Test: 14 Rennradhelme – Aero-Helm gegen Top-Modell

Aero- gegen Top-Modell: 14 Rennradhelme im Test

Foto: Björn Hänssler RoadBIKE Fahrradhelme im Test

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Ist ein Helm gut belüftet, aerodynamisch schnell – oder gar beides? RoadBIKE hat Aero- und Standard-Helme von sieben Herstellern im Windkanal und in der Praxis getestet.
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Lange Zeit galt die Annahme: Ein gut belüfteter Helm kann nicht aerodynamisch sein, ein aerodynamisch optimierter Helm nicht gut belüftet. Der einfache Grund: Um gute Kühlung zu gewährleisten, verfügt ein Helm über viele Luftschlitze und Öffnungen, in die der Fahrtwind vorn rein- und hinten wieder ausströmen kann. Das produziert allerdings Luftverwirbelungen, die der Aerodynamik abträglich sind. Ein aerodynamisch optimierter Helm wiederum lenkt Luftströme möglichst verwirbelungsarm am Kopf vorbei und beschränkt sich deswegen auf wenige Öffnungen. Folge: größere Hitze am Kopf – insbesondere bei geringer Geschwindigkeit, etwa bergauf.

Mittlerweile versprechen aber zahlreiche Hersteller, in Sachen Helm die eierlegende Wollmilchsau entwickelt zu haben: aerodynamisch und gut belüftet. „Endlich ist Aerodynamik auch cool“, heißt es etwa bei Bontrager; Specialized verspricht eine „optimale Kombination aus Aerodynamik und Ventilation“, und Abus setzt nach eigener Angabe gar „neue Maßstäbe“, „definiert Aerodynamik neu“ und „sorgt für ein perfektes Klima und einen kühlen Kopf auch bei heißen Rennen“.

Um solche Versprechungen auf den Prüfstand zu stellen, hat RoadBIKE von sieben Herstellern jeweils das Aero- und das Top-Helmmodell sowohl im Windkanal als auch in der Praxis getestet (siehe „So testet RoadBIKE“). Die Fragen dabei: Kann ein Aero-Helm tatsächlich gut belüftet sein? Wie aerodynamisch sind konventionelle Helme im Vergleich zu den Aero-Spezialisten? Und welcher ist am Ende der „schnellste“ Helm?

Die 14 Testkandidaten von Abus, Bontrager, Giro, Kask, Rudy Project, Scott und Specialized decken ein breites Preisspektrum ab: Der günstigste Helm ist in diesem Vergleich der 149,95 Euro teure Aventor von Abus, während für den teuersten Helm – den Giros Synthe MIPS – mit 299,95 Euro glatt doppelt so viel fällig wird. Eine Preisobergrenze gab RoadBIKE diesmal bewusst nicht vor, da die Systemfrage – Aero-vs. Top-Helm – im Mittelpunkt des Interesses stand. Wie unterschiedlich die Hersteller die Anforderungen an einen Helm in ihrem Produktportfolio interpretieren, zeigt nicht zuletzt, wie viel Aero/Belüftung/Leichtgewicht man wo bekommt – und zu welchem Preis.

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Tagesaktueller Preisvergleich der getesteten Radhelme




Aero-Rennradhelme: Kostengünstig schneller

Was spricht überhaupt dafür, über die Anschaffung eines Aero-Helms nachzudenken, wenn darunter womöglich irgendwann der Schädel kocht? Eine ganze Menge, denn Aero-Helme sind eine vergleichsweise kostengünstige Methode, um Sekunden zu schinden und schneller Rad zu fahren – nicht nur im Wettkampf: Über zehn Watt spart der „schnellste“ Helm im Test – Scotts Aero-Modell Cadence Plus – gegenüber dem „langsamsten“, Rudy Projects Top-Modell Racemaster. Das bedeutet: Allein durch einen anderen Helm auf dem Kopf würde ein 75 Kilogramm schwerer Fahrer auf einer 100 Kilometer-Runde mit 1500 Höhenmetern über 90 Sekunden schneller fahren. Oder, anders formuliert: Aero-Helme bringen ungefähr den gleichen Vorteil wie hochprofilige Aero-Laufräder, kosten aber nur einen Bruchteil. Wer ambitioniert Rennrad fährt, zugleich aber ein Sparfuchs ist, profitiert bei der richtigen Helmwahl vom Kosten-Nutzen-Verhältnis (noch mehr bringt eine Optimierung der Sitzposition samt aerodynamischer Radbekleidung; deutlich teurer kommen Aero-Laufräder und -Rahmen, vgl. RB 07/18).

Heterogenes Testfeld

Was sind nun also die Erkenntnisse des RB-Tests? In puncto Aerodynamik setzen sich die Spezialisten im direkten Vergleich klar von den Standard-Helmen ab: Die Aero-Helme belegen in der Aerodynamik-Wertung die ersten sechs Plätze und sind im Windkanal mindestens vier, teils bis über zehn Watt schneller, als die eher auf optimale Belüftung ausgelegten Mitbewerber. Einziger Negativ-Ausreißer: Kasks Infinity ist deutlich langsamer als seine Aero-Pendants und muss als einziger Aero-Helm im Testfeld die Schmach hinnehmen, dass ein Standard-Helm im Windkanal besser abschneidet (siehe auch die Ergebnislisten).

Insgesamt fällt auf, dass die Helme in den beiden Kategorien jeweils recht dicht beieinanderliegen: Zwischen dem besten und schlechtesten Aero-Helm liegen (Ausnahme: Kask Infinity) maximal 2,8 Watt, die Standard-Helme trennen nicht mehr als 3,7 Watt. Das bedeutet für potenzielle Käufer: Innerhalb einer Kategorie können auch Faktoren wie Optik, Preis und Tragekomfort eine kaufentscheidende Rolle spielen. Geht es wirklich ums letzte Watt, führt an einem richtig guten Aero-Helm allerdings kein Weg vorbei.

Egal, ob Aero- oder Standard-Helm: Um unnötigen Luftwiderstand zu vermeiden, sollte man die Riemen zur Befestigung unbedingt eng am Kopf führen und ggf. abschneiden, wenn sie zu lang sind.

Bleibt die Frage nach der Belüftung. Hier zeigt sich: Die Aero-Kopfschützer können nicht mit der Performance von auf Leichtgewicht und Belüftung ausgelegten Top-Helmen mithalten. Fünf der sieben Aero-Helme rangieren auf den hinteren Plätzen im Belüftungs-Ranking, Ausnahmen bestätigen die Regel: Specializeds Evade und Bontragers Ballista bewegen sich auf dem hohen Niveau der Standard-Helme.

Dass die Belüftungs-Spezialisten den Kopf besser kühlen, heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass die Aero-Helme schlecht belüftet wären. Im direkten Vergleich haben sie zwar, trotz anderslautender Herstellerversprechen, das Nachsehen. Für sich genommen funktionieren sie aber mitunter sehr gut. Die punktuelle Kühlung an der Stirn bei Bontragers Ballista etwa lässt es – je nach Außentemperatur – teils sogar fast kalt unterm Helm werden.

Unangenehme Hitzeentwicklung am Kopf beklagten die RoadBIKE-Tester nur beim Cadence Plus von Scott und beim Infinity von Kask. Und in beiden Fällen muss relativiert werden: Die Helme bieten zwei Einstellungen – eine aerodynamisch optimierte mit weitgehend geschlossenem Helm sowie eine mit geöffneten Luftschlitzen. Scott setzt dabei auf fünf herausnehmbare Einsätze, beim Kask-Helm verschließt eine visier-ähnliche Klappe drei Öffnungen an der Front. Wählt man die Einstellung mit stärkerer Belüftung, lagen beide Modelle auf dem Niveau der anderen Aero-Helme. RoadBIKE testete und bewertete jedoch in Windkanal und Praxis einheitlich jeweils das optimale Aero-Set-up – also mit geschlossenem Helm. Als praxistauglichere Lösung entpuppte sich übrigens die einfach bedienbare Klappe bei Kask, während man bei Scott zum Herauslösen der Einsätze anhalten sollte.

Foto: Björn Hänssler/RoadBIKE RoadBIKE Fahrradhelme im Test

Harten und weiche Testkriterien

Neben Aerodynamik und Belüftung bewertete RoadBIKE zudem Gewicht, Tragekomfort und Anpassbarkeit. Anders als bei den Spezialdisziplinen, mischen sich Aero- und Standard-Helme in diesen Rankings deutlich stärker.

In der Gewichtswertung liegen die Standard-Helme zwar eher vorn, aber einige Aero-Modelle zeigen, dass bessere Windschlüpfigkeit nicht zwingend mit hohem Gewicht erkauft werden muss. Deutliche Ausreißer gibt es aber auch hier: Die Aero-Helme von Scott und Giro wiegen über 100 Gramm mehr als die leichtesten Standard-Helme im Test von Kask und Specialized. Und solches Mehrgewicht stört!

Erfreulich: Die Mehrheit der Testkandidaten gefällt mit hohem Tragekomfort. Einstimmig bewerteten die RoadBIKE-Tester die beiden Modelle von Specialized sehr positiv, während insbesondere das Aero-Modell Boost 01 von Rudy Project wegen Druckstellen im Stirnbereich weniger Anklang fand. Klare Empfehlung vor einem Helmkauf ist deshalb immer, das gewünschte Modell, wenn möglich, anzuprobieren – auch wenn sich die Helme mehrheitlich sehr gut anpassen lassen. Dabei stechen besondere Lösungen ins Auge, wie etwa die schwimmenden Gelenke am Haltesystem bei Kask, zusammengenähte Riemendreiecke unter den Ohren beim Abus Gamechanger oder ein innovativer Magnetverschluss bei Specializeds Evade. Alle Helme werden über Einstellrädchen am Hinterkopf feinjustiert, was mehrheitlich auch mit klar definierten Raststufen gut gelingt.

Last but not least: die Optik. Alle Helme sind in zahlreichen Farbvarianten erhältlich – die hier getesteten Versionen sind also nur als Option zu verstehen. Denn ein wichtiges Kaufargument bleibt – ungeachtet aller sachlichen und erfahrbaren Unterschiede: einfach schneller auszusehen.

Foto: Benjamin Hahn/RoadBIKE RoadBIKE Fahrradhelme im Test -

Grün: Aerodynamischer Helm Blau: Optimal belüfteter Helm

Testfazit

Das Ergebnis ist eindeutig: Die Aero-Spezialisten setzen sich klar von den Standard-Helmen ab. Einzige Ausnahme ist der aerodynamisch eher schwache Infinity von Kask. Innerhalb der Kategorien liegen die Helme recht eng beieinander. Der schnellste Helm spart über 10 Watt gegenüber dem langsamsten oder, anders ausgedrückt, immerhin 90 Sekunden auf 100 km bei 200 Watt.

Ein heterogenes Bild beim Gewicht: Gut belüftete Helme sind tendenziell eher leichter als aerodynamische, Leichtbau und Aerodynamik schließen sich aber nicht zwingend aus. Kasks Valegro und Specializeds Prevail II setzen sich mit deutlichem Abstand an die Spitze, das Mehrgewicht der schwersten Aero-Modelle ist jedoch erheblich.

Mehrere RoadBIKE-Tester bewerteten die Belüftung aller Helme: auf festgelegten Testrunden direkt hintereinander, bei längeren Ausfahrten sowie im monatelangen Dauereinsatz inklusive Wettkämpfen. Ergebnis: Von den Ausnahmen Specialized und Bontrager abgesehen, sind die Aero-Helme im direkten Vergleich schlechter belüftet. Für sich genommen, kann die Belüftung aber funktionieren.

Foto: Björn Hänssler/RoadBIKE RoadBIKE Fahrradhelme im Test

Die Windkanalmessungen führte der Schweizer Aerodynamik-Dienstleister Swiss Side im Beisein von RoadBIKE durch.

So testet RoadBIKE

Neben den üblichen aufwendigen Praxistests testete RoadBIKE Helme auch erstmals im Windkanal und griff dabei auf die Expertise von Swiss Side zurück.

Belüftung/Tragekomfort: Alle Helme wurden von mehreren Testern auf einer festgelegten Runde mit Anstiegen und schnellen Abfahrten Probe gefahren. Anschließend wurden die Eindrücke sowohl zum Tragekomfort wie auch zur Belüftung notiert. Kriterien beim Tragekomfort waren unter anderem: Sind die Pads ausreichend groß dimensioniert und weich? Decken sie alle wichtigen Bereiche ab, oder gibt es spürbare Druckstellen? Liegen die Gurte angenehm auf der Haut, oder sind sie kratzig? Drückt die Kopfweitenverstellung am Hinterkopf an einer oder gar an mehreren Stellen? Bei der Belüftung wurde erfasst, ob die Helme nicht nur an der Stirn, sondern auch am Hinterkopf eine ausreichend gute Belüftung bieten, damit die Luft gut über den Kopf zirkulieren kann. Neben diesen direkten Vergleichstests wurden alle Modelle von RoadBIKE-Testern teils über Monate hinweg gefahren, u. a. bei Wettkämpfen. Auch die dabei gemachten Erfahrungen wurden mitberücksichtigt. Belüftung und Tragekomfort fließen mit je 20 % in die Gesamtnote ein.

Foto: Björn Hänssler/RoadBIKE RoadBIKE Fahrradhelme im Test

Ernst Pfeiffer (l.) vom GST-Windkanal und Jean-Paul Ballard von Swiss Side beim Versuchsaufbau.

Gewicht: Alle Helme wurden gewogen, ihr Gewicht in Relation gesetzt. Der Helm mit dem niedrigsten Gewicht erhält die Bestnote mit Höchstpunktzahl, der schwerste Helm die geringste Punktzahl. Die Ergebnisse machen 25 % der Gesamtnote aus.

Anpassung: Mehrere Tester probierten alle Helme an und stellten sie bestmöglich auf ihren Kopf ein. Dabei bewerteten sie, wie gut die Kopfweiteneinstellung funktioniert, ob das Rädchen gut zu greifen und ausreichend fein gerastert ist, ob sich die Kopfweiteneinstellung in der Höhe verstellen lässt und ob sich die Clips an den Riemen gut anpassen lassen. Das Ergebnis macht 10 % der Gesamtnote aus.

Foto: Björn Hänssler/RoadBIKE RoadBIKE Fahrradhelme im Test

Mehrere RoadBIKE-Tester bewerteten die Helme in der Praxis.

Aerodynamik: RoadBIKE testete unter Anleitung der Aerodynamik-Experten von Swiss Swide im GST-Windkanal in Immenstaad am Bodensee. Dabei wurde jeder Helm in exakt gleicher Position auf einem unbeweglichen Dummy platziert. Der Torso mit halben Armen und Beinen kann in verschiedenen Winkeln positioniert werden, die RoadBIKE-Messungen simulierten eine Fahrerhaltung in Unterlenkerposition. Die Messgeschwindigkeit betrug 45 km/h, die Messgenauigkeit lag bei 0,5 Watt. Der GST-Windkanal saugt die Luft am Testobjekt vorbei, gemessen wurde in einem definierten Anströmwinkel. Schwankungen in der Luftdichte oder Außentemperatur lassen sich herausrechnen. Die Ergebnisse der Windkanalmessungen machen 25 % der Gesamtnote aus.

17.10.2018
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE
Ausgabe 10/2018