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ROADBIKE-Meinung: Grüßen beim Rennradfahren?

Typenkunde: Grüßt man beim Rennradfahren?

Bei jedem Aufeinandertreffen mit anderen Rennradfahrern stellt sich die Frage: Grüßt man oder nicht? Redakteur Moritz Pfeiffer übt sich als Verhaltensforscher.

Busfahrer tun es, Zugführer auch, Motorradfahrer sowieso: Sie grüßen, wenn ihnen ein Artgenosse entgegenkommt. Rennradfahrer, so meine Beobachtung, haben keinen solchen allgemeingültigen Verhaltenskodex. Der homo pedalus zeigt vielmehr ein ausgesprochen individuelles Grüßgebaren, dessen unterschiedliche Erscheinungsformen ich in jahrelangen soziologischen Studien auf breiter empirischer Basis nach höchsten wissenschaftlichen Standards erforscht habe und im Folgenden kurz darstellen möchte.

Moritz Pfeiffer
Benni Hahn
Für RB-Redakteur Moritz Pfeiffer ist Grüßen unter Rennradlern Ehrensache.

Wer meine Erkenntnisse mit Skepsis betrachtet, ist herzlich eingeladen, eigene Beobachtungen anzustellen, sobald Straßen, Feld- und Radwege das nächste Mal dicht bevölkert sind von mehr oder weniger athletischen, lycra-umspannten Radsportlerkörpern. Unter allen Gruß-Typen mit Abstand am häufigsten zu beobachten: der respektvolle Kopfnicker. Sein Gesicht ist dem Gegenüber leicht zugeneigt, ein freundliches Lächeln kann seine Lippen umspielen, mitunter wird eine Hand kurz vom Lenker gelöst und zum Gruß erhoben. Die einander Begegnenden zollen sich geschwisterlich-verschwörerisch Respekt, der weltweit schönsten Form der Leibesertüchtigung zu frönen. Der Gruß ist unvoreingenommen, aufrichtig und enthält bei schlechten Witterungsbedingungen eine Spur Leidensgenossenschaft.

Ebenfalls weitverbreitet ist die huldvolle Minimal-Bekundung. Ihr geht oft ein unauffälliges Mustern voran, ob das Gegenüber eines Grußes auch würdig ist. Fällt die Begutachtung von Fahrerhaltung, Bekleidung und Material positiv aus, wird der Notwendigkeit eines sportlichen Grußes unter Gleichgesinnten wahlweise durch kurzes Abspreizen des kleinen Fingers oder kaum merkliches Hochziehen einer Augenbraue Genüge getan.

Das andere Extrem zeigt der überschwängliche Euphoriker. Dieser Gruß-Typ zeigt ein breites Grinsen, schmettert ein gut gelauntes „Hallo“ und winkt so begeistert, dass man fürchten muss, er könne die Kontrolle über sein Rad verlieren. Erklärung: Der Euphoriker ist überwältigt von den Gefühlen, die ihn auf dem Rennrad übermannen, er spürt und genießt die Natur, die Anstrengung, das Leben und verleiht impulsiv seiner Entzückung Ausdruck, dass alle Rennradfahrer einander in Liebe zum Sport zugetan sind.

Abschließend möchte ich noch mit einem weitverbreiteten Missverständnis aufräumen: Nahezu alle Rennradfahrer schimpfen über den arroganten Ignorierer, der – mit verspiegelter Brille, starrem Blick geradeaus und maximal spaßbefreiter Mimik – jeden noch so freundlichen Sportlergruß unbeantwortet lässt. Dieses Verhalten wirkt verständlicherweise zutiefst unsozial, die Erklärung ist jedoch einfach: Der als stinkstiefeliger Pseudo-Profi Verschrieene ist vielmehr – ähnlich wie der Euphoriker – ob des Erlebnisses Rennradfahren endorphingetränkt bis in die Haarspitzen und nimmt in diesem tranceähnlichen Zustand das grüßende Gegenüber schlicht nicht mehr wahr.

Deswegen mein Appell: trotzdem immer freundlich grüßen! Und aufeinander Acht geben.

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