Zwölf Komfort-Renner im Test

Ex-Profi Michael Rich im Interview: „Komfort ist für alle gut“

Der Ex-Profi Michael Rich arbeitete als technischer Berater für das Team Gerolsteiner, jetzt bei Canyon als Kontaktmann zum Team Lotto – der RoadBIKE-Experte weiß, was Profis fahren.
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Komfort Renner Rich

RB-Experte und Ex-Profi Michael Rich.

RB: Komfort ist derzeit einer der großen Trends bei Rennrädern. Wie finden Sie als technisch beschlagener Ex-Rennfahrer diese Entwicklung?
Michael Rich: Ich finde, dieser Trend macht durchaus Sinn, und zwar für die Mehrzahl der Rennradfahrer. Die Vibrationen und Minischläge, die man auf dem Rad den ganzen Tag über so abbekommt, ermüden den Körper messbar.

RB: Wie wichtig sind die Themen Komfort und Dämpfung denn für die Profis heutzutage?
Rich: Da auch die Profis nicht auf neuem und gefegtem Asphalt unterwegs sind, gilt das auch für sie. Solange man einen Rahmen hat, der in Sachen Steifigkeit nicht extrem schwächelt, spricht auch für einen Rennfahrer nichts gegen den Einsatz eines Komfortrades.

RB: Haben die Profis das Potenzial schon erkannt, das sich hinter dem Unwort Komfort versteckt?
Rich: Ja, aber noch viel zu wenige. Vor ein paar Jahren wurde Peter Wrolich ein Komfort-Rad extra für Paris–Roubaix bereitgestellt, das hat er danach gar nicht mehr hergegeben, weil er damit plötzlich keine Rückenbeschwerden mehr hatte. Das sagt ja wohl einiges zum Thema Komfortrenner.

RB: An welchem Punkt könnten die Hersteller noch mehr tun in Sachen Dämpfung, Ergonomie und Komfort auf dem Rad?
Rich: Also ich glaube, die Hersteller sind da auf einem gutem Weg. Mann kann das Fahrrad ja nicht in einem Jahr neu erfinden. Aber die stetige Entwicklung ist zu sehen. Jetzt muss es nur noch der Markt wollen. Es nützt nichts, wenn man ein tolles Rad baut und keiner kauft es. Cannondale hatte mit dem Silk Road schon Ende der 90er diesen Weg in Richtung Komfort eingeschlagen, aber in Europa war man noch nicht gewillt, es zu kaufen. Und was nicht gekauft wird, stellt auch niemand mehr her. Ich glaube auch, dass es an der Fachpresse liegt den Kunden darüber aufzuklären, was es mit dem Komfort auf sich hat, dass Komfort nicht nur was für Paris–Roubaix ist, sondern für alle gut ist. Man sollte aber nicht nur auf die Rahmenhersteller schauen, sondern auch auf die Komponenten wie Lenker, Sattelstütze und Reifen achten, denn die haben einen erheblichen Einfluss auf den Komfort.

RB: Woran sollte sich ein Hobby-Rennradfahrer orientieren, wenn er ein neues Rad kauft? Gewicht? Steifigkeit? Komfort?
Rich: Er sollte auf keinen Fall wegen 100 Gramm weniger auf ein brettsteifes Rad steigen, außer er will das wirklich. Ich würde mich immer für den Komfort entscheiden, vorausgesetzt, das Rad ist keine Flatterbüchse. Eine Kombination aus allem wäre schön.

RB: Das Wort Komfort klingt ja erstmal unsportlich – haben Sie eine Idee für eine bessere Bezeichnung?
Rich: Nö, brauch ich auch nicht. Ich finde das Wort Komfort nicht so daneben, es ist nun mal komfortabler auf so einem Rad zu sitzen.

24.03.2009
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 03/2009