Cyclocrosser Paul Lindenau im Interview: "Rennen fahren ist einfach mein Ding!"

Foto: Dennis Stratmann Cyclocrosser Paul Lindenau fährt durch einen Sandbunker.
Paul Lindenau ist einer der erfolgreichsten Amateur-Rennfahrer Deutschlands. Im Sommer startet er auf der Straße, seine große Leidenschaft sind aber die Querfeldein-Rennen im Winter. Pro Saison sammelt Lindenau um die 20 Platzierungen und mehrere Siege. RoadBIKE traf den 21-Jährigen vom Stevens Racing Team zu Beginn der Cross-Saison 2017/18.

RoadBIKE: Paul, seit wann fährst du Radrennen?

Paul Lindenau: Mein erstes Rennen war mit dreieinhalb Jahren mit hochgeklappten Stützrädern. Mein Vater war selbst Rennfahrer und hat meinen Bruder und mich dafür begeistert. Crossrennen bin ich auf regionaler Ebene ab der Klasse U11 gefahren, seit der U15 fahre ich bundesweit und international.

Was betrachtest du als deine größten Erfolge im Sport?

Ich war oft weit vorne bei Deutschen Cross-Meisterschaften: 2012 habe ich den Titel in der U17 gewonnen, dazu kommen zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen. Ich habe mehrfach den Deutschland-Cup Cross gewonnen und konnte auch bei internationalen Rennen vorne mitfahren. Beim C2-Rennen in Lorsch war ich vierter, beim C1-Rennen in Koksijde in Belgien 14. [Anm. d. Red.: C1 ist die höchste internationale Rennkategorie im Cyclocross]. Seit der Juniorenklasse U19 bin ich fester Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft Radcross und bin schon bei einigen Welt- und Europameisterschaften gestartet. Bestes Ergebnis bisher: Platz 23 bei der Cyclocross-EM der Klasse U23.

Was macht für dich den Reiz von Cyclocross aus?

Es ist vielseitig, technisch anspruchsvoll, verlangt eine starke Physis und höchste Konzentration. Man muss sich auf wechselnde Untergründe einstellen. Ich mag es, technische Passagen im Rennen mit jeder Runde ein bisschen besser fahren zu können. Und man ist viel in der Natur unterwegs.

Warum sollte Otto-Normal-Rennradler mal einen Cyclocrosser ausprobieren?

Crossen macht einfach einen riesigen Spaß. Und das Fahren im Gelände schult die Radbeherrschung, man profitiert also auch auf der Straße. Davon abgesehen halte ich das Crossrad für viele Rennradfahrer sogar für die bessere Lösung. Rennradausrüstung ist ja recht teuer, und viele Leute können oder wollen sich vielleicht nur ein Bike kaufen. Mit einem Straßenrenner ist man auf Asphalt festgelegt, Crossräder sind total vielseitig. Je nach Bereifung kann man überall fahren.

Welche Tipps hast du für Hobby-Crosser?

Einfach trauen und Spaß haben. Vorm ersten Rennen Technik trainieren, am besten mit Leuten, die es können. Und kein Risiko eingehen! Im Zweifel eine Passage lieber laufen, wenn man sich unsicher fühlt. Schließlich wollen wir alle wieder gesund heim zur Familie und am nächsten Tag zur Arbeit.

Foto: Dennis Stratmann Cyclocrosser Paul Lindenau überwindet ein Hindernis.

Wo steht der Querfeldein-Radsport in Deutschland in deinen Augen?

Die Starterfelder bei den Hobbyrennen wachsen offensichtlich, das ist gut. Hoffentlich entwickelt sich das weiterhin so positiv, und vielleicht bleibt ja auch der ein oder andere dabei, geht in einen Verein und löst eine Rennlizenz. Was die Lizenzklassen angeht, ist der Cross-Sport in Deutschland aktuell ein wenig das fünfte Rad am Wagen. Als Philipp Walsleben 2009 seinen U23-Weltmeistertitel feierte, befanden sich das Sponsoring und die Medienpräsenz auf einem guten Niveau. Zuletzt haben wir da aber verloren, zudem hat das bis dato zweitgrößte Crossteam dicht gemacht [Anm. d. Red.: das Focus CX Elite Team]. Folge: Für talentierte deutsche Nachwuchsfahrer gibt es immer weniger große Mannschaften, bei denen sie fahren und sich weiterentwickeln können, somit sind wir als Nation auch international weniger vertreten. Das schadet natürlich dem Sport. Gut ist, dass es wieder einen UCI-Weltcup in Deutschland gibt, am 25. November im niedersächsischen Zeven.

Wie kann es wieder bergauf gehen?

Natürlich brauchen wir große Teams in Deutschland. Unternehmen, insbesondere aus der Rad-Branche, können ihre Sichtbarkeit erhöhen und zugleich in die Zukunft des eigenen Sports investieren. Doch auch kleine regionale Geschäfte können etwas tun. Mein erstes Sponsoring bekam ich durch ein kleines Radgeschäft in Hamburg. Das hat mich total motiviert. Warum soll das nicht auch bei anderen funktionieren? Mit überschaubaren Mitteln kann man für Jugendfahrer und Vereine mit guter Nachwuchsarbeit sehr viel bewirken. Letztlich steigt dann mit der Quantität langfristig auch wieder die Qualität.

Du selbst startest seit Jahren für das Stevens Racing Team. Was hat es damit auf sich?

Das Stevens Racing Team ist das älteste und erfolgreichste Cyclocross-Team Deutschlands. Es fördert ausschließlich Lizenzrennfahrer: Junioren, U23, Frauen-Elite, Männer-Elite. Das Engagement soll künftig auch noch früher einsetzen und jüngeren Rennfahrern eine Perspektive bieten. Dahinter steht die Philosophie, dass man im Sport alleine zwar weit kommen kann, die wirklich großen Erfolge aber nur im Team und mit tatkräftiger Unterstützung feiert.

Was bedeutet das konkret?

Also, wir bekommen jetzt kein monatliches Salär oder so, aber hervorragendes Material und viel logistische Unterstützung. Bei den Rennen, im alltäglichen Training, aber auch bei Trainingslagern. Ganz entscheidend sind dabei die Betreuer. Wenn du jemanden hast wie unseren sportlichen Leiter Jens Schwedler, der selbst Profi war, Deutscher Meister und Senioren-Weltmeister im Cyclocross, bringt dich das natürlich unglaublich weiter. Von so jemandem kann man als junger Fahrer unglaublich viel lernen.

Zum Beispiel?

Technisch macht ihm kaum jemand was vor, und das Wissen gibt er uns natürlich weiter. Wir haben einen regelmäßigen Treffpunkt, fahren dann auf kleinen Runden im Park, simulieren auch schon mal Rennen, er gibt Tipps, wie man fahren kann. Auch was die Renntaktik angeht, hilft er ungemein. Im Team lernt man aber auch andere Fähigkeiten, wie Teamwork, gemeinsam an einem Strang ziehen, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz, Fokussierung und so weiter.

Foto: Dennis Stratmann Paul Lindenau und Jens Schwedler durchfahren einen Schräghang.

Was sind deine sportlichen Ziele, was möchtest du erreichen?

National ganz klar: Deutscher Meister U23. Bei internationalen Rennen möchte ich in die Top Ten vorstoßen. Und ein Traum wäre eine Platzierung unter den ersten Zehn bei einem Weltcuprennen.

Was muss man dafür heutzutage alles machen?

Wenn man keinen Profivertrag hat, muss man sein Leben neben Ausbildung und Beruf schon sehr gut strukturieren und stark auf den Sport ausrichten. Ich studiere BWL, mit allem was dazu gehört, also Praktika, Werkstudentenverträge und so weiter. Daneben versuche ich, alles aus dem Sport rauszuholen, wozu ich imstande bin – mit Hilfe des Teams, Familie und Freunden. Ich würde mich als professionellen Amateur bezeichnen. Im Jahr fahre ich an die 15 000 Kilometer, davon etwa 3000 Rennkilometer. Das ist eher wenig, mehr geht aber nicht.

Wieviel Freizeit bleibt neben Studium und Leistungssport?

Der Radsport ist meine Leidenschaft, insofern auch eine schöne Freizeitbeschäftigung für mich. Ich versuche, einmal die Woche etwas mit Freunden zu unternehmen, aber statt Kino oder Disko heißt das, bei einem (und nicht fünf) Bierchen über Gott und die Welt zu reden.

Ist es ein Traum, Rad-Profi zu werden?

Ach, ich weiß nicht. Dafür muss wirklich alles passen, von frühester Jugend an. Talent und Ehrgeiz, harte Arbeit. Und das letzte Quäntchen Glück. Wenn ich die genannten Ziele erreichen würde, wäre ich schon sehr glücklich. Ob dann noch mehr geht, kann ich nicht sagen. Wenn ich nach dem Studium einen Beruf ergreife und weniger Zeit bleibt, werde ich trotzdem immer Rennen fahren. Dann halt auf etwas niedrigerem Niveau. Rennen fahren ist einfach mein Ding.

Was für Rennen fährst du am liebsten?

Beim Cyclocross mag ich flache, technisch anspruchsvolle Kurse, also wenn das Tempo sehr hoch ist, aber immer wieder durch Richtungswechsel und Hindernisse unterbrochen wird. Das kommt mir entgegen, da ich zum einen früh und lange in den roten Bereich gehen kann und zum anderen mit meinen 1,79 m Körpergröße recht wendig bin. Rennen auf Schnee und Eis mag ich auch sehr gerne. Straßenrennen dürfen hingegen gerne hügelig sein, da kann ich meinen Punch ausspielen.

Und was ist das Besondere an Crossrennen in Belgien?

Das ist schon der Wahnsinn da, Belgien hat die meisten und die stimmungsvollsten Zuschauer. Da stehen bei gewissen Rennen weit über 40 000 Menschen an der Strecke. Volksfest und Spitzensport. Das hat einen Stellenwert wie hierzulande der Fußball. Und dadurch gibt es natürlich auch Geld: Viele große Sponsoren sind aktiv, die Veranstalter verdienen über Eintrittsgelder, und die Rennen werden im Fernsehen übertragen, die Rechte dafür verkauft. Entsprechend sind die Preisgelder höher, die Teilnehmerfelder stärker… Für die Fahrer ist es die Champions League, für die oft sehr fachkundigen Zuschauer ein tolles Spektakel. Auch der Letzte im Rennen wird angefeuert als wäre er ganz vorne. Es lohnt sich auf jeden Fall, das mal selbst vor Ort mitzuerleben.

Paul, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute auf dem weiteren Weg.

Foto: Dennis Stratmann Cyclocrosser Paul Lindenau mit RoadBIKE-Redakteur Moritz Pfeiffer.

Tipps und Tricks in Sachen Cyclocross-Fahrtechnik verraten Paul Lindenau und Jens Schwedler in RoadBIKE-Ausgabe 12/2017 (ab 8.11.2017 am Kiosk).

Ebenfalls im Heft: vier neue Cyclocrosser von Canyon, Cube, Stevens und Specialized im ersten Test.

Die Fotos zum Thema Fahrtechnik entstanden u. a. auf dem Sportplatz des TSV Fortuna Wuppertal. RoadBIKE bedankt sich für die Unterstützung.

04.11.2017
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE