Test: 24 Rennradhelme zwischen 75 und 200 Euro

Günstig gegen teuer: 24 Rennradhelme im Test

Foto: Thomas Streubel/streubelphoto.de rennradhelme fahrradhelme Test 2018

Fotostrecke

Wie gut schützen Rennradhelme? RoadBIKE hat 24 Einsteiger- und Mittelklassehelme verglichen, in der Praxis getestet und gemeinsam mit dem TÜV Süd im Labor gecrasht. Mit teils überraschenden, teils beunruhigenden Ergebnissen.
Zu den getesteten Produkten
Loading  

Wie viel Geld muss ein guter Rennradhelm kosten?

Reicht ein Modell der Einsteigerklasse um 100 Euro, oder lohnt es sich, 30 bis 60 Euro mehr zu investieren? Was können die teuren besser, und wo liegen die wesentlichen Unterschiede?

Fragen, die wohl jeden Radsportler umtreiben, der über einen Helmkauf nachdenkt. Um Antworten zu liefern, hat RoadBIKE von zwölf Herstellern Helme der Einstiegsklasse sowie das jeweils darüber angesiedelte Modell zum Test angefordert. Die Preisspanne reicht vom 75 Euro teuren Aksium Elite von Mavic bis zum Centric Plus MIPS von Scott, für den knapp 200 Euro fällig werden.

Alle 24 Helme mussten sich einem umfangreichen Testprozedere unterziehen, die zwölf Geschwisterpärchen traten zusätzlich noch zum herstellerinternen Vergleich an: Was unterscheidet den günstigen Helm vom teureren Modell, und lohnt der finanzielle Mehraufwand? Schließlich wurden alle Helme gemeinsam mit dem TÜV Süd im Crash- und Roll-Off-Test auf ihre Schutzwirkung geprüft – leider nicht durchgängig mit positiven Ergebnissen!

Teurer, aber nicht leichter

Die Annahme, dass ein teurer Helm auch leichter sein muss, ist ein Trugschluss. Das zeigt der Preisklassenvergleich: Von den zwölf Herstellern im Test ist nur bei vieren das Mittelklassemodell leichter als der Einsteigerhelm. Und nur bei Alpina ist die Differenz mit 35 Gramm signifikant. Bei Kask sind es nur deren fünf, bei Uvex und Limar lediglich drei Gramm.

Umgekehrt sind die Unterschiede mitunter deutlich: Bei Lazer ist der teure Genesis 40 Gramm schwerer als der preiswerte Blade, bei Rudy Project liegen zwischen dem günstigen Rush und dem teureren Sterling+ sogar 45 Gramm. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Schwerpunkten der Hersteller bei der Entwicklung der Helme – die es in Einklang mit den Normvorgaben zu bringen gilt.

Gerade bei den teureren Modellen ist gute Belüftung ein wesentliches Entwicklungsziel. Das bedeutet aber: größere Belüftungsöffnungen und breitere Kanäle in der Helmschale. Damit diese „offenen“ Schalen dennoch sicher schützen und ausreichend stabil sind, muss das wenige Material stärker verdichtet, die Querstege müssen verstärkt werden, was sich oft mit höherem Gewicht bemerkbar macht.

Aber ist die bessere Belüftung nicht nur in Computersimulationen, sondern auch in der Praxis spürbar? Dazu haben mehrere Tester die Helme auf einer festgelegten Runde ausprobiert und ihre Eindrücke notiert. Und tatsächlich schnitten bei den meisten Herstellern die teureren Helme besser ab. Allerdings waren die Unterschiede zwischen den verschiedenen Anbietern oft deutlich größer, als die zwischen den Modellen eines Herstellers.

Bestnoten für die Belüftung gab es für den Stratus MIPS von Bell und für den Centric Plus MIPS von Scott. Beide zeichnet aus, dass nicht nur die Stirn ausreichend belüftet ist, sondern auch am Hinterkopf genug Luft ankommt. Bei einigen günstigen Modellen hingegen beschränkte sich die Belüftung fast ausschließlich auf den Stirnbereich.

Tipp: Schauen Sie sich den Helm vor dem Kauf genau an. Damit die Luft gut über den Kopf strömen kann, sollte die Helmschale über möglichst breite Kanäle verfügen, die zudem am Hinterkopf offen sein müssen, damit sich die Luft nicht unter dem Helm staut. Günstige Helme haben zwar oft ähnlich viele Belüftungsöffnungen wie teure Modelle, doch ist der Luftstrom über den Kopf hinweg oft eher eingeschränkt. Der Kühleffekt fällt dann vergleichsweise gering aus.

Eine weitere, für den Tragekomfort des Helms entscheidende Größe ist seine Passform, die mit dem eigenen Kopf harmonieren muss. Verstellsystem, Riemen und Polster runden das Komfortpaket ab. Gerade auf längeren Touren kann eine anfangs leichte Druckstelle am Kopf mit der Zeit extrem störend oder gar schmerzhaft werden. Damit das nicht passiert, sollten Sie vor dem Kauf unbedingt mehrere Helme unterschiedlicher Hersteller anprobieren. Nur so finden Sie heraus, welches Modell am besten zu Ihrer Kopfform passt.

Sicherer Halt auf dem Kopf

Im Idealfall sollte der Helm satt auf dem Kopf sitzen, ohne zu drücken, und auch bei geöffneten Riemen nicht vom Kopf rutschen. Objektive Kriterien für guten Tragekomfort sind weiche Pads, die ausreichend dimensioniert sind, um eventuelle Kanten der Helmschale gut abzudecken. Die Riemen sollten nicht zu unflexibel sein und nicht auf der Haut stören oder gar kratzen. Auch die Weitenverstellung kann drücken – vorzugsweise am Hinterkopf. Die Clips zur Anpassung des Riemendreiecks über dem Ohr fallen bei einigen Modellen recht klobig aus – auch das kann stören.

Bestnoten für den Tragekomfort vergaben die Tester an den Formula und den Stratus von Bell, den Sterling+ von Rudy Project sowie den Ksyrium Pro von Mavic. Beim Race 1 von Uvex störten sich die Tester an spürbaren Kanten der Helmschale an der Stirn, die nicht ausreichend durch Pads abgedeckt waren. Auch beim Kask Rapido kritisierten sie Druckstellen im Stirnbereich und die zu große Weitenanpassung am Hinterkopf, die leicht drückte.

Die Helmanpassung gefiel den Testern bei Bell am besten: Die Clips zur Riemeneinstellung lassen sich leicht bedienen, das Rädchen zu der in vier Stufen höhenverstellbaren Kopfweiten-Einstellung ist gut zu greifen und fein gerastert. So ist der Helm in wenigen Minuten und zudem sehr bequem auf den Kopf anzupassen.

Roll-Off-Test mit Ausfällen

Im TÜV-Labor mussten die Helme schließlich zeigen, wie gut sie die Energie bei einem Aufprall absorbieren können, ob die Helmschale auch bei einem Sturz auf eine vermeintliche Schwachstelle stabil bleibt, und ob das Verschlusssystem den Helm sicher auf dem Kopf fixiert.

Durchweg erfreulich waren die Ergebnisse des ersten Impact-Tests gemäß der aktuellen Norm EN 1078: Alle Helme erfüllten die Anforderung von 250 g Restbeschleunigung – mit deutlichen Reserven. Selbst der letztplatzierte Helm in diesem Ranking, der Kask Mojito, unterbot die Norm um fast 50 g.

Die besten Dämpfungswerte lieferte der Pursuit von Giant, der die auf den Kopf wirkende Restbeschleunigung auf nur 137 g reduziert. Auch den Versuch, die Helmschalen mit einem zweiten Einschlag zu spalten, überstanden alle Helme. Allerdings kamen einige Modelle dabei an ihre Grenzen.

Beim Roll-Off-Test offenbarten sich dann die größten Unterschiede. Zunächst wurden die Helme einem leicht verschärften Normtest ausgesetzt. Dabei zogen die Tester die Riemen am Kinn nicht maximal straff (wie es die Norm vorschreibt), sondern wählten eine komfortablere Einstellung. „Wir wollten wissen, ob auch eine praxisnahe Einstellung den Helm sicher am Kopf halten kann“, erklärt Diplom-Ingenieur Frank Wittmann vom TÜV Süd.

Die Top-Werte in diesem Test lieferten der Campiglio von Alpina und der 778 Superlight von Limar, die sich trotz des 3 kg schweren Fallgewichts nur um 11 Grad bzw. 12 Grad verschoben. Der Rapido von Kask, der Blade von Lazer und der Ultralight+ von Limar rutschten hingegen komplett vom Kopf – und bestanden den verschärften Test nicht. Um das Ergebnis zu überprüfen, entschieden RoadBIKE und TÜV Süd, diese drei Modelle einem weiteren Test – exakt nach Norm – zu unterziehen.

Das Ergebnis: Der Rapido von Kask bestand die Norm-Prüfung gerade so, die beiden anderen Modelle fielen durch. Beim Limar Ultralight+ riss der Gurtanker hinten aus der Helmschale, und auch beim Blade von Lazer hielt eine Gurtverankerung der Belastung nicht stand. Damit dürften die Modelle nach der Einschätzung von TÜV-Ingenieur Wittmann in Deutschland eigentlich nicht verkauft werden. RB hat deshalb entschieden, in den Testbriefen zwar die in den übrigen Testdisziplinen erreichte Punktzahl anzugeben, das Gesamturteil lautet dennoch „schwach“ – wegen nicht bestandenem Normtest.

Die Europäische Norm 1078

Alle Fahrradhelme, die in Deutschland verkauft werden, müssen der Europäischen Norm (EN) 1078 entsprechen – erkennbar am CE-Zeichen sowohl im Helm als auch auf der Verpackung. Diese gilt gleichermaßen für City-, Mountainbike- oder Rennradhelme, egal ob sie 15 oder 250 Euro kosten.

Die EN 1078 legt Anforderungen und Prüfmethoden fest, die ein Helm nachweislich erfüllen muss, bevor er in Deutschland verkauft werden darf. Dazu dient eine Baumusterprüfung, die vor der Markteinführung erfolgt. Unter anderem muss ein Helm mit einem zwischen 3,1 und 6,1 kg schweren Prüfkopf bei einem Sturz aus 1,5 m Höhe auf einen flachen Sockel mit 19,5 km/h Aufprallgeschwindigkeit die Beschleunigung auf weniger als 250 g (1 g = 9,81 m/s) reduzieren.

Außerdem müssen die Helme einen Aufprall aus 1,1 m Höhe auf einen keilförmigen Untergrund überstehen und dabei ebenfalls die Beschleunigung auf weniger als 250 g reduzieren. So soll sichergestellt werden, dass jeder Fahrradhelm dazu beitragen kann, Sturzverletzungen zu verringern. Außerdem muss das Gurt- und Verstellsystem so beschaffen sein, dass gewährleistet ist, dass der Helm auch bei einem Sturz auf dem Kopf bleibt. Der sogenannte Roll-Off-Test dient dazu, das zu überprüfen. Allerdings: Angesichts immer schnellerer Fahrräder (vor allem E-Bikes und Pedelecs) mehren sich die Stimmen, die eine Verschärfung der circa 25 Jahre alten EN 1078 fordern, um einen besseren Schutz der Radfahrer bei Stürzen zu gewährleisten. Bislang sind dazu aber keine konkreteren Schritte bekannt geworden.

Tagesaktueller Preisvergleich zu den getesteten Fahrradhelmen




08.06.2018
Autor: Christian Brunker
© RoadBIKE
Ausgabe 04/2018