RB 2019 Ammar Kamel Syrien Reportage Björn Haenssler

Porträt Ammar Kamel

Syrischer Radsportler Ammar Kamel: Flucht nach vorn

2015 wird Ammar Kamel syrischer Juniorenmeister, kurz darauf flüchtet die Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Heute spricht Ammar fließend Deutsch und fährt in der Radbundesliga. Ein Porträt.

„Servus“, grüßt Ammar Kamel und grinst breit. Zwei Minuten vor der vereinbarten Zeit erscheint der 21-jährige Syrer am Treffpunkt. Kurzes Kennenlernen, dann rollen wir los auf eine Rennradrunde am Fuße der Schwäbischen Alb, und Ammar erzählt mir in fast fließendem Deutsch seine Geschichte. Es ist eine ernste Geschichte. Von Krieg und Frieden, von Flucht und Lebensgefahr. Aber auch eine Erfolgsgeschichte von einem gelungenen Neuanfang in einem fremden Land, von Willenskraft, Fleiß und Hoffnung. Vor allem aber ist es die Gesschichte einer großen Rennradleidenschaft.

RB 2019 Ammar Kamel Syrien Reportage
Björn Haenssler

2013 – Ammar ist gerade 15 Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und drei Geschwistern im syrischen Aleppo – weckt ein Onkel in ihm die Begeisterung für den Sport auf den schmalen Reifen. Die Eltern sind skeptisch. In Syrien herrscht Bürgerkrieg, seit 2012 wird auch in Aleppo gekämpft. Zweimal zerstören die Druckwellen von Bombenexplosionen alle Fensterscheiben in Ammars Elternhaus. Das historische Zentrum der über 4000 Jahre alten Stadt – 1986 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt – wird zerstört, fast täglich sterben Zivilisten, Hunderttausende Menschen fliehen. Und selbst ohne Kampfhandlung ist es für Rennradfahrer im dichten Verkehr gefährlich.

Doch Ammar ist Feuer und Flamme, verfolgt die Tour de France, will Rennen fahren. Sein großes Vorbild: Tony Martin. Im Frühjahr 2014 wird Ammar Fünfter bei den syrischen Jugendmeisterschaften, gewinnt bei Rennen Pokale und Medaillen.

Explosion im Radstadion

Oft trainiert Ammar auf einer Betonbahn im Radstadion in Aleppo, 400 Meter lang, immer im Kreis. Die Umkleidekabinen beherbergen ausgebombte Familien. Eines Tages im August 2014, als Ammar mit einem Teamkollegen seine Runden dreht, zerreißt eine ohrenbetäubende Explosion die Tribüne, wo gerade noch Kinder gespielt haben. Es gibt Tote und Verletzte, Ammar und sein Freund werden von den Rädern geschleudert. Eine Bombe? Eine Rakete von einem Flugzeug? Ammar kann es heute nicht mehr sagen. Seine Stimme ist leise, als er von diesem Tag erzählt.

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privat
Radrennbahn von Aleppo: Während Ammar (rotes Trikot) hier trainiert, tötet eine Bombe mehrere Menschen. Kurz darauf entscheidet die Familie, ihre Heimat wegen der Kämpfe zu verlassen.

Trotzdem ist Ammar zwei Tage nach der Explosion wieder vor Ort, räumt die Bahn frei von Splittern und Schutt und trainiert weiter. Seine Eltern aber haben genug. Sie entscheiden: Ammars Vater Abdullah soll fliehen, nach Deutschland, in Tony Martins Heimat, und die Familie nachholen. Abdullah Kamel flüchtet in die Türkei. Schlepper bringen ihn mit weiteren Flüchtlingen auf eine Insel, behaupten, die Gruppe befände sich schon in Griechenland. In Wirklichkeit sind die Geflüchteten noch in der Türkei und bleiben drei Tage ohne Wasser, Essen und weitere Informationen sich selbst überlassen. Schließlich, als ein Hubschrauber die Insel überfliegt, legen sie Feuer, um auf sich aufmerksam zu machen. Türkische Soldaten bringen sie zurück aufs Festland.

Abdullah Kamel ist verzweifelt, doch er versucht es erneut, nachts im Schlauchboot über das Mittelmeer. 200 Meter vor der griechischen Küste wird es zerstört, Ammars Vater schwimmt um sein Leben. Kalkül der Schlepper und Alltag an der EU-Außengrenze: Wer im Boot ankommt, kann zurückgeschickt werden, in Seenot befindliche Schiffbrüchige müssen hingegen gerettet werden – zumindest laut Völkerrecht. Abdullah Kamel schafft es bis zur Küste. Im Winter läuft er zu Fuß über die Balkanroute via Österreich bis nach Deutschland. Drei Monate dauert seine Odyssee, im Januar 2015 kommt er in Reutlingen bei Stuttgart an. Er lernt Deutsch, findet schließlich eine Arbeit und bemüht sich – unterstützt von ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern – um den Familiennachzug.

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Ammars Vater Abdullah während der mehrere Monate dauernden Flucht.

Grundsatzfrage am Flughafen

Ammar, seine Mutter Hala und die Geschwister warten in Aleppo sehnsüchtig auf jedes Lebenszeichen von Abdullah. Die Situation hat sich zwischenzeitlich nicht gebessert. Als im März 2015 erneut eine Bombe unweit von Ammars Elternhaus explodiert, siedelt Hala mit den drei Söhnen nach Damaskus um, wo die verheiratete Tochter mittlerweile lebt – das älteste Kind der Familie. Ammar findet eine unbeschädigte Straße von einem Kilometer Länge und nimmt sein Training wieder auf: die Straße rauf und runter, immer wieder. Seine Beharrlichkeit zahlt sich aus: Bei den syrischen Juniorenmeisterschaften gewinnt Ammar das Straßenrennen, kurz darauf wird er in die Nationalmannschaft aufgenommen. Diese residiert zu diesem Zeitpunkt in einem Hotel, in das auch Ammar einzieht: „Bei meiner Schwester war es eng, wir mussten sparen.“

Dauerhaft will die Familie aber nicht in Damaskus bleiben: Ammars 18. Geburtstag rückt näher, seine Einberufung in die syrische Armee droht – und damit die Gefahr, im Bürgerkrieg kämpfen zu müssen. Im November 2015 reist Mutter Hala mit den drei Söhnen über den Libanon in die Türkei, um dort bei Bekannten auf die Entscheidung über den Familiennachzug zu warten. Im Februar 2016 endlich die erlösende Nachricht: Die Einreise nach Deutschland ist bewilligt.

Ammar wickelt sein Rennrad in Transparentfolie ein, packt seinen Koffer – und steht am Flughafen vor einer Grundsatzfrage: „Wir hatten viele, viele Kilogramm Übergepäck, es war klar, wir müssen Dinge zurücklassen. Alle haben mich angeschaut, denn ich hatte als Einziger zwei Gepäckstücke: den Koffer mit all meinen Klamotten und Erinnerungsstücken – und das Fahrrad. Ich habe das Fahrrad mitgenommen.“

Vater Abdullah staunt nicht schlecht: Als er nach anderthalb Jahren endlich seine Familie in die Arme schließt, hat sein ältester Sohn nichts dabei außer den Kleidern, die er am Leib trägt. Und ein kaputtes Rennrad. Denn bei dem sind – Ironie des Schicksals – beim quasi ungeschützten Transport die Felgen und die Gabel gebrochen.

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Wiedersehen nach anderthalb Jahren: Abdullah und Ammar Kamel 2016 in Reutlingen.

Neustart an der Schwäbischen Alb

Im Februar 2016 kommt Ammar nach Reutlingen, bald gibt es für ihn nur noch: Deutsch lernen – und Rennrad fahren. Mit einem viel zu kleinen Leihrad kommt er, völlig außer Form, zum Vereinstraining des TSV Betzingen, beeindruckt Trainer Michael Raach aber mit seiner Zielstrebigkeit und Willenskraft. Raach, zugleich Inhaber des Radgeschäfts Hardy’s, nimmt Ammar unter seine Fittiche und stellt ihm sogar ein hochwertiges Carbon-Rennrad von Scott zur Verfügung. Dietmar Viesel wird ein enger Betreuer und nimmt Ammar oft zu den Rennen mit. 400, 500 Kilometer trainiert Ammar pro Woche. Anschließend büffelt er deutsche Vokabeln und Grammatik. Bereits im September 2016 wechselt Ammar aufs Gymnasium. „Mathe und Physik liegen mir“, erklärt er, „aber Textanalysen, Literatur und historische Texte auf Deutsch sind sehr schwer.“ Eine Lehrerin empfiehlt Ammar für das baden-württembergische Förderprogramm „Talent im Land“, er wird einer von 52 Stipendiaten, erhält eine kleine monatliche Förderung, wird zu Workshops eingeladen, lernt viele andere junge Menschen kennen.

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Auch in die lokale Rennszene ist Ammar bald gut integriert. Er erringt Platzierungen, steigt in die höchste Amateurklasse auf – und sammelt sogar internationale Rennerfahrungen: Mit der syrischen Nationalmannschaft startet Ammar bei der Algerien-Rundfahrt und den Arabischen Meisterschaften. In der Saison 2018 bestreitet er größere Rennen für eine Ludwigsburger Renngemeinschaft, 2019 wechselt er zum Münchener Bundesliga-Team Magnesium Pur. „Ich will die langen, schweren Rennen fahren, nur das bringt dich weiter“, erklärt Ammar, als wir nach unserer Tour noch zusammensitzen. Durch seinen Kopf spukt nicht zuletzt die Idee, mit dem Radsport eines Tages Geld zu verdienen – in einem kleinen Profiteam oder gar in höheren Sphären: „Mein Traum ist es, einmal die Tour de France zu fahren.“

Das Abitur hat Ammar ganz frisch in der Tasche, ein Jahr lang will er sich jetzt erst mal aufs Rennenfahren konzentrieren. Die unmittelbaren Ziele: erneut die Algerienrundfahrt und die Qualifikation für die Straßen-WM in Yorkshire. „Ich glaube ganz fest daran, dass es klappen kann. Wenn nicht, studiere ich Medizintechnik oder Luft- und Raumfahrttechnik. Rennen werde ich dann aber immer noch fahren.“

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Björn Haenssler
Neue Heimat für Ammar Kamel: die Schwäbische Alb.

Eine Rückkehr nach Syrien schließt Ammar aus: „Wenn man auf die Straße ging, wusste man nie, ob man lebend wieder heimkommt. Das hält man nicht aus.“ Die Bilder der Bombenexplosion im Radstadion haben Ammar lange begleitet, mittlerweile holen sie ihn seltener ein. Auch die Familie sieht ihre Zukunft in Deutschland: Abdullah Kamel arbeitet mittlerweile als Produktionsleiter in einer Firma für Druck- und Werbetechnik, seine Ehefrau Hala als Erzieherin, Ammars jüngere Brüder gehen aufs Gymnasium. Rennen fahren will Ammar immer, egal, ob es mit der Profikarrriere klappt. Ein anderer Traum ist schon bei den zur Radbundesliga gehörenden Deutschen Zeitfahrmeisterschaften 2019 in Erfüllung gegangen: ein gemeinsamer Rennstart mit Tony Martin.

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Björn Haenssler
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