RB 1112 Legenden des Radsports Putte Kapellen Tim de Waele

Legenden des Radsport: Putte-Kapellen

Kirmesrennen im Blickpunkt

Kirmesrennen: Herz des Radsports oder überflüssiger Stress im Terminkalender? In der internationalen Radsport-Szene wurde das sportliche Niveau solcher Veranstaltungen wie Putte-Kapellen lange Zeit kritisch bewertet. Zu Unrecht, meinen die Urväter des belgischen Rennsports.

Für sie sind diese in der Provinz durchgeführten Radereignisse nach wie vor das Fundament einer lebendigen Radsport-Kultur. Ein gewichtiges Argument: Ohne die sogenannten „Rennen rund um den Kirchturm“ hätten viele spätere Weltmeister, Tour-Sieger oder Klassiker-Spezialisten wohl nie den Weg zum Radsport auf Top-Niveau gefunden. Fakt ist, dass es sich um rasante Radrennen handelt, die den Höhepunkt einer Jahreskirmes bilden – hauptsächlich in flämischen Städten und Gemeinden. Jedoch sind diese beliebten Wettbewerbe wegen der stetig steigenden Kosten mittlerweile mächtig dezimiert – zum Leidwesen vieler Radsport-Fans. Zum Vergleich: Man stelle sich das Münchner Oktoberfest ohne Trachtenumzug und farbenfrohes Feuerwerk vor ... Übrigens: Professionelle Kirmesrennen sind nicht vergleichbar mit den meist höchstens 80 Kilometer langen Kriterien. Stattdessen geht es hier mindestens 4 Stunden lang rund – und zwar ziemlich rasant, denn auf meist flachem Terrain wird ein 12 bis 18 Kilometer langer Rundkurs etwa 10-mal durchfahren.

Grenzverkehr

Exemplarisch für die flämischen Kirmesrennen sind Klassiker wie Kampioenschap van Vlaanderen in Koolskamp (seit 1908), GP Vilvoorde (seit 1932) oder Nokere Koerse (seit 1944). Diese Rennen sind Jahr für Jahr absolute Höhepunkte des belgischen Rennkalenders. Doch der Inbegriff für das leidenschaftlichste Kirmesrennen des Jahres lautet „Sluitingspreis“ – was im Deutschen so viel wie Abschlussrennen bedeutet.

Ausgelassen feiern

Dieses findet als Grand Prix von Putte–Kapellen seit 1929 in einer kleinen belgischen Grenzgemeinde statt, deren Ortskern nahtlos auf holländischem Hoheitsgebiet weiterverläuft. 30 Meter hinter der Ziellinie liegt die Grenze. Gespurtet wird in Belgien, ausgerollt in Holland. So bebt Putte jedes Jahr Mitte Oktober vor radsportlich befeuerter Ausgelassenheit. Für Eddy Carpentier, Sekretär des veranstaltenden Vereins, sind das Profi-Radrennen und das dazugehörige Kirmesfest der absolute Jahreshöhepunkt in seiner Gemeinde. Schon zum Start strömen die Menschen von den Frittenbuden und Biertischen an die Absperrgitter. „Diese Gaudi erlauben wir uns einmal im Jahr“, erklärt er in feuchtfröhlicher Heiterkeit und prostet, ganz Gemütsmensch, den zahlreichen Radfans an der überbevölkerten Theke im Café „Hollands Hof“ gegenüber der Ziellinie zu. Auch Frans Van Looy, ehemals Sportdirektor beim Team Telekom, strahlt heute noch über beide Ohren, wenn er auf das ausschweifende Putte–Kapellen angesprochen wird. Er gewann das Rennspektakel zwischen 1974 und 1979 3-mal. „Das ist mit nichts zu vergleichen. Nirgendwo sonst hängt über einer Radrennstrecke eine solch dichte Bier-, Nikotin- und Frittendunstwolke wie hier. Das schaurige Gemisch nimmt einem fast den Atem. Und das ohrenbetäubende Gedudel aus den Lautsprechern des Autoscooters macht dich fertig. Da gibt es nur eins: Augen zu und durch – und anschließend mit den Fans bis morgens früh feiern“, schwärmt er. Das können die Profis hier übrigens ausnahmsweise ohne schlechtes Gewissen: Nach dem Saisonfinale zerstreut sich die Schar der Pedal-Vagabunden in alle Winde, um sich frühestens im folgenden Jahr beim Omloop Het Nieuwsblad in Gent wieder zu sehen.

Grand Prix Putte-Kapellen: Siegerliste (Auswahl)

1937: Karel Kaers (B), 1949: Theo Middelkamp (NL), 1960: Miel Daems (B), 1961: Piet Rentmeester (NL), 1967: Eddy Merckx (B), 1974, 1977, 1979: Frans Van Looy (B), 1976: Herman Vanspringel (B), 1983, 1987, 1988: Adri Van der Poel (NL), 1995: Tom Steels (B), 2003: Nick Nuyens (B), 2005: Gert Steegmans (B), 2011: Yauheni Hutarovich (BY)

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