Benjamin Hahn

Tubeless-Reifen im ROADBIKE-Test: Reif für die Masse?

Rollwiderstand und Pannenschutz sprechen klar für Schlauchlos, eine neue Norm soll die Montage erleichtern: Sind Tubeless-Reifen damit reif für die breite Masse? Das klärt der große ROADBIKE-Test.

Übersicht: Die getesteten Reifenmodelle:

Continental GP 5000 TL (bester Pannenschutz)

Ere Research Genus Tubeless

Mavic Yksion Pro UST

Maxxis Highroad TR

Pirelli Cinturato Velo TLR

Schwalbe One TLE (Testsieger)

Tufo Comtura 4 TR

Vorteile und Nachteile von Tubeless-Reifen

Tubeless-Reifen bieten im Vergleich zum klassischen Reifen-Schlauch-System viele Vorteile: Weil im Reifen kein Schlauch walkt, rollen sie leichter und deshalb schneller. Selbst bei geringerem Luftdruck, was wiederum Komfort und Grip verbessert. Zudem sind sie extrem pannensicher, da keine Durchschläge drohen und die eingefüllte Dichtmilch kleinere Löcher innerhalb weniger Radumdrehungen verschließt.

Trotzdem hat die Technologie am Rennrad einen schweren Stand: Bei der letzten RB-Leserbefragung gaben gerade mal sechs Prozent der Befragten an, auf dem Rennrad tubeless unterwegs zu sein, die überwältigende Mehrheit setzt auf die klassische Lösung mit Schlauch. Kein Wunder: Die Technologie hat sich über Jahrzehnte bewährt und bietet mittlerweile ebenfalls sehr hohen Pannenschutz bei geringem Rollwiderstand. Und die notwendigen Handgriffe – Reifen aufziehen, Schlauch einlegen, aufpumpen – beherrschen viele Rennradler längst im Schlaf. Kurz: Das klassische System aus Reifen und Schlauch funktioniert bereits so gut, dass für viele keine Notwendigkeit besteht, Tubeless auszuprobieren – selbst wenn inzwischen viele Neuräder mit tubeless-kompatiblen Laufrädern kommen und ein Umstieg meist ohne hohe Umrüstkosten erfolgen könnte. Das Hauptargument gegen Tubeless ist nach wie vor oft die ungewohnte Handhabung: das Abdichten der Felge, das Hantieren mit Dichtmilch und, vor allem, das schwierige Aufziehen der oft stramm sitzenden Reifen.

Neustart dank ETRTO?

Zumindest für den letzten Punkt verspricht nun eine entscheidende Neuerung Abhilfe: Seit kurzer Zeit existiert erstmals ein Industriestandard für Tubeless-Rennradfelgen, festgeschrieben von einer Arbeitsgruppe innerhalb der ETRTO.

Stichwort ETRTO
Die European Tire and Rim Technical Organisation (ETRTO) ist eine Vereinigung, der vor allem Reifen-, Felgen und Ventilhersteller angehören. Ihr Ziel ist es, die national oft abweichenden Größenbezeichnungen von Auto-, Motorrad-, Flugzeug- und Fahrradreifen, -felgen und -ventilen durch einheitliche Angaben und klar definierte Normen zu ersetzen. Dies soll die Austauschbarkeit, Anwendung und Montage erleichtern und die Sicherheit erhöhen. Eine ETRTO-Größenbezeichnung von 25 x 622 steht beispielsweise für einen 25 mm breiten Fahrradreifen mit Innendurchmesser 622 mm, der entsprechend auf eine 622er-Felge passt.

Bisher kochten Reifen- und Felgenhersteller ihr eigenes Süppchen, um der zentralen Herausforderung bei Tubeless am Rennrad zu begegnen: sicheres Dichthalten des Reifens in allen Situationen. Die Folge: mitunter extrem schwer zu montierende Reifen. Dank der neuen Norm gibt’s nun klar definierte Toleranzvorgaben, nach denen die Hersteller ihre Produkte entwickeln können. Das bedeutet Orientierung für die Hersteller und hohe Sicherheit bei leichterer Handhabung für die Nutzer. „Ab jetzt wird es einfacher, gute Reifen-Felgen-Kombinationen zu finden“, glaubt Lionel Kamarad, Consumer Experience Manager bei Mavic. „Wenn ein Hersteller außerhalb der Norm liegt, kann man ihn einfach entlarven.“ Tubeless-Rennradfelgen weisen ab sofort mit dem Kürzel TC (für Tubeless Clincher) auf ihre Fertigung gemäß ETRTO-Standard hin. Hakenlose Felgen nach Norm, die tubeless nur bis 5 bar Druck gefahren werden können (z. B. mit Gravel-Reifen), heißen TSS (Tubeless Straight Side).

Rb 0418 Werksatt Tubeless
Tubeless Reifen am Rennrad montieren

Neue Reifen im Test

Ob diese Neuerung der Tubeless-Technologie zu mehr Verbreitung verhelfen wird, bleibt abzuwarten. Gute Argumente pro Tubeless liefern in jedem Fall die sieben Schlauchlosreifen in 25 Millimeter Breite, die RB für die Ausgabe 06/19 getestet hat.
Alle Produkte sind neu am Markt oder frisch überarbeitet und haben in der aktuellen Ausführung bisher noch an keinem RB-Test teilgenommen. Zum Testfeld zählen Continentals mit Spannung erwartete Tubeless-Premiere GP 5000 TL, der Genus von Newcomer Ere Research und der Yksion Pro UST, dem Mavic eine neue Gummimischung spendiert hat. Dazu kommen der brandneue Highroad TR der taiwanischen Marke Maxxis, Pirellis Tubeless-Pneu Cinturato Velo, der von Schwalbe jüngst um fast 100 Gramm abgespeckte One TLE sowie der Comtura 4 TR des tschechischen Herstellers Tufo.

Tubeless Rennradreifen Test
ROADBIKE
Gewicht und Rollwiderstand der Tubeless-Reifen im Test.

Betrachtet man die Ergebnisse, fällt auf, dass kein Reifen in allen Disziplinen sehr gute Ergebnisse erreicht. Schwalbes One TLE und Mavics Yksion Pro UST begeisterten zum Beispiel im Fahrtest mit ihrem sportlich-spritzigen Charakter, sie bieten viel Komfort und rollen leicht, dafür sind andere Modelle im Test deutlich pannensicherer. Contis GP 5000 TL erkauft sich seinen überragenden Pannenschutz indes mit dem höchsten Gewicht im Testfeld. Auf den ersten Blick verblüffend: Der GP 5000 TL erweist sich als extrem resistent gegenüber der fünf Millimeter breiten Klinge, zugleich lässt sich aber kein Reifen schneller von der spitzen Nadel zerstechen. Contis Philosophie dahinter leuchtet jedoch ein: Kleine Schnitte sind weniger schlimm, da die Pannenschutzmilch diese schnell abdichtet; ist der Reifen aber großflächig zerstochen, muss er ersetzt werden – was viel Geld kostet, gerade bei Continental.

Tubeless Rennradreifen Test
ROADBIKE
Der Pannenschutz der Tubeless-Reifen im Test.

Die Modelle von Ere Research, Maxxis und Tufo gefallen mit ausgeglichenen Leistungen, ohne in einer Disziplin aus der Masse herauszuragen. Pirellis Tubeless-Pneu Cinturato Velo schließlich eignet sich auch für Ausflüge auf schlechtem Untergrund – mit den Asphaltspezialisten kann er hingegen nicht mithalten.

Continental GP 5000 TL (bester Pannenschutz)

Jacek Bilski

Preis*/Gewicht: 74,90 Euro/305 g
effektive Breite**: 26 mm

Montage:

Fahrverhalten:

Rollwiderstand:

Pannenschutz:

Gewicht:

Fazit: Contis erster Schlauchlos-Rennradreifen liefert Bestwerte bei Rollwiderstand und Pannenschutz. Allerdings ist der Pneu der schwerste im Test. Das Fahrverhalten ist ausgewogen-sportlich, andere Modelle sind komfortabler.

Wertung: SEHR GUT (81 Punkte)

Ere Research Genus Tubeless

Jacek Bilski

Preis*/Gewicht: 74,90 Euro/262 g
effektive Breite**: 27,3 mm (nominelle Reifenbreite: 26 mm)

Montage:

Fahrverhalten:

Rollwiderstand:

Pannenschutz:

Gewicht:

Fazit: Der leichte Genus gefällt mit ausgewogener Fahrcharakteristik, könnte aber leichter rollen. Nicht gerade günstig, dafür großer Lieferumfang. Mittlerweile bietet Ere den Reifen nur noch in 24 oder 28 mm Breite an.

Wertung: GUT (68 Punkte)

Mavic Yksion Pro UST

Jacek Bilski

Preis*/Gewicht: 59 Euro/260 g
effektive Breite**: 26,2 mm

Montage:

Fahrverhalten:

Rollwiderstand:

Pannenschutz:

Gewicht:

Fazit: Mavics neuer Reifen rollt leicht und fährt sich auch dank des geringen Gewichts sportlich-agil. Die Konkurrenz bietet besseren Pannenschutz, sonst wäre der Testsieg drin gewesen. Leichte Montage auf Mavic-Felgen.

Wertung: SEHR GUT (79 Punkte)

Maxxis Highroad TR

Jacek Bilski

Preis*/Gewicht: 59,90 Euro/294 g
effektive Breite**: 25,8 mm

Montage:

Fahrverhalten:

Rollwiderstand:

Pannenschutz:

Gewicht:

Fazit: Die Tubeless-Ausführung von Maxxis’ Highroad lässt sich sehr leicht montieren, Rollwiderstand und Pannenschutz sind guter Durchschnitt. Das Gewicht ist hoch, das Fahrverhalten gutmütig-sportlich. Positiv fällt der hohe Komfort auf.

Wertung: GUT (67 Punkte)

ROADBIKE: So finden Sie die richtige Reifenbreite
So finden Sie die richtige Reifenbreite

Pirelli Cinturato Velo TLR

Jacek Bilski

Preis*/Gewicht: 49,90 Euro/304 g
effektive Breite**: 25,7 mm (nominelle Reifenbreite: 26 mm)

Montage:

Fahrverhalten:

Rollwiderstand:

Pannenschutz:

Gewicht:

Fazit: Der Cinturato ist eine gute Wahl für ruppige Strecken, zumal es ihn auch in 28, 32 und 35 mm Breite gibt. Auf Asphalt hält er trotz agiler Lenkung wegen seines hohen Gewichts und Rollwiderstands nicht mit den Spezialisten mit.

Wertung: BEFRIEDIGEND (46 Punkte)

Schwalbe One TLE (Testsieger)

Benjamin Hahn

Preis*/Gewicht: 59,90 Euro/257 g
effektive Breite**: 28 mm

Montage:

Fahrverhalten:

Rollwiderstand:

Pannenschutz:

Gewicht:

Fazit: Der breit bauende One TLE gefällt mit satter Straßenlage, sportlich-dynamischem Charakter und viel Komfort. Der leichteste Reifen im Test rollt schnell, beim Pannenschutz sind andere besser. Trotzdem: knapper Testsieg nach Punkten!

Wertung: SEHR GUT (83 Punkte)

Tufo Comtura 4 TR

Jacek Bilski

Preis*/Gewicht: 47,50 Euro/264 g
effektive Breite**: 26,2 mm

Montage:

Fahrverhalten:

Rollwiderstand:

Pannenschutz:

Gewicht:

Fazit: Der Comtura 4 TR des tschechischen Herstellers Tufo gefällt mit geringem Gewicht und günstigem Preis. Der Fahreindruck ist gutmütig-sportlich, zum Lieferumfang gehört sogar Dichtmilch. Nachteil: die schwierige Montage.

Wertung: SEHR GUT (72 Punkte)

*pro Stück
** RoadBIKE-Messung auf DT Swiss 18C-Felge

Fazit

Tubeless-Reifen bieten viele Vorteile, verlangen aber ungewohnte Handgriffe und die regelmäßige Erneuerung der Dichtmilch. Im Test überzeugten gleich mehrere Reifen – mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wer schnell und spritzig unterwegs sein will, ist mit Schwalbe und Mavic gut beraten, überragenden Pannenschutz bietet der Conti-Reifen.

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