Monika Sattler im Interview: „Alles ist möglich, wenn man für etwas brennt.“

Foto: Daniel Geiger Das Bild zeigt die Radsportlerin Monika Sattler
Die Abenteuer-Radsportlerin Monika Sattler fährt die Spanienrundfahrt. Jede Etappe, nur wenige Stunden vor den Profis. RoadBIKE traf die 32-Jährige bei der Eurobike zum Gespräch.

Frau Sattler, wie wird man Abenteuer-Radsportlerin?

Das ist eine lange Geschichte. Ich bin mit 19 Jahren in die USA gezogen, weil ich ein College-Stipendium hatte. Ich habe Masterabschlüsse in Internationaler Sicherheit mit Schwerpunkt Nuklearwaffentechnologie und Sport. Danach habe ich für den Internationalen Währungsfonds IWF und die Weltbank gearbeitet. Später war ich Unternehmensberaterin für IBM in der Schweiz und später in Australien – sehr viel mehr Business-Karriere geht nicht.

Die Sie aber nicht weiter verfolgt haben?

Nein, im Hosenanzug habe ich mich einfach nicht wohlgefühlt. Irgendwann in Melbourne habe ich gemerkt, ich will etwas anderes mit meinem Leben anfangen. Was genau, wusste ich nicht. Es sollte nur irgendwas mit Radsport zu tun haben. Also habe ich meinen Job gekündigt und bin zunächst nach Málaga, später nach Mallorca gezogen – ohne spanisch sprechen zu können.

Warum Radsport?

Ich liebe den Sport, ich fahre jetzt seit neun Jahren. Ich wollte Profi werden, bin auch einige UCI-Rennen gefahren, darunter das Amstel Gold Race. Aber um ganz nach oben zu kommen, fehlte mir die Aggressivität, vielleicht auch das letzte bisschen Talent.

Foto: Daniel Geiger Das Bild zeigt die Radsportlerin Monika Sattler

Nun leben Sie aber doch vom Radsport?

Ja, ich habe irgendwann erkannt, dass ich mir meinen eigenen Job quasi bauen muss. Und dafür alles geben muss, auch Risiken eingehen und Widerstände und Zweifler überwinden. Heute arbeite ich als Motivational Speakerin und werde von Unternehmen gebucht für Mitarbeiterschulungen, Fortbildungen, Teambuilding etc. Meine Radabenteuer sind dafür die Grundlage, die Erfahrungen, die Geschichten, die ich erzählen kann.

Was haben Sie auf dem Rad erlebt?

Unglaubliche Tiefpunkte, aber auch wunderbare, atemraubende Momente. Die größte Herausforderung bisher war letztes Jahr die Haute Route Triple Crown, also die Jedermann-Etappenrennen Haute Route Pyrenäen, Alpen und Dolomiten unmittelbar hintereinander. Das waren 21 Renntage in vier Wochen, über 2600 Kilometer und 63 000 Höhenmeter. Da lernt man, wie man Grenzen verschieben kann, wie etwas, das zunächst unmöglich erscheint, erreichbar wird. Der Kopf kann unglaubliches leisten!

Haben Sie eine Lebensphilosophie?

Brenn für das, was du tust. Finde heraus, wer du bist, verlass die Sicherheitszone und probiere Sachen aus. Es gibt keine Fehler, nur Erfahrungen, die einen klüger machen. Und wenn du etwas erreichen willst, dann hau alles raus, was du hast. Wenn du nie etwas ausprobierst, kannst du zwar nicht scheitern, aber auch nichts schaffen.

Foto: Monika Sattler Interview Monika Sattler

Was war der bisher schwerste Moment für Sie?

Bei der Haute Route ging es an Tag 12 über 184 Kilometer und 4500 Höhenmeter: Col du Glandon, Col de la Madelein und Col de Saisies. Da war ich körperlich am Ende, konnte kaum noch schlafen, war auch mental angeschlagen. Ich habe diesen Tag nur überlebt, weil ich einen anderen Teilnehmer bei mir hatte, einen US-Amerikaner aus der Bronx, den ich im normalen Leben wohl nie kennenglernt hätte. Wir sind sieben Stunden zusammen gefahren und haben uns gegenseitig da durchgebracht.

Nun wollen Sie als erste Frau die komplette Spanienrundfahrt fahren, jede Etappe, nur wenige Stunden vor den Profis. Eine PR-Maßnahme in eigener Sache?

Die Aufmerksamkeit hilft natürlich, meine Message zu transportieren. Ich möchte inspirieren und die Leute animieren, ihre Komfortzonen auch mal zu verlassen. Und ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Radsportlerinnen und Radsportler sich mir anschließen und mitfahren – das ganze Ding, eine Etappe oder auch nur mal ein kurzes Stück. Mein größter Traum ist, dass ich alleine losfahre und dann mit einer großen Gruppe in Madrid ankomme. So ein bisschen wie Forest Gump.

Ganz selbstlos ist das alles aber vermutlich nicht.

Nein, das möchte ich auch gar nicht behaupten. Ich will bekannter werden, ich möchte diese neue Karriere auf und abseits des Rennrads erfolgreich gestalten. Dafür brauche ich Aufmerksamkeit und Berichterstattung. Aber ich finde das auch nicht schlimm. Ebenso wichtig wie Aufträge, die ich dadurch erhalte, oder meine Sponsoren, die ich dabei präsentiere, ist mir aber, wenn ich tatsächlich jemand inspirieren kann. Es ist unglaublich motivierend und erfüllend für mich, wenn mir jemand schreibt: „Monika, weil du dieses oder jenes gemacht oder gesagt hast, habe ich das und das angepackt und geschafft.“

Foto: Daniel Geiger Das Bild zeigt die Radsportlerin Monika Sattler und RoadBIKE-Redakteur Moritz Pfeiffer

Und wo geht die Reise hin?

Beruflich möchte ich weiter als Speakerin arbeiten. Sportlich gibt es kein festgelegtes Ziel, ich muss nicht zum Beispiel das Race Across America fahren. Ich stelle mich gerne selbst definierten Herausforderungen. Kürzlich bin ich von meinem Wohnort Mallorca mit dem Fahrrad nach München gefahren, einfach drauf los, ohne Karte oder vorgebuchte Hotelunterkunft. Vielleicht fahre ich nächstes Jahr etwas mehr Gravel und 2020 quer durch Japan, wenn dort die Olympischen Spiele stattfinden.

Wie reagieren die Leute auf Sie?

Unterwegs lerne ich immer schnell Menschen kennen, nicht zuletzt, weil ich als kleiner Gag immer in meinem blau-gelb-roten Superwoman-Trikot fahre mit rotem Umhang. Dann kommen Leute, wollen wissen, was ich tue oder machen Fotos. Ich bin sehr offen und komme schnell mit Menschen ins Gespräch. Das ist sehr bereichernd, ich höre ihre Geschichten und lerne jeden Tag. An negative Reaktionen kann ich mich ehrlich gesagt nicht wirklich erinnern.

Erleben Sie auf dem Rad auch einsame Momente?

Definitiv. Aber wenn man gut mit sich selbst klar kommt, kann man auch gut alleine hunderte Kilometer fahren. Die Vuelta wird da jetzt noch mal eine Stufe mehr. Aber wie gesagt: Hoffentlich fährt da noch wer mit…

Dann wünschen wir alles Gute in Spanien!

31.07.2018
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE