-Marke. Das kostet ein paar Punkte in der Testwertung (siehe Grafik "Die Bewertung der Testräder im Detail"), birgt auf der Straße aber keinen erfahrbaren Nachteil. In der Praxis zählt in erster Linie, wie fahrstabil sich die Rahmen-Gabel-Sets geben. Hier leistet sich keiner der Starter im Test eine Schwäche. Die soliden Alu-Rahmen und Carbon-Gabeln aller Räder im Test sind extrem steif – und damit auch für schwere Fahrer bestens geeignet. Das belegen die Messwerte der RoadBIKE-Prüfstände. Weiterer Vorteil der Testräder: Anders als mancher vielfach teurere Leichtbau-Rahmen, sind die günstigen Rahmen im Alltag absolut stressfrei und stecken auch mal einen Sturz problemlos weg.

Eine kleine Überraschung gab es bei den Messungen zur Federung der Rahmen-Sets: Das Giant erreicht hier am Heck dank hochwertiger Carbon-Sattelstütze einen herausragenden Wert, auch an der Front ist es nicht unangenehm hart. Dieser in der Praxis deutlich spürbare Federungskomfort ist erstaunlich. Denn eigentlich montieren die Hersteller in dieser Preisklasse solide Carbon-Gabeln und Sattelstützen aus Aluminium, die eine wirksame Federung meist vermissen lassen. Giant egalisiert hier einen der großen Unterschiede zu deutlich teureren Rennern. Wer mehr Komfort sucht, muss in dieser Preisklasse eine (teurere) Carbon-Stütze erst nachrüsten.

Eine Frage der Laufräder

Erfahrbar spielen die Versender ihren Preisvorteil bei den Laufrädern aus: Weniger als 2,9 Kilo wiegen die Laufrad-Sets (inkl. Bereifung + Kassette) im Canyon und Rose. Das macht beiden Rennern spürbar Beine: Antritten folgen sie bereitwilliger, dadurch wirken sie lebendiger als die Modelle der Fachhandelsmarken im Test. Nur das teure Stevens kann mit seinen nicht zu schweren Laufrädern halbwegs mithalten. Bei Focus, Giant und Scott wiegen die Laufräder 200 bis 400 Gramm mehr. Im direkten Vergleich zu den Modellen von Canyon und Rose verantworten die schwereren Sets eine merklich zurückhaltendere Gangart. Für sich betrachtet, sind alle Räder erfreulich lebendig. Hier hat sich den letzten Jahren viel getan.

Haltung bewahren

Wie gut Rennrad und Fahrer auf Dauer harmonieren, ist immer eine Frage der Haltung – auf dem Renner. Nur wenn die Fahrerhaltung passt, klappt es auch langfristig mit der Zweierbeziehung. Die gute Nachricht: Vom komfortorientierten Tourer bis hin zum Sportler findet in dieser günstigen Preisklasse jeder „seinen“ passenden Untersatz. Wie unterschiedlich die Testräder ihre Fahrer positionieren, zeigt das Diagramm unten auf Seite 32. Während die Räder von Canyon, Giant und Scott hohen Sitzkomfort bieten, bringen Stevens und Focus ihre Fahrer in eine durchaus sportliche Haltung. Wer weiß, wie er sitzen kann und will, hat also die Wahl. Wer es nicht weiß, sollte beim Händler ausführlich Probe sitzen – und fairerweise auch dort das neue Rennrad kaufen.

Welche Gruppe soll es sein?

Bei dieser Vielfalt an Charakteren stellt sich die letzte Frage: Welche Komponentengruppe ist die richtige? An Shimano kommt in dieser Preisklasse keiner vorbei, zur Wahl stehen die 105-Gruppe mit 11-fach-Kassette – oder die günstigere Tiagra mit einem Ritzel weniger. Von den getesteten Rädern gibt es fast alle mit identischem Rahmen-Set und gleichen Anbauteilen, jedoch mit Tiagra, bereits für unter 1000 Euro. Eine Entscheidungshilfe dazu liefert der Abschnitt "Im Vergleich - Die Gruppen Tiagra vs. 105".

Soll es die teurere 105-Gruppe sein, bleibt (derzeit noch) die letzte Entscheidung: Nimmt man ein Rad mit der noch aktuellen 105 (Modellnummer 5800), oder wartet man auf die neue Version R7000? Die neue punktet vor allem mit verbesserter Ergonomie und mehr Optionen bei der Gangabstufung. Eine Entscheidung, die am Ende jeder für sich selbst treffen muss – ein erster Test der 105 R7000 hilft bei der Meinungsfindung. Die ersten Räder mit der neuen 105 kommen dieser Tage in den Handel, Rose hatte die Gruppe bereits am Testrad montiert. Die meisten Kompletträder werden allerdings erst zur Saison 2019 mit neuer 105 auf die Straße rollen. Im Zweifelsfall braucht es also noch etwas Geduld. Wer möglichst schnell mit einem neuen Renner durchstarten möchte, sollte zugreifen. Motivierend sind die getesteten Renner alle!

Testfazit kompakt

Die Räder in diesem Test bringen alles mit fürs Rennradglück. Außerdem findet in dieser Preisklasse jeder „sein“ passendes Rad. Den Testsieg holt sich bei den Versendern das vielseitige Rose, bei den Fachhandelsmarken das teure Stevens. Einen Kauftipp verdient sich das günstigste Rad im Test – es kommt von Scott.

So testet RoadBIKE

Jedes Rad wird in Labor und Praxis getestet, die Ergebnisse werden in Relation zu den anderen Testrädern gesetzt und bewertet.

So testet RoadBIKE: Jedes Testrad wird nach festgelegtem Ablauf in Labor und Praxis getestet.

Daten und Messwerte (50 %): Steifigkeiten und Gewichte des Rahmen-Sets und der Laufräder sowie alle Ausstattungsdetails werden im RoadBIKE-Labor ermittelt und nach festgelegtem Punkteraster bewertet. Die Summe dieser Daten ergibt zu 50 % die Endnote.

Praxistests (50 %): Auf einer festgelegten Testrunde fahren mehrere Tester jedes Rad und bewerten dann die Fahreigenschaften im Detail, ohne die Messwerte der Räder zu kennen. Diese subjektiven Fahreindrücke werden dann mit den Messwerten aus dem RoadBIKE-Labor abgeglichen. Die Summe der Praxisbewertungen fließt mit 50 % in die Endnote ein.

Zu diesem Test: RoadBIKE hat Alu-Räder auf 105-Niveau eingeladen. Unter anderem Bulls, Cannondale, Cube, Felt, Lapierre, Merida, Radon und Votec konnten oder wollten kein Testrad zur Verfügung stellen. Den detaillierten Testablauf finden Sie im Internet unter www.roadbike.de/sotestetroadbike

Der RoadBIKE-Profiler

So finden Sie das perfekte Rennrad: Der RoadBIKE-Profiler zeigt Stärken und Schwächen jedes Testrades – mit Daten aus dem RoadBIKE-Messlabor. Ein starker Ausschlag nach außen bedeutet: Der Wert liegt über dem Niveau der Preisklasse. Überlegen Sie vor dem Kauf, was Ihnen besonders wichtig ist – und wählen Sie entsprechend.

Steifigkeit: Je höher die Rahmensteifigkeiten, desto fahrstabiler ist das Rahmen-Set: besonders wichtig für schwere Fahrer oder Sprinter.

Federung: Je niedriger die Messwerte, desto besser federt das Rahmen-Gabel-Set – wichtig besonders für Vielfahrer und Tourer.

Set-Gewicht: Das Gewicht von Rahmen, Gabel, Steuersatz mit allen Beschlägen.

Laufradsteifigkeiten: Die Seitensteifigkeit der Laufräder.

Laufradgewicht: Das Gewicht beider Laufräder samt Bereifung, Achsen und Kassette.

Ausstattung: Die gesamte Ausstattung des Testrades.

Gewicht: Das Gesamtgewicht des Testrades ohne Pedale.

Die Bewertung der Testräder im Detail

Aus umfangreichen Einzelwertungen in Labor und Praxis errechnet sich bei RoadBIKE die Endnote – hier die wichtigsten Wertungskategorien im Überblick.

Foto: RoadBIKE RoadBIKE Einsteiger-Rennräder im Test
30.07.2018
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 07/2018