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Radprofis im Interview
Cycling: 105th Tour de France 2018 / Stage 9 Tim de Waele

John Degenkolb im Exklusiv-Interview mit ROADBIKE

Degenkolb über Buchmann: „Das war schon eine Nummer!“

Höhentrainingslager statt Tour de France: In diesem Jahr war Radprofi John Degenkolb nicht bei der „Großen Schleife“ am Start, stattdessen bereitete er sich in den Alpen auf Polen-Rundfahrt, Vuelta und die Weltmeisterschaft in Yorkshire vor. Am Rande der Trek-World sprach Degenkolb mit RB-Redakteur Christian Brunker über die deutsche Tour-Überraschung Emanuel Buchmann und seine Ziele für die restliche Saison.

ROADBIKE: Hast du die Tour de France verfolgt?

John Degenkolb: „Ja, dadurch, dass ich im Trainingslager in Livigno war, hatte ich nachmittags oft Zeit, die Etappen fast alle zu sehen.“

Radprofi John Degenkolb im Interview mit RB Redakteur Christian Brunker
ROADBIKE/Christian Brunker
Radprofi John Degenkolb (r.) im Interview mit RB-Redakteur Christian Brunker.

RB: Was hat dich am meisten beeindruckt?

Degenkolb: „Ich war das erste Mal so richtig gefesselt, was den Kampf um das Gesamtklassement angeht. Der war ja knapp wie lange nicht. Wenn man im Rennen ist, bekommt man zwar mit, wer gewonnen hat und wie die Abstände sind, aber man hat dann zu viele andere Sachen im Kopf, um beispielsweise die letzten zehn Kilometer noch mal im Fernsehen anzuschauen. Das habe ich dieses Jahr dann komplett gemacht, und wenn man das alles mitverfolgt, wie sich die Rennfahrer fühlen, das war schon extrem interessant. Das war jetzt auch mal für mich eine andere Sichtweise.“

RB: Wie kam es zu der Entscheidung, dass du dieses Jahr nicht dabei bist?

Degenkolb: „Die Gespräche haben lange vorher schon begonnen, wie zum einen die Ausrichtung der Mannschaft bei der Tour de France ist, aber auch über meine Planung der Restsaison. Es war dann auch eine Entscheidung für die Weltmeisterschaft und für die Vuelta. Deshalb konnte ich jetzt auch das Höhentrainingslager während der Tour de France machen, was mit Blick auf die anstehenden Rennen ein Vorteil ist. Deswegen trauere ich jetzt nicht dieser Tour de France hinterher.“

Cycling: 105th Tour de France 2018 / Stage 9
Justin Setterfield
John Degenkolb bei seinem Tour-de-France-Etappensieg 2018.

RB: Mitgefahren wärst du aber schon gerne?

Degenkolb: „Natürlich. Man fährt immer gerne die Tour mit, sie ist das größte Event mit der größten Aufmerksamkeit. Letztes Jahr habe ich bei der Tour einen meiner größten Siege eingefahren. Dort dann dieses Jahr nicht dabei zu sein ist, natürlich schon eine kleine Enttäuschung. Aber ich habe jetzt richtig gut trainiert, fühle mich extrem stark und hoffe, dass ich bei der Polen-Rundfahrt in den Rennrhythmus reinkomme und dass ich dann bei der Vuelta und der Weltmeisterschaft tolle Ergebnisse einfahren kann. Und dann können wir am Ende sagen, wir haben alles richtig gemacht.“

RB: Rechnest du dir bei der WM in Yorkshire etwas aus?

Degenkolb: „Auf jeden Fall. Das ist ein Kurs, der mir liegen kann. Letztes Jahr in Innsbruck war es ein extrem schwerer Kurs, der überhaupt gar nichts für mich war, nächstes Jahr Olympia ist auch extrem schwer. Deshalb muss man die Chancen nutzen, die man bekommt. Ich bin auf jeden Fall hochmotiviert, in Yorkshire in Topform mit dabei zu sein und eine starke Mannschaft zu haben und dort auch etwas zu zeigen.“

RB: Was sagst du zur deutschen Tour-Überraschung Emanuel Buchmann?

Degenkolb: „Er hat sich noch einmal weiterentwickelt und einen weiteren Schritt gemacht. Er hat ja in den Vorjahren etwa bei der Dauphine schon gezeigt, dass er vorne mitfahren kann. Dieses Jahr hat er dieses Niveau gehalten und ist sogar noch ein Stück weit besser geworden. Es ist fantastisch zu sehen, dass er sein Potenzial gut ausgeschöpft hat und am Ende ganz knapp am Podium vorbeigeschrammt ist. Die Attacke, die er am Tourmalet gefahren hat, das ist schon eine Nummer. So nahe an der Ziellinie noch in der Lage zu sein, zu attackieren, das ist einfach schön zu sehen.“

RB: Glaubst du, dass er die Tour mal gewinnen kann?

Degenkolb: „Naja, ich sehe jetzt auch, was beispielsweise in der BILD-Zeitung geschrieben wird, und das ist einfach nicht hilfreich. Ich mag ihn unheimlich gerne, und ich finde, er macht das richtig gut, dass er sich nicht verstellt und so rüberkommt, wie er ist. Ich glaube, er hat natürlich das Potenzial dazu, sich nochmal zu steigern, aber ob er wirklich die Tour gewinnen kann, das liegt in den Sternen.“

81st Gent-Wevelgem In Flanders Fields 2019
Luc Claessen
Völlige Erschöpfung nach dem Zielsprint.

RB: Der Ausstieg von Tibaut Pinot war ja wirklich tragisch, oder?

Degenkolb: „Ich konnte es auch nicht glauben. An dem Tag hatte ich Ruhetag und habe vom Start weg geschaut. Als er dann nach nicht einmal 10 Kilometern zurückgefallen ist, dachte ich: Was macht der da am Doktor-Auto? Und dann war es ja leider abzusehen, als sein Rückstand immer größer wurde. Das war schon krass. Aber das ist halt typisch für den Leistungssport, dass er so schnelllebig ist. Die Momente, die du erleben darfst, die musst du auch genießen, weil man nie wissen kann, was eine Woche später ist.“

RB: Beeindruckend war ja auch die Leistung von Julien Alaphilippe.

Degenkolb: „Man kann es immer von zwei Seiten betrachten: Julien Alaphilippe kann natürlich froh sein, dass er noch fünfter geworden ist, auf der anderen Seite wäre es natürlich für ihn schön gewesen, wenn er bis zum Ende durchgehalten hätte.“

103rd Tour of Flanders 2019 - Ronde van Vlaanderen
Tim de Waele
Degenkolb ist ein Spezialist für die Frühjahrsklassiker.

RB: Er ist ja das Rennen seines Lebens gefahren.

Degenkolb: „Absolut. Trotz alledem bin ich mir sicher, dass er nicht nur mit einem lachenden Auge nach Hause fährt. Wenn du so nah an Paris bist und immer noch das Gelbe Trikot trägst, dann willst du es auch bis zum Ende auf deinen Schultern haben.“

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