6 Rennräder für Gravel, Cross und Tour im Test

6 Allroad-Rennräder für Gravel, Cross und Tour

Video: RoadBIKE
Gravel-Rennrad, Disc-Tourer, Allroad-Renner? Über die Bezeichnung sind sich die Hersteller noch uneins. Klar ist: Diese Rennräder haben Potenzial, sind absolute Alleskönner. Und das zum fairen Preis.
Zu den getesteten Produkten

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Cannondale Synapse Disc 105 SE (2017) 1399 Euro Sehr gut
Canyon Inflite AL 9.0 S (2017) 1799 Euro Sehr gut
Giant TCX Adv. SX (2017) 2099 Euro Sehr gut
Rose Pro Cross-3000 CM (2017) 1899 Euro Sehr gut
Specialized Diverge Comp E5 (2017) 1799 Euro Gut
Trek Domane ALR 4 Disc (2017) 1549 Euro Gut

Gravel, Allroad oder Alleskönner?

Eine gute Idee braucht einen guten Namen. Das zeigt sich bei den Rädern in diesem Test. Die Idee, einen Disc-Renner mit hoher Laufruhe und etwas breiteren Reifen auszustatten, ist gut und schlüssig. Dem guten alten Rennrad eröffnen sich so ganz neue Möglichkeiten und Wege: Abseits der Straße rollen die Alleskönner in diesem Test bestens über feste Schotterpisten, Wald- und Feldwege. Damit sind sie erste Wahl für alle, die nicht ausschließlich auf glattem Asphalt unterwegs sein wollen – oder können: Tourer, Pendler, Abenteuerlustige.

Weiteres großes Plus der Testräder: ihr attraktiver Preis. Der liegt teils um, teils sogar deutlich unter 2000 Euro. Schon in Ausgabe 03/2017 hatte RoadBIKE solche Alleskönner im Test.

Zur Saison 2018 kommen weitere interessante Modelle dazu. RB hat sechs dieser bereits erhältlichen 2018er-Modelle auf Asphalt und abseits davon gefahren und ausführlich im Messlabor getestet – und in Relation zu den noch erhältlichen Modellen gestellt. So ergibt sich ein höchst interessantes Testfeld von insgesamt 15 Rädern.

RoadBIKE meint: Diese Räder haben das Potenzial, ganz neue Käufergruppen für das Rennrad zu erschließen. So wären etwa all die „Mountainbiker“, die nahezu ausschließlich auf festen Wegen unterwegs sind, mit den Rennern aus diesem Test meist besser bedient.

Die vielseitigen Alleskönner haben nur ein Problem: Die meisten Hersteller sprechen von „Gravel-Bikes“, was aber nur eine Facette des breiten Spektrums darstellt, was diese Räder können – und viele „klassische“ Rennradfahrer zudem eher abschreckt. Dabei sind alle Testräder in erster Linie ausgewachsene, vollblütige Rennräder. Auf jedem davon sitzt man mit sportlicher Streckung, jedes lenkt sich direkt und jedes beschleunigt ambitioniert. Die Unterschiede dieser modernen Varianten des Rennrades zum klassischen Rennrad sind überschaubar – in der Summe zeigen sie aber große Wirkung.

Die kleinen Unterschiede

Die entscheidende Neuerung – und damit der wesentliche Unterschied – ist offensichtlich die Scheibenbremse. Natürlich geht es dabei in erster Linie um die konstant hohe, dank hydraulischer Ansteuerung bestens dosierbare Bremsleistung. Aber auch darum, dass die Felge als sicherheitsrelevantes Bauteil nicht mehr langsam, aber stetig verschlissen wird. Doch die Disc bewirkt noch mehr – was den Testrädern zum Vorteil gereicht.

Der Wegfall der Felgenbremsarme schafft Platz für breitere Reifen. Und die Disc verlangt nach längeren Kettenstreben (mind. 405 mm), um Platz für die Bremsanlage zu schaffen, was der Laufruhe zugutekommt. In der Summe fährt sich so ein Rad deshalb anders als ein klassisch-giftiger Renner „italienischer“ Prägung. Das werden nicht alle mögen, denn die Testräder sind keine hyperaktiven Wirbelwinde mit giftiger Lenkung – die man aber auch beherrschen muss.

Die Räder im Test bilden die Quersumme aus einem Disc-Tourer moderner Prägung und dem klassischen Crosser. Die perfekte Mischung? Zumindest wurden beide Gattungen in den letzten Jahren immer beliebter: Vielfahrer wissen den Sitzkomfort und die Laufruhe eines Disc-Tourers zu schätzen, Pendler nutzen bezahlbare Crosser als perfekte Ganz- jahres-Alleskönner – und gerne auch mal fürs Grobe. Allerdings empfiehlt RB dieser Zielgruppe seit Jahren: Besser breite Slicks anstatt Stollenreifen montieren!

Genau das machen die Hersteller jetzt bei den neuen Alleskönnern, die auch im Test an den Start gehen. Durch das größere Volumen bieten die Reifen sehr wirksame Dämpfung selbst auf holprigem Untergrund und garantieren ausreichend Halt auf festem, nicht zu grobem Schotter. Doch Slicks sind viel leichter und rollen besser als jeder Stollen- reifen. Damit bleiben den Rädern der direkte Vortrieb und das lebendige Handling erhalten, für das Rennräder zu Recht geliebt werden.

Der große Einsatzbereich

Interessant ist, dass sich die Hersteller dem Ziel des kompletten Alleskönners von zwei unterschiedlichen Seiten nähern: Cannondale und Trek schicken ihre Disc-Tourer ins Rennen, Specializeds Diverge entspricht in weiten Teilen dem Tourer Roubaix. Auch im Test in Ausgabe 03/17 basierten die meisten Modelle auf Disc-Tourern. BMC und Felt bestücken diese – wie auch der amerikanische Hersteller Trek – generell mit sehr breiten Reifen. Ganz anders Canyon, Giant, Rose, Centurion, Stevens und Votec: Sie verwenden Querfeldein-Rahmen als Basis für ihre Allroader.

Erstaunlich: Das Ergebnis ähnelt sich verblüffend. Alle getesteten Räder präsentieren sich als absolut vielseitige Alleskönner. Die Unterschiede liegen vor allem in der Positionierung des Fahrers: Das Markenzeichen moderner Tourer ist die etwas aufrechtere Fahrerhaltung – die bieten denn auch Cannondale, Specialized und Trek (ebenso wie BMC, Cube, Felt), aber auch der gemäßigte Crosser von Rose (sowie die bereits im Frühjahr getesteten Räder von Centurion und Votec). Canyon und Giant (auch Stevens) hingegen bringen ihren Fahrer in eine recht sportliche Haltung mit Streckung und Sattelüberhöhung – diese Rahmen sind für Querfeldein-Rennen konstruiert, was sportlichen Allesfahrern gefällt. Dieser Variantenreichtum ist erfreulich: Vereint im breiten Einsatzspektrum, finden sportliche wie komfortorientierte Fahrer hier den passenden Partner.

Einen weiteren wesentlichen Unterschied gibt es im Testfeld bei der Ausstattung: Von der günstigen 105 mit mechanischer Scheibenbremse bis zur Ultegra-Disc ist alles vertreten. Was auch eine Frage des Preises ist: So verdient sich das eher günstig ausgestattete Cannondale den Testsieg, weil auch der Komplettpreis entsprechend fair kalkuliert ist. Erfreulich: Trotz unterschiedlich wertiger Ausstattungen bleiben funktionale Schwächen die Ausnahme.

Solide Rahmen mit angenehmer Fahrerhaltung, viel Laufruhe, Discs und breite Reifen: Hier wächst eine hochinteressante neue Rennrad-Kategorie heran. Bleibt die Frage nach dem passenden Namen. Der Begri „Gravel-Racer“ findet vom Disc-Tourer mit 28-mm-Slicks bis hin zum Offroad-Boliden mit über 40 mm breiten Reifen (und teils sehr aufrechter Fahrerposition) Verwendung. „Gravel“ liegt im Trend, klar besetzt ist der Begriff noch nicht. Der Begriff „Allroad“ wäre wohl zielführender: Die Räder in diesem Test sind für die Straße gemacht, aber eben auch für Pisten, Feld- oder Waldwege.

„Gravel“ – Schotter – ist sicher nicht das Terrain, auf dem europäische Rennradfahrer damit am häufigsten unterwegs sein werden. Trotz Namensverwirrung sind diese Räder die interessanteste Rennrad-Evolution der letzten Jahre. Möglicherweise auch einfach die Zukunft des Disc-Tourers.

Die Testergebnisse in der Übersicht

Foto: RoadBIKE Gravel-Rennräder im Test
18.10.2017
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 10/2017