Race Across the Alps 2018: Der Blog

RATA – Die Revanche

Foto: Jörg Klaus Race Across The Alps Marathon Blog

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Teil 3: Die letzten Stellschrauben fürs RATA werden angezogen. Christian will mit Bikefitting seine Sitzposition für den Ultra-Marathon in den Alpen optimieren.

Immer wieder schwirrten mir diese Bilder durch den Kopf: Anstieg, Abfahrt, Anstieg, Abfahrt, bei Tag und bei Nacht, bei Sonne und Regen. Der unfassbar steile Passo del Mortirolo, der nicht enden wollende Berninapass, die Anstiege des Race across the Alps (RATA) 2012 verfolgten mich noch Monate nach dem Rennen in meinen Träumen.

Nach über 30 Stunden war damals am Ofenpass die Fahrt für mich zu Ende. Mit leerem Kopf und leeren Beinen saß ich neben meinem Rad auf dem Fahrbahnrand. So kurz und doch so unglaublich weit vom Ziel entfernt.

Unbedarft, aber mit einem großen Schatz an Erfahrungen in Bezug auf Langdistanz-Rennen, ging ich vor 6 Jahren im Rahmen einer Reportage für das RoadBIKE-Magazin an den Start. Die knappe und eigentlich unmissverständliche Ansage des Veranstalters, dass es sich um das „anerkannt härteste Eintagesrennen der Welt“ handele, nahm ich damals wohl nicht ernst genug.

Erst am Abend vor dem Start kamen leise Zweifel auf: Während des Fahrerbriefings wurde das Who is who der Langstreckenfahrer präsentiert. Sie alle hatten mindestens zwei Dinge gemeinsam: viel Erfahrung und ein großes Begleitteam, verteilt auf mindestens zwei Begleitfahrzeuge. Ich hatte nur einen Fotografen und einen Journalisten an meiner Seite, dafür eine ganze Batterie respekteinflößender Alpenpässe mit insgesamt schlappen 14 000 Höhenmetern vor mir.

Selbst die Gesäßcreme hatte ich daheim vergessen. Im Nachhinein frage ich mich tatsächlich, wie ich es unter diesen Voraussetzungen überhaupt bis fast hoch auf den vorletzten Pass geschafft habe.

Über Jahre nagte die Niederlage an mir, dann fasste ich endlich den Entschluss: Ich will ein Re-Match! Eine Chance auf Rehabilitation. Die Revanche beim RATA. Doch diesmal wird alles anders. Materialwahl, Begleitcrew, Ernährung, Training, Sitzposition – nichts will ich dem Zufall überlassen.

Foto: Jörg Klaus Race Across The Alps Marathon Blog

Teil 1: Fitnesscheck bei STAPS

Den Auftakt zur Mission Widergutmachung stellt eine Fahrt nach Köln da – zu den Trainingsexperten von STAPS. Dort soll Sportwissenschaftler Niklas Lehnen mich durch die Leistungsdiagnose quälen und mir danach klipp und klar sagen, was auf dem Weg zur RATA-Ziellinie in Nauders zu tun ist. Mein erster Erfolg: ich darf meinen Namen jetzt in einem Atemzug mit Topstars wie Marcel Kittel oder Nils Politt nennen, die wie viele andere Profis mit STAPS zusammenarbeiten.

Dem super professionellen Eindruck, den das Institut und die Mitarbeiter auf mich machten, folgte bald eine wesentliche Erkenntnis: „Das wird heute richtig wehtun!“. Nicht nur, weil Niklas während des Leistungstest immer wieder frisches Blut aus meinem Ohrläppchen abzapfte, sondern auch, weil er mich auf dem Ergometer hart an die Schmerzgrenze trieb.
Erst durfte ich einmal aus dem Stillstand 15 Sekunden volle Lotte in die Pedale treten.

Anschließend rückte Niklas mir mit der gemeinen Körperfettzange zu Leibe. Als großes Finale stand schließlich der Stufentest auf dem Programm. Alle 30 Sekunden schraubte der Computer die Belastung um 25 Watt nach oben – bis an die Grenzen meines Körpers.

Foto: Felix Krakow Race Across The Alps Marathon Blogac

Diagnose: noch viel zu tun

Nach einer kurzen Dusche präsentierte mir Niklas das geradezu deprimierende Ergebnis: Egal ob Körperfettanteil, Sauerstoffaufnahme, Laktatabbau oder anaerobe Schwelle, fast alle Bereiche lagen mehr oder weniger satt im roten Bereich. Oder um es mit Niklas positiven Worte zu sagen: „Ich sehe da in praktisch überall noch viel Verbesserungspotential.“ Speziell die Laktatbildungsrate müsse ich senken, um den Kohlenhydratverbrauch zu optimieren. Zudem müssen ein paar Kilo von den Hüften, um die relative Sauerstoffaufnahme zu verbessern.

Insgesamt zeigte sich Niklas nicht unbedingt euphorisch, aber mit viel Disziplin in Training und Ernährung könnte die Revanche gelingen, meint er. „Auf jeden Fall hast du noch einiges vor dir, wenn du im Juni über die Berge fliegen willst“, lautet sein überaus motivierendes Fazit.

Genau deshalb geht es jetzt erstmal ins Trainingslager nach Mallorca. Und Ende Mai wartet dann ein Vorbereitungscamp in den Alpen – unter Führung von Pierre Bischoff, dem ersten deutschen Solo-Sieger des großen Race Across America. Wollen wir doch mal sehen, was aus dem alten Körper noch rauszuholen ist!

Und wie hat doch ein früherer Kollege es einst an ähnlicher Stelle so schön auf den Punkt gebracht: „Ein guter erster Schritt soll es ja sein, möglichst vielen Menschen von seinen Plänen zu erzählen, um den Druck zu erhöhen.“ Ich denke den Druck habe ich mit diesem Beitrag erfolgreich erhöht und würde mich freuen, wenn ihr den Blog weiter begleitet.

Bis bald und viele Grüße, Christian

Video: Felix Krakow
Foto: Felix Krakow Christian Lampe auf Mallorca im Trainingslager

Teil 2: Trainingslager - Viel hilft viel?

Es sind diese Momente, wenn eine gefühlte Einigkeit darüber herrscht, wie man den kommenden Anstieg gemeinsam fährt: ruhig und gemeinsam. Das Tempo steigt und steigt. Gesprochen wird weniger und weniger. Der Puig Major liegt vor uns und der Küstenklassiker schon fast hinter uns. Aber eben doch nur fast. Gegen Ende eines langen Tages können sich 14 Kilometer mit 860 Höhenmetern ziemlich ziehen.

Wir sind auf Mallorca. Endlich. Gefühlt startet das echte Training jetzt. Dieses Jahr sollen es zwei Wochen werden. Genug Zeit um viele verpasste Kilometer vom vergangenen Winter wiedergutzumachen. Wir sind im letzten Anstieg unserer Tour, dem Küstenklassiker quer durch das Tramuntana-Gebirge entlang der Küstenlinie. Bis hier hin ein Traum im GA2-Bereich. Plötzlich erinnere ich mich wieder an Niklas von STAPS und an die Leistungsdiagnose. Seine Worte in Bezug auf mein Verbesserungspotential hallen laut durch meinen Kopf. Mein Trainingspartner, der eigentlich nicht durch extreme Frühform in den vergangenen Jahren auffällig wurde, fährt vorne weg. Hinten habe ich Mühe Haltung zu bewahren. Die Erkenntnis: Da ist ein Unterschied zwischen Rolle fahren und Straße.

Ab auf die Finca

Die erste Woche vergeht wie im Flug und die Kilometer summieren sich erfreulich. Die morgendliche Kälte auf Mallorca weicht tagsüber idealen Trainingsbedingungen. Mein neuer, leichter Flitzer, ein Canyon Ultimate CF SL Disc 8.0 Aero, erweist sich als perfekter Begleiter. Falsches Material scheidet für das RATA 2018 also schon mal als Entschuldigung aus.

Die zweite Woche bricht an und ich beziehe gemeinsam mit sechs Radsport-Freunden eine Finca nahe Pollença. Mein Trainingspartner der ersten Woche ist abgereist und meine Hoffnung, die bis hierhin erlangte Form in der Gruppe zu verfestigen, ist groß. Leider spielt das Wetter nicht mehr mit. Regen und Sturm erschweren jeden zu fahrenden Kilometer. Die Annehmlichkeiten einer Finca und der mit San Miguel gut gefüllte Kühlschrank tun das ihre, um den Wochenschnitt in die Knie zu zwingen.

Foto: Felix Krakow Christian Lampe auf Mallorca im Trainingslager

Abendessen mit einem Champion

Bleibt die Theorie. Was nützen all die gefahrenen Kilometer ohne das theoretische Grundgerüst. Schließlich hatte ich das 2012 als den Hauptschuldigen für mein Scheitern beim Race across the Alps ausgemacht. Falsche bis zu geringe Ernährung während des Rennens. Mangelnde Planung in Vorbereitung und Ausführung. Da kommt es wie gerufen, dass einer von uns Kontakt zu Pierre hat. Pierre Bischoff ist Guide bei Hürzeler Bicycle Holidays und noch viel mehr. Er ist ein echtes Ausnahmetalent im Langstreckenbereich. Die Liste seiner erfolgreichen Teilnahmen an solchen Events ist schon jetzt - mit nur 33 Jahren - beeindruckend. Diverse RATA-Teilnahmen und nicht zuletzt sein Sieg beim Race Across America 2016 machen ihn zum perfekten Gesprächspartner. Er besucht uns eines Abends mit Schokolade und einem Sixpack Radler bestückt zum Abendessen auf unserer Finca – und wir lauschen gebannt seinen Erzählungen.

Pierre geht erstaunlich gelassen mit seinen Leistungen und den dafür notwendigen Vorbereitungen um. Sein Auftreten hat so gar nichts mit dem verbissenen von seinen Vorhaben besessenen Radfahrer zu tun, den ich erwartet hatte. Entspannt und sehr hungrig von seiner Ausfahrt mit der „Hobbygruppe Lang“, erzählt er all die spannenden Dinge über seine Vorgehensweise während der langen Strecken. Wie er sich, anders als viele andere, Pausen gönnt und am Schluss davon profitiert. Wie er sich mit so einfacher Ernährung wie Müsli über die Distanzen rettet. Auf die ungläubigen Blicke aller, als er von den unglaublichen Eckdaten des Red Bull Trans Siberian Extreme erzählt, auf welches er sich im Moment vorbereitet, antwortet er nur: Das sind alles nur Zahlen. Nur Zahlen? Er spricht von an die 80.000 Höhenmetern und Einzeletappen von bis zu 1.400 Kilometer Länge. Am Ende lässt er uns mit dem guten Gefühl zurück, dass das alles gar nicht so schwer ist. Du musst halt nur wollen.

So gesehen wird RATA ein Spaziergang … denke ich. Um aber auch den letzten Zweifel zu beseitigen, melde ich mich noch während des Abends für Pierres Road Bike Camp Ende Mai in Nauders an. Er wird uns in vier Etappen Fahrtechnik und die Berge des RATA zeigen. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Hoffe das Watt/Kilogramm-Verhältnis hat sich bis dahin noch deutlich verändert.

Bis bald und viele Grüße, Christian

Teil 3: Bike Fitting bei GebioMized

So langsam wird es ernst. Noch gut vier Wochen sind es bis zur Stunde null. Bis zum Start des Race Across The Alps (RATA) mit seinen 540 Kilometern und 14 000 Höhenmeter. Bis dahin habe ich noch ein bisschen was zu tun, um die Fehler meiner nicht ganz so erfolgreichen RATA-Premiere vor sechs Jahren abzustellen.

Ein wesentlicher Schritt: die Optimierung meiner Position auf dem Rad. Nach mehr als zehn Stunden im Sattel begannen beim letzten Mal die echten Probleme mit Schmerzen so ziemlich überall im Körper. Und das brauche ich nicht nochmal. Deshalb wurde ich bei den Experten des gebioMized Concept-Labs in Köln vorstellig. Die gebioMized-Jungs arbeiten mit Topstars wie Marcel Kittel, John Degenkolb und Co. zusammen – da werden sie wohl auch einen Christian Lampe vernünftig aufs Rad setzen können.

Foto: Felix Krakow Race Across The Alps Marathon Blog

Strampeln für eine bessere Position: voller Einsatz im gebioMized Concept-Lab Köln.

Tatsächlich hatten sie bei mir so einiges zu tun. Etwas höher und etwas weiter nach vorne haben sie mich gesetzt, zudem den Winkel des Sattels angepasst. In der Videoanalyse klar sichtbares und für mich auch spürbares Ergebnis: Ich sitze jetzt aufrechter, mit einem gestreckteren Rücken im Sattel. Das sollte helfen, um Rückenbeschwerden bei dem Ultraradmarathon einzudämmen. Zudem bekomme ich jetzt mehr Kraft auf die Pedale – sagen zumindest die Experten. Ob das stimmt, werden meine neuen Powertap-Pedale mit integriertem Leistungsmesser bald zeigen.

Foto: Felix Krakow Race Across The Alps Marathon Blog

Klares Bild: Ich belaste meinen Hintern ziemlich asymmetrisch.

Am meisten beeindruckt während des Bikefittings hat mich aber die Visualisierung der Druckstellen am Sattel, also die Belastung auf meinen Hintern. Die Bilder sprechen eine sehr deutliche Sprache: ich belaste die rechte Seite überproportional stark. Es sieht aus, als würde ich komplett schief auf dem Rad sitzen. Durch die Anpassung der Sitzposition konnten wir das zwar etwas korrigieren, ganz abstellen ließ es sich aber nicht. Die Lösung soll jetzt ein eigens für mich maßgefertigter Sattel sein, der auf Basis der im Fitting ermittelten Messwerte im gebioMized-Headquarter in Münster gebaut wird. Ich bin sehr gespannt.

Ausprobieren möchte ich den neuen Sattel am liebsten schon am kommenden Wochenende. Dann plane ich ein sogenanntes Everesting. Das bedeutet ich muss mindestens 8848 Höhenmeter innerhalb von 24 Stunden absolvieren. Und zwar immer am gleichen Anstieg. Danach sollte ich nicht nur wissen was der Sattel bringt, sondern auch wie es um meine Form steht.

Egal wie das Ergebnis ausfällt, ich werde es euch wissen lassen. Versprochen.

Bis dahin Kette rechts, euer Christian

22.05.2018
Autor: Christian Lampe
© RoadBIKE