Test: Rennradhosen für Männer

20 Bibshorts um 150 Euro im Test

Foto: Christian Lampe Rennrad Hosen im Test

Fotostrecke

Die beste Bibshort fürs Geld – und alle Ansprüche? RoadBIKE hat 20 Rennradhosen der Preisklasse um 150 Euro zum Test gebeten.

Es sind nur wenige Quadratzentimeter, die über Wohl und Wehe bei einer Rennrad-Ausfahrt entscheiden: Bis zu 50 Prozent des Körpergewichts lasten auf dem Sattel – auf einer Fläche kaum größer als eine Hand. Diesen Druck aufzunehmen und möglichst optimal zu verteilen ist die primäre Aufgabe einer guten Rennradhose, speziell die des Sitzpolsters.

Alle Hersteller versprechen für ihre Rennradhosen natürlich höchsten Sitzkomfort. Doch welches Modell kann am Ende wirklich überzeugen, vor allem, wenn man bereit ist, ein bisschen mehr zu investieren? Deshalb hat RoadBIKE 20 Rennradhosen in der Preisklasse um 150 Euro zum Test angefordert. Die Preisspanne reicht von 120 Euro, die für die Modelle von Scott und Everve fällig werden, bis zu 175 Euro, die 7mesh für seine MK2 Bib Shorts verlangt.

Die Lösung bestehe für den Hosenkäufer darin, möglichst viele unterschiedliche Hosen auszuprobieren, rät auch Guido Zago, Marketing Manager bei Elastic Interface – zumindest in der Theorie. Denn getragene Bibshorts sind in der Regel vom Umtausch ausgeschlossen, was ausführliche Testfahrten schwierig bis unmöglich macht. Umso wichtiger ist eine gute Beratung beim Hosenkauf, Vergleichstests wie dieser helfen ebenfalls bei der Orientierung.

Loading  

Die passende Hose für jeden Rennradfahrer: Eine Mammutaufgabe

Die Hersteller stehen dabei vor einer Mammutaufgabe, denn gut und komfortabel zu sitzen ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Was dem einen Rennradfahrer hervorragend passt, kann beim anderen Qualen verursachen. Unzählige Faktoren spielen beim Sitzkomfort eine Rolle, gleichzeitig berichten in Umfragen bis zu 80 Prozent der Rennradfahrer von Sitzproblemen.

Die Bibshort samt Polster steht dabei aber eher am Ende der Lösungskette. Die entscheidende und erste Voraussetzung ist die richtige Sitzhöhe und Sattelposition. Sitzt man zu tief oder zu hoch, kann auch das beste Sitzpolster die falschen Einstellungen nicht kompensieren. Doch selbst wenn die Radeinstellung passt, hat jeder Rennradfahrer andere Voraussetzungen und Vorlieben, die sich auf die Anforderungen an Bibshort und Polster auswirken: Fährt er eher lang und in einer eher aufrechten, komfortableren Sitzposition oder sind eher kurze Runden mit viel Wiegetritt angesagt? Oder anders formuliert: Sitzt der Fahrer eher auf den beiden Sitzbeinhöckern oder stärker nach vorne gebeugt mit mehr Druck auf dem Dammbereich? Im ersten Fall leistet ein dickeres, gut dämpfendes Polster bessere Dienste, im zweiten darf’s ein dünneres Pad für besseres Sattelgefühl sein.

Zudem verursachen unterschiedliche Sattelformen unterschiedliche Druckverteilungen, auf die das Polster im Idealfall ausgelegt ist. Nicht zuletzt spielt auch die persönliche Wahrnehmung eine Rolle: Manche Fahrer reagieren schlicht empfindlicher auf Druckspitzen als andere.

Doch wie reagieren die Hosenhersteller auf diese Masse an Variablen? Bislang in vielen Fällen überhaupt nicht. Die meisten Hosen gibt es mit genau einem Polster, das zudem oft selbst in XS-Hosen das gleiche ist wie in XXL-Modellen – ungeachtet der Tatsache, dass sich das Fahrergewicht zwischen den beiden Größen locker um 40 kg unterscheiden kann. Dabei ist es nur logisch, dass ein mit 100 kg gefordertes Polster deutlich fester sein müsste als eines, auf dem nur 60 kg lasten. Die Möglichkeit, Rennradhosen stärker zu individualisieren, steht aber erst am Anfang der Entwicklung. Seit einigen Jahren bietet beispielsweise der schottische Hersteller Endura seine Pro SL Bibshort mit drei unterschiedlichen Polsterbreiten an. Fizik hat zusammen mit Polster-Spezialist Elastic Interface Hosen entwickelt, die genau auf die jeweiligen Fizik-Sättel zugeschnitten sind. Und das junge deutsche Unternehmen Everve bietet bei seiner Top-Hose „me“ ebenfalls die Möglichkeit an, das Polster auf Fahrer, Fahrstil und den verwendeten Sattel anzupassen. Die kostet allerdings 190 Euro und ist deshalb nicht im Test vertreten.

Die Passform einer guten Rennradhose

Damit ein Polster gut funktionieren kann, muss das Drumherum, sprich der Schnitt und die Passform, stimmen. Das Material muss so beschaffen sein, dass es einerseits genügend Bewegungsfreiheit lässt, andererseits aber das Polster ausreichend fixiert, sodass es nicht jedes Mal verrutscht, wenn der Fahrer aus dem Sattel geht. „Die Platzierung des Polsters in der Hose ist ein Schlüsselelement für seine Funktion“, sagt Zago. „Leider sieht man im Fernsehen immer wieder Athleten, denen das Sitzpolster bis zur Rückenmitte hochrutscht.“

Beim Anprobieren einer Hose sollten Sie deshalb auf vier Punkte achten, die auch die Tester bei ihrer Bewertung der Passform berücksichtigt haben: Liegen die Bündchen an den Beinen angenehm an oder schneiden sie ein? Im Idealfall sollten Sie nicht spüren, wo die Hose exakt aufhört. Zweiter Punkt sind die Träger: Liegen Sie gut an oder neigen sie dazu, sich zu verdrehen? Außerdem sollten die Träger keinesfalls zu lang sein, sonst können Sie Hose samt Polster nicht ausreichend fixieren, und es entsteht mitunter ein „schwammiges“ Gefühl im Sattel. Achten Sie außerdem auf die Nähte: Sind diese weich und flach oder hart und knubbelig? Zu dicke Nähte können durch permanente Reibung auf langen Touren zu Problemen und Wundsein führen, gerade an der Beininnenseite.

Nicht zuletzt muss Ihnen das Material der Hose zusagen und sich angenehm auf der Haut tragen. Die RB-Tester favorisierten mehrheitlich die Passform der Assos T.milleShorts_S7, bei der sowohl Material, Bündchen, Nähte als auch Träger überzeugen. Nur knapp dahinter rangiert die ebenfalls sehr gute Hot Bond XT von Löffler. Das große Plus bei der Hot Bond ist die Verbindung der Stoffbahnen, die meisten davon werden nicht wie sonst genäht, sondern per Ultraschall-Verfahren verschweißt. Bei den Bündchen lobten die Tester außerdem die Modelle von Castelli, Gore, SMS Santini, Mavic und Craft. Kritik gab es vor allem an den Bündchen von Sportful, die deutlich enger und weniger elastisch sind als das Material an den Beinen, was zu einem leichten Einschneiden führte.

Das Hosen-Polster

„Das Polster, das für alle passt, gibt es nicht“, sagt Guido Zago. Allgemeingültige Empfehlungen sind schon deshalb schwierig. Dennoch gibt es Polster, die auch unterschiedlichen Testern sehr gut passten und bei denen es keine negativen Auffälligkeiten gab. Diese bekommen bessere Noten als Polster, die nur wenige Fahrer überzeugt haben – wobei natürlich klar sein muss, dass auch diese für manchen Käufer die richtige Wahl sein können.

Im Test gefielen vor allem die Polster der Hot Bond von Löffler und das der Cosmic Pro von Mavic wegen ihrer herausragenden Dämpfungseigenschaften. Beide bilden zudem jeweils eine durchgehende Fläche und verzichten auf eine Längsteilung. Aber auch das Polster der T.milleShorts_S7 von Assos und der MK2 von 7mesh überzeugten die Tester. Das Polster der RC Pro von Scott empfanden die meisten Tester als zu dünn. Bei Q36.5 monierten sie, dass das Pad dazu neigt, sich „zusammenzufalten“ und in die Poritze zu arbeiten.

Bei der Verarbeitung gab es bei den meisten Hosen außer minimalen Unschönheiten bei den Nähten keinen Grund zur Beanstandung. Lediglich die auf den Beinen aufgeklebten Logos bei der Tech von Everve sind nicht so elastisch wie das umgebende Material, sodass es sich nicht gleichmäßig dehnen kann und zwischen den Logos punktuell stärker beansprucht wird.

Testfazit kompakt

Insgesamt zeigen sich die Hosen der Mittelklasse mit rundum überzeugender Qualität. Echte Ausreißer nach unten gibt es nicht, an der Spitze ist es extrem eng. Folgerichtig teilen sich die T.milleShorts_S7 von Assos und die Hot Bond XT von Löffler den Testsieg, nur knapp gefolgt von der ebenfalls sehr guten Verve Glow von Craft.

So testet RoadBIKE

Welche Bibshorts sind empfehlenswert? Welche haben erkennbare Schwächen? So entstehen die RoadBIKE-Noten.

Passform: Alle Hosen im Test wurden von mehreren Testern auf längeren und kürzeren Runden ausgiebig Probe gefahren. Für die Beurteilung der Passform orientierten sich die Tester an mehreren Kriterien: Schneiden die Bündchen am Bein ein oder liegen sie angenehm auf dem Oberschenkel an? Halten sie die Hose an Ort und Stelle oder rutschen sie hoch? Sind die Träger weder zu lang (die Hose hat keinen ausreichenden Halt) noch zu kurz (die Träger schneiden an den Schultern ein)? Liegen sie breit auf oder neigen sie dazu, sich zu verdrehen? Sind die Nähte angenehm weich oder „knubbelig“ oder kratzen sie gar? Gibt es überflüssige Nähte an empfindlichen Stellen? Nicht zuletzt fließt das Material in die Bewertung ein: Wie fühlt es sich auf der Haut an? Ist es straff genug, das Polster auch bei häufigen Antritten im Wiegetritt an der richtigen Position zu halten? Wie verhält sich das Material, wenn es durch Schweiß nass wird? Das Ergebnis macht 40 % der Endnote aus.

Polster: Welches Polster dem jeweiligen Fahrer am besten passt, ist eine hochgradig individuelle Sache, angefangen von Größe und Gewicht, dem Fahrstil, dem Sattel, der jeweiligen Sitzposition und nicht zuletzt den persönlichen Vorlieben. Dennoch kristallisierten sich in den Testrunden klare Favoriten bei den Polstern heraus. Pads, die fast alle Testfahrer überzeugten, erhielten bessere Noten, Polster, die nur bei wenigen ankamen, hingegen etwas schlechtere. Die Note für das Polster fließt mit 40 % in die Endnote ein.

Verarbeitung: Alle Hosen im Test wurden mindestens zehnmal gewaschen, anschließend wurden die Hosen auf sich lösende Nähte kontrolliert. Auch beim Anziehen wurde gecheckt, ob die Nähte sauber verarbeitet und ausreichend reißfest sind, oder ob sich Nähte auf Zug früh lösen. Nicht zuletzt nahmen die Tester Aufdrucke, Logos, etc. nach den Wäschen in Augenschein. Sich lösende Aufdrucke oder andere optische Schwächen führten zu Punktabzügen. Die Verarbeitung fließt mit 20 % in die Gesamtnote ein.

19.07.2017
Autor: Christian Brunker
© RoadBIKE
Ausgabe 7/2017