Rennradtouren Frankreich Südfrankreich Cevennen Christian Lampe

Rennradtouren in den Cevennen

Legendäre Schluchten - Rennradfahren in Frankreichs Cevennen

In der traumhaften Landschaft der Cevennen begibt sich ROADBIKE auf die Suche nach den Spuren eines legendären Radrennens.

Hier finden Sie die vier Touren als Download bei unserem Partner Komoot.

"Meyrueis, Lozère, 26. Juni 1977. Warm, bewölkter Himmel. Ich nehme meine Sachen aus dem Auto und setze mein Fahrrad zusammen. Von Straßencafés aus schauen Touristen und Einwohner zu. Nicht-Rennfahrer. Die Leere in ihrem Leben schockiert mich."

Mit dieser Szene steigt der niederländische Autor und Amateurradsportler Tim Krabbé in sein 1978 veröffentlichtes Buch "Das Rennen" ein. Auf einmalig packende Art und Weise beschreibt er in dem autobiografischen Kultwerk die Abläufe in einem Eintagesrennen – basierend auf einem 137-Kilometer-Rennen durch die französischen Cevennen: der Mont-Aigoual-Rundfahrt. Genau 40 Jahre später begeben sich Krabbés britischer Namensvetter Tim Bell und ROADBIKE-Autor Felix Krakow auf die Spuren der Rundfahrt. In einem nicht ganz ernst gemeinten Duell Mann gegen Mann.

Meyrueis, Lozère, 21. Juli 2019. Sehr warm, leicht bewölkter Himmel. 42 Jahre nach Tim Krabbé sitze ich am Straßenrand und ziehe meine Schuhe zu. In einem der Straßencafés haben Tim Bell und ich einen Kaffee nebst Pain au Chocolat verdrückt. Jetzt packe ich mein Rad, steige in den Sattel. Einklicken links, einklicken rechts und los. "On y va" sagt Tim, wechselt dann aber zum Glück in seine englische Muttersprache. Seit 2003 kommt er zum Urlaub in die Cevennen, irgendwann hat er sich ein Haus gekauft – und dann erst den Radsport entdeckt. "Das ist ein bisschen so, als würdest du auf den Malediven wohnen, um erst dann festzustellen, dass Tauchen dein Lieblingssport ist." Was er damit sagen will: Die Cevennen wurden praktisch extra für den Radsport gemacht. Genau das will er heute beweisen.

"Wir sind gestartet. Die Leute applaudieren. Wir fahren aus Meyrueis hinaus. Links der Fluss mit einer Felswand direkt daneben, rechts eine Felswand; wir fahren durch eine Schlucht, die Gorges de la Jonte."

Erstaunlicherweise applaudiert niemand, als wir zu unserer Tour starten. Wir biegen links von der Start- und Zielgeraden ab, dann rechts über eine kleine Brücke und wieder links aus dem Ort hinaus. Die Schlucht ist noch da. Und mit ihr zögern die Cevennen nicht lange, ihre Reize aufzudecken. Rechts drückt sich die Straße an der steilen, Hunderte Meter nach oben ragenden Felswand entlang. Links unter uns fließt das Flüsschen Jonte. Dahinter: der grüne Nadelwald, aus dem die Felsformationen in den Himmel wachsen. Wir passieren ein Dorf. Aus dem Fenster eines hübschen Steinhauses beobachtet uns ein älterer Mann. Vor dem Haus ein Gemüsegarten, auf der Terrasse blühen die Geranien. Ich winke dem Mann zu. Er dreht sich um und verschwindet im schwarzen Nichts hinter dem Fenster.

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Christian Lampe

Mal mehr, mal weniger steil kippt die Straße Richtung Le Rozier nach unten. Wie im Flug rauschen wir voran, mühelos kreiseln die Beine, wir sind frisch, wir sind fit, wir sind schnell. Die reine Definition des Rennradsports.

"Wir haben die kleine Jonte verlassen. In einem Städtchen, in dem man uns applaudierte, sind wir rechts abgebogen und nun fahren wir am Tarn entlang. Die Schlucht ist breiter, die Wände sind höher. Im Reiseführer steht, die Gorges du Tarn sei der schönste Canyon Europas. Ein Mann ruft ‚schneller!‘ Denkt bestimmt, dass Radsport schnell Radfahren bedeutet."

Wieder kein Applaus für uns. Auch fordert uns niemand zum schnelleren Fahren auf. Den Worten des Reiseführers lässt sich jedoch kaum widersprechen. Traumhaft windet sich der Fluss unter uns durch das Tal. Während die Temperaturen steigen, plätschert das Wasser erfrischend vor sich hin. Ich kann nicht widerstehen. "Ich brauche eine Abkühlung", sage ich. Wenige Momente später stehen wir an einem kleinen Strand am Flussufer. Kurz warten, bis die Kanufahrer sich stromabwärts auf den Weg machen, dann Trikot runter und ab ins kalte, klare Wasser. Ein Traum. Ich blicke direkt über den Wasserspiegel das gewaltige Tal hinauf. Wie bitteschön kann dieses Flüsschen dieses Wunderwerk der Natur geschaffen haben? "Ich weiß, man könnte hier den ganzen Tag verbringen, aber dann entgeht dir eine fantastische Rennradrunde", ruft Tim mich zurück in den Radsportmodus. Also, zurück aufs Rad. Der Mont Aigoual wartet.

"Mit jedem Kilometerpfosten rückt Les Vignes näher, und in Les Vignes überqueren wir den Tarn: Dort beginnt der Anstieg zum Causse Méjean, der Hochebene. Die Wand, die wir hinauf müssen, wartet in aller Ruhe jenseits des Flusses auf uns. Immer öfter schauen Fahrer nach rechts, nach vorne, wieder nach rechts, zu dieser Wand."

In dem Örtchen Les Vignes biegen wir rechts ab über die nächste Brücke. Dann wieder rechts und sofort in den Anstieg. In die Wand, durch die sich eine kleine Straße hinaufwindet. Eine spektakuläre Straße. Pedalumdrehung für Pedalumdrehung verändert sich der Blick hinunter ins Tal von toll über unfassbar zu einzigartig. Wir fahren auf eine Kehre zu, über der ein Fels steil und streng nach oben ragt. Es wirkt, als würde er über das Geschehen im Tal unter ihm wachen. Wir klettern durch die Kurve und weiter nach oben.

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"Allmählich finde ich einen Rhythmus. Klettern ist ein Rhythmus, ein Rausch, man muss die Proteste seiner Organe beschwichtigen."

Endlich erreichen wir die Hochebene. Vorbei an Wäldern, goldenen Kornfeldern und teils endlos weit wirkenden Flächen kurbeln wir zurück Richtung Meyrueis. Die Szenerie erinnert an Hollywood und den Wilden Westen. "Es würde mich nicht wundern, wenn gleich eine Büffelherde durchs Bild galoppieren würde", sage ich zu Tim. Stattdessen springt nur ein scheues Reh über die Straße.

Es geht runter nach Meyrueis. Wir rauschen durch einen Steinbogen, kurz darauf über die Ziellinie, doch geschafft haben wir es noch nicht. Denn die Strecke beschreibt die Form einer Acht. Halbzeit also statt Finale. Wir gönnen uns einen Kaffee und fragen den Wirt, was er über unser Rennen weiß: die Mont-Aigoual-Rundfahrt. Er verschwindet und erscheint darauf mit einem Ordner im Arm. "Wir hatten hier viele Rennen, aber von einer Rundfahrt auf dieser Strecke habe ich nie gehört", sagt er zu unserer Enttäuschung. Dafür zeigt er Fotos, die seinen Vater beim Handschlag mit Eddy Merckx zeigen. Und Tour-Favorit Roger Rivière, wie er den Sturz bei der Tour de France 1960 nachstellt, der sein Karriereende bedeutete. Heute erinnert ein Denkmal am Col du Perjuret an Rivière. "Dann kamen die Drogen, der Alkohol, der Krebs und der Tod mit 40 Jahren", erzählt der Wirt die Geschichte in Kurzform.

"Da kommt auch schon das Schild MEYRUEIS mit dem roten Querstrich. Da fahren wir wieder. Die Pässe sind aus Luft und stehen kopfüber in der Landschaft. Sechs Kilometer Klettern zum zweiten Hochland, dem Causse Noir."

Nur durch zwei Kehren, ansonsten gerade, gerade, gerade geht die Fahrt auf die Hochebene, zum Örtchen Lanuéjols und wieder runter nach Trèves. "Dreamy Trèves", heißt es in der englischen Version von "Das Rennen", erzählt Tim. Wer durch den verschlafenen Ort rauscht, kann diese Beschreibung sofort fassen. Ein Traum ist auch die Fahrt durch die dritte Schlucht des Tages: die Gorges du Trèvezel. Genau hier beginnt endlich der längste und letzte Anstieg des Tages, auf den Mont Aigoual, den König der Cevennen.

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Christian Lampe

27 Kilometer lang geht es insgesamt sanft hinauf auf fast 1600 Meter, vorbei an Grotten und Wasserfällen – und dann sind wir oben am Sendemast. Hier rast, so Corona es will, auch das Feld der Tour de France in ein paar Wochen entlang.

"Eine Linie, der Gipfel des Mont Aigoual. […] Jemand steht fröstelnd neben seinem Auto und ruft fröhlich: ‚Und jetzt geht’s nur noch runter!‘ […] Jetzt fahre ich runter, also muss ich aufhören Rad zu fahren. Also muss ich anfangen zu gefrieren."

Anders als Tim Krabbé müssen wir dank moderner Windjacken und milder Temperaturen nicht frieren. Und anders als Tim Krabbé lieben Tim Bell und ich die Abfahrt. Ist sie nicht das ultimative Ziel der radsportlichen Verausgabung? Quälen wir uns nicht die höchsten Pässe hinauf, um anschließend die rauschende Abfahrt zu genießen? Bald sind wir auf dem Col de Perjuret. Die Straße rechts würde uns in die anspruchsvolle Abfahrt nach Florac bringen – in der Roger Rivières Trinkflasche wahrscheinlich noch irgendwo in der Schlucht liegt. Wir aber stürzen uns linker Hand in die finale Schussfahrt zum Ziel nach Meyrueis. Wir wechseln uns mit der Führung ab, jagen ins Tal, doch wir wissen: Bald ist es vorbei mit dem Teamwork. Dann geht es um den Sieg auf der Hauptstraße von Meyrueis. Es wird flacher. Noch einmal vorne über die Brücke, dann scharf rechts weg, gleich wieder links und sofort den Sprint eröffnen.

"Ich gehe aus dem Sattel, ich presse die Kiefer aufeinander. Zwei, drei Tritte, und mein volles Tempo ist aus meinem Kopf in meine Räder gelangt. Himmel bin ich schnell! Keine Frage, das muss ich schon gewonnen haben. […] Doch noch kurz aufpassen, rechts neben mir taucht ein Vorderrad auf."

Vor den Augen der größtenteils desinteressierten Touristen und Einwohner in den Straßencafés habe ich verloren. Anders als für Tim Krabbé ist das für mich kein Weltuntergang. Trotzdem verweigere ich dem siegreichen Tim Bell den Jubel. Natürlich aus purer Anerkennung. Denn Krabbé sagt: "Wer dem, der ihn besiegt hat, zujubelt, leugnet dies und würdigt ihn somit herab. Wer ein guter Verlierer sein kann, sollte von dem Sport ausgeschlossen werden." Dafür gebe ich dem Sieger dann ein Bier aus und stoße mit ihm an – auf unsere legendäre Mont-Aigoual-Rundfahrt. Soll noch einmal jemand sagen, die würde er nicht kennen.

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