Bjoern Haenssler

Paragraph 1 StVO: "Gegenseitige Vorsicht und Rücksicht"

Streitgespräch Rad- vs. Autofahrer Paragraph 1 StVO: „Gegenseitige Vorsicht und Rücksicht“

Nach brenzligen Situationen im Straßenverkehr kann man dem davoneilenden "Kontrahenten" oft nur hilflos die Faust hinterherschütteln. Im ROADBIKE­-Streitgespräch treffen sich ein Auto­ und ein Radfahrer, um über das tägliche Miteinander auf den Straßen zu sprechen – begleitet und eingeordnet von einem Verkehrspsychologen.

Pfeiffer: Herr Ehrenfeuchter, wann haben Sie zuletzt im Auto über einen Radfahrer gedacht: "Hat der noch alle Latten am Zaun?"

Ehrenfeuchter: Tatsächlich erst kürzlich, als eine Frau mit Lasten-E-Bike und zwei Kindern an Bord direkt vor mir – ohne sich umzugucken oder Handzeichen zu geben – vom Radweg auf die Straße rüberzog, um ein vor ihr fahrendes, langsameres Fahrrad zu überholen. Da dachte ich schon: Hallo? Einerseits fehlt sicherlich eine bessere Infrastruktur, damit die Frau gar nicht erst auf die Straße wechseln muss, andererseits vermisse ich ein Sicherheitsbewusstsein bei der Radfahrerin, das Wissen um die eigene Verletzlichkeit. Generell fällt mir bei Lastenrädern oder Pedelecs auf, dass die Leute ihre Räder mitunter abenteuerlich bewegen und sich auch der Abmessungen ihrer Räder oft nicht bewusst zu sein scheinen.

Moritz Pfeiffer
Diskutierten im Streitgespräch: Martin Ehrenfeuchter (links, Redakteur bei "auto motor und sport"), Dr. Oliver Monschau (rechts, Verkehrspsychologe und Fahreignungsgutachter, Leiter der DEKRA-Begutachtungsstelle für Fahreignung Osnabrück und Bielefeld) und Moritz Pfeiffer (rechts unten, ROADBIKE-Redakteur).

Pfeiffer: Wenn man auf dem Fahrrad hauteng vom SUV überholt wird, hat man auch den Eindruck, da kennt jemand Dimensionen und Wirkung seines Fahrzeugs nicht…

Dr. Monschau: Mangelndes Sicherheitsbewusstsein und mangelnde Beherrschung des eigenen Verkehrsmittels sind Probleme, die zunehmen. Bleiben wir zunächst beim Fahrrad: Einerseits begrüße ich, dass immer mehr Menschen auf dem Fahrrad unterwegs sind und dass E-Bikes es auch Menschen ermöglichen, Rad zu fahren, die das sonst nicht oder nicht mehr tun würden. Andererseits droht die Gefahr, sich zu überschätzen. Wenn man dank eines Motors plötzlich wieder 30 Kilometer Rad fahren kann, wo es vorher vielleicht nur zehn waren, ist das erfreulich. Aber die Konzentration muss auch für die ganzen 30 Kilometer reichen. Das gilt übrigens auch für Rennradfahrer: Selbst am Ende einer 100-Kilometer-Tour muss man trotz körperlicher und geistiger Erschöpfung noch in der Lage sein, sich sicher und regelkonform im Straßenverkehr zu bewegen.

Umfrage

642 Mal abgestimmt
Wie beurteilen Sie Ihr eigenes Fehlverhalten im Straßvenverkehr - egal mit welchem Verkehrsmittel?
Ich halte mich immer an alle Regeln und nehme Rücksicht auf andere.
Kann leider gut sein, dass andere mich manchmal für rücksichtslos halten.

Pfeiffer: Das heißt ausreichend Pausenmachen und auch mit dem Rad ein bisschen Zeit in Fahrtechnik und Radbeherrschung investieren?

Dr. Monschau: Unbedingt, das ergibt absolut Sinn! Das Gleiche gilt aber eben auch für Autofahrer: Ein Fahrsicherheitstraining mit dem Kraftfahrzeug kann Wunder bewirken. Spätestens wenn man ein neues Fahrzeug gekauft hat, sollte man mal unter professioneller Anleitung ausprobieren: Wie viel Platz brauche ich mit dem Fahrzeug eigentlich, was für einen Wendekreis hat es, wie reagiert das Fahrzeug in bestimmten Situationen, wann bricht das Heck aus, wie bremst man richtig? E-Autos beschleunigen und reagieren übrigens noch einmal ganz anders, das wird eine große Umstellung, die Autofahrerinnen und Autofahrer trainieren sollten. Die Bereitschaft zu solchen Trainings ist aber leider erschreckend gering.

Ehrenfeuchter: Das unterstütze ich total.Ich bin der Meinung, ein Fahrsicherheitstraining sollte fester Bestandteil der Ausbildung werden, wenn man den Führerschein macht. Auch um die vielen Assistenzsysteme kennenzulernen, die heute verbaut werden. Manche Fahrer lenken diese ab, andere hingegen wiegen sich deswegen zu sehr in Sicherheit.

Dr. Monschau: Aus meiner Sicht wäre ein verpflichtendes Fahrsicherheitstraining sinnvoll,andererseits unterscheiden sich die Autos natürlich sehr stark, und im Mittelpunkt der Führerscheinausbildung stehen zunächst einmal das grundsätzliche Beherrschen des Autofahrens und der Übergang der Verkehrsregeln in Fleisch und Blut. Die ohnehin schon sehr teure Ausbildung noch zu erweitern, ist politisch vermutlich nicht durchsetzbar.

Bjoern Haenssler
Hindernis voraus. Tipp für Radfahrer: Ausweichmanöver immer für die Mitfahrer am Hinterrad anzeigen - per "Winkbewegung" hinter dem Rücken. Wichtig: In einer Gruppe müssen diese Hinweise auch weiter nach hinten durchgegeben werden.

Pfeiffer: Da wir mit einem unschönen Erlebnis eines Autofahrers im Straßenverkehr eingestiegen sind, möchte ich auch eins aus Radfahrersicht beisteuern: Als ich kürzlich mit dem Rennrad auf einer schmalen Landstraße ohne Mittelstreifen unterwegs war, kam mir ein E-Bike mit Kinderanhänger entgegen. Und genau in dem Moment, als das E-Bike und ich auf einer Höhe waren, quetschte sich ein Auto durch die Mitte. Vom vorgeschriebenen Sicherheitsabstand beim Überholen konnte natürlich keine Rede sein, ich hätte das Auto berühren können, ohne den Arm ganz auszustrecken, auf der anderen Straßenseite ging es beim Kinderanhänger vermutlich ähnlich eng zu. Was geht in Menschen vor, die so etwas tun?

Dr. Monschau: Es ist schwierig, so etwas pauschal zu beantworten. Grundsätzlich ist der Autofahrer gegenüber Fahrradfahrern oder Fußgängern immer der "Stärkere" und hat allein schon deshalb noch mehr aufzupassen und Rücksicht zu nehmen. Und es gibt eine ungleich größere Gefährdungshaftung. In dem von Ihnen beschriebenen Fall hoffe ich, dass es keine Absicht war, sondern Unachtsamkeit oder mangelndes Gefahrenbewusstsein. Leider muss man sagen, dass Autofahrer viel zu oft abgelenkt sind, zum Beispiel durch die Bedienung des Navis, eines Assistenzsystems oder des Radios, durch Gespräche oder sogar – widerrechtlich – das Handy. So können blitzschnell und ohne böse Absicht Gefahrensituationen entstehen.

Ehrenfeuchter: Ein Unterschied ist womöglich auch, dass viele das Auto eher als Fortbewegungsmittel sehen, sie schnell von A nach B kommen wollen, nach einem langen Arbeitstag ungeduldig sind, den Kopf nicht frei haben oder tatsächlich am Handy Nachrichten checken. Für den Radfahrer ist es womöglich eher Freizeit, Sport, Genuss, Ablenkung. Also zwei völlig unterschiedliche Ausgangssituationen, aus denen heraus man aufeinandertrifft.

Umfrage

504 Mal abgestimmt
Wie fühlen Sie sich mit dem Fahrrad im Straßenverkehr?
Leider gibt es wegen rücksichtsloser Autos immer wieder brenzlige Situation.
Halb so wild, ich verstehe die ganze Aufregung nicht.

Pfeiffer: Wenn ich im Straßenverkehr gefährdet werde, ist mir herzlich egal, ob das nun aus Unachtsamkeit, Unbedachtheit oder Absicht geschieht... Es soll einfach nicht vorkommen, aus welchem Grund auch immer!

Dr. Monschau: Das ist sicher richtig, und man muss ganz klar sagen: Wir versuchen hier zu erklären, nicht zu entschuldigen! Die Zahl der Unfälle aufgrund von Ablenkung durch technische Kommunikationsmittel im Auto nimmt zu, das ist ein Problem. Es gibt keine WhatsApp-Nachricht, die so wichtig wäre, als dass sie während der Fahrt gelesen werden müsste! Das ist schlicht verboten, und der Bußgeldkatalog ist nicht umsonst teurer geworden, um diese Unsitte zu unterbinden.

Pfeiffer: Jetzt, wo ich die Chance habe, einen Autofahrer zu fragen: Warum wird man auf dem Fahrrad so eng überholt, manchmal von der Scheibenwaschanlage besprenkelt oder beschimpft, wenn der Autofahrer vorm Überholen kurz warten musste?

Ehrenfeuchter: Ich persönlich mache das beim Autofahren nicht. Mit Sicherheit gibt es unbelehrbare Autofahrer, denen es an Empathie fehlt. Die gibt es auf Seiten der Radfahrer aber auch. Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, erlebe ich das Beschriebene auch, aber nicht ständig. Deshalb Vorsicht vor Verallgemeinerungen!

Dr. Monschau: Wir kommen immer wieder relativ schnell auf einen Punkt: gegenseitige Vorsicht und Rücksicht, Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung. Das steht nicht ohne Grund ganz am Anfang.

Pfeiffer: Andere Frage: Gibt es spezifische Konflikte zwischen Auto- und Fahrradfahrern? Beispiel: Mir passiert es auf dem Rennrad regelmäßig, dass ich in der 30er-Zone überholt werde, obwohl ich selbst bereits 30, 32 km/h fahre. Wenn ich mit dem Mofa oder Motorrad unterwegs wäre, käme vermutlich niemand auf die Idee, mich zu überholen, das Fahrrad hingegen wird überholt – selbst wenn das Auto dafür mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit fahren muss. Warum?

Ehrenfeuchter: Da läuft manches womöglich unterbewusst ab, ohne bösen Willen. Der Autofahrer sieht ein Fahrrad, das er schon Tausende Male überholt hat, weil es in allgemeiner Wahrnehmung eben langsam ist. Also wird es auch jetzt überholt. Vermutlich wäre der Autofahrer selbst überrascht, dass dann in der Zone 30 auf einmal 45 km/h auf dem Tacho stehen. Dem Radfahrer traut man die 30 km/h vielleicht gar nicht erst zu, ein Rennrad erkennt der Laie womöglich gar nicht. Und während man ein Fahrrad automatisch und vielleicht fälschlicherweise mit "langsam" assoziiert, weiß man beim Motorrad, dass es schneller fahren könnte. Deswegen wird das auch nicht überholt.

Pfeiffer: Mangelt es grundsätzlich an Selbstreflexion im Straßenverkehr? Neigt man zu sehr dazu, sich selbst als "Opfer" zu begreifen, das gefährdet oder ausgebremst wird, und übersieht, dass man in den Augen anderer aufgrund des eigenen Verhaltens auch als "Täter" wirken kann?

Dr. Monschau: Mit Sicherheit. Handelnde urteilen anders als Beobachtende. Beispiel: Auf dem Supermarktparkplatz parkt jemand quer über zwei Parkplätze. Der Beobachtende unterstellt Absicht, der vermeintliche "Täter" war vielleicht nur in Gedanken woanders. Nochmal: Das ist eine Erklärung, keine Entschuldigung. Natürlich ist das Verhalten falsch, umso mehr, wenn statt "nur" quer auf einem Supermarktparkplatz mitten auf dem Radweg oder vor einer Feuerwehreinfahrt geparkt wird. Und selbstverständlich kann man das Phänomen auch bei Radfahrern beobachten: Zum Beispiel käme man mit dem Auto kaum auf die Idee, mitten durch die Fußgängerzone zu fahren, nur weil es der kürzeste Weg ist. Mit dem Fahrrad denkt man eher: "Ich fahre ja ganz langsam", "Es regnet" oder "Ich bin ja schnell durch." Wir alle neigen dazu, eigenes Fehlverhalten auszublenden oder schönzureden.

Ehrenfeuchter: Karlsruhe, wo ich studiert habe, läuft gerade Münster den Rang ab als fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands. Aber statt dass es nun weniger Konflikte gibt, scheinen sich diese zu verlagern: weg vom Auto vs. Fahrrad hin zu Fahrrad vs. Fußgänger. Haben wir also ein grundlegendes, archaisches Problem, dass sich immer der Stärkere nimmt, was ihm vermeintlich zusteht, oder bildet man sich als vermeintlich schwächerer Verkehrsteilnehmer Benachteiligungen womöglich auch nur ein?

Björn Hänssler
Dooring: Plötzlich aufgehende Autotüren sind brandgefährlich für Radfahrer. Tipp für Autofahrer: Die Tür nur per Hollandgriff öffnen, sprich: mit der rechten Hand - der Oberkörper dreht sich so nach links, im toten Winkel befindliche Radfahrer werden so leichter sichtbar.

Dr. Monschau: Es ist immer leichter, sich als Opfer zu sehen, egal ob nun bei der Frage Fahrrad und Fußgänger oder Fahrrad und Auto. Die Mechanismen sind identisch. Verstärkend wirken übrigens moralische Aspekte, zum Beispiel wenn sich Fahrradfahrer dem vermeintlichen Umweltverschmutzer Auto überlegen fühlen oder Fußgänger darauf pochen, am wenigsten Platz und Ressourcen zu verschwenden. Auch solche Dinge spielen in die komplexe und komplizierte Selbstwahrnehmung im Straßenverkehr hinein und verzerren womöglich das Bild.

Pfeiffer: Oft hört man die Klage "Auf den Straßen wird es immer schlimmer", tatsächlich zeigen Statistiken seit Jahren einen Rückgang von Verletzten- und Totenzahlen. Wie passt das zusammen?

Dr. Monschau: Beides ist richtig. Die Statistiken verzeichnen tatsächlich weniger Verletzte oder Tote. Das liegt auch daran, dass die Unfallschwere abnimmt, unter anderem aufgrund technischer Maßnahmen, Assistenzsystemen, "weicherer" Knautschzonen am Fahrzeug. Gleichzeitig nimmt die Verkehrsdichte immer weiter zu, der zur Verfügung stehende Raum wird für alle knapper – daher das sicherlich berechtigte subjektive Gefühl einer Verschlimmerung der Verhältnisse.

Pfeiffer: Wenn wir offenbar dazu neigen, Verkehrsregeln großzügig und kreativ auszulegen: Wie lässt sich das ändern? Strengere Kontrollen, empfindlichere Strafen?

Dr. Monschau: Das ist natürlich ein Politikum, an dem man sich die Finger verbrennen kann. Nehmen wir aber als ein Beispiel die Schweiz mit einem sehr strengen Bußgeldkatalog. Bei den Fahreignungsprüfungen, die ich durchführe, sind viele Vielfahrer dabei, die als Handelsvertreter mit dem Auto in ganz Europa unterwegs sind. Die erklären, sich in der Schweiz an die Regeln zu halten. Wenn ich dann frage, warum sie das in der Schweiz hinkriegen, in Deutschland aber offenkundig nicht, räumen die explizit ein, die deutschen Bußgelder als "Trinkgeld" zu empfinden. Andere Konstellationen als bei uns, mit größerer Gefahr der Entdeckung und empfindlicheren Strafen schrecken also anscheinend schon ab, manche nehmen sich dann nicht so viel heraus.

Ehrenfeuchter: Aus Autofahrersicht möchte ich einwerfen: Warum wird ein und dasselbe Delikt bei Radfahrern mit kleiner Geldstrafe, beim Autofahrer aber deutlich höher und mit einem Punkt geahndet?

Dr. Monschau: Den Aspekt der Gefährdungshaftung, die beim Auto einfach höher ist, hatten wir ja schon. Trotzdem ein interessanter Gedanke, den man sogar noch ausweiten könnte und fragen, warum man als Autofahrer mit einem Kennzeichen identifizierbar sein muss, mit dem Fahrrad aber nicht.

Pfeiffer: Dazu möchte ich ein Erlebnis beisteuern: Ich bin mal von einem Auto sehr eng auf einem Feldweg überholt worden, der für motorisierten Verkehr gesperrt war. Als ich mit dem Kennzeichen zur Polizei bin, hat man mich da wieder nach Hause geschickt und gesagt, so was würde gar nicht erst verfolgt, da ich ja nicht sagen oder gar beweisen könne, wer überhaupt am Steuer gesessen habe. Wenn schon im bestehenden System eine solche Attitüde existiert, wie ambitioniert würden da Verstöße von Fahrradfahrern verfolgt, nur weil man sie auf einmal leichter identifizieren könnte?

Dr. Monschau: Vielleicht wäre aber auch die Hemmschwelle höher, Verkehrsregeln zu brechen, und allein dadurch wäre für mehr Verkehrssicherheit gesorgt. Lassen wir uns aber einmal auf ein anderes Gedankenexperiment ein und nehmen an, es gäbe überhaupt keine Verkehrsregeln – kein Tempolimit, keine Vorfahrtsregeln, keine Ampeln. Die Folge wäre eine drastische Reduzierung der gefahrenen Geschwindigkeiten, eine viel größere Aufmerksamkeit, eine viel stärkere Kommunikation der Verkehrsteilnehmer untereinander. Was ich damit sagen will: Verkehrsregeln gängeln nicht nur, sondern ermöglichen auch sehr viel Freiheit, höhere Geschwindigkeit, mehr Effizienz.

Pfeiffer: Verkehrsregeln ändern sich aber auch im Laufe der Zeit, unter Garantie vergisst man mal etwas. Ich würde als eine Maßnahme für mehr Verkehrssicherheit dafür plädieren, dass Führerscheine ein Verfallsdatum bekommen und man zur Verlängerung regelmäßig, zum Beispiel alle fünf Jahre, eine Theorieprüfung ablegen muss und anhand einer medizinischen Untersuchung nachweisen muss, dass man körperlich und geistig in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen. In anderen Ländern ist das Standard, in Deutschland nicht.

Dr. Monschau: Mir sprechen Sie da aus der Seele. Fragen Sie die Leute mal nach den Verkehrsregeln, egal ob es um das richtige Verhalten am Zebrastreifen geht, welche Tempolimits wo gelten oder was in Fahrradstraßen zu beachten ist. Ob so eine regelmäßige Nachprüfung politisch durchsetzbar ist, sei jetzt mal dahingestellt. Ich appelliere an alle, den Bereich, den wir unmittelbar beeinflussen können, zu beackern. Sprich: Kenne ich die aktuellen Verkehrsregeln, wann war ich das letzte Mal beim Augenarzt oder hab mich allgemein durchchecken lassen, weiß ich noch alles über Erste Hilfe oder die Sicherung einer Unfallstelle, wie melde ich telefonisch einen Notfall? All das gilt natürlich auch für Fahrradfahrer.

Ehrenfeuchter: Als Autofahrer möchte ich mich dem gar nicht verschließen. Ein ergänzender Gedanke: Ich persönlich finde, wir sollten eher von Auffrischung sprechen als von Prüfung, das klingt freundlicher und würde vielleicht auch von denen eher angenommen, die es besonders gut gebrauchen können. Und man muss sagen, dass die Politik es den Verkehrsteilnehmern mit dem Hin und Her um die neue Straßenverkehrsordnung im vergangenen Jahr nicht unbedingt leicht gemacht hat. Umso sinnvoller ist es, wenn sich Auto­, aber auch Radfahrer informieren.

Umfrage

322 Mal abgestimmt
Sollte es in Deutschland ein Verfallsdatum für den Führerschein geben und zur Verlängerung eine theoretische und medizinische Fahrtauglichkeitsprüfung obligatorisch werden?
Absolut, das ist überfällig und rettet Menschenleben.
Auf keinen Fall, eine Führerscheinprüfung im Leben muss reichen.

Pfeiffer: Wie schaffen wir noch mehr Sicherheit im Straßenverkehr?

Ehrenfeuchter: Ich möchte ergänzend zu all diesen Gedanken noch einmal auf die Infrastruktur zu sprechen kommen. Diese sollte meiner Meinung nach deutlich angepasst werden, sonst haben wir auch zukünftig Konflikte. Ich halte eine deutliche Trennung von Fahrrad und Auto für sinnvoll. Und die Wege müssen auch zu Ende gedacht sein, nicht wie etwa die ganzen Pop­-up­-Radwege zuletzt, die mit Sicherheit schön zu befahren waren für Radfahrer, aber oft auch unvermittelt endeten.

Pfeiffer: Dass Radwege oder Ausschilderungen abrupt enden, ist definitiv ein Problem. So etwas könnte sich die Verkehrsplanung aus meiner Sicht beim Auto gar nicht erlauben, zu groß wäre der Aufschrei. Apropos: Trotz starker Bevorzugung empören sich Autofahrer oft lautstark, wenn kleinste Umverteilungen bei Fläche oder Finanzen zugunsten des Fahrrads, ÖPNV oder Fußgängern angedacht werden. Was läuft da falsch, wenn ein objektiver Blick auf bestehende Zustände nicht möglich ist?

Dr. Monschau: Menschen leben mit Scheuklappen. Und alles, was man einmal hatte, will man instinktiv zunächst auch behalten und nicht teilen, selbst wenn es im Vergleich unverhältnismäßig viel ist. Dazu kommt die bereits erwähnte moralische Komponente in einer teils sehr emotional geführten Debatte: Viele lehnen ab, auf einmal Teil des Problems sein zu sollen, nachdem zuvor jahrzehntelang recht einseitig zugunsten des Autos geplant und gefördert wurde und gleichzeitig der ÖPNV abgebaut, Straßen, aber keine Radwege gebaut wurden. Das bedeutet ja auch, dass Millionen Autofahrer so sozialisiert wurden. Ein Umdenkprozess dieser Dimension braucht Zeit.

Pfeiffer: Herr Dr. Monschau, Herr Ehrenfeuchter, vielen Dank für das Gespräch und allzeit gute Fahrt – womit auch immer.

ROADBIKE-Magazin
Dieser Artikel erschien in einem Sicherheitsspecial in ROADBIKE-Ausgabe 07/21, das auch Tipps zu Radbeherrschung und Fahrtechnik, einen Helmtest sowie die Tipps der Redakteure für mehr Sicherheit beim Rennradfahren beinhaltete. Das Heft können Sie unter www.roadbike.de/epaper beziehen. Sie wollen keine ROADBIKE-Ausgabe mehr verpassen? Dann schauen Sie einmal unter www.roadbike.de/abo vorbei.
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