RB 0408 Alpencross Aufmacher Björn Hänssler

Alpencross: Vier Top-Routen für alle Ansprüche

Abenteuer Alpen

Lust und Leiden, Freude und Schmerzen. In den Alpen spüren Rennradfahrer die Extreme.

Du bist ja verrückt!“ Wenn das die Reaktion auf Ihre Urlaubs­pläne ist, haben Sie garantiert einem Rennradbanausen erzählt, dass Sie über die Alpen fahren wollen. Nicht mit der Familienkutsche, sondern mit dem Rennrad. Von Bayern an den Gardasee – ohne Schlauchboot und Spielesammlung, nur mit dem Nötigsten im Rucksack. Aus eigener Kraft über alle Berge klettern, auf den höchsten Straßen Europas: Verrückt nennen das die einen, verzückt sind all jene, die der Faszination Rennrad verfallen sind.

Es ist die Königsdisziplin für Rennradfahrer und ein Traum für Radverrückte. Nach mehreren Monaten der Planung und des Trainings zur größten sportlichen Herausforderung der eigenen „Karriere“ aufzubrechen – ein unglaublich gutes Gefühl. Sooft die Beschreibungen der anderen gelesen, so viele Höhenprofile studiert und neidisch Fotoalben durchblättert. Jetzt ist es endlich so weit. Das Grau der Theorie mischt sich mit dem Grün der Hoffnung, und hätte die Ungewissheit eine Farbe, sie dominierte die Stunden vor dem Start.

Doch mit jeder Kehre, mit jedem Pass wird die Zuversicht größer, wächst das Zutrauen in die eigene Stärke. Aber Alpencross steht nicht nur für Lust. Es steht ebenso für Leiden und ein bisschen auch für die Lust daran. Dafür immer weiterzutreten – Umdrehung für Umdrehung, auch wenn die Beine schmerzen und die Lunge zu verbrennen scheint. Es steht dafür, den kleinen Mann im Kopf zu ignorieren, der immer wieder nervtötend fragt: „Warum tust du dir das an?“ Doch wenn dann nach einer gefühlten Ewigkeit die Steigung abnimmt, der Gipfel erreicht ist und man den Erfolg am Passschild schriftlich präsentiert bekommt, dann gibt es plötzlich keine Fragen mehr, und fürs Erste sind sogar die Schmerzen vergessen. In rasender Fahrt geht es ins Tal, in Serpentinen der nächsten Prüfung entgegen. Ein ständiges Auf und Ab, so lange, bis im Tal endlich das Blau des Gardasees in der Sonne blitzt.

RoadBIKE zeigt vier Wege über die Alpen, die zwar Start und Ziel gemeinsam haben, aber die Berge auf unterschiedlichste Arten erleben lassen.

Mehr Know-how für Ihre Touren über große Berge

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Für Einsteiger: Reschensee

„Wir dachten immer, Alpencross sei nur etwas für Super-Sportler, für drahtige Typen, die schon im Frühjahr viele tausend Kilometer auf dem Tacho haben. Aber es gibt ihn, den Weg über die Alpen, den wirklich jeder schafft. Ein echter Alpencross mit Pässen, Panorama und Jubelpose am Gardasee. Unsere Passpremiere feiern wir am Fernpass: Unter der alles überragenden Zugspitze erklettern wir die ersten 200 Höhenmeter. Geschafft!

Jetzt läuft der Motor, die Oberschenkel sind warm, und wir fliegen fast über den Reschenpass. Die größte Herausforderung unseres Alpenritts wird plötzlich zur Kleinigkeit – kaum zu glauben, dass da jemals Zweifel waren. Die Ausblicke auf die Weinberge Südtirols sind herrlich, und wir machen einen Abstecher mitten hinein. Bis nach Bozen rollen wir auf neuem Asphalt durch das Vinschgau – jetzt kann uns nichts mehr aufhalten. Nicht mehr weit bis zum Gardasee. Die Füße in die Fluten – ein erhebendes Erlebnis.“

RB Reschensee - Einsteigertour
Björn Hänssler
Reschensee: Wahrzeichen Südtirols und Gegenstand unvergesslicher Rennrad-Momente.

Alle Infos zur Einsteigertour

  • Tage: 2 bis 3
  • Kilometer: 349
  • Höhenmeter: 4192
  • Charakter: leicht
  • Route: Garmisch-Partenkirchen – Fernpass – Imst – Landeck – Prutz – Pfunds – Nauders – Reschenpass – Mals – Schlanders – Naturns – Meran – Bozen – Trient – Riva

Road-Book: Nach einer kurzen Einrollstrecke wartet der erste Berg dieser Alpenüberquerung: der Fernpass. Da der Start in Garmisch schon auf über 700 Meter erfolgt, ist der Anstieg auf 1215 Meter aber auch für unerfahrene Alpencrosser ohne Probleme zu bewältigen. Überhaupt lassen sich die anspruchsvollen Gebirgspässe auf dieser Tour geschickt umfahren: Wenn der Reschenpass bezwungen ist, geht es durch das Vinschgau – fast durchgängig auf dem neuen Radweg, auf sehr gut asphaltierten Wegen und überwiegend flach.

Wer sich gut fühlt, wählt kurz hinter Meran den Weg über den Gampenpass (1512 m), den Andalosattel (1024 m) und den Passo del Ballino (755 m). Die entspannte Variante führt ins wunderschöne Bozen und dann schnurstracks nach Süden bis Trient. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung bis ans Ufer des Gardasees, an die Promenade in Riva.

Über die Dolomiten

„Wir wollten es einfach wissen. Gemeinsam als verschworenes Team über die Alpen. Kein geschummelter Kurztrip, bei denen man den Bergen nur ausweicht – wir wollten sie bezwingen. Doch schon am Timmelsjoch sieht es so aus, als hätten wir uns mit den falschen Gegnern angelegt. Zwei Stunden dauert die Schlacht, aus der wir zwar als Sieger, aber mit reichlich Respekt für den Unterlegenen hervorgehen.

Jetzt kurbeln wir durch die Dolomiten – von der Aggressivität, mit der wir am Start standen, ist nichts mehr übrig. Aus Übermut ist Sanftmut geworden – statt zu beißen, bewundern wir die Schönheit der steilen Riffe, die aus den sattgrünen Wiesen in den Himmel ragen.

Passo di Giau, Passo di Campolongo, Karerpass, Grödner und Sellajoch: Namen, die wir für immer mit diesen Tagen in Verbindung bringen werden, an denen zwei Menschen gemeinsam die Alpen überquerten und aus eigener Kraft dem Himmel so nah kamen wie noch nie in ihrem Leben.“

Alle Infos zur Dolomiten-Tour

  • Tage: 6
  • Kilometer: 709
  • Höhenmeter: 15.074
  • Charakter: schwer
  • Route: Garmisch-Partenkirchen – Fernpass – Imst – Oetz – Sölden – Timmelsjoch – St. Leonhard – Jaufenpass – Sterzing – Brixen – Würzjoch – Zwischenwasser – Badia – San Cassiano – Passo di Valparola – Cortina d’Ampezzo – Passo di Giau – Colle Santa Lucia – Livinallongo – Arabba – Passo di Campolongo – Corvara – Grödner Joch – Sellajoch – Canazei – Pozza di Fassa – Karerpass – Ponte Nova – Passo di Lavaze – Cavalese – Castello/Molina – Passo Manghen – Borgo Valsugana – Caldonazzo – Passo di Vezzena – Roana – Pedescala – Arsiero – Passo Campolomon – Folgaria – Rovereto – Riva

Road-Book: Die anspruchsvolle Tour an den Gardasee biegt nach der Erklimmung des Fernpasses ins Ötztal ab. Dort wartet mit dem Timmelsjoch schon das Dach dieses Alpencross – 2509 Meter über dem Meer. Nur ein Highlight von vielen, geht es doch später kreuz und quer durch die Dolomiten.

Über den Jaufenpass führt die Tour nach Sterzing, weiter nach Brixen und dann über das wunderbar gleichmäßig ansteigende Würzjoch nach Zwischenwasser. Hoch zum Passo di Valparola und runter in den Wintersport- und Olympiaort Cortina d’Ampezzo.

Danach warten ebenso anspruchsvolle wie schöne Anstiege: Passo di Giau, Campolongo, Grödner Joch und Sellajoch: Klangvolle Namen, die Pässesammler nur allzu gerne in ihrem Tourenbuch vermerken. Es folgen der Karerpass, der Passo di Lavaze und mit dem Passo di Manghen der letzte Dolomiten-Pass der Tour. Bis hier war es ein schwerer Weg, aber das Gröbste ist geschafft. Nur noch über den Passo di Vezzena und den Passo di Compolomon, und es ist Zeit, die Füße ins Blau des Gardasees zu stecken.

Über das Stilfser Joch

„48, 25, 1844 – Zahlen, die mir seit Monaten durch den Kopf geistern. 48 Kehren, 25 Kilometer und 1844 Höhenmeter. Das Stilfser Joch ist ein Mythos, eine Legende, ein Traum. Es ist mein Traum, und heute soll er in Erfüllung gehen.

Monate der Vorbereitung liegen hinter mir, Monate der Ungewissheit. Ich komme aus Bremen – eine Stadt, deren höchster Gipfel der 50 Meter hohe Müllberg ist. Meine Steigung heißt Gegenwind, und jetzt wird sich zeigen, ob sich die einsamen Ausfahrten im Frühling gelohnt haben.

Schnell wandert die Kette von rechts nach links, und eher als mir lieb ist, hat sie das größte Ritzel erreicht. Ich kämpfe mich von Kurve zu Kurve, dann nur noch von Umdrehung zu Umdrehung. Die Schilder mit den Nummern der Kehren sind Fluch und Segen zugleich – quälend langsam zähle ich runter. Dieser Traum darf nicht zum Albtraum werden – absteigen ist keine Alternative. Dann endlich erklingt das Klicken der Pedale – Musik.“

Alle Infos zur Tour Stilfser Joch

  • Tage: 6
  • Kilometer: 535
  • Höhenmeter: 9.290
  • Charakter: mittelschwer
  • Route: Garmisch-Partenkirchen – Fernpass – Imst – Pillerhöhe – Nauders – Reschenpass – Prad – Stilfser Joch – Umbrailpass – Ofenpass – Zernez – Passo Bernina – Forcola di Livigno – Passo d’Eira – Passo di Foscagno – Bormio – S. Catarina – Gaviapass – Ponte di Legno – Passo Tonale – Cles – Andalo – Passo Ballino – Riva

Road-Book: Während man sich auf dem Weg über den Fernpass einrollt, kann man schon mal vom Höhepunkt der Tour träumen: dem Stilfser Joch, ein Pass mit legendärem Ruf. Doch vorher gilt es die Pillerhöhe und den Reschenpass zu überqueren. Dann geht es durch 48 Kehren hinauf zum „höchsten Rummelplatz Europas“ (2757 m). Bergab zum Umbrailpass und weiter ins Engadin. Man erklimmt den Ofenpass, und nach der Abfahrt wird Zernez erreicht. Bei der Auffahrt zum Passo Bernina schweift der Blick auf die Riesen Piz Bernina und Piz Palü, und dann führt die Route über die Forcola di Livigno zum Passo d’Eira und über den Passo di Foscagno nach Bormio. Es folgt ein Anstieg, der ganz sicher zu den schönsten Alpenpässen gehört und eine echte Herausforderung darstellt: Der Gaviapass mit 26 Kilometern und 1400 Höhenmetern.

Ist der Gipfel erreicht, hat man die höchsten Berge hinter sich. Passo Tonale, Andalo und Passo Ballino werden abgehakt, und mit Blick auf den Gardasee geht es die letzten 12 Kilometer bergab ins Ziel.

Kurz und deftig: Timmelsjoch

„Keine Kompromisse – wir wollen auf dem kürzesten Weg an den Gardasee. Timmelsjoch“, sagt mein Freund Andi zu mir und überzeugt mich schnell, dass wir den Reschenpass rechts liegen lassen – schließlich brauchen wir ja einen Scharfrichter auf unserem Kurztrip über die Alpen. Der Höhenmesser zeigt, dass der Gipfel über die spektakuläre Passstraße nicht mehr weit sein kann.

Doch dann geht es kurz hinter Obergurgl plötzlich bergab. Immer weiter – immer schneller, bevor die Straße wieder zu steigen beginnt. Noch nie habe ich eine Abfahrt so gehasst. Meter für Meter, Kehre für Kehre kämpfen wir uns weiter, bis wir auf dem Dach unserer Direttissima-Route angelangt sind. ‚Jetzt geht’s nur noch bergab‘, freut sich Andi. Und recht hat er! Wir fliegen hinunter nach Meran und weiter nach Bozen.

Doch dann machen wir Bekanntschaft mit der Ora. Dem gnadenlosen Südwind, der uns vom Gardasee entgegenbläst. Noch nie habe ich einen Wind so gehasst ...“

Alle Infos zur Tour „Diret Tissima“

  • Tage: 2
  • Kilometer: 310
  • Höhenmeter: 4700
  • Charakter: schwer
  • Route: Garmisch-Partenkirchen – Fernpass – Imst – Oetz – Sölden – Timmelsjoch – St. Leonhard – Meran – Bozen – Kaltern – Tramin – Trient – Riva

Road-Book: Der direkte Weg für einen Alpencross führt zunächst wie die anderen Varianten über den Fernpass nach Imst und weiter nach Oetz. Dann heißt es ab in den Süden – fast wie mit dem Lineal gezogen zum Gardasee. Durch das Ötztal bis nach Sölden, weiter über das Timmelsjoch. Ist der Alpenhauptkamm überquert, warten praktisch keine weiteren langen Anstiege bis zum Ziel.

Der Weg führt nach Südtirol – die nächsten Stationen heißen Meran und Bozen. Die Strecke zwischen den sehenswerten Städten führt über den neuen Radweg, der das ganze Vinschgau durchzieht. Von Bozen folgt die Route der Südtiroler Weinstraße, über Kaltern und Tramin geht es nach Trient. Jetzt heißt es noch mal letzte Kräfte sammeln für den Endspurt, und in Riva endet die direkte Route am Gardasee. Sie ist in zwei Tagen – oder für Verrückte gar an einem Tag – zu bezwingen.

Karte: Die vier Routen im Überblick

RB 0408 Alpencross Karte
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