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Rennradtouren in der Holsteinischen Schweiz

Ostsee – das bietet der Norden Deutschlands

Von wegen flach und langweilig: Die Straßen rund um Lübecker Bucht und Holsteinische Schweiz laden zu durchaus anspruchsvollen und abwechslungsreichen Rennrad

„Wir starten morgen um 9 Uhr an der Seebrücke in Scharbeutz“, sagt Tourguide Mario Kummer, bevor er diese sechs Worte ausspricht, die bei mir alle Alarmglocken schrillen lassen: „Keine Sorge, wir fahren ganz entspannt!“ Sehen wir mal von berühmten Falschaussagen solcher Herren wie Lance Armstrong und Co. ab, gehört diese Formulierung wohl zu den drei meistgenutzten Lügen unter Radsportlern. Direkt neben: „Nur noch ein Anstieg“ und: „Ich bin wirklich überhaupt nicht in Form.“ Allerdings meine ich es leider tatsächlich so, als ich antworte: „Okay. Aber ich bin wirklich überhaupt nicht in Form!“

Immer wieder hat Mario Kummer versucht, mich zu überreden, zu seinem Rennrad-Camp in der Lübecker Bucht zu kommen. „Da gibt es doch nur Windräder, plattes Land und Gegenwind“, antwortete ich ihm, ehe ich doch klein beigab.

„Das höre ich ständig: Bei euch da oben ist doch alles flach, wie soll man da spannende Rennradtouren machen?“, sagt Thomas Hesse. Also dachte sich der Besitzer eines Fahrradladens in Scharbeutz an der Ostsee irgendwann: „Wenn sie es nicht glauben, beweisen wir es ihnen: mit einer organisierten Rennradwoche in der Lübecker Bucht!“ Schließlich hatte der Mann mehrfach Rennradcamps an der spanischen Costa del Azahar durchgeführt. Dazu hatte er mit Mario Kummer einen erfahrenen Guide an der Hand. Denn Hesse ist Giant-Händler und Kummer als Markenbotschafter für Giant aktiv.

Die Königsetappe

„Das war ein Glücksfall für uns, denn Mario weiß genau, wie die Sportler ticken, steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite und kümmert sich perfekt um die Teilnehmer, auch und ganz speziell um die langsameren“, schwärmt Hesse. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Anmerkung persönlich nehmen soll, aber es stimmt: Wir sind unterwegs auf der Königsetappe der Rennradwoche, und Mario Kummer achtet genau darauf, dass niemand zurückbleibt. ­Königsetappe bedeutet in diesem Fall 180 Kilometer und 1100 Höhenmeter. Schnell wird klar, wie diese vierstellige Zahl zusammenkommt. „Wir fahren durch walloniertes Gelände“, erklärt Kummer und meint: Es geht ständig rauf und runter. Klar, Anstiege mit Hunderten Höhenmetern kommen eher selten vor im nördlichsten deutschen Bundesland. Logisch, wenn die höchste Erhebung in Schleswig-Holstein der Bungsberg mit seinen 167,4 Metern über dem Meer ist.

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Eine verwunschene Märchenwelt im hohen Norden Deutschlands.

Gleich nach dem Start geht es weg von der Ostsee ins Landesinnere, Richtung Holsteinische Schweiz. Bald rauschen wir am Großen Pönitzer See vorbei, dem ersten von vielen Seen des Tages, dann geht es kurvig und wellig durch die Felder. Grüne Wiese rechts, leuchtend gelbe Rapsfelder links, die Sonne über uns … „Stopp!“, hallt es durchs Fahrerfeld. Ein Schaltwerk hakt. Während sich Chefguide Mario Kummer gleich auch als Chefmechaniker beweisen kann, rollt auf dem Feldweg ein alter Mann in einem silbergrauen Geländewagen auf uns zu. Das Auto fährt langsam. Wirklich sehr langsam. Man könnte gemütlich zu Fuß nebenherspazieren. Genau das beweist auch der Hund, der an der aus dem Fahrerfenster hängenden Leine neben dem Fahrzeug hertrottet. Allgemeines Köpfeschütteln nach diesem „Ist das gerade wirklich passiert?“-Moment, dann geht es weiter.

Natürlich schön

Wir fahren durch Wälder, über Felder, vorbei an Windrädern. Wobei: Übermäßig viele Windräder neuzeitlicher Bauart begegnen uns eigentlich gar nicht. Dafür aber immer wieder alte Windmühlen, die ja irgendwie in einem deutlich romantischeren Ruf stehen. „Was für ein Wetter“, schwärmt Andrea Jeschke, eine der vielen Wiederholungstäterinnen bei der Rennradwoche. Tatsächlich verwöhnt uns die Sonne. Ein wenig frisch ist es an der Ostsee Mitte Mai aber doch. Auf die Arm- und Beinlinge mag jedenfalls niemand verzichten.

Wenig später verlassen wir die weite Welt. Zumindest behauptet das ein Ortsschild am Wegesrand: „Weitewelt endet, 3 km bis Berlin“. Klingt nach einem Streich politikverdrossener Bürger, stimmt aber wirklich: Berlin ist mit gut 600 Einwohnern ein kleiner Ort im Kreis Segeberg und liegt drei Kilometer entfernt vom Nachbarort Weitewelt. Überhaupt zeigen sich die Schleswig-Holsteiner recht kreativ bei der Benennung ihrer Ortschaften. Ob Buntekuh, Ekel oder Kotzenbüll, ob Rußland, Grönland oder Kalifornien: Hier kommt man rum, in der weiten Welt.

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Immer wieder führen die Touren durch kleinere und größere Waldstücke.

Vor allem geht es durch eine überraschend schöne und abwechslungsreiche Welt. Wir passieren Kuhweiden, rattern über Kopfsteinpflaster und rauschen durch eine eindrucksvolle Allee, gesäumt von imposanten Eichen. Es geht durch die im typischen Backstein-Look gehaltenen Ortschaften, vorbei an hübschen Höfen und Anwesen. Vor einem besonders schönen Exemplar kommen wir am Selenter See zum Stehen. Der Krohnprinzenhof ist ein stolzer Backsteinbau mit Reetdach obendrauf und Kaffee und Kuchen untendrin. „Mittagspause“, ruft Mario Kummer.

Frisch gestärkt preschen wir weiter. Bei Rückenwind und leicht abschüssigem Gelände jagen wir mit ordentlich Speed durch die Rapsfelder, dann Kurve links, Kurve rechts und plötzlich liegt sie in ihrer ganzen Pracht vor uns: die Ostsee. Doch wir streifen sie nur kurz, dann sind wir schon wieder unterwegs Richtung Inland. Mittlerweile zeigt der Kilometerzähler Werte jenseits der 140 an. Zeit für ein Sprinttraining, entscheidet Coach Kummer. Kann man ja mal machen. Aber ich halte mich da raus.

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Aus die Pause und weiter geht die Fahrt unter der Sonne des Nordens.

Teurer Reifenflicken

Schließlich mache ich mir Sorgen um die Restreichweite meiner Oberschenkelpower. Doch Matthias Pilz hat ein Einsehen. „Stopp! Panne“, ruft der aus Hamburg angereiste Camp-Teilnehmer. Reifenschaden. Ein tiefer Riss zieht sich durch die Flanke. Die smarte Lösung: ein 5-Euro-Schein, von innen in den Reifen gelegt, soll den Schlauch schützen. „Keine Sorge, damit kommst du sicher nach Hause“, ruft noch einer im Weiterrollen, als es auch schon laut knallt. Reifen wieder platt, der Fünfer in drei Teile zerlegt. Zum Glück hat Andrea Jeschke einen speziellen Reifenflicken in der Satteltasche. „Bevor jetzt jemand den Zehner zückt.“

Wir passieren den letzten See des Tages und biegen kurz darauf auf die Küstenstraße Richtung Scharbeutz. Vor uns liegt das vier Kilometer lange Finale. Tatsächlich wird hier das Ortsschild ausgesprintet. Aber macht ihr mal. Ich sprinte lieber gleich zum After-Ride-Kaffee. Und zwar, genau: ganz entspannt.

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