Meisterklasse

Innsbruck: Ganz im Zeichen der WM

Vom 22.–30. September steht Innsbruck im Zentrum der Radsportwelt – bei der WM kämpfen die Profis um Medaillen. Im Vorfeld zeigt Radmarathon-Ass Stefan Kirchmair RoadBIKE die WM-Strecke durch seine Heimat.

Jetzt also die Weltmeisterschaft! Stefan Kirchmair hat einiges erreicht in seiner radsportlichen Karriere. Zweimal gewann er den Ötztaler Radmarathon, viermal den im Tannheimer Tal, er war österreichischer Meister im Radmarathon. Aber die Straßen-WM des Weltradsportverbands UCI? Die ist auch für ihn Neuland. Wobei man fairerweise sagen muss: Stefan Kirchmair fährt nicht zur WM, die WM kommt Ende September zu ihm. In seine Heimatstadt Innsbruck. Um genau zu sein, fährt er auch nicht mit, aber immerhin an der Seite seines Radkollegen Chris über Teile der WM-Strecke. Um sie den RoadBIKE-Lesern näherzubringen: seine Runden, seine Heimat, seine Stadt.
„Keine 30 Fahrer werden das Ziel bei der WM erreichen“, prognostiziert Stefan am Fuß der Höttinger Hölle, den Blick auf den berüchtigten Anstieg in Innsbrucks Norden gerichtet. Eine gewagte Aussage, aber der Mann muss es wissen. Jede Kurve der WM-Strecke kann er aufzählen, und er wird natürlich vor Ort sein, wenn die Profis durch Innsbruck rauschen. Jetzt aber fließt erst mal Schweiß: Im Wiegetritt knechten Stefan und Chris ihre Renner die 25 Prozent steile „Höll“ hinauf. „Hier entscheidet sich, wer das WM-Trikot überstreift“, ist sich Stefan sicher. Nach über 200 Kilometern im Sattel müssen die Profis am 30. September den kurzen, harten Anstieg bewältigen, ehe sie über die Hungerburg Richtung Ziellinie jagen.

Foto: Heiko Mandl

Bergstation der Hungerburgbahn: Moderne Architektur trifft auf alpine Landschaft.

Rummelplatz Innsbruck

Mehr als 400 000 Fans werden Innsbruck ins Zentrum der Rennradwelt verwandeln – und in einen riesigen Rummelplatz. Doch die Stadt ist an Besuchermassen gewöhnt. Zahllose Touristen kommen Jahr für Jahr, um berühmte Wahrzeichen wie das Goldene Dachl zu bestaunen. Auch der Sport gehört zur DNA der
Stadt. Schließlich lässt sich der Trip ideal mit einem Aktivurlaub verbinden, auch für Rennradfahrer: Sie können direkt in die Berge Tirols starten.
Das Umland von Innsbruck bietet meist hügeliges Terrain mit einigen Stichstraßen, die wie geschaffen sind für Höhenmeter-Sammler. Wer noch höher hinauswill, hat es nicht weit zu Alpenpässen wie Kühtai, Timmelsjoch oder Jaufen. Kein Wunder, dass viele Profis großen Respekt vor der mit 258,5 Kilometern und 4670 Höhenmetern vielleicht anspruchsvollsten WM-Strecke aller Zeiten haben.

Foto: Heiko Mandl

Im Wiegetritt, marsch! Bis zu 25 Prozent steil ist der letzte Anstieg des WM-Rennens.

Stefan Kirchmair war einst als Profi unterwegs. „Zu Hause an der WM teilzunehmen wäre natürlich etwas Besonderes gewesen“, gesteht er. Doch seine Karriere hat der 30-Jährige vor einigen Jahren beendet. Dabei begann der Tiroler erst im Alter von 16 Jahren mit dem Rennradfahren. Er konnte in den ersten Jahren beachtliche Erfolge verbuchen, wurde gleich zu Beginn der Karriere Dritter bei den Junioren-Staatsmeisterschaften. „Da haben alle mal blöd geschaut“, erinnert er sich. Doch den Sprung in ein Profiteam im Ausland schaffte Kirchmair nicht. Verletzungen und Pech machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Heute genießt er die Zeit auf dem Rad und betreut Hobbysportler beim Training.
Jetzt steht er neben seinem Schützling Chris auf der Aussichtsplattform vor der Hungerburg-Bergstation und blickt über Innsbruck. Im Hintergrund sticht die Skisprungschanze aus dem Stadtbild heraus, darüber strecken sich die Stubaier Alpen gen Himmel. Bevor die beiden Sportler den WM-Streckenteil südlich von Innsbruck unter die Räder nehmen, legen sie einen Abstecher ins Zentrum der Stadt ein. Doch vor dem Goldenen Dachl einen ruhigen Platz für die Kaffeepause zu finden scheint fast unmöglich. Touristen über Touristen drängen auf der Suche nach der nächsten Sehenswürdigkeit durch die Gassen.

Foto: Heiko Mandl

Die Nordkette, das Wahrzeichen über Innsbruck, ist hier in der Region fast überall präsent. Auch von der Innbrücke aus.

Seitentäler statt Stadttrubel

„Wer dem Trubel entfliehen möchte, sollte per Rennrad das Wipptal erkunden“, empfiehlt Stefan. Es verbindet Innsbruck mit dem Brenner und bildet einen Gegenpol zum Treiben in der Stadt. Je nach Kondition können Rennradfahrer die Seitentäler des Wipptales mitnehmen und bis hoch auf 1730 Meter unter den Stubaier Gletscher radeln.
In der Stadt hat es für die Sportler doch noch mit Kaffee und Kuchen geklappt. Gestärkt geht’s weiter Richtung Süden, als Stefan vor dem Kongresszentrum den Sprint anzieht. „Hier liegt die WM-Ziellinie“, erklärt er, ehe er seinen Trainingspartner auf den folgenden Teil der Strecke Richtung Patscherkofel vorbereitet. „Die Runde fahren wir jetzt siebenmal“, scherzt er. Die Profis fahren, von Kufstein durchs Inntal kommend, tatsächlich siebenmal am Schloss Ambras vorbei Richtung Aldrans, ehe das Finale über die Höll wartet.
Dann werden hier die Fans die Sportler anfeuern, bevor nach zehn Tagen WM-Fieber wieder die Berge im Mittelpunkt stehen. Bevor die Hobbysportler wieder durch Wiesen und Wälder rauschen. Sie werden die mit Blumen verzierten Bauernhäuser bewundern, die Kühe beim Grasen beobachten und manchen Anstieg erklimmen. Denn in und um Innsbruck wartet ein Paradies auf Rennradfahrer, nicht nur während der Weltmeisterschaften. Wer wüsste das besser als Stefan Kirchmair.

10.09.2018
Autor: Heiko Mandl
© RoadBIKE