rb-radobike-passion-01-mont-ventoux-daniel-geiger-6 (jpg) Daniel Geiger für RoadBIKE
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Mit dem Rennrad dreimal auf den Ventoux

Cinglés du Mont-Ventoux - Mont Ventoux für Verrückte

Drei Wege führen auf den legendären Mont Ventoux, und wer sie alle mit dem Rennrad an einem Tag bewältigt, erhält Einlass in den „Club der Verrückten“. ROADBIKE hat sich beworben.

Klein und hässlich, Flieshardt, Sie müssen sich klein und hässlich machen, damit Sie dem Gegner keine Angriffsfläche bieten„, dröhnt eine Stimme durch meinen Kopf. “Jawohl, Herr Stabsunteroffizier„, presse ich angestrengt heraus und beuge mich so tief es geht über den Lenker. Ich bin verwirrt. Bis eben dachte ich, ich hätte die Bundeswehrzeit erfolgreich verdrängt. Doch der Befehl aus der Vergangenheit kommt eindeutig von Ausbilder Schmiedel.

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So wie es aussieht, war unter dem sinnfreien Geschrei von damals tatsächlich ein einziger guter Tipp. Doch anders als in den späten Neunzigern ducke ich mich nicht vor etwas weg, was es gar nicht gibt. Der Gegner, mit dem ich es zu tun habe, ist unangenehm real und weht mir mit voller Wucht ins Gesicht. Sein Name: Mistral. Seine Mission: Rennradfahrern am Mont Ventoux das Leben schwer machen.

Der Club der Verrrücken

Meine Mission lautet: Rauf auf den weißen Riesen – auf allen drei Auffahrten. Warum? Weil ich ein Verrückter bin. Oder, besser gesagt, weil ich einer werden will. “Cinglés du Mont-Ventoux„, “Verrückte vom Mont Ventoux„, nennen sich die Mitglieder eines exklusiven Clubs, zu dem man nur Eintritt erhält, wenn man den Giganten der Provence innerhalb eines Tages dreimal unter die Räder genommen hat: Von den Startorten Bédoin, Malaucène und Sault – ein Ritt mit 136 Kilometern und 4443 Höhenmetern, eine Homage an den Mythos Mont Ventoux.

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Daniel Geiger für RoadBIKE
Den ers­ten Stempel gibt es in der Bäckerei von Bédoin, dazu genügend Kalorien für zehn Auffahrten.

Seit der Gründung im Jahr 1988 haben sich rund 6500 Fahrer ihre Beklopptheit vom Club-Chef Christian Pic bescheinigen lassen und werden offiziell als Mitglieder geführt. Wer zusätzlich zu den drei Cinglé-Anstiegen noch eine Waldwegauffahrt absolviert, wird zum Galérien, zum “Sklaven„, des Ventoux.

Mit Verrückten kennt man sich hier offenbar bestens aus.

Und wer insgesamt sechs Auf- und Abfahrten innerhalb eines Tages meistert, darf sich Bicinglette nennen, was so viel wie “doppelt verrückt„ bedeutet. Mir reicht für den Anfang die einfache Bestätigung, dass ich nicht alle stramm sitzen habe, doch mein Aufnahmeritual zum Cinglé läuft gerade alles andere als rund.

Gut 8 Stunden bevor mich der berüchtigte Wind verweht, beginnt meine Prüfung in einer Bäckerei in Bédoin. Als der Mann hinter der Theke meine Stempelkarte sieht, in der ich mir meine Zwischenzeiten bescheinigen lassen muss, nickt er wissend und drückt den Geschäftsstempel aufs Papier. Mit Verrückten kennt man sich hier offenbar bestens aus. Die Digitaluhr über einer verrammelten Kneipe sagt: 06:55 Uhr. Auf geht’s.

Die erste Auffahrt

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Daniel Geiger für RoadBIKE
Was für eine Kulisse!

Ganz zu Beginn der Kletterei habe ich mein Ziel noch vor Augen: Den berühmten Funkturm, der sich aus der Mondlandschaft des Gipfels wie ein Finger ins Blaue reckt. Doch dann geht es hinein in den Wald, und die Wüste verabschiedet sich fürs Erste aus meinem Blickfeld.

Die Auffahrt von Bé­doin gilt als die schwerste, da im Mittelteil der 21,5 Kilometer die Steigung nie unter 9 Prozent fällt. Dies führt dazu, dass mir schon früh am Morgen Rinnsale übers Gesicht laufen, auch wenn ich mich recht gut fühle. Ich bin alleine unterwegs – weder Autos noch andere Gipfelstürmer ziehen an mir vorbei. Lediglich ein paar ganz frühe Vögel fliegen mir auf ihren Rädern entgegen.

Übermut kommt auf. Ich schalte fröhlich in einen absurd schweren Gang, gehe aus dem Sattel und erwische mich bei dem Gedanken, dass es doch eigentlich ganz schön ist, dass ich heute mehr als einmal zum Gipfel fahre. Verrückt ...

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Daniel Geiger für RoadBIKE
Oberhalb der Baumgrenze beginnt die Fahrt durch die Geröllfelder. Einmalig!

Ich klettere durch die letzten Kehren und bin gedanklich plötzlich wieder am 13. Juli 2000. An jenem Tag, an dem sich der Ventoux auf meine geistige To-do-Liste gedrängt hatte.

Als glühender Ullrich-Fan musste ich am Fernseher mit ansehen, wie Lance Armstrong mein Idol in Grund und Boden fuhr. Kurz vor dem Gipfel sammelte er noch schnell den enteilten Piraten Pantani auf, nur um ihm dann in größtmöglicher Arroganz den Sieg zu schenken. Was für eine Attacke! Was für ein Desaster! Aber, vor allem: Was für eine Kulisse!

So unbarmherzig, so schnörkellos, so ehrlich. Ein Terrain, dass nur eine Möglichkeit der Auseinandersetzung zulässt: “Da oben ist der Gipfel. Lasst uns sehen, wer als Erster dort ist.„ Vollgas. Radrennen in seiner reinsten Form.

Video: 10 Alpenpässe für Rennradfahrer

10 Alpenpässe für Rennradfahrer
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Daniel Geiger für RoadBIKE
Niemand da, mit dem ich den Gipfel teilen muss. Ein magischer Moment.

Dort musste ich auch hin, aber irgendwas war immer: Zu weit, zu teuer, zu schlecht in Form. Bis jetzt. Ich wuchte mich um die letzte Kurve und rolle langsam aus. Klick, klick – erste Tour geschafft. Ich bin allein. Niemand da, mit dem ich den Gipfel teilen muss. Ein magischer Moment.

Dann trudelt ein weiterer Fahrer ein. Wir nicken uns zu, wie zwei Verbündete, doch meine Mission ist noch nicht erfüllt. Im Restaurant lasse ich mir meine erste Ankunft bestätigen, und kaum ist die Tinte trocken, mache ich mich an die Abfahrt. Nächstes Zwischenziel: Malaucène.

Bremsen auf, Kopf runter – der wunderbar glatte Asphalt macht mich

rasend. Normalerweise ein Grund zur Freude, doch jetzt drängt sich die Sorge ins Bewusstsein, dass ich jeden Meter Strecke, den ich hinter mir lasse, gleich auch wieder rauf muss. Ohne Umwege geht es zum Tourismus-Büro, wo ich wieder meine Karte zücke. “Ah, un Cinglé!„ Stempel drauf, und weiter geht’s. Wie gesagt, mit Verrückten kennt man sich hier aus.

Ich werfe noch einen Blick aufs Höhenprofil und sehe: Grün wie die Hoffnung sind auch hier nur ganz wenige Bereiche markiert. Und schon nach wenigen Kilometern ist klar: Dieses Mal wird es eine komplett andere Nummer als beim ersten Aufstieg.

Der Rest ist Kampf

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Daniel Geiger für RoadBIKE
Mont Ventoux Rennrad RoadBIKE Passion

Trotz der frühen Stunde ist es bereits brütend heiß, meine Beine geben mir zu verstehen, dass einmal Mont Ventoux eigentlich genug ist, und so langsam wird das alles hier zur Kopfsache. Ich lenke mich ab, indem ich versuche herauszufinden, welche Nationalität in der Karawane der Tapferen, die sich mittlerweile über die gesamten 21 Kilometer verteilt, die Mehrheit stellt. Den Namen auf der Straße nach haben die Holländer klar die Nase vorn. Auf ein “Auf geht’s, Erwin!„ kommen mindestens 5 “Hopps„ für Henk. Radsport kann der Holländer halt ...

Motivation, die ich gut gebrauchen könnte, denn die Ankunft am Gipfel ist ernüchternd. Auf dem letzten Stück fahre ich im Slalom um Autos und Wohnmobile, die sich aufgestaut haben, und am Passschild stehen Dutzende Radfahrer an, um ihr Erinnerungsfoto zu knipsen. Ich muss hier weg! Stempel in die Karte und runter nach Sault.

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Daniel Geiger für RoadBIKE
Bock auf die letzte Auffahrt: Zero!

“Bock auf die letzte Auffahrt: Zero!„

Nach 25 Kilometern stehe ich am Ende der Abfahrt und am Anfang einer schweren Krise. Irgendein Witzbold hat den Ort an einen Gegenhang gebaut. Das heißt: Um meinen Stempel zu bekommen, muss ich auf einen weiteren “Berg„ fahren, was ich als größte Ungerechtigkeit der Menschheitsgeschichte empfinde und nur unter Protest mitmache. Danach brauche ich dringend eine Pause, die ich mir im Café am Marktplatz gönne. Mehrere Männer in Tights, die ebenfalls in den Club wollen, sitzen wie gelähmt an ihren Tischen. Es geht ihnen wie mir. Bock auf die letzte Auffahrt: Zero!

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Daniel Geiger für RoadBIKE
Mont Ventoux Rennrad RoadBIKE Passion

Was folgt, wird vermutlich als lahmster Endspurt der Welt in die Radgeschichte eingehen, obwohl die Straße von Sault die einfachste, da flachste Variante ist. Der Gegenwind macht sich einen Spaß daraus auszuprobieren, ob er Radfahrer rückwärts fahren lassen kann – und fast gelingt es ihm. Ich spiele mit dem Gedanken, abzusteigen und mich trommelnd auf den Asphalt zu legen, aber wen sollte das interessieren? Zwar würde die Aktion eindrucksvoll untermauern, dass ich in einem Verein von Verrückten gut aufgehoben wäre, aber in meinen Bekloppten-Club ­käme ich damit nicht.

Der Rest ist Kampf. Gegen die Unterzuckerung, der ich mit einer Cola-Betankung am Chalet Reynard begegne. Und, vor allem, gegen den Wind, der mich in der baumlosen Landschaft immer wieder voll erwischt, ganz gleich wie klein und hässlich ich mich mache. Ich krieche über den letzten Kilometer, gehe noch einmal aus dem Sattel, und dann bin ich fertig. Ich hole mir meinen dritten Gipfelstempel ab und freue mich wie ein Kind auf meine Mitgliedsmedaille, die in ein paar Tagen in der Post liegen wird. Ein goldenes Stück Plastik, für das ich einen Tag lang geschuftet habe, das mich als Cinglé Nummer 4451 ausweist. Verrückt.

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Daniel Geiger für RoadBIKE
Mont Ventoux Rennrad RoadBIKE Passion

Mont Ventoux: dreimal mit dem Rennrad auf den weißen Riesen

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