Rennradtour in Apulien Francesco Nitti/ Pinnacolo Tours

Rennradtouren in Apulien, Italien

Apulien – fremdes Italien (inkl. GPS-Daten)

Zwischen Adria und Ionischem Meer zeigt sich Italien von seiner sonnigen, aber auch fruchtbaren Seite. Und mit einem besonderen Charme, dem Rennradfahrer einfach erliegen müssen.

Diese Geschichte ist eine Metapher auf das Leben. Ein unwahrscheinliches Produkt zahlloser Zufälle. Und natürlich steht am Anfang eine junge Frau. Genau genommen, steht die junge Frau vor ziemlich genau 24 Jahren in einem Club im indischen Mumbai. Auf der Bühne spielt der indische Schlagzeuger Rajesh mit seiner Band. Kurz darauf steht sie mit ihren Koffern vor seiner Tür, schließlich entführt sie ihn in ihre Heimat: Apulien.

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Zufall Numero due ereignet sich 23 Jahre später. An einem Anstieg des Giro delle Dolomiti fahre ich neben einem drahtigen, braun gebrannten Mann Anfang 40 auf seinem Carbon-Rennrad. Ein Inder, wohnhaft in den USA, kurz vor dem Umzug nach Usbekistan und vor allem: italienischer Staatsbürger. Alles klar? Die Unterhaltung endet mit den Worten: „Du musst mich unbedingt in Apulien besuchen.“ Unter dem Namen Pinnacolo Tours organisiert er in Süditalien Rennradtrips.

Dritter Zufall: Als ich im folgenden Frühjahr tatsächlich in dem schönen Städtchen Cisternino aufschlage, begrüßt mich ein strahlender Rajesh. An seiner Seite zwei Freunde von ihm. „Das sind Luca und Luca. Sie kenne ich auch vom Giro delle Dolomiti“, erklärt Rajesh und verrät: „Beide kommen aus Italien, wohnen aber in Stockholm. Auch beide. Ihr Nachname beginnt jeweils mit M. Und sie haben sich zufällig beim Rennradfahren in Schweden kennengelernt.“ Keine weiteren Fragen.

Einen Willkommens-Cappuccino später sitzen wir auf den Rädern und jagen durch das Valle d’Itria. Und ich begreife schnell, dass der doppelte Luca mir Probleme bereiten wird. Das, was die beiden Amateurrennfahrer da vorn nämlich als lockeres Einrollen betrachten, bringt mich schnell in den anaeroben Bereich. „Keine Sorge, wir haben am Wochenende ein Rennen und müssen uns schonen“, beruhigen sie mich. Dann reicht Luca 1 seine Trinkflasche an Luca 2. „Halt mal kurz, gleich kommt ein Strava-Segment!“

Einfallsreicher Steuertrick

Während der Italo-Schwede um den KOM kämpft, nehme ich einen Tritt raus, lasse die Blicke schweifen. Erster Eindruck: So grün hatte ich mir Italiens Südosten nicht vorgestellt. Zweiter Eindruck: Ist das wirklich Italien? Diese kleinen Hütten mit ihren markanten Steindächern hätte ich eher in Zentralasien verortet. Tibet oder so. „Das sind die Trulli, die traditionellen Bauernhäuser Apuliens“, sagt Rajesh. Seit 1996 zählen sie zum Weltkulturerbe. „Je mehr Dächer ein Haus hat, desto wohlhabender sein Besitzer“, erklärt Rajesh sie zum Statussymbol. Wir passieren einzelne, fast verfallene Hütten, dann wieder prachtvolle Anwesen mit frisch getünchten Mauern. Es gibt sogar Luxushotels.

Die besondere Bauweise der Trulli geht auf einen Steuertrick aus dem 17. Jahrhundert zurück. Die Dächer bestehen aus lose gestapelten Steinen. Steuern mussten hier damals nämlich nur für bewohnbare Häuser entrichtet werden. „Nahten die Steuereintreiber, zog man ein paar Steine heraus und die Hütte stürzte zusammen“, erklärt Luca 2. Später ließ sich die dann wieder einfach zusammensetzen.

Café im Labyrinth

Im Finale des Anstiegs nach Ostuni rollen wir zu Luca 1 auf. Bestzeit knapp verpasst, er musste sich ja schonen. Ostuni ist eine der vielen mittelalterlichen Städte in Apulien. Eng und verwinkelt führen die Gässchen einem Labyrinth gleich durch den historischen Ortskern. Vor den Fenstern und auf den Balkonen hängt die Wäsche in der Sonne. Kleiner Nachteil: Aus mutmaßlich strategischen Erwägungen liegen all die malerischen Örtchen auf irgendwelchen Hügeln. Trainingstechnisch sicherlich praktisch, angesichts meines Trainingszustands eher weniger.

Dafür öffnen sich zwischen den Gassen immer wieder mal kleinere, mal größere, aber immer schöne bis prächtige Plätze. Und an schönen Plätzen im Süden Italiens finden sich immer auch schöne, kleine Cafés. Es gibt da wohl ein entsprechendes Gesetz. Genau wie das Gesetz, dass zu jeder gelungenen Rennradausfahrt eine ordentliche Kaffeepause gehört.

Genau die ruft Rajesh jetzt aus. Auf dem Programm stehen Espresso, Dolce und Spremuta d’Arancia – frisch gepresster Orangensaft. Während wir uns stärken, erzählt Rajesh, wie er zum Radsport gefunden hat. Wie der Onkel seiner Frau ihn aufs Rad gesetzt hat. Wie er beim Training mit den Locals anfangs nur hinterherfuhr. Inzwischen ist er längst einer von ihnen. Als er erzählt, schlägt im fliegenden Wechsel zwischen italienischer und englischer Sprache immer wieder der Inder durch. Dann mischt sich dieser leichte Singsang in die Stimme und er macht diese kaum merkliche, typisch indische Kopfbewegung, dieses leichte Wackeln.

Graveln im Olivenhain

Stramm geradeaus schießen wir kurz darauf Richtung Adria. Doch statt zum Strand geht es bald wieder scharf links ab – und landeinwärts. Wir biegen auf einen schmalen Weg ein und nach wenigen Metern heißt es: Schluss mit Asphalt. It’s gravel time. Doch die bis auf einige Schlaglöcher perfekte Schotterstraße stellt unsere Rennradreifen kaum vor Probleme. Mit Rückenwind fliegen wir durch die Landschaft mit ihren tiefbraunen Äckern und den mächtigen Olivenbäumen. Wir passieren eine Ape, diesen italienischen Dreirad-Roller, der hier noch ziemlich häufig zu sehen ist. Gut anderthalb Kilometer dauert der Schotterspaß, dann hat der Asphalt uns wieder. Auf Wirtschaftswegen rollen wir durch Olivenhaine. „Die Oliven sind Markenzeichen und Standbein der Region“, erklärt Rajesh. Manche Bäume sind bis zu 600 Jahre alt – und entsprechend wertvoll. „Oft pflanzen Eltern zur Geburt ihrer Kinder Bäume. Als Wertanlage für deren Zukunft.“

Doch etwas fehlt noch zur perfekten Tour: ein schöner Anstieg mit ein paar Kurven. Der beginnt am Zoo hinter Fasano. In neun Kehren gewinnt die Straße durch den Wald rund 200 Meter an Höhe. „Denkt dran, ihr müsst euch schonen!“, rufe ich den beiden Lucas hinterher. Doch sie hören mich nicht mehr. Ich entscheide mich für die ruhige Tour, genieße die Sonnenstrahlen und den Blick hinaus aufs Meer. Was für ein Zufall, dass ich gerade heute, gerade hier, im Sattel sitze. Was für ein unglaublich schöner Zufall!

Hier gibt's die GPS-Dateien zum Download:

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