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„Ich war immer eine Teamplayerin“​

Trixi Worrack beendet ihre Karriere „Ich war immer eine Teamplayerin“​

Fünfmal wurde Trixi Worrack Weltmeisterin im Mannschaftszeitfahren – Rekord. ROADBIKE hat mit der 40-Jährigen über ihre Laufbahn gesprochen.

Tony Martin, André Greipel – und nun Trixi Worrack: Warum ist 2021 das Jahr der Rücktritte von prägenden deutschen Fahrerinnen und Fahrern?

Ich finde es witzig, dass das so zusammenfällt. Wir haben uns jedenfalls nicht abgesprochen. Bei Tony war die Entscheidung ja eher spontan, auch André wollte meines Wissens nach ursprünglich noch ein Jahr fahren. André hat mir aber mal im Scherz gesagt, er mache solange weiter, wie ich fahre. Das hat er tatsächlich eingehalten (lacht).

Welchen deiner Erfolge würdest du besonders herausheben?

Es ist zwar schon eine Weile her – aber auf jeden Fall den zweiten Platz bei der Straßen-WM in Salzburg 2006. Dann natürlich die fünf WM-Titel im Mannschaftszeitfahren. Und meine Olympia-Teilnahme in Rio 2016 nach meinem Unfall – auch das würde ich als Erfolg bezeichnen, selbst wenn ich dort keine Medaille gewonnen habe.

Du bist die Frau mit den meisten WM-Titeln im Mannschaftszeitfahren. Warum war das "deine" Disziplin?

Das Mannschaftszeitfahren ist anders als ein Straßenrennen: die Vorbereitung der sechs Fahrerinnen, das Zusammengehörigkeitsgefühl, das gemeinsame Podium nach einem Sieg. Das finde ich besonders und das hat mich jedes Mal sehr motiviert, alles für das Team zu geben. Ich war immer eine Teamplayerin.

Du warst aber auch allein sehr erfolgreich, hast Zeitfahren, Rundfahrten und Sprints gewonnen, sowie im Cross und auf der Bahn: Woher kam deine Vielseitigkeit?

Das ist schwer zu sagen. In meinen Anfängen war ich am Berg gut und war besonders nach schweren Rennen noch endschnell, um den Sprint einer Gruppe zu gewinnen. Auch mein Training habe ich immer sehr vielseitig gehalten und mich nie auf eine Disziplin konzentriert. Nur 2016 habe ich gezielt das Zeitfahren trainiert, um mich bei der Deutschen Meisterschaft für Olympia zu qualifizieren. In den letzten Jahren konnte ich dann irgendwie fast alles, aber nichts richtig. Ich war aber so auch eine wertvolle Helferin, weil ich als Allrounderin bei fast jedem Rennen das Team unterstützen konnte.

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In Innsbruck 2018 gewann Trixi Worrack (links) zum fünften Mal WM-Gold im Manschaftszeitfahren.

Du hast deinen schweren Sturz im März 2016 bereits angesprochen: Dir musste in einer Notoperation eine Niere entfernt werden. Wie schlimm stand es um dich?

Das Problem war, dass ich fast keine äußeren Verletzungen hatte und im Krankenhaus zunächst nicht behandelt wurde. Auch das Röntgenbild hatte nichts gezeigt. Die inneren Blutungen hat deshalb niemand gesehen. Ich habe etwa drei Stunden auf dem Gang gelegen, ehe meine Nierenverletzung erkannt wurde. Im Nachhinein wurde mir gesagt, dass mich eine weitere halbe Stunde Warten wohl das Leben gekostet hätte.

Was hat dich damals mit 34 Jahren bewogen, trotzdem weiterzumachen?

Ich habe mental erstmal ein bisschen gebraucht. Mir war aber schnell klar, dass ich meine Laufbahn so nicht beenden möchte, sondern ich wollte über den Zeitpunkt selbst entscheiden. Immerhin hatte ich kurz zuvor die Katar-Rundfahrt gewonnen, war also sehr gut in Form. Ich glaube, für den Kopf wäre deshalb so ein erzwungenes Karriereende langfristig nicht gut gewesen. Deshalb habe ich schon etwa drei Wochen nach der OP wieder auf der Rolle trainiert und mich Richtung Olympia 2016 in Rio vorbereitet.

Haben die Erfolge nach deiner Verletzung für dich einen anderen, emotionaleren Stellenwert?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube zwar, dass ich an meine alte Leistungsfähigkeit nicht mehr herangekommen bin. Aber das kann auch am Alter gelegen haben und nicht unbedingt an der fehlenden Niere. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden mit allem, was ich nach der Verletzung noch erreicht habe. Ich hatte auch zum Abschluss bei Trek-Segafredo noch drei super Jahre und kann nun mit bestem Gewissen in den Ruhestand gehen.

Du hattest in deiner letzten Saison nochmal ein sehr hochwertiges Rennprogramm, warst zum fünften Mal bei Olympia dabei, obwohl du 2020 schon aufhören wolltest. War Tokio 2021 der Grund, dass du noch ein Jahr drangehangen hast?

Ich wollte eigentlich letzten Herbst schon aufhören und hatte direkt ein Jobangebot am Olympiastützpunkt in Erfurt. Da die Stelle aber am olympischen Zyklus hing, wurde sie mit Tokio um ein Jahr verschoben. Ich hätte also ein Jahr lang nichts gemacht, das wollte ich nicht. Als mich dann mein Team fragte, ob ich noch ein weiteres Jahr fahren möchte, hat das perfekt zusammengepasst.

Somit bist du auch am 2. Oktober das erste Paris–Roubaix der Frauen mitgefahren: Wie hast du das Rennen erlebt?

Ich bin heilfroh, dass es im Frauenrennen nicht ganz so extrem nass und rutschig war, wie tags darauf bei den Männern. Die ersten 30 Kilometer bis zum ersten Pavé waren so hektisch und schnell – wie ein Finale. Hinzu kam: Kein Team hat sich das Pflaster bei Regen angeschaut, im Rennen war es aber auch bei uns nass und sehr rutschig, es gab viele Stürze. Das war krass. Als ich aber am nächsten Tag das Männerrennen geschaut habe, war ich echt froh. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob das Frauenrennen unter diesen Bedingungen möglich gewesen wäre. Immerhin war es für uns alle das erste Mal auf dem Pflaster.

Was denkst du über die erste Tour de France der Frauen im kommenden Juli? Hätte dich das fast zum Weitermachen bewogen?

Zum Weitermachen hat mich das nicht bewogen, aber es ist auf jeden Fall etwas Besonderes und richtig gut für die Frauen, dass es die berühmte Tour de France jetzt auch für sie gibt. Ich sehe das allerdings auch mit etwas Sorge: Es gibt andere große Frauenrennen, die nicht an ein Männer-Event gekoppelt sind und deshalb von den Medien nicht so gepusht werden. Es wäre sehr schade für die anderen Veranstalter, wenn die reinen Frauenrennen dadurch unter den Tisch fallen und sich alles nur noch auf die gemeinsamen Events wie Tour de France, Paris–Roubaix oder die Flandern-Rundfahrt konzentriert.

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Als starke Zeitfahrerin gewann Worrack im Laufe ihrer Karriere neun Etappenrennen und wurde dreimal Deutsche Meisterin im Kampf gegen die Uhr.

Marcel Kittel, Tony Martin oder André Greipel standen als Gesichter für einen neuen, sauberen deutschen Radsport: Wie sehr ärgert es dich, dass ihr Frauen oft medial im Hintergrund geblieben seid, trotz ähnlicher Erfolge?

Ich bin so lange dabei, mich erschüttert sowas nicht mehr. Die Frauen waren oft erfolgreicher als die Männer, standen aber weniger im Fokus. Wir haben nach wie vor mit der Thüringen-Rundfahrt ein großes deutsches Etappenrennen, da kam kein weiteres hinzu. Auch die jüngste Straßen-EM in Italien hat wieder gezeigt: Alle deutschen Medaillen haben die Frauen geholt, dennoch reden alle nur über die Leistungen der Männer. Es hat sich schon ein bisschen was zugunsten der Frauen getan, aber die Männer sind eben immer noch die Männer.

Wo steht der Frauenradsport im Vergleich zu deinen Anfängen – und was muss noch verbessert werden?

Da hat sich eine ganze Menge getan. Als ich 2004 bei Equipe Nürnberger Profi wurde, war der Rennstall einer von nur zwei echten Profiteams. Die anderen Mannschaften bestanden aus Fahrerinnen, die nebenbei arbeiten mussten, um Geld zu verdienen. Das hat sich in den letzten zehn Jahren stark geändert: Es gibt heute viele große Teams mit sehr gutem Material und großem Betreuerstab. Das Level ist extrem gestiegen und das merkt man auch in den Rennen. Das Niveau im Frauenradsport ist bedeutend höher geworden. Für die Zukunft wird es wichtig sein, viele Frauenrennen im TV zu übertragen. Das ist das A und O. Die Frauenrennen sind kürzer als bei den Männern, dadurch ist es fast immer spannend. Bei den Männern sind hingegen oft nur die letzten 40 Kilometer interessant.

Wirst du dich selbst im Frauen-Radsport engagieren?

Ja, ich werde künftig am Olympiastützpunkt in Erfurt die Frauen trainieren, hauptsächlich auf der Straße. Dort möchte ich meine Erfahrungen weitergeben und bin sehr gespannt, wie das wird. Ich freue mich jedenfalls sehr auf die neue Aufgabe.

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