84th La Fleche Wallonne 2020 - Men Elite Getty

Interview mit Marc Hirschi

Marc Hirschi: „Zwei Schritte in einem gemacht“

Tour-Etappensieger, Gewinner beim Fléche Wallonne, WM-Bronze: Marc Hirschi war eine der Entdeckungen der abgelaufenen Saison. Der 22-jährige Schweizer vom Team Sunweb begeisterte Fans und Fachwelt mit seiner mutigen und angriffslustigen Fahrweise. ROADBIKE hat mit ihm über seine herausragende Saison und seine Zukunft gesprochen.

Marc Hirschi, hatten Sie während der Saisonpause schon Zeit zu analysieren, warum 2020 für Sie so ein erfolgreiches Jahr war?

Es hat sich in dieser Saison ausgezahlt, dass ich in den letzten beiden Jahren hohe Umfänge trainiert habe. In meiner ersten Profisaison 2019 habe ich mich an die längeren Renndistanzen gewöhnt und im vergangenen Winter zwei Monate in Malaga trainiert. Neben der reinen Ausdauer habe ich auch meine Rückenmuskulatur stark verbessert. In den letzten Jahren hatte ich immer etwas Hüftschmerzen und habe mich nicht immer auf dem Rad wohlgefühlt. Es war nie richtig schlimm, aber die Corona-Pause habe ich genutzt, um meine Sitzposition zu verbessern und viel Core-Training zu machen. Das hat mir geholfen, effizienter auf dem Rad zu sitzen. Wenn man sich gut fühlt, dann macht das Training Spaß und dann trainiert man auch mehr und besser.

Wie müde waren Sie nach der kurzen, aber intensiven Saison?

Ich war schon sehr müde, vor allem mental. Es ist einfach viel passiert. Körperlich war ich noch ganz gut drauf, aber der Kopf brauchte eine Pause. Auch die Coronaunterbrechung war mental nicht leicht, denn auch da haben wir gezielt gearbeitet.

Wer Radprofi wird, der hofft, eines Tages Rennen zu gewinnen. Wie groß war die Erleichterung, als Sie bei der Tour de France Ihren ersten Profisieg eingefahren haben?

Sehr groß. Mein Ziel war es immer, Profi zu werden. Als ich das geschafft habe, war mein nächster Wunsch, in den Finals der Rennen mitzumischen. Dann habe ich plötzlich zwei Schritte in einem gemacht. Beim Criterium du Dauphiné kurz vor der Tour wollte ich auf Etappensieg fahren, aber dazu war ich nicht in der Lage. Bei der Tour lief es dann sehr gut – ich habe zwar auf der 2. Etappe gegen Julian Alaphilippe den Sprint verloren, aber ich war vorn mit dabei. Das kam für mich überraschend, plötzlich um Siege zu fahren und dann hat es auf der 12. Etappe auch mit meinem ersten Profisieg geklappt. Ich wusste zunächst nicht damit umzugehen und nach der Tour ging es mit der Weltmeisterschaft und den Ardennenklassikern direkt weiter. Es blieb einfach keine Zeit, die Dinge auch mal sacken zu lassen. Und selbst jetzt mit etwas Abstand fühlt es sich immer noch unwirklich an, zu den Besten zu zählen.

107th Tour de France 2020 - Stage 21
Getty
Marc Hirschi wurde zum Kämpferischsten Fahrer der Tour de France 2020 gewählt.

Wird es schwer, die Ergebnisse zu bestätigen? Immerhin haben die Gegner Sie jetzt auf dem Schirm.

Eins ist klar: Es wird nicht leichter. Wenn die Gegner einen kennen, bekommt man weniger Freiheiten und es wird schwerer, einen Unterschied zu machen. Aber ich möchte mich weiter verbessern und trainiere bereits hart für die neue Saison. Wenn ich mein Level erhöhe und fit in die Saison gehe, dann bin ich auch zuversichtlich, ähnliche Erfolge einzufahren.

Gibt es etwas, mit dem Sie 2020 bei sich selbst nicht zufrieden sind?

Nein, bei mir ist 2020 alles sehr gut gelaufen. Klar, in manchen Rennen war ich nah dran am Sieg, aber das ist auch Radsport: Manche Rennen gewinnt man, andere verliert man. Da denke ich nicht mehr drüber nach und bin auch nicht enttäuscht. Meine Leistungen 2020 lagen über meinen Erwartungen.

Ihr Sunweb-Coach Sebastian Deckert sagt, dass Sie einen ausgeprägten Renninstinkt aus der U23 mitgebracht haben. Woher kommt dieser Instinkt?

Mein Vater war mein erster Trainer und hat mir viel beigebracht. Auch meine Jahre als Bahnfahrer haben mich taktisch sehr gut geschult – wie man sich im Peloton versteckt und im richtigen Moment bewegt. Außerdem bin ich Mountainbike und Cyclocross gefahren, was mir fahrtechnisch sehr viel gebracht hat. Neu ist für mich die Taktik in einer Grand Tour. Drei Wochen laufen nun mal anders ab als ein Eintagesrennen. Da kann und muss ich noch viel lernen. Im Team haben wir aber mit Nicholas Roche oder Tiesj Benoot erfahrene Jungs, die mir bei der Tour sehr geholfen haben.

107th Tour de France 2020 - Stage 18
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Ein Sturz auf der 18. Etappe der Tour de France verhinderte den Griff nach dem Bergtrikot.

Als was für ein Fahrertyp sehen Sie sich langfristig?

Ich möchte mich erstmal auf die Klassiker konzentrieren. Momentan steht bei mir Lüttich-Bastogne-Lüttich ganz oben, denn dort wurde ich dieses Jahr als Zweiter knapp geschlagen. Das Größte wäre es natürlich, einmal Weltmeister zu werden und das Regenbogentrikot zu tragen. Vielleicht gehe ich perspektivisch auch mal eine Grand Tour im Gesamtklassement an. Dafür brauche ich aber noch mehr Erfahrung und mehr Ausdauer. Das wird frühestens erst in vier bis fünf Jahren ein Thema sein. Für den Moment konzentriere ich mich auf die Eintagesrennen und kleinere Rundfahrten.

Mit Romain Bardet kommt ein erfahrener Fahrer in Ihr Team, der bereits zweimal auf dem Podium der Tour stand und einen ähnlich aggressiven Fahrstil pflegt: Freuen Sie sich auf ihn?

Es ist großartig, jemanden wie Romain im Team zu haben. Er hat eine andere Sicht auf den Radsport, davon können wir gegenseitig profitieren. Neue Fahrer sind immer gut, denn sie bringen neue Ideen und Input in eine Mannschaft. Mit Romain haben wir eine weitere Karte, die wir ausspielen können. Ich hoffe, dass wir wieder in die Form von diesem Jahr kommen und genauso erfolgreich sind. Ich bin jedenfalls optimistisch.

Was sind Ihre Ziele für 2021? Immerhin steht durch die anhaltenden Coronazahlen vieles im Ungewissen.

Mein Fokus liegt auf den Ardennenklassikern. Dort möchte ich in Topform sein und gewinnen. Welches Rennen ist mir egal, Hauptsache ein Erfolg steht zu Buche. Über eventuelle Absagen oder Verschiebungen von Rennen denke ich kaum nach. Die Saison 2020 hat gezeigt, dass der Radsport auch in der Pandemie große Rennen austragen kann. Das Blasensystem hat sich bewährt und alles weitere kann ich nicht beeinflussen.

93rd UCI Road World Championships 2020 - Men Elite Road Race
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WM-Bronze in Imola: Marc Hirschi (r.) träumt davon, einmal das Regenbogentrikot zu tragen.

Die Tour de France 2021 besitzt viele mittelschwere Etappen, auf denen Sie dieses Jahr auf Etappenjagd gegangen sind. Ist die Tourstrecke 2021 eine Marc-Hirschi-Strecke?

Ich habe mir den Parcours noch nicht genau angeschaut. Ich weiß nur, dass zwei Zeitfahren anstehen und wir zweimal an einem Tag den Mont Ventoux fahren müssen.

Wann ist 2021 für Sie eine erfolgreiche Saison? Müssen die Ergebnisse stimmen oder die persönliche Entwicklung als Fahrer?

Es ist eine Mischung aus beidem. Ich konzentriere mich auf meine persönliche Entwicklung und darauf, als Kapitän innerhalb des Teams zu wachsen. Man kann sich nicht immer nur auf Ergebnisse konzentrieren. Eine Krankheit oder Verletzung im falschen Moment kann die Ergebnisse stark beeinflussen. Ich möchte an meine Leistungen aus 2020 anknüpfen und dann werden sich auch die Ergebnisse einstellen.

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