Meraner Land: Frühlingsspot der Extra-Klasse – plus Tourentipps

Sonnenreich

Durch sein mildes Klima bietet das Meraner Land bereits im Frühling optimale Bedingungen für bergfeste Rennradfahrer.

Der Höhepunkt ist zum Greifen nah. Nur noch zwei Kehren und ein langer Tunnel. Nach harten und steilen 30 Kilometern bezwingen wir das Timmelsjoch – in 2509 Meter Höhe. Die berühmte Alpenhochstraße hat uns heute alles abverlangt, doch jetzt gibt sie reichlich zurück.

Das Nachmittagslicht lässt das Band, das sich Kehre für Kehre den Fels hinaufwindet, anthrazit schillern, und unser Triumph über den Berg erstrahlt in einem fantastischen Licht. Trotz aller Anstrengung können wir diese Klettertour genießen, denn wir haben den Berg für uns ganz allein. Der Blechwurm aus Wohnmobilen, Motorrädern und Cabrios, mit denen Rennradfahrer sich die Straße sonst oft teilen müssen, hat sich längst auf die Parkplätze der vielen Gasthäuser verteilt.

Die perfekte Idylle, wäre da nicht dieses dumpfe Grollen, das sich immer stärker zu einem heiseren Brüllen entwickelt. Während wir uns noch fragend anschauen, driftet auch schon eine metallene Ruhestörung um die Kurve: ein roter Tarnkappenbomber Marke „Lamborghini“.

Kaum höher als ein Oberrohr, aber fast so breit wie die Straße, donnert das Ungetüm dem Himmel entgegen. Zurückbleiben der Geruch von Benzin und verbranntem Gummi, zwei kopfschüttelnde Radler und die Erkenntnis, dass man Höhepunkte oft auch mit anderen teilen muss.

„Mit der richtigen Tourentaktik ist das alles halb so wild“, sagt Michi Tumler. „Klar, das Wochenende gilt es am Timmelsjoch zu meiden. Aber für eine Feierabendrunde unter der Woche ist der Pass ideal – fürs Höhentraining.“ Das Timmelsjoch als Feierabendrunde? Man könnte meinen, Michi sei ein echter Witzbold, aber angesichts der unglaublichen Kraft, die der 22-Jährige in den Beinen hat, ist es absolut glaubhaft, dass der 1800-Höhenmeter-Ritt auf den höchsten Pass des Meraner Landes zu seinem regelmäßigen Repertoire gehört.

Und Kraft braucht er auch. Wenn Michi Tumler nicht bei Rennen am Start steht, arbeitet er als Rennrad- und Mountainbike-Guide auf den Bergstraßen und Trails rund um Schenna. „Unsere Gegend ist mittlerweile bei Radsportlern so beliebt geworden, dass ich bei schönem Wetter fast jeden Tag unterwegs bin.“

Verwunderlich ist das nicht. Inmitten von Apfelhainen und Weinbergen liegt der 2500-Seelen-Ort Schenna in unverwechselbarer Lage über dem Talkessel von Meran. Der Blick reicht über das Etschtal und die schroffe Texelgruppe bis weit ins Passeiertal im Norden. Im Ortskern verschmelzen gemütliche Straßencafés mit der Südtiroler Architektur und der fast mediterran anmutenden Vegetation zu einer gediegen-relaxten Mischung, die Schenna zu einem idealen Ausgangspunkt für Rennradtouren werden lässt.

Klar, dass sich die Guides von „Christophs Bike Academy“ voll auf ihre zahlreiche Zweirad-Klientel eingestellt haben. Genau wie die Betreiber der drei Schennaer „Roadbike-Hotels“, die Rennradlern alles bieten, was sie für ihre Ausritte über die Meraner Bergstraßen benötigen: Tourenproviant, Radwerkstatt und Wäscheservice, so perfekt das Revier, so ideal auch die Infrastruktur – zum Auspowern und Entspannen.

Auf der Schennaer Hausrunde über den Tschögglberg kann von Entspannung aber nicht wirklich die Rede sein, das zeigt sich schon auf den ersten Kilometern in aller Deutlichkeit. Gigantische Panorama-
blicke auf die Dolomiten hatte Michi versprochen und eine abwechslungsreiche Runde, auf der die Straße den Rennradlern allein gehört. Alles richtig, und doch nicht die ganze Wahrheit, denn schnell wird uns klar: Die vermeintliche Hochebene des Tschögglbergs ist ein perfektes Beispiel dafür, was Italiener meinen, wenn sie von einem „Falsopiano“ sprechen.

Nach dem ersten 900-Höhenmeter-Anstieg von Obermais ins Pferdedorf Hafling ist das Blut schon beträchtlich warm. Oben freuen wir uns auf eine gemütliche Schleife über das weitläufige Hochplateau, und der Kopf stellt sich auf „getane Arbeit“ ein. Ausruhen? Von wegen! Auf der ausgedehnten Runde über die vier Gemeinden Hafling, Vöran, Mölten und Jenesien brennen die Beine an den zahlreichen Gegenanstiegen, die gespickt sind mit giftigen Rampen. Es scheint, als wären wir immer auf derselben Höhenlinie unterwegs, doch in der Summe sammeln wir Höhenmeter, als gebe es kein Morgen mehr.

Ein Morgen aber gibt es, und der Tag beginnt für uns um kurz nach acht. Michi hat zwar eine „lockere Runde“ mit 115 Kilometern und zwei mittelschweren Pässen angekündigt, aber wir ahnen, dass es nicht ganz so locker werden wird. Ein Indiz: der frühe Aufbruch. „Gegen Mittag dreht der Talwind“, führt Michi zur Erklärung an. „Dann ist es gleich mal zehn Grad wärmer. Und wenn wir dann bei Gegenwind durchs Etschtal radeln müssen, ist ganz schnell Schluss mit lustig!“

Schwer zu glauben, vor allem heute Vormittag: Eine kühle Brise weht von Norden und schiebt uns Richtung Süden gehörig an. Bei der Durchschnittsgeschwindigkeit steht vorne schnell eine deutliche „3“. Über verkehrsarme Nebenstraßen und autofreie Radwege schlängelt sich Michi trickreich in Richtung Bozen und zieht dabei einen Trupp grinsender Radler hinter sich her. Zu beiden Seiten der Straße stehen die Apfelbäume, so weit man gucken kann – im Frühling blüht hier alles in strahlendem Weiß, zur Erntezeit ist der Talgrund der Etsch voll köstlicher Äpfel. Ein Schauspiel, das sich bis zum Kalterer See zieht.

Dort ist es mit der Lockerheit vorbei. Um ins Trentino, wo Michi mit uns hinwill, zu kommen, müssen wir über den Mendelpass. Wir nehmen die steilere Südrampe, die sich über St. Nikolaus durch die Weinberge schraubt. Zum sportlichen Aspekt kommt jetzt auch noch ein Markenzeichen der Region: das tolle Wetter. Wir schwitzen uns über Fondo zum Gampenpass, und spätestens jetzt ist klar, welchem Umstand der Südtiroler Wein seine Reifegrade verdankt. In Meran angekommen, sind auch wir reif – für eine Cappuccino-Pause.

Tief entspannt sitzen wir vor dem Café in der Sonne, als wieder dieses bekannte Dröhnen um die Ecke kommt. Wir können uns ein Schmunzeln nicht verkneifen, als der rote Renner betont langsam vorbeirollt, aber Michi tippt betont lässig an seine Radbrille. Ob Lambo oder Rennrad, unter Bergstraßen-Fans grüßt man sich halt.

01.04.2009
Autor: Ralf Glaser
© RoadBIKE
Ausgabe 04/2009