Race Across the Alps 2018: Der Blog

RATA – Die Revanche

Foto: Klaus Jürgens Race Across The Alps Marathon Blog
Schlecht vorbereitet, nicht organisiert und praktisch auf sich allein gestellt startete Hobbysportler Christian Lampe (52) vor sechs Jahren in den 540 km langen Ultraradmarathon „Race across the Alps“ – und scheiterte krachend. Jetzt sinnt er auf Revanche und will alles besser machen. RoadBIKE ist wieder an seiner Seite.

Immer wieder schwirrten mir diese Bilder durch den Kopf: Anstieg, Abfahrt, Anstieg, Abfahrt, bei Tag und bei Nacht, bei Sonne und Regen. Der unfassbar steile Passo del Mortirolo, der nicht enden wollende Berninapass, die Anstiege des Race across the Alps (RATA) 2012 verfolgten mich noch Monate nach dem Rennen in meinen Träumen.

Nach über 30 Stunden war damals am Ofenpass die Fahrt für mich zu Ende. Mit leerem Kopf und leeren Beinen saß ich neben meinem Rad auf dem Fahrbahnrand. So kurz und doch so unglaublich weit vom Ziel entfernt.

Unbedarft, aber mit einem großen Schatz an Erfahrungen in Bezug auf Langdistanz-Rennen, ging ich vor 6 Jahren im Rahmen einer Reportage für das RoadBIKE-Magazin an den Start. Die knappe und eigentlich unmissverständliche Ansage des Veranstalters, dass es sich um das „anerkannt härteste Eintagesrennen der Welt“ handele, nahm ich damals wohl nicht ernst genug.

Erst am Abend vor dem Start kamen leise Zweifel auf: Während des Fahrerbriefings wurde das Who is who der Langstreckenfahrer präsentiert. Sie alle hatten mindestens zwei Dinge gemeinsam: viel Erfahrung und ein großes Begleitteam, verteilt auf mindestens zwei Begleitfahrzeuge. Ich hatte nur einen Fotografen und einen Journalisten an meiner Seite, dafür eine ganze Batterie respekteinflößender Alpenpässe mit insgesamt schlappen 14 000 Höhenmetern vor mir.

Selbst die Gesäßcreme hatte ich daheim vergessen. Im Nachhinein frage ich mich tatsächlich, wie ich es unter diesen Voraussetzungen überhaupt bis fast hoch auf den vorletzten Pass geschafft habe.

Über Jahre nagte die Niederlage an mir, dann fasste ich endlich den Entschluss: Ich will ein Re-Match! Eine Chance auf Rehabilitation. Die Revanche beim RATA. Doch diesmal wird alles anders. Materialwahl, Begleitcrew, Ernährung, Training, Sitzposition – nichts will ich dem Zufall überlassen.

Foto: Jörg Klaus Race Across The Alps Marathon Blog

Fitnesscheck bei STAPS

Den Auftakt zur Mission Widergutmachung stellt eine Fahrt nach Köln da – zu den Trainingsexperten von STAPS. Dort soll Sportwissenschaftler Niklas Lehnen mich durch die Leistungsdiagnose quälen und mir danach klipp und klar sagen, was auf dem Weg zur RATA-Ziellinie in Nauders zu tun ist. Mein erster Erfolg: ich darf meinen Namen jetzt in einem Atemzug mit Topstars wie Marcel Kittel oder Nils Politt nennen, die wie viele andere Profis mit STAPS zusammenarbeiten.

Dem super professionellen Eindruck, den das Institut und die Mitarbeiter auf mich machten, folgte bald eine wesentliche Erkenntnis: „Das wird heute richtig wehtun!“. Nicht nur, weil Niklas während des Leistungstest immer wieder frisches Blut aus meinem Ohrläppchen abzapfte, sondern auch, weil er mich auf dem Ergometer hart an die Schmerzgrenze trieb.
Erst durfte ich einmal aus dem Stillstand 15 Sekunden volle Lotte in die Pedale treten.

Anschließend rückte Niklas mir mit der gemeinen Körperfettzange zu Leibe. Als großes Finale stand schließlich der Stufentest auf dem Programm. Alle 30 Sekunden schraubte der Computer die Belastung um 25 Watt nach oben – bis an die Grenzen meines Körpers.

Foto: Felix Krakow Race Across The Alps Marathon Blogac

Diagnose: noch viel zu tun

Nach einer kurzen Dusche präsentierte mir Niklas das geradezu deprimierende Ergebnis: Egal ob Körperfettanteil, Sauerstoffaufnahme, Laktatabbau oder anaerobe Schwelle, fast alle Bereiche lagen mehr oder weniger satt im roten Bereich. Oder um es mit Niklas positiven Worte zu sagen: „Ich sehe da in praktisch überall noch viel Verbesserungspotential.“ Speziell die Laktatbildungsrate müsse ich senken, um den Kohlenhydratverbrauch zu optimieren. Zudem müssen ein paar Kilo von den Hüften, um die relative Sauerstoffaufnahme zu verbessern.

Insgesamt zeigte sich Niklas nicht unbedingt euphorisch, aber mit viel Disziplin in Training und Ernährung könnte die Revanche gelingen, meint er. „Auf jeden Fall hast du noch einiges vor dir, wenn du im Juni über die Berge fliegen willst“, lautet sein überaus motivierendes Fazit.

Genau deshalb geht es jetzt erstmal ins Trainingslager nach Mallorca. Und Ende Mai wartet dann ein Vorbereitungscamp in den Alpen – unter Führung von Pierre Bischoff, dem ersten deutschen Solo-Sieger des großen Race Across America. Wollen wir doch mal sehen, was aus dem alten Körper noch rauszuholen ist!

Und wie hat doch ein früherer Kollege es einst an ähnlicher Stelle so schön auf den Punkt gebracht: „Ein guter erster Schritt soll es ja sein, möglichst vielen Menschen von seinen Plänen zu erzählen, um den Druck zu erhöhen.“ Ich denke den Druck habe ich mit diesem Beitrag erfolgreich erhöht und würde mich freuen, wenn ihr den Blog weiter begleitet.

Bis bald und viele Grüße, Christian

Video: Felix Krakow
10.04.2018
Autor: Christian Lampe
© RoadBIKE