Zwölf Carbon-Rennräder im Test

Im Test: Zwölf Carbon-Rennräder bis 3.500 Euro

Foto: Daniel Geiger Carbon-Rennräder

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Wer mit Köpfchen kauft, bekommt für rund 3.300 Euro ein Rennrad, das sogar manchem High-End-Boliden gefährlich wird. RoadBIKE hat 12 Modelle aus dieser Preisklasse getestet.
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Wer mehr als 3000 Euro für ein Rennrad ausgibt, erwartet viel: Rahmen ohne Schwächen, Gewichte, die zum Angeben taugen – schlicht einen Traum auf zwei Rädern. Zu Recht! Schließlich geht es hier um eine Summe, die bei den wenigsten einfach in der Portokasse liegt.

Aber kann der Markt diese hohen Erwartungen überhaupt erfüllen? RoadBIKE hat den Test gemacht und 12 Renner mit hochwertigen Carbonrahmen und Schaltgruppen auf Shimano-Ultegra-Niveau zu Preisen zwischen rund 3200 und 3500 Euro gegeneinander antreten lassen.

Der Rahmen-Check offenbart zwei unterschiedliche Herangehensweisen der Hersteller: Die einen, namentlich BH, Corratec, Lapierre, Specialized und Stevens, schicken Räder mit ihren jeweiligen Top-Rahmen ins Rennen. Diese Renner unterscheiden sich von den High-End-Modellen dieser Firmen lediglich durch ihre schwächere Ausstattung.

Alle Übrigen setzen rahmenseitig auf die jeweils zweite Garde ihres Sortiments. Ein Nachteil? Nicht zwangsläufig: Die Wertung der Rahmen-Gabel-Sets, also die Kombination aus Gewichten, Steifigkeiten und Komfortwerten, führt mit dem Stevens SLC Team zwar ein Top-Set an.

Auf den Plätzen zwei bis vier folgen mit Trek, Cervélo und BMC jedoch Hersteller, die ihre jeweiligen Kronprinzen zum Vergleich schickten. Erst auf dem fünften Rang punktet mit dem Specialized Tarmac SL3 wieder ein Rad mit teurem High-End-Rahmen-Set.

Doch ob Top-Modell oder nicht: Die Werte aller Sets überzeugen fast durch die Bank: Ein Drittel der Rahmen wiegt zum Teil deutlich weniger als ein Kilo – das Testmittel liegt bei ordentlichen 1059 Gramm. In der Gabel-Wertung bleiben nur drei Modelle über der 400-Gramm-Grenze – das Gros der Gabeln wiegt um 380 Gramm.

Tolle Werte, die eine ausgezeichnete Basis für den Aufbau leichter Räder bilden, doch zum Gesamtgewicht später mehr. Sehr interessant: Die Werte für die Set-Gewichte decken sich weitgehend mit den Ergebnissen des RB-Tests aus der Saison 2009. Ein Indiz dafür, dass große Sprünge in dieser Klasse immer schwieriger werden.

Volle Kraft voraus

Bei den Steifigkeiten bestätigt sich ein positiver Trend: Mangelnde Tretlagersteifigkeit scheint der Vergangenheit anzugehören. Die meisten Modelle glänzen mit Fabelwerten jenseits der 100 N/mm – Basis für fantastischen, da verlustfreien Vortrieb.

Und selbst das Schlusslicht in dieser Kategorie, das Lapierre Xelius, erreicht mit 80 N/mm einen Wert, an dem wohl nur Supersprinter etwas auszusetzen haben. Anders sieht es bei der Lenkkopfsteifigkeit aus. Hier verfehlen gleich fünf Modelle den von RoadBIKE festgelegten grünen Bereich. Ist dies deutlich der Fall, wie bei BH, Cannondale, Corratec und Lapierre, kostet es nicht nur Punkte in der Laborwertung, sondern ist auch auf der Straße spürbar.

Zwar schaukelt sich keines dieser Räder gefährlich auf, bei der Lenkpräzision und Spurstabilität auf schnellen Abfahrten offenbaren sich aber merkliche Schwächen. Gerade auch im Vergleich zu den Besten in der Abfahrtswertung: Die Note „überragend“ verdienen sich hier BMC, Simplon, Specialized, Stevens und Storck. Diese Räder bringt garantiert nichts aus der Ruhe, selbst schwere Fahrer mit mehr als 80 Kilo können hier bedenkenlos zugreifen.

Kunststück Komfort

Bleibt noch der letzte Aspekt der Rahmen-Kit-Wertung: der Komfort. Gibt ein Rad am Heck bei Unebenheiten im Straßenbelag vertikal nach, wie es etwa das Specialized Tarmac SL3 vorbildlich tut, ist das speziell auf der Langstrecke angenehm. Ein hohes Maß an Dämpfung lässt sich hier bereits über eine gezielt flexende Sattelstütze herausholen, was es den Herstellern relativ einfach macht, in diesem Bereich Punkte zu sammeln.

Eine echte Herausforderung ist es hingegen, bei guten Steifigkeitswerten auch die Front komfortabel zu gestalten. Ein Kunststück, das in diesem Test nur BMC, Stevens und Trek gelingt. Respekt!

Insgesamt ergibt sich aus den Laborwerten ein erfreuliches Bild mit wenigen negativen Ausreißern und einigen Ergebnissen, die nicht nur gemessen am Testfeld, sondern auch absolut betrachtet Spitze sind.

Versteckte Preiserhöhungen

Für die Ausstattung gilt dies leider weniger. Selbstverständlich setzt der Gesamtpreis bei der Bestückung Grenzen. Angesichts der meist sehr überzeugenden Rahmenqualitäten geht ein Großteil des Budgets erwartungsgemäß für das Herzstück der Räder drauf. Doch der Vergleich mit dem bereits erwähnten 2009er-Test zeigt, dass das Niveau der Specs gesunken ist.

Immer wieder gab es im vergangenen Jahr Ankündigungen der Radhersteller, dass sich attraktive Preise zunehmend schwieriger gestalten lassen. Als Gründe wurden unter anderem ungünstige Währungsentwicklungen, steigende Löhne in China und wachsende Transportkosten genannt. Da sich höhere Preise jedoch schlecht verkaufen lassen, ziehen viele Hersteller ein Downgrade bei der Ausstattung vor.

Die häufigsten „Opfer“: Laufräder, Kurbeln und Anbauteile wie Lenker, Vorbau und Sattelstütze. An drei von sieben „Ultegra-Rädern“ wurde statt der Shimano-Kurbel die im Einkauf günstigere SL-K von FSA verbaut. Und bei den Anbauteilen finden sich deutlich häufiger Eigenmarken-Produkte anstatt teurer Marken-Komponenten.

Laufräder mit Tuningpotenzial

Noch deutlicher wird der Sparzwang bei den Laufrädern. Zum Vergleich: 2009 waren von 15 Testrädern noch sechs Modelle mit Mavics hochwertigem Ksyrium-SL-Satz ausgestattet – zwei Kandidaten rollten gar auf Carbonlaufrädern vor.

Im aktuellen Testfeld ist Mavics preiswerteres Ksyrium Elite bereits das Highlight, daneben finden sich aber auch absolute Einsteigermodelle wie Fulcrums Racing 7 oder das DT Swiss R1900 mit Komplett-Satzgewichten von rund drei Kilogramm ...

Während die genannten Kurbeln und Komponenten kein Nachteil sein müssen –, weder in der Praxis noch auf der Waage – bremsen die günstigen Laufräder den Elan der Testräder spürbar. Das fällt besonders dann auf, wenn man, wie die RoadBIKE-Tester, das Fahrverhalten dieser Räder mit leichteren Laufrädern kennt.

Zudem treiben die schweren Sätze die Gesamtgewichte der Räder nach oben. Nur der Testsieger, das Simplon Pride, bleibt mit seinen sehr guten 6850 Gramm unter der magischen Sieben-Kilo-Marke. Das Testmittel liegt bei rund 7350 Gramm.

Immerhin: Alle Laufräder im Test befinden sich mit überwiegend tollen Steifigkeitswerten im grünen Bereich, der für jedes Fahrergewicht ebenso wie für harte Antritte genügend Reserven bietet. Außerdem waren alle Sätze sauber und mittig aufgebaut und hatten weder vor noch nach der Testbelastung Seiten- oder Höhenschläge. Ein sehr erfreuliches Bild, das es in mehr als vier Jahren RoadBIKE erst dreimal gab.