RB1019 E-Rennrad vs. Bio-Bike Bjoern Haenssler
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E-Rennrad vs. Bio-Bike: Cube Agree C:62 SLT 2020

E-Rennrad vs. Bio-Bike: Das Experiment

Zwei Fahrer auf unterschiedlichen Leistungsniveaus. Ein E-Rennrad, ein Bio-Bike. Eine 100-Kilometer-Runde mit 2000 Höhenmetern. Klappt die gemeinsame Tour oder schiebt ein Beteiligter Frust? ROADBIKE hat es ausprobiert.

„Dann schauen wir doch mal, wie wir deinen Akku möglichst schnell leer kriegen“,feixt Hohli, und Björn grinst boshaft dazu. Mir schwant Übles für unsere Tour – unser Experiment. Online-Redakteur Sebastian Hohlbaum, genannt Hohli, Fotograf Björn Hänssler und ich starten heute einen Selbstversuch: E-Rennrad vs. normales Rennrad. Ich bin der E-Rennradler, Hohli und Björn sind die Bio-Biker. Unser Ziel? Herausfinden, wie eine gemeinsame Tour klappt. Schließlich werben Radhersteller oft mit der Behauptung, E-Rennräder könnten die Leistungsunterschiede ungleicher Trainingspartner ausgleichen. Und die gibt es fast immer, wenn mehrere Rennradler zusammen fahren. Trotzdem ist es für viele selbstverständlich, nicht allein, sondern mit dem Partner, den Freunden, „der Gruppe“ auf Tour zu gehen – Rennradfahren ist ein sozialer Sport. Damit bei großem Leistungsgefälle kein Frust aufkommt, braucht es allerdings gute Absprachen, gegenseitige Rücksichtnahme und Empathie. Oder eben – wenn es nach dem Willen der Radhersteller geht – E-Rennräder.

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Akku: Fazua hat dem Evation-Antrieb eine neue Befestigung spendiert - einfach Hebel ziehen und Akku samt Motor herausnehmen.

Aber macht so eine Misch-Tour Spaß? Kann ein E-Rennrad schwächeren oder älteren Sportlern die Teilhabe an Aktivitäten leistungsfähigerer Bio-Biker ermöglichen? Gruppeninterne Spannungen verringern, womöglich Scheidungen verhindern? Und reicht eine Akku-Ladung überhaupt für eine 100-Kilometer-Rennradtour mit knapp 2000 Höhenmetern? All das versuchen wir herauszufinden. Unvoreingenommen. Selbstlos. Im Dienste der Rennrad-Community. Dachte ich zumindest, aber Hohli und Björn nehmen das mit dem sozialen Aspekt von Rennradtouren offenbar nicht so genau. Sie wollen mich leiden sehen. „Spätestens, wenn der Akku leer ist und du allein treten musst“, stichelt Hohli und reibt sich die Hände.

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Sebastian Hohlbaum (links), 35 Jahre, 1,79m, 68 kg, zum Zeitpunkt der Tour 238 Jahrestrainingsstunden - Der Triathlet trainiert gezielt Intervalle. Sein Rennrad-Jahreshöhepunkt 2019: der Radmarathon Schwarzwald Super. Moritz Pfeiffer (rechts), 37 Jahre, 1,90m, 75 kg, zum Zeitpunkt der Tour 149 Jahrestrainingsstunden - Der Familienvater kommt weniger zum Rennradfahren als früher - und wenn, dann nur zum Spaß oder auf dem Weg zur Arbeit.

„Ich muss die ganze Zeit treten, ich fahre ja kein Moped“, versuche ich zu erklären, aber solche Spitzfindigkeiten will keiner hören. Da stehen wir drei: Hohli, der drahtige Triathlet, Björn, ein in der ganzen Redaktion gefürchtetes Trettier, und ich selbst, aktuell eher Familienmensch als ernst zu nehmender Sportler, zudem wegen eines fiesen Männerschnupfens unlängst nur knapp dem Tode entronnen. Unsere übliche Hackordnung: Hohli und Björn vorne, ich – solange es geht – dabei, irgendwann weg.

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100 km Schwäbische Alb

Fotograf Björn, heute auch Tourguide, führt uns aus dem Stuttgarter Speckgürtel auf kleinen Wegen Richtung Schwäbische Alb. Mein Fahrrad für diesen Tag, Cubes E-Renner Agree Hybrid C:62 SLT, ist mit einem Fazua-Evation-Antrieb ausgestattet – wenn der Antrieb ausgeschaltet ist oder man schneller fährt als 25 km/h, tritt man nicht gegen einen zusätzlichen Widerstand wie beim konventionellen E-Bike, sondern muss „nur“ das Kampfgewicht von 12,8 Kilogramm bewegen.

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Bei flacher Strecke kein Problem. Um auswerten zu können, wer wann wie viel Watt treten muss, fahren Hohli und ich mit identischen Wattmesspedalen (Garmin Vetor 3S). Am ersten kleinen Anstieg schalte ich auf die schwächste von drei Unterstützungsstufen. Mit leichtem Surren setzt der Motor ein und erleichtert mir die Auffahrt. „Da schnurrt er schon den Berg hoch“, lästert Hohli, ich kann mir nicht verkneifen, unschuldig über die Schulter nach hinten zu fragen: „Kommst du?“ Der Flachs blüht, wir sind mittendrin in einer zünftigen Stammtischdiskussion über das Pro und Kontra von E-Rennrädern – und alle haben genug Luft zum Reden. In mittlerem Tempo geht es durch grüne Wiesen gen Alb. Um Akku-Leistung zu sparen, benutze ich den Motor vorerst nur bergauf.

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100 Kilometer, 1850 Höhenmeter: Die Schwäbische Alb bot die Kulisse für die RB-Testfahrt mit E-Rennrad und Bio-Bike.

Am ersten von zwei Albaufstiegen – der sanften Neuffener Steige – lassen wir es dann aber krachen: Erst lege ich eine kleine Startattacke hin, dann zieht Björn mächtig am Horn. 18, 19, bald 20 km/h. Selbst mit Motor muss ich ordentlich treten. Normalerweise bevorzuge ich hohe Trittfrequenzen, doch der Fazua-Antrieb unterstützt dann weniger. Also lieber Kadenz 80 statt Stakkato, besser Ulle- als Armstrong-Stil. Nach der zweiten Serpentine schalte ich in die zweite Unterstützungsstufe, setze mich an die Spitze. 21, 22 km/h. Hohli streicht die Segel, Björn beißt. Ich blicke auf meinen Radcomputer: dank Motor „nur“ 180 Watt, 190, 200. Normalerweise wäre ich bei diesem Tempo jetzt im tiefroten Bereich. Oder schon abgehängt. Stattdessen geht nun eine kleine Lücke zu Björn auf. Ich schalte auf volle Unterstützung und haue auch selbst alles raus, was da ist. Puls 175, 260 Watt, 270, 280, die Geschwindigkeit immer genau an der magischen Grenze von 25 km/h, bis zu der der Motor unterstützt.

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Verkehrte Welt: Normalerweise gibt Redakteur Hohlbaum (l.) das Tempo vor, statt in den Seilen zu hängen.

Oben ist klar: Auch mit E-Rennrad kann man an die eigene Leistungsgrenze gehen, wenn man das möchte. Man ist dann halt „nur“ schneller, als Mutter Natur es für einen vorgesehen hat. Und es kostet ordentlich Batterie. Nach gerade einmal 30 Kilometern sind zwei von fünf LEDs, die den Ladestand anzeigen, erloschen. „Keine Chance dranzubleiben“, japst Hohli, als er mit hochrotem Kopf herankommt und über den Lenker gebeugt nach Luft schnappt. Lachen, abklatschen, blöde Sprüche kloppen: große Kinder auf Ausflugstour. Ist es ein Problem, dass ich mit Motor „betrogen“ habe? „Nicht wirklich“, antwortet Hohli nach kurzem Überlegen. „Man will ja immer dranbleiben, irgendwann geht’s halt nicht mehr. Egal, ob das jetzt am Motor liegt oder an einem stärkeren Fahrer.“ Ich selbst fühle mich ein wenig indifferent. Stolz kann ich nicht sein, aber es hat Spaß gemacht – einmal vorne sein, statt hinten Staub zu fressen.

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Im Lauter-Tal kurz vor dem zweiten Albaufstieg in Oberlenningen.

Wir beschließen, ab sofort keine wilden Rennen mehr gegeneinander, sondern vor allem eine schöne Tour miteinander zu fahren. Nach steiler Abfahrt rollen wir auf schmalen Wegen das Lauter-Tal hinauf, und auf die Gefahr hin, dass der Akku noch vor Abschluss der Tour den Geist aufgibt, fahre ich durchgängig mit Motor. Unser zweiter Albaufstieg ist verkehrsfrei, aber steil, Hohli und ich bleiben diesmal Seite an Seite. Auf der mittleren Unterstützungsstufe fahrend, muss ich im Schnitt 100 Watt weniger treten als er – es geht nicht von allein bergauf, aber doch erheblich leichter.

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Fazua Remote fX: Die neue Bedieneinheit des Motors zeigt mit farbigen LEDs den Akku-Ladezustand. Wie stark der Motor unterstützen soll, lässt sich durch kurzes Antippen ober- oder unterhalb der LEDs steuern.

Steil und serpentinenreich geht es hinab nach Hepsisau – das E-Rennrad von Cube schiebt mit seinem Gewicht von fast 13 Kilo ordentlich, lässt sich aber gut manövrieren, die Dura-Ace-Di2-Schaltung und -Scheibenbremsen arbeiten gewohnt zuverlässig. Da es auch im weiteren Streckenverlauf eher bergab geht, arbeitet der Motor nur vereinzelt an längeren Zwischenanstiegen. Als wir nach gut 70 Kilometern in Kirchheim Mittagspause machen, leuchten noch zwei von fünf LEDs. Kurz nachdem wir wieder losgefahren sind, zeigen mir Hohli und Björn ganz nebenbei, in welchen Situationen ein E-Rennrad einen klaren Nachteil mit sich bringt: nämlich dann, wenn die Straße leicht steigt, man aber zu schnell für die Motorunterstützung fährt – meine Mitfahrer halten das Tempo bei schnurgerader Strecke mit zwei bis drei Prozent Steigung konstant bei 28 bis 30 km/h, und ich ackere auf dem „schweren“ E-Bike. Mein Puls schnellt hoch, ich klemme, um dranzubleiben. Endlich biegen wir rechts ab und rollen bergab, ich muss kräftig durchschnaufen. Touché …

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Egal, ob mit oder ohne Motor: Die Natur bleibt gleich schön, hier am Wasserfels mit Blick auf Gutenberg an der Schwäbischen Alb.

Wir entscheiden, eine kleine Schleife dranzuhängen, was aber einen zornigen 15-Prozenter mit sich bringt – und plötzlich leuchtet nur noch eine LED des Akkus, bei 20 verbleibenden Kilometern. Vielleicht bekommen meine Mitfahrer ja doch noch ihr Spektakel. In Nürtingen geht es über den Neckar, und fürs große Finale hat Björn sich ein ganz besonderes Schmankerl aufgehoben: Hinter Oberensingen wartet – ungelogen – der Fickberg, mit einem extrem schmalen, sage und schreibe 24 Prozent steilen Hohlweg. Flandernrundfahrt im Schwabenländle. Ich kann keine Rücksicht auf den Akku nehmen, kämpfe trotz stärkster Unterstützung, um würdig oben anzukommen. Trotzdem: Der Akku hält. Auch auf den zwei verbleibenden harmloseren Anstiegen. Auch auf den Flachpassagen, auf denen ich ihn nun einfach anlasse. Auch als wir in Björns Einfahrt einbiegen und nach 103 Kilometern unsere Tour beenden.

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Mit 12,8 kg ist Cubes E-Renner eher leicht. Bergab schiebt das Mehrgewicht gegenüber einem Bio-Bike trotzdem spürbar.

Fazit

Persönliche Erkenntnis: Hohli und ich liegen leistungsmäßig noch so nah beieinander, dass ein E-Rennrad unser Kräfteverhältnis nicht anpasst, sondern umkehrt. Sinnvoller ist ein E-Rennrad bei noch größerem Leistungsgefälle, wenn es tatsächlich Touren ermöglicht, die sonst gemeinsam nicht mehr möglich wären bzw. nur unter erheblichen Einschränkungen bei mindestens einem Beteiligten. Positiv überrascht uns, dass der Akku trotz wenig batterieschonender Fahrweise die ganze Strecke durchgehalten hat. Je nach Fahrergewicht und benötigter Unterstützung sollten Touren von 70 bis 120 Kilometern machbar sein, zumal wenn man etwas batterieschonender fährt als ich. Gut funktioniert das gemeinsame Radeln von E-Renner und Bio-Bike in flachem und bergigem Gelände. Bei kleineren Wellen sollte man sich gut über die Geschwindigkeit abstimmen, damit der E-Rennradler nicht ungewollt jenseits der Motorenunterstützung „verhungert“. Gute Absprachen, realistische Selbsteinschätzung und gruppendienliches Fahren sind aber auch ohne Motor wichtig für eine gelungene Gruppenausfahrt. Schließlich ist Rennradfahren ein sozialer Sport.

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Cube Agree Hybrid C:62 SLT 2020 - Rahmen: Carbon, Gewicht: 12,8 kg RB-Messung Komplettrad ohne Pedale, Schaltung: Shimano Dura-Ace Di2, Antrieb: Fazua Evation, Preis: 7999 Euro
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Cube Agree C:62 SLT 2020 - Rahmen: Carbon, Gewicht: 7,4 kg RB-Messung Komplettrad ohne Pedale, Schaltung: Sram Force eTap AXS, Laufräder: Newmen, Preis: 3699 Euro
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