8 Gravel-Rennräder bis 1900 Euro im Test

Kreuz & Quer: Gravel Bikes für Schotter und Asphalt

Foto: Björn Hänssler RoadBIKE Gravel-Rennräder im Test

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Zeit für neue Wege: Gravelräder eröffnen ungeahnte Möglichkeiten – und müssen nicht teuer sein. Doch welches bietet den größten Fahrspaß auf Asphalt und Schotterwegen?
Zu den getesteten Produkten

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Cannondale Synapse Disc 105 SE (2018) (Testsieger) 1499 Euro Sehr gut
Rose Pro Cross Apex (2018) 1510 Euro Sehr gut
Votec VRX Comp (2018) (Testsieger) 1499 Euro Sehr gut
Cube Nuroad Pro (2018) 1399 Euro Gut
Focus Paralane AL 105 (2018) 1799 Euro Gut
Giant Toughroad SLR GX 0 (2018) 1899 Euro Gut
Scott Speedster Gravel 10 Disc (2018) 1599 Euro Gut
Stevens Gavere (2018) 1299 Euro Gut

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Einfach mal links an den Büschen vorbei, dem Feldweg folgen und ganz neue Welten entdecken: Wer bislang nur mit dem Rennrad unterwegs war, kann mit einem Gravel-Renner seinen Horizont – sprichwörtlich und im wahrsten Wortsinn – deutlich erweitern. Schotterpisten? Plötzlich kein lästiges Hindernis mehr, sondern willkommene Abwechslung! Straßenverkehr? Nervt andere, wenn man selbst die Wahl hat, wo’s langgeht. Dabei rollen Gravelräder erfreulich gut auch auf asphaltierten Strecken, das unterscheidet sie von den bekannten Crossern. In Summe viele ziemlich gute Argumente für einen Gravel-Racer im Keller. Zumal es, wie dieser Test zeigt, für vergleichsweise wenig Geld richtig gute Räder gibt, die einfach nur Spaß machen und dabei extrem vielseitig sind. Die Preisspanne reicht von knapp 1300 Euro für das Stevens Gavere bis zum Giant Toughroad SLR GX 0, das mit rund 1900 Euro zu Buche schlägt.

Blickpunkt: vielseitige Rahmen

Stichwort vielseitig: Es gibt zwei Punkte, auf die Sie vor dem Kauf eines neuen Gravel-Renners achten sollten, um wirklich für alles gewappnet zu sein; zum einen die Reifenfreiheit, zum anderen die Schaltung. Passen auch breitere Reifen in Rahmen und Gabel, gibt’s keine Probleme, wenn es auch mal in gröberes Gelände gehen soll. Im Test überzeugten vor allem Schwalbes G-One-Reifen, die auf dem Rose Pro Cross Apex, dem Speedster Gravel 10 Disc von Scott, dem Stevens Gavere und dem VRX Comp von Votec montiert waren. Mit einer Breite von 35 mm oder 40 mm bietet der G-One ausreichend Grip auf Schotter, rollt aber gleichzeitig noch sehr gut über Asphalt. Die vergleichsweise schmalen 28 mm Continental Ultrasport, die Focus mit seinem Paralane ausliefert, punkten zwar auf befestigten Straßen und festen, trockenen Pisten, kommen aber bei gröberem Untergrund schnell an ihre Grenzen und fahren sich dann deutlich unkomfortabler und unruhig. Deshalb: Schmalere Reifen zu montieren ist immer möglich und macht aus jedem Gravelbike in Minuten ein vollwertiges, komfortables Rennrad für entspannte Touren. Doch wenn Rahmen oder Bremskörper bei 28 mm die Grenze setzen, ist die Vielseitigkeit doch merklich eingeschränkt.

Zweiter Punkt ist die Schaltung, Stichwort: klassisch zweifach oder einfach? Für beide Varianten gibt es gute Argumente, doch wer seinen Gravel-Renner beispielsweise auch im Winter als Schlechtwetter- oder Pendlerrad nutzen will, ist mit einer Zweifachgruppe eindeutig vielseitiger aufgestellt. Eine Einfachgruppe wie die auf den Testrädern verbaute Sram Apex bietet zwar ein extrem angenehmes, knackiges Schaltverhalten und der eingesparte Umwerfer macht die Technik deutlich pflegeleichter, aber die limitierte Gangabstufung kann unter Umständen die Vielseitigkeit des Rades einschränken. Denn selbst wenn – wie beim Votec VRX Comp – ein 42er-Kettenblatt mit einer 10–42-Kassette kombiniert wird und so eine große Übersetzungsbandbreite für schnelle Abfahrten und steile Anstiege besteht, sind die Gänge weniger fein abgestuft als bei einer Zweifach-Gruppe. Klar, die Entscheidung ist am Ende Geschmackssache. Sollten Sie aber noch nie „einfach“ gefahren sein, empfiehlt es sich vor dem Kauf eines entsprechendes Rades, das Ganze einmal auszuprobieren.

Foto: Björn Hänssler Gravel Rennräder im Test 2018

Hoher Spaßfaktor

Die erste und wichtigste Erkenntnis des aktuellen Tests: Spaß machen eindeutig alle Räder, wenn auch mit unterschiedlicher Akzentuierung. Von der Rahmengeometrie her sind sie sich erstaunlich ähnlich, nahezu alle Hersteller vermeiden bei der Sitzposition Extreme und setzen auf eine ausgewogene Fahrerhaltung. So bewegt sich beispielsweise der Stack-to-Reach-Quotient im Bereich von 0,06 Punkten zwischen dem mit 1,48 am sportlichsten ausgelegten Votec und dem mit 1,54 tendenziell entspannteren Focus (siehe auch Abschnitt Sitzplatz). Auch auf der Straße überzeugen alle Räder mit ihrem sehr ausgewogenen Fahrverhalten.

Große Gewichtsunterschiede

Deutlich größer sind die Unterschiede auf der Waage: Mit nur 9,0 kg Gesamtgewicht und seinem sehr leichten Rahmen-Gabel-Set (2106 Gramm) setzt das VRX Comp von Votec die Messlatte hoch. Es ist damit stolze 700 Gramm leichter als der nächstplatzierte Konkurrent, das Synapse Disc 105 SE von Cannondale. Das Speedster Gravel von Scott bringt hingegen stolze 10,5 Kilo auf die Waage. Gleiches gilt für die Laufräder: 3463 Gramm für Srams Roam auf dem Votec markieren den Spitzenwert, das Rad beschleunigt damit vergleichsweise spielerisch, während die gut 500 Gramm schwereren Laufräder an Giants Toughroad und Roses Pro Cross Apex die Testkandidaten etwas ausbremsen.

Apropos Bremsen: Disc-Stopper sind der aktuelle Standard im Gravel-Segment, in den meisten Fällen mit hydraulischer Ansteuerung und 160er-Scheiben vorne und hinten. Nur Stevens und Cannondale verbauen aus Kostengründen noch mechanische TRPScheibenbremsen, die zwar günstiger und etwas leichter sind, aber einen deutlich unpräziseren Druckpunkt aufweisen.

Testfazit kompakt

Viel Spaß für kleines Geld: Die Gravel-Racer in diesem Test eignen sich hervorragend als (Zweit-)Renner für neue Abenteuer. Auch Einsteiger, die sich nicht eindeutig festlegen wollen, werden hier fündig. Den Testsieg bei den Versendern holt sich Votec, bei den Fachhandelsmarken hat Cannondale die Nase vorn.

Foto: RoadBIKE RoadBIKE Gravel-Rennräder im Test

Sitzplatz - So fallen die Geometrien aus

Die Fahrerhaltung wird im Wesentlichen von der Rahmengeometrie bestimmt. Doch weil Rahmengrößen und Oberrohrlängen unterschiedlich gemessen und angegeben werden, sind die Maße der Hersteller nur schlecht vergleichbar. Um dennoch Sitzpositionen vergleichbar zu machen, hat sich der Stack-to-Reach-Quotient etabliert. „Stack“ (engl. für Stapel) und „Reach“ (engl. für Länge) setzt die Höhe (Stack) des Rahmens ins Verhältnis zu seiner Länge (Reach). Gemessen wird der Stack vertikal von der Tretlagermitte bis zur Oberkante des Steuerrohrs. Der Reach gibt das waagerechte Maß von der Mitte der Steuerrohrkante bis zum Schnittpunkt der Tretlagermitte an.

Der Quotient aus Stack und Reach ergibt in der Regel einen Wert zwischen 1,35 und 1,65. Kleine Werte bis 1,45 zeigen eine sportlich-gestrecke Sitzposition an, größere Werte ab 1,55 eine entspannt-aufrechte Sitzposition. Zur Visualisierung dient die Grafik links: Je weiter oben ein Rad eingeordnet ist, desto aufrechter sitzt der Fahrer; je weiter rechts, desto gestreckter.

Die Bewertung der Testräder im Detail

Aus umfangreichen Einzelwertungen in Labor und Praxis errechnet sich bei RoadBIKE die Endnote – hier die wichtigsten Wertungskategorien im Überblick.

Foto: RoadBIKE RoadBIKE Gravel-Rennräder im Test
16.08.2018
Autor: Christian Brunker
© RoadBIKE
Ausgabe 08, 09, 10, 11, 12/2018, 2018, 2018, 2018, 2018