Berg- und Talfahrt: Der GFNY Grand Ballon in den Vogesen GFNY Grand Ballon/Sportograf

Mitgefahren beim Rennrad-Marathon: Der GFNY Grand Ballon

Mitgefahren: ROADBIKE beim Rennrad-Marathon Berg- und Talfahrt: Der GFNY Grand Ballon in den Vogesen

Eine Berg- und Talfahrt durch die Vogesen: ROADBIKE-Redakteur Christian Brunker war beim Grand Fondo New York Grand Ballon im Elsass dabei.

Kurz/Knapp

  • Das Event: Grand Fondo New York Grand Ballon
  • Location: Thann, Frankreich
  • Lange Runde: 148 km, ca. 4000 Hm
  • Medium Runde: 57 km, ca 1599 Hm
  • Teilnehmer insgesamt: ca. 300 auf der Langdistanz
  • Pässe: u.a. Grand Ballon, Col du Firstplan, Petit Ballon, Col du Platzerwasel
  • Webseite: grandballon.gfny.com

Knockout im ersten Drittel

Es knallt. Der Garmin geht fliegen. Ich zieh die Bremse, rolle in den Straßengraben, um den Garmin wieder einzusammeln. Als das Hinterrad auf dem Schotter rollt, merke ich: Da ist die Luft raus. Durchschlag, trotz tubeless. Verdammt, ärgere ich mich. Hat mich doch das Schlagloch auf der Abfahrt vom Grand Ballon erwischt – oder besser natürlich: Ich hab es erwischt. Ein Fahrfehler und mein Risiko, ich musste ja als letzter Fahrer in einer Dreiergruppe die Abfahrt auf dieser echt schlechten Straße runterrauschen. Schon vorher hatte ich einigen Straßenschäden ausweichen können, doch diesmal habe ich es zu spät gesehen. Naja, Glück im Unglück: Noch während ich meinen traurig schlappen Schlappen begutachte, hält ein Auto in einer nahen Parkbucht und fragt mich, ob Hilfe bräuchte.

Noch während ich eigentlich höflich abwinke, holt er meine Rettung aus dem Kofferraum: Eine Standpumpe! Zuerst habe ich noch die Hoffnung, die frische Dichtmilch würde die beiden Löcher verschießen, doch je länger ich pumpe und je mehr andere Fahrer an mir vorbeirauschen, desto mehr kapituliere ich. Die Milch spritzt und zischt, aber im Reifen baut sich dennoch kein nennenswerter Druck auf. Also doch den Ersatzschlauch einziehen. Glücklicherweise gehen die Pirelli PZero Tubeless-Reifen gut von der Felge, sodass der neue Schlauch schnell drin ist. Auch der Mantel fluppt einigermaßen mit vereinten Kräften. Zwischenzeitlich habe ich weitere Unterstützung bekommen: Ein Service-Auto vom GFNY-Team hat gestoppt und montiert mir das Hinterrad, während ich das nutzlos gewordene Tubeless-Ventil samt Mutter vom Schotter aufsammele. So muss ich nur noch aufspringen und bekomme sogar noch einen kurzen Anschub. Mit vielen "merci" mache ich mich wieder auf den Weg. Es sind ja nur noch rund 100 Kilometer, die ich jetzt in Angriff nehmen muss, wobei der Kopf lädierter ist als das geflickte Rad.

Christian Brunker/ROADBIKE
Kurz vor dem Start in Thann. Rund 300 Fahrer gehen auf die lange Runde.

Dabei hatte alles so schön angefangen: Bei leichter Bewölkung und perfekten, nicht zu heißen Temperaturen war ich mit ca. 300 anderen Teilnehmern beim Grand Fondo New York Grand Ballon im elsässischen Thann gestartet. Kaum aus dem Ort raus ging es über den wenig bekannten Le Plan Diebold – das perfekte Aufwärmprogramm. Ich schaffe es auch, mich beim Start zurückzuhalten und nicht mit den anderen Heißdüsen direkt mit Puls 180 noch vor dem ersten von am Ende rund 4000 Höhenmetern sämtliche Körner zu verballern. Während rechts und links andere Rennradfahrer an mir vorbeiziehen, denke (und hoffe ich), zumindest einige davon später wieder einzusammeln. Denn rund 150 Kilometer mit den erwähnten 4000 Höhenmetern sind schließlich eine ordentliche Herausforderung. "Hinten sticht die Biene", das soll heute mein Motto sein.

Aus drei mach eins

Eigentlich wollten wir von der ROADBIKE zu Dritt am Start stehe, doch leider hat Corona zugeschlagen. Kollege Eric ist noch in der Rekonvaleszenz, an fordernde Radmarathons ist nicht zu denken, Kollege Moritz musste mit einer frischen Corona-Infektion kurzfristig passen. So muss ich dann alleine die Redaktionsfarben hochhalten.

Christian Brunker/ROADBIKE
Eigentlich wollten wir zu dritt antreten, wegen Covid blieb nur RB-Redakteur Christian Brunker übrig.

Nach dem ersten Appetit-Happen steht dann der namensgebende Grand Ballon auf dem Streckenplan: Knapp 16 km und 1000 Höhenmeter erwarten mich, während ich durch den Wald in gutem Tempo nach oben kurbele und einige Mitstreiter gefunden habe, die ein ähnliches Tempo anschlagen. Kleiner Haken: Bei einem knarzt das Rad (vermutlich die Sattelstütze), beim anderen die Kette – ziemlich nervig. Leider erlauben es die Beine nicht, sie stehenzulassen. Und absichtlich zurückfallen lassen, kommt überhaupt nicht infrage. Also muss ich mit der Geräuschkulisse leben. Irgendwann endet der Wald und der Ausblick in die tief unter mir liegende Rheinebene erschlägt mich fast – ich muss sogar anhalten und ein erstes Foto machen, ehe ich die Passhöhe schließlich erreiche. Nach ein paar flachen bis welligen Kilometern in Richtung Le Markstein, geht es an der dortigen Kreuzung hinab in Richtung Lintal/Lautenbach, vorbei am idyllischen See mit dem wunderschönen Namen "Lac de la Lauch"… Nein, ein Lauch möchte ich heute nicht sein. Stattdessen geht es so schnell bergab, wie es die schlechte Straße zulässt – bis eben dieses eine Schlagloch die Abfahrt jäh beendet.

Danach lerne ich aufs Neue, wie sehr so ein Radmarathon im Kopf stattfindet. Denn es dauert eine Weile, bis ich meinen Frust über den Defekt, die verlorene Zeit, den Ärger über meinen Fahrfehler und die Sorge vor einem neuerlichen Defekt beiseiteschieben kann. Denn der Ersatzschlauch steckt ja jetzt im Hinterrad, macht jetzt das Vorderrad schlapp, hätte ich wirklich ein Problem und müsste hoffen, irgendwo und schnell einen Ersatzschlauch auftreiben zu können. Insgesamt kein gutes Gefühl, das auch nicht besser wird als ich merke, dass auch mein Computer-Mount Schaden genommen hat. Ein kleines Eckchen ist herausgebrochen, der Edge 1040 hält zwar noch, aber wirklich sicher wirkt das ganze nicht. Aus Sorge, der Edge könnte auf der nächsten Abfahrt wieder auf der Straße landen, entscheide ich mich dafür, ihn bergab in die Trikottasche zu stecken – sicher ist sicher. Nur bergauf mag ich auf Infos zu Steigungsprozenten und Wattleistung nicht verzichten.

Pässe mit klangvollen Namen

Im Kopf gehe ich unterdessen die restliche Strecke durch und mache mir Mut: Der jetzt anstehende Col du Firstplan sieht im Streckenprofil nicht so wild aus und hat auch nur 460 Höhenmeter. Der Petit Ballon ist dann nochmal ein richtiges 845-hm-Brett, aber auch schon der vorletzte richtige Anstieg, ehe es zum großen Finale noch einmal zum Grand Ballon hinaufgeht, diesmal von Norden über den Col du Platzerwasel und den Markstein. Alles legendäre Namen, die alleine schon für Motivation genug sorgen sollten.

Christian Brunker/ROADBIKE
Immer wieder hilft der Blick aufs Oberrohr mit dem verbleibenden Höhenprofil.

Außerdem hilft die traumhafte Landschaft der Vogesen dabei, die drüben Defekt-Gedanken beiseite schieben zu können, die äußeren Bedingungen mit angenehmen Temperaturen sind geradezu perfekt. Und so schaffe ich es nach wenigen Kilometern, wieder Spaß am Rennen zu bekommen. Und auch, dass ich langsam wieder auf andere Fahrer aufschließe und mich nicht mehr fühle, als hätte ich die rote Laterne kurz vorm Besenwagen, lässt die Laune steigen. So ist der Firstplan schnell im Sack, jetzt also der Petit Ballon. Und ein Berg der "Petit", auf Deutsch "klein" heißt, kann doch so wild nicht sein. Äh, doch. Denn gerade am Beginn der Steigung warten ein paar fiese Rampen mit mehr als 12%, die hochgewuchtet werden wollen während gleichzeitig die Beine die ersten deutlichen Ermüdungsanzeichen vernehmen lassen. Aber es ist ja der vorletzte Anstieg, also den nur noch hoch und dann wird der letzte Berg auch schon irgendwie gehen, sage ich mir. Immer wieder lassen auch die herrlichen Panoramen die Laune steigen und lösen Glücksgefühle aus. Die Vogesen sind einfach eine traumhafte Landschaft, die definitiv eine Reise wert sind.

Mittlerweile ist auch das Vertrauen ins Material wieder hergestellt. Der neue Schlauch im Hinterreifen ist dicht, und auch der Vorderreifen hält durch. Weil er Edge gerade wieder in der Trikottasche steckt, habe ich auch keine Ahnung, wie weit es noch ist. Immerhin bewege ich mich wieder im Feld, teilweise sind die anderen Starter in ihren grünen GFNY-Trikots wie an der Perlenschnur aufgereiht vor mir und bergauf schaffe es sogar, ein paar von ihnen einzusammeln – aber nur um die Positionen gleich danach auf der Abfahrt wieder zu verlieren.

Mühsam nährt sich das Eichhörnchen

So langsam wächst die Zuversicht, dass ich das Ziel aus eigener Kraft und im Zeitlimit erreiche, Cola und Riegeln an den Labestationen sei dank. Nun also noch das große Finale zum Grand Ballon über den Col du Platzerwasel und den Breitfirst mit noch einmal rund 650 Höhenmetern. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen denke ich mir, während die verbleibenden Höhenmeter nur sehr, sehr langsam weniger werden. Aber so lange die Kurbel sich dreht, geht es voran und irgendwann ist wieder der Markstein erreicht. Jetzt, nach 107 km, stehen gefühlt die ersten flachen Kilometer an und vor dem ersehnten Ziel warten nur noch zwei kleine Rampen, beide mit weniger als 200 Höhenmetern. Zuerst geht es wieder auf den Grand Ballon und auf der Abfahrt in Richtung Cernay wartet noch der Vieil Armond, auf Deutsch Hartmannswillerkopf mit seinem Denkmal für die Gefallen des Ersten Weltkriegs. Psychologisch spannend: Beide Anstiege sind ja für sich genommen kaum der Rede wert, aber zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Ziel greifen sie die Moral mindestens so stark an wie die verbliebenen Energie-Reserven. Also noch einmal aufs kleine Kettenblatt und das kleinste Ritzel und Kurbelumdrehung um Kurbelumdrehung nach oben wuchten. Endlich sind die letzten Hürden genommen und es geht wieder runter in Richtung Rheinebene. Nur bin ich mittlerweile allein auf weiter Flur, von anderen Fahrern ist nichts mehr zu sehen. Immerhin keine Notwendigkeit für einen Zielsprint denke ich mir, während ich mich wieder Thann nähere und dankend die anfeuernden Rufe der Streckenposten entgegennehme. An dieser Stelle ein Lob an die Veranstalter: Alle Kreuzungen und Einmündungen waren sehr gut abgesichert und der Vorrang der Teilnehmer sichergestellt. Auch die Routenbeschilderung ließ nichts zu wünschen übrig.

GFNY Grand Ballon/Sportograf
Im Ziel.

Dann sehe ich den Platz, wo ich vor mittlerweile 7:12 Stunden mein Vogesen-Abenteuer in Angriff genommen habe. Immerhin: Der Zielbogen steht noch, und auch die ersehnte Medaille baumelt schnell um meinen Hals. Im Hintergrund läuft noch die Siegerehrung der verschiedenen Altersklassen, während mit andere Finisher mit Bechern voller Sauerkraut entgegenkommen. Ja, ich weiß, Sauerkraut, französisch "choucroute", ist eine lokale Spezialität, aber für meinen Magen gerade nicht das richtige…

Das Ergebnis

Christian Brunker/ROADBIKE
Im Ziel mit Finisher-Medaille.

Und hier noch das Ergebnis: Mit meiner offiziellen Zeit von 7:12:38 bin ich auf dem Gesamtplatz 227 gelandet, insgesamt erreichten 287 Fahrer das Ziel der langen Runde. Angesichts meiner rund 20-minütigen Zwangspause wegen des Defekts bin ich ganz zufrieden. Ohne diese Verzögerung wäre ich auf ca. Platz 200 gelandet. Der letzte gezeitete Teilnehmer blieb mit 9:59:42 haarscharf unter der 10-Stunden-Grenze. Der Sieger war hingegen schon nach 4:32:10 im Ziel.

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