7 High-End Disc-Renner

7 Top-Rennräder mit Scheibenbremse im Test

Foto: Björn Hänssler RoadBike Test Rennräder mit Scheibenbremsen

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Rennräder mit Scheibenbremsen bleiben umstritten. ROADBIKE hat aktuelle Topmodelle auf ihre Qualitäten getestet und gefragt: Sind Sportler mit Disc noch echte Racer?
Zu den getesteten Produkten

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Canyon Ultimate CF SLX 9.0 Di2 6.499 Euro Sehr Gut (81 Punkte)
Merida Scultura Disc Team 9.199 Euro Sehr gut (77 Punkte)
Rose X-Lite Six Disc (Tipp Preis-Leistung) 5.299 Euro Sehr gut (83 Punkte)
Scott Addict RC Premium Disc 9.499 Euro Sehr Gut (82 Punkte)
Specialized S-Works Tarmac Disc (Testsieger) 10.499 Euro Überragend (91 Punkte)
Storck Fascenario.3 Disc Platinum 9.697 Euro Sehr Gut (82 Punkte)
Trek Émonda SLR 9 Disc (Tipp Gewicht) 9.999 Euro Sehr gut (82 Punkte)

Die Scheibenbremse hat am Rennrad nach wie vor einen schweren Stand – besonders im gewichtsfixierten Segment der schnellen Rennsportler. Denn die Disc bringt einfach ein paar Hundert Gramm Mehrgewicht ans Rad, ein im Wortsinn schwerwiegender Faktor. Und wohl auch der Hauptgrund, warum viele Profis nach wie vor lieber mit Felgenbremsen unterwegs sind.

Oder gibt es im Modelljahr 2019 noch andere stichhaltige Argumente gegen die Disc? RoadBIKE hat aktuelle Top-Rennsportler mit Scheibenbremsen getestet, um diese Frage zu beantworten: Bekommt die Disc im Race-Segment endlich die Anerkennung, die sie rein funktional verdient?

Das Gewichtsproblem der Scheibenbremse

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Mehrgewicht bleibt Disc-Rennern auch im Modelljahr 2019 erhalten. Trotz Bremsanlagen der zweiten Generation, trotz speziell für Disc-Laufräder konstruierter Felgen, trotz neu entwickelter Rahmen-Gabel-Sets: Mindestens 300 Gramm mehr sind es nach wie vor, die so ein Disc-Sportler im Vergleich zu einem sonst baugleichen Felgenbrems-Modell auf die Waage bringt.

Sogar im Topsegment, wo Geld kaum eine Rolle spielt und daher die besten technischen Lösungen zum Einsatz kommen, die derzeit möglich sind. So wird die Grundsatzdebatte über Sinn oder Unsinn der Scheibenbremse am Rennrad-Stammtisch ein heißes Thema bleiben. Obwohl diese Debatte nach funktionalen Gesichtspunkten eigentlich so überholt ist wie flatternde Trikots im Renneinsatz.

Denn die Industrie hat ihre Hausaufgaben gemacht und aus den (teils fatalen) Fehlern bei der Einführung der Disc gelernt: Einheitliche Einbaumaße der Naben und Steckachsen bringen Sicherheit und erlauben es, auch bei Rennen problemlos Laufräder zu tauschen. Wichtiger noch: Die aktuelle Generation der Scheibenbremsen funktioniert durch die Bank weitgehend problemlos und sicher – wie der große Disc-Test in Labor und Praxis (RB 06/2018) beweist. Was bei den Vergleichsfahrten mit den profitauglichen Rennern in diesem Test deutlich wurde: Gerade im sportlichen Einsatz macht die Disc sogar schneller.

Nicht in Extremsituationen wie Nässe oder bei alpinen Abfahrten, sondern regelmäßig bei jedem Anbremsen vor einer Kurve. Denn die kraftvollen Stopper mit ihrer hydraulischen Ansteuerung sind viel präziser dosierbar als eine Seilzug-Felgenbremse – so bremst man mit Disc einfach später an. Das ist ein offensichtlicher, für jeden erfahrbarer Vorteil – wenn man die Möglichkeit zu einem direkten Vergleich finden kann.

Gerade unter dem Aspekt der Zuverlässigkeit sollte man aber der Versuchung widerstehen, das Gewichtsproblem der Disc mit kleineren Bremsscheiben zu lösen. Sram lässt für die Straße ausschließlich 160-mm-Scheiben zu, Shimano empfiehlt diese Größe. 140er-Scheiben, wie sie etwa Storck am Testrad montiert, sind zumindest am Vorderrad zwar kein direktes Sicherheitsrisiko, verdienen aber ganz sicher auch keine Empfehlung.

Foto: Björn Hänssler RoadBike Test Rennräder mit Scheibenbremsen

Dranbleiben: Wer hier den Anschluss verliert, kann es bei diesen Toprennern nicht aufs Material schieben ...

Die Top-Rennräder der nächsten Generation

Unabhängig von der Disc-Debatte macht dieser Test auch deutlich, wie stark sich Profi-Renner gewandelt haben. Vorbei die Zeiten nervöser Giftspritzen mit zappeligem Vorderrad. Laufruhe und sicheres Handling sind angesagt – gut so. Denn gerade bei Rädern, die gern und oft schnell unterwegs sind, erlaubt stressfreies Handling noch höheres Tempo. Und auch im Sprint bringt es Vorteile, wenn das Vorderrad bei maximaler Krafteinwirkung eben nicht aus der Hand läuft.

Übrigens sind auch alle getesteten Rahmen-Sets ausreichend steif für jedes Fahrergewicht. Das ist die beruhigende Nachricht aus dem RB-Prüflabor, wo alle Rahmen gemessen wurden. Weniger einheitlich als beim Handling geben sich die Rennsportler bei der Positionierung ihrer Fahrer: Zwar geht der Trend zu einer gestreckten Haltung mit gemäßigter Sattelüberhöhung.

Doch Scott platziert seinen Fahrer deutlich kompakter, aggressiver. Merida und Trek hingegen erlauben eine für den Rennsport erstmal unerwartet angenehme Haltung ohne starke Sattelüberhöhung – die sich gerade bei tageslangen Etappen bezahlt macht. So erwachsen die aktuellen Profi-Renner also allesamt geworden sind, haben sie doch alle ihren ganz eigenen Charakter. Mehr dazu in den Testbriefen auf den folgenden Seiten zu jedem einzelnen Rad.

Testfazit kompakt

Der Gewichtsnachteil der Scheibenbremsen bleibt, doch die noblen Rennsportler in diesem Test sind trotzdem schnell. Alle. Und: Die Disc bringt bei jeder Bremsung ein Quäntchen mehr Kontrolle, erlaubt späteres Anbremsen – dadurch fährt man noch ein wenig schneller.

Den Testsieg holt sich unerwartet deutlich das neue Tarmac S-Works von Specialized: Kein anderes Rad ist so ausgewogen und so konsequent auf Rennsport getrimmt. Trek beweist mit dem 6,4 Kilo leichten Émonda SLR, dass auch Disc-Renner leicht sein können – ein Kauftipp für Gewichtsfetischisten. Und Preisfüchse finden im X-Lite Six von Rose einen bezahlbaren, vielseitigen Sportler, der seinem Fahrer keine Kompromisse abverlangt.

05.12.2018
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 11/2018