Christian Zimek

Rennradtechnik erklärt: Rahmengeometrie

Technik Know-how: Rennradgeometrie Rennradtechnik erklärt: Rahmengeometrie

Die Geometrie eines Rahmens entscheidet darüber, wie man auf einem Rennrad sitzt und wie es sich fährt. Doch was bedeuten die ganzen Zahlen und Werte? ROADBIKE erklärt die wichtigsten Begriffe und Zusammenhänge.

Warum ist die Geometrie überhaupt wichtig?

Zwei Dinge hängen maßgeblich von der Geometrie ab: Sitzposition und Fahrdynamik. Sprich: Die Geometrie entscheidet zum einen darüber, ob Sie sich auch nach Stunden im Sattel noch wohlfühlen und kräftig in die Pedale treten – oder mit Bandscheibenvorfall, Genickstarre und Gelenkschmerzen vom Rad gehoben werden müssen. Zum anderen hängt von der Geometrie ab, ob Sie eine feurige Rakete oder einen stoischen Dauerläufer unterm Allerwertesten haben. Die Geometrie beeinflusst darüber hinaus, ob Ihre Schuhe bei sehr engen Kurvenradien oder bei Stehversuchen an der roten Ampel mit dem eingeschlagenen Vorderrad kollidieren oder nicht. Grundsätzlich stellt sich folglich immer die Frage: Passt die Geometrie des Rahmens zu Ihrer individuellen Anatomie und zu Ihrer Vorstellung vom Rennradfahren?

Was genau ist mit Geometrie gemeint?

Als Geometrie bezeichnet man im Kontext Fahrrad die Abmessungen des Rahmen-Sets, also zum Beispiel die Länge der Rohre und die Winkel, in denen sie zueinander stehen. Gemessen werden aber nicht nur physisch existierende Rohre, sondern auch theoretische Maße wie Radstand, Tretlagerabsenkung oder Überstandshöhe. Eine Geometrie für ein Fahrrad besteht aus weit über 20 Zahlenwerten – in der Regel finden Sie nur eine Auswahl davon auf den Websites der Hersteller.

Brauchen Frauen spezielle Geometrien?

Manche Hersteller bieten ihre Damenmodelle mit spezifischen Geometrien an, andere montieren "nur" andere Anbauteile. Aus biomechanischer Sicht gibt es zumindest keine Notwendigkeit spezifischer Geometrien; Frauen sind aber im weltweiten Durchschnitt kleiner als Männer – deshalb sind vor allem kleinere Rahmengrößen wichtig.

Was sind die wichtigsten Parameter einer Rennradgeometrie?

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Kann verwirrend sein: eine Geometrie-Skizze mit ihren vielen Werten.
  1. Sitzrohrlänge: entspricht bei Diamantrahmen der Rahmenhöhe, heute schwieriger aufgrund der oft zum Sitzrohr hin abfallenden Oberrohre (Sloping); häufigste Messmethode: Mitte Tretlager bis Oberkante eines gedachten ("virtuellen") waagerecht gemessenen Oberrohrs.
  2. Oberrohrlänge: Anhaltspunkt für die Länge eines Rahmens, waagerecht gemessen von Mitte Steuerrohr bis Mitte Sattelstütze (auf Höhe des virtuellen Oberrohrs); höherer Wert -> gestrecktere Sitzhaltung.
  3. Steuerrohrlänge: Anhaltspunkt für die Lenkerhöhe, gemessen auf ganzer Länge des Steuerrohrs bis zur Unterkante des Steuersatzes; höherer Wert -> aufrechtere Sitzhaltung.
  4. Steuerrohrwinkel: Winkel aus der gedachten Verlängerung des Steuerrohrs bis zum (waagerechten) Boden; bestimmt maßgeblich das Lenkverhalten des Rads; steiler -> agileres Handling.
  5. Sitzwinkel: Winkel aus der gedachten Verlängerung des Sitzrohrs bis zum (waagerechten) Boden; entscheidet über die Position des Fahrers über dem Tretlager; steiler -> Position weiter vorn und das Gefühl von "mehr Druck auf dem Pedal".
  6. Radstand: Distanz zwischen Vorder- und Hinterradachse; entscheidend, ob sich ein Renner eher wendig oder laufruhig fährt; höherer Wert -> laufruhiger.
  7. Kettenstrebenlänge: gemessen von Mitte Tretlager bis Achsmitte; beeinflusst das Fahrverhalten; höherer Wert -> laufruhiger.
  8. Gabelnachlauf: Abstand zwischen dem Aufstandspunkt des Laufrads mittig zur Achse und der gedachten Verlängerung des Steuerrohrs; beeinflusst das Fahrverhalten: höherer Wert -> laufruhiger.
  9. Überstandshöhe: vertikaler Abstand vom Boden bis zur Oberkante Oberrohr mittig; gibt Orientierung, wie viel Schrittfreiheit Sie haben; je mehr Platz zwischen Schritt des Fahrers und Oberrohr, desto sicherer das Auf- und Absteigen.
  10. Tretlagerabsenkung: vertikaler Abstand von Mitte Tretlager zur gedachten Linie zwischen Vorder- und Hinterradachse; gibt an, ob ein Fahrer "auf" oder "im" Fahrrad sitzt; tiefer -> mehr Kontrolle, aber früheres Aufsetzen des Pedals in Schräglage.
  11. Stack: vertikal gemessener Abstand zwischen Mitte Tretlager und Oberkante Steuerrohr; beschreibt die Höhe der Rahmenfront; höherer Wert -> aufrechtere Haltung.
  12. Reach: horizontal gemessener Abstand zwischen Mitte Tretlager und Oberkante Steuerrohr; beschreibt die Länge der vorderen Hälfte des Rahmens; höherer Wert -> gestrecktere Haltung.

Stack-to-Reach-Verhältnis: kein Messwert, sondern eine errechnete Größe, die das Verhältnis von Rahmenhöhe zu -länge angibt und eine Aussage über die Fahrerhaltung zulässt.

Welche Parameter sollte man kennen?

Was die Körpermaße angeht, sollte man zumindest die eigene Größe und Innenbeinlänge kennen. Bezogen auf die Sitzposition sind Stack, Reach und das Verhältnis der beiden Werte zueinander besonders aussagekräftig. Für die Fahrdynamik sind Radstand, Lenkwinkel, Gabelnachlauf und Kettenstrebenlänge am relevantesten. Die folgende Tabelle bietet eine Orientierung, auf welche ungefähren Geometriewerte Sie bei den Rennradtypen achten sollten. Angegeben sind Durchschnittswerte (als Mittelwert von je fünf gängigen Modellen beliebter Hersteller in Rahmenhöhe 56).

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Geometrie-Mittelwert von je fünf gängigen Modellen beliebter Hersteller in Rahmenhöhe 56

Reicht ein Blick auf die Geometrie, um ein Rennrad einschätzen zu können?

Jein. Die Geometrie des Fahrrads bildet das Grundgerüst und spiegelt die Philosophie wider, die ein Radhersteller mit einem Rennrad verfolgt. Eine Kombination aus langem Radstand, flachem Steuerrohrwinkel und viel Gabelnachlauf lässt zum Beispiel einen ruhigen, vielleicht sogar trägen Charakter vermuten, ein kurzer Radstand, kurze Kettenstreben und ein steiler Steuerrohrwinkel hingegen einen rassigen Renner. Ähnliches gilt für die Fahrerhaltung: Langes Steuer- und kurzes Oberrohr verheißen eine komfortable, aufrechtere Fahrerhaltung und umgekehrt. Aber: Ein Rennrad fährt man letztlich als Gesamtsystem – auch Teile wie Vorbau, Lenker, Sattelstütze, Reifen und Spacer sowie deren Abmessungen bzw. deren Anzahl beeinflussen die Sitzposition des Fahrers und den Charakter des Rennrads. Praktisch wäre in diesem Kontext, wenn die Radhersteller in ihren Geometrietabellen für die jeweilige Rahmenhöhe auch die Abmessungen der montierten Anbauteile angeben würden – leider muss man dafür oft zwischen Geometrietabelle und Ausstattungsliste hin- und herspringen.

Können Geometrie und Parts Schwächen eines Rahmensets ausgleichen?

Das ist möglich. Eine geringe Lenkkopfsteifigkeit kann beispielsweise zu "Rahmenflattern" führen – also zu gefühlt instabilem Fahrverhalten. Ist der Lenkwinkel aber flach, der Radstand lang und sind zudem ein breiter Lenker und ein steifes Vorderrad montiert, kann sich ein "weicher" Rahmen selbst in schnellen Abfahrten ruhig und sicher anfühlen. Demgegenüber wirkt auch der steifste Rahmen nervös und instabil, wenn beispielsweise der Gabelnachlauf auffällig kurz ist und wegen einer hohen Front und eines schmalen Lenkers wenig Druck auf dem Vorderrad lastet. Das Problem: Das Zusammenspiel von Geometrie, Ausstattung und konstruktiven Rahmeneigenschaften sind auf dem Papier (bzw. im Herstellerkatalog oder auf der -Website) nicht direkt ersichtlich. Hier helfen nur: Probefahrten, Erfahrungswerte von Freunden und Bekannten. Und natürlich auch Radtests von Fachmagazinen wie ROADBIKE.

Funktioniert eine Geometrie in allen Rahmengrößen gleich?

Leider nicht. In mittleren Rahmenhöhen, also 54, 56 und 58 beziehungsweise S, M und L, entsprechen Sitzposition und Fahrdynamik am stärksten dem, was sich der Hersteller bei der Entwicklung der Geometrie gedacht hat. Kleinere Rahmen werden bei vielen Herstellern tendenziell eher sportlicher, größere Rahmen komfortabler. Diese Faustformel gilt übrigens auch, wenn man – wie schätzungsweise 50 Prozent aller Rennradler – zwischen zwei Rahmengrößen schwankt: die kleinere, wenn man es etwas sportlicher mag, die größere für eine etwas ruhigere Gangart.

Geht das alles nicht auch leichter?

Die Unterscheidung von Rennrädern in Aero, Allround und Komfort bietet eine erste Orientierung, weil die Kategorien in puncto Geometrie, Sitzposition und Fahrdynamik bereits eine Richtung vorgeben. Manche Radhersteller versuchen zudem, das komplexe Thema Fahrradgeometrie zu vereinfachen, indem sie auf ihren Websites zu jeder Rahmenhöhe die potenziell passende Körpergröße und Innenbeinlänge angeben. Ein guter Ansatz, der anatomische Eigenarten aber nicht berücksichtigen kann: Wer zum Beispiel eher lange Arme oder Beine hat, greift womöglich trotzdem zur falschen Rahmengröße. Eine weitere vergleichsweise einfache Orientierung, wie die Sitzposition auf einem Rad ausfällt, kann das Verhältnis von Stack to Reach sein. Der Wert ist entweder bereits in der Geometrietabelle angegeben oder lässt sich einfach errechnen (Stack- durch Reachwert dividieren).

Christian Zimek
Kann helfen, die eigene Traum-Geometrie zu finden: ein professionelles Bike-Fitting.
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