Mitgefahren: Haute Route Stelvio

Drei Tage unterwegs auf der Königin der Alpenpässe

Foto: Christian Brunker/RoadBIKE Die Finisher-Medaille
Drei Tage Rennrad fahren wie ein Profi, und das rund um (und über) die Königin der Alpenpässe, das Stilfser Joch. RoadBIKE-Redakteur Christian Brunker ist mit dabei!

Der Prolog

Ohne Frage, das Stilfser Joch ist die Königin der Alpenpässe. Das ist mir schon bei der Anfahrt von Stuttgart nach Bormio wieder einmal deutlich geworden, die mich über diese legendäre Passstraße geführt hat. Unzählige Rennradfahrer sind mir auf meinem Weg nach oben begegnet. Und noch etwas wurde mir - wieder einmal - klar: Wie unfassbar lang dieser Anstieg mit seinen legendären 48 Kehren ist. Und wie unfassbar schön. Während ich auf dem Weg zur Passhöhe Rennradfahrer um Rennradfahrer überhole, denke ich nur: Morgen hängst du da so am Berg und musst da rauf. Mit jeder Kurve wächst der Respekt. Vor allem, weil vorher noch der Umbrail auf der Tageskarte steht.

Aber von Anfang an: Was ist überhaupt diese "Haute Route Stelvio", bei der ich so leichtfertig die Einladung angenommen habe? Unter dem Titel "Haute Route" werden rund um die Welt, an aktuell 11 Orten, mehrtägige Rennrad-Events angeboten. "Fahren wie ein Profi" ist einer der Slogans. Das heißt, es gibt eine Rund-um-Betreuung mit Servicewagen, Massagen und vielem anderen mehr. Eines dieser Events ist die Haute Route Stelvio. Und ich bin mit dabei. Die Route: 1. Etappe über Umbrail und Stilfser Joch von Prad aus, Etappe 2 mit Mortirolo und Gavia und für Etappe drei steht ein "Einzelbergzeitfahren" von Bormio aufs Stilfser Joch auf dem Programm.

Tag 1 besteht aus der Anfahrt und dem obligartorischen Abholen der Startunterlagen. Am Rande: Bei der Haute Route muss man vorher fünf Ausrüstungsteile vorweisen, sonst bekommt man seine Unterlagen nicht: Helm, warmes Langarmtrikot, Überschuhe, lange Handschuhe und Beinlinge. So ganz erschließt sich mir der Sinn dessen allerdings nicht. Denn ob ich die Sachen für die Etappe einpacke oder nicht, bleibt mir überlassen. Immerhin: Bei der Haute Route gibt es einen Gepäck-Service. Ich kann einen Rucksack mit Zusatzkleidung am Start abgeben und kann ihn dann im Ziel (immer oben auf der Passhöhe) abholen. Also hat man immer warme Sachen für die abschließende, ungezeitete Abfahrt zurück nach Bormio.

Bei der Fahrerbesprechung steigt meine Nervösität angesichts der bevorstehenden Aufgaben. Denn anders als bei normalen Eintagesevents muss man bei der Haute Route auch an die folgenden Tage denken und seine Körner gut einteilen. Ich bin gespannt, wie gut mir das gelingt. 3800 Höhenmeter auf 83 Kilometer klingt zwar schon machbar, ist aber doch ein Brett. Vor allem, wenn am Tag danach rund 125 km und weitere 3800 Höhenmeter warten. Aber ich beschließe, nur von Tag zu Tag zu denken. Bei der obligartorischen Pastaparty werfe ich einen Blick auf meine Mitfahrer in den kommenden Tagen und versuche, das Niveau einzuschätzen. Schließlich würde ich ungern letzter werden. Ganz unsportlich sehen die Kollegen schon mal nicht aus. Ich bin gespannt, wie ich da mithalten kann. Und schließlich sage ich mir: Wenn ich dann doch in den Besenwagen muss, schreibe ich eben eine Reportage über die anderen Gescheiterten wie ich. Ist auch spannend. Immerhin hat das Hotel das eigentlich erst ab 7.30 Uhr verfügbare Frühstück auf 6.30 Uhr vorverlegt. Gut so, denn um 7.30 Uhr ist der Start.

Den Abend beschließe ich mich Routine-Aufgaben: Startnummer befestigen, Klamotten für morgen rauslegen, Rucksack packen - was man so macht, um sich nicht zu sehr verrückt zu machen. Und schließlich: Wettervorhersage checken. Aktuell sieht es so aus, als könnte es bei maximal 20 °C in Bormio zumindest trocken bleiben. Ich lasse mich überraschen. Die Regenjacke/Windjacke kommt ohnehin in die Trikottasche. Jetzt eine Mütze voll Schlaf.

Etappe 1: Regen, Nebel und Kälte

Natürlich hat das Wetter nicht gehalten, was die Vorhersage am Vortag noch versprochen hat. Selbst am Start sprachen die Veranstalter noch von einer gewissen Regenwahrscheinlichkeit zwischen 11.30 und 12 Uhr. Schön wäre es gewesen. Ungefähr in der Mitte von Bormio auf dem Weg zum Umbrail fing es erst an zu tröpfeln, dann zu regnen. Bis dahin hatte ich mich ganz gut gefühlt. Zwar hatte ich die Spitzengruppe schon direkt nach dem Start aus den Augen verloren, aber es waren noch genug Fahrer in meinem Tempo unterwegs, sodass ich recht schnell die Sorge los war, das Zeitlimit zu reißen oder letzter zu werden. Mit einem guten Rhythmus fuhr ich stetig nach oben und immer, wenn ich auf den Tacho sah, waren wieder mindestens 100 Höhenmeter geschafft. Oben am Umbrail stand schließlich der Nebel auf der Straße und es war sehr frisch, sodass ich mich entschied, mich gar nicht an der Verpflegungstation aufzuhalten, sondern direkt ins Tal zu jagen. Und was war das für eine Abfahrt: Die Sichtweite teils unter 50 Meter, bei 7 bis 10% Gefälle auf nassen Straßen. Einmal mehr war ich froh, nicht wie viele andere auf Carbonfelgen unterwegs zu sein, sondern mit einer Scheibenbremse. Erstaunlicherweise hielt sich sogar die Soundkulisse im Rahmen. Aber die Kälte zog mir doch den Zahn, knapp über 3 Grad waren auf dem Umbrail, um bei der Abfahrt wurde es noch kälter. Erst unten im Tal hörte schließlich der Regen auf, verfroren und mit nassen Füßen war ich trotzdem unterwegs. Ich glaube, ich habe mich noch nie so sehr auf einen 2000 Höhenmeter Anstieg gefreut, weil mir dann endlich wieder warm wurde.

Im unteren Teil des Stelvio lief es auch wieder gut, die Straße war trocken. Allerdings hatte sich das Feld mittlerweile so weit auseinandergezogen, dass ich oft komplett allein unterwegs war. Je weiter ich nach oben kletterte, desto mehr verschlechterte sich das Wetter. Insbesondere die - normalerweise - beeindruckende letzte Kehrengruppe lag komplett in den Wolken. Keine Chance, frühzeitig die Passhöhe zu sichten. Zudem hatte sich auch die barometrische Höhenmessung des Garmin Edge 520 verabschiedet, nachdem er mir zwischenzeitlich ein Gefälle von 64% angezeigt hatte. Nur die Kilometerangaben zum Ziel waren als Orientierung geblieben. By the way: Noch nie sind mir 5 Kilometer so lange vorgekommen. Des öfteren musste ich mich an Regel 5 erinnern: Reiß dich verd... nochmal zusammen!

Aber die gute Nachricht: Jeder Berg ist mal zuende. Und oben auf dem Stelvio wartete mein Rucksack mit dicker Wind- und Regenjacke, Beinlingen, Überschuhen und langen Handschuhen für die Abfahrt. Die war dann wenigstens trocken und hat etwas für die Mühen und die Kälte bergauf entschädigt.

Die schlechte Nachricht: Das war erst die erste Etappe. Morgen geht's mit müden Beinen auf den Mortirolo und den Gavia. Immerhin hat die Rennleitung entschieden, dass die Abfahrt vom Mortirolo nicht gezeitet wird und man sie - soweit möglich - entspannt genießen kann. Auch die Wettervorhersage für morgen sieht besser aus. Aber darauf gebe ich nichts mehr...

Am Rande

Hier noch zwischendrin ein paar Randnotizen, Gedanken und Bemerkungen - was einem auf langen Anstiegen so durch den Kopf schießt ...

  • Sollte man sich Gedanken machen, wenn seine Mitfahrer auf der zweiten Etappe an der Bibshort wiedererkennt? Also genauer gesagt, an den Schweißrändern um den Allerwertesten, weil sie die Hose schon am ersten Tag anhatten?
  • Weiße Bibshorts sind definitiv Teufelszeug. Vor allem, wenn sie durch Regen nass werden. Das will man nicht wissen.
  • Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich - bereits im kleinsten Gang fahrend - versucht habe, runterzuschalten. Immer in der Hoffnung, dass da doch noch irgendwie ein verstecktes Ritzel ist.

Etappe 2: Sonne und Berge satt

Ich geb's zu: Als ich mich am morgen nach einer viel zu kurzen Nacht gegen halb sechs aus dem Bett quäle, beschleicht mich der Gedanke, warum ich so einen Quatsch wie die Haute Route überhaupt mitmache. Aber natürlich ist nicht zur zweiten Etappe antreten überhaupt keine Option, zumal schon der erste Blick aus dem Fenster deutlich bessere Bedingungen erahnen lässt. Und richtig: Schon zum Start strahlt die Sonne. Auch die schöne lange Abfahrt von Bormio das Adda-Tal hinunter in Richtung Mazzo di Valtellina macht richtig Laune, die trüben Gedanken des Morgens sind wie verflogen. Zumal sich die Beine auch nicht so schwer wie befürchtet anfühlen. Mit satten 45 Sachen geht es zur Sache. Dann türmt sich die Vorspeise des Tages auf: Der Mortirolo. Rund 1300 Höhenmeter verteilen sich auf knapp 13 km, also satte 10% Steigung im Mittel. Aber irgendwie glaube ich das nicht. Gefühlt geht es ständig mit mindestens 13 bis 16% bergauf. Eigentlich sollte der Garmin ja darüber Aufschluss geben, aber trotz bester äußerer Bedingungen spuckt er keine glaubwürdigen Steigungsprozente aus. Egal, würde mich eh nur verunsichern. Die Form stimmt auf jeden Fall, ich überhole deutlich mehr Leute als mich abhängen, und auch die wirklich steilen Abschnitte zwingen mich zwar in den Wiegetritt, aber nicht vom Rad. Die verbrannten Kalorien müssen an der Verpflegungstation an der Passhöhe natürlich wieder rein.

Dann geht es über eine wirklich wunderschöne, schmale Bergstraße auf einem Bergsattel zwischen Adda- und Ogliotal weiter. Weil dieser Abschnitt nicht gezeitet ist, bleibt Zeit für das eine oder andere Foto und ich kann die Landschaft wirklich genießen. Spätestens jetzt sind alle Zweifel über mein Tun endgültig wie verflogen - auch in dem Wissen, den Mortirolo hinter mir zu haben. Und der Gavia ist nur mit 16,5 km und 1334 Höhenmeter ausgezeichnet - ein Klacks. Aber denkste. Denn die Abfahrt vom Mortirolo führt bis auf knapp 700 Meter runter, macht rund 2000 Höhenmeter bis zur Gavia-Passhöhe. Da sind es noch rund 45 km bis ins Ziel. Das wird ein verdammt langer Anstieg denke ich mir. Immerhin hilft der Rückenwind, denn ich bin seit der Abfahrt vom Mortirolo nahezu allein unterwegs.

Erst 16,5 km vor dem Ziel beginnt der eigentliche Anstieg. Und der Gavia ist einfach ein Traum von einem Pass. Nach einem ersten Abschnitt führt nur noch eine sehr schmale Straße bergan, meist durch einen Wald, während auf der anderen Seite des Tals ein beeindruckendes Bergmassiv immer wieder meine Blicke fesselt. Es sind zwar einige steilere Rampen dabei, aber insgesamt fährt sich der Gavia angenehm. Auch die Sonne macht den Tag zu Rennradfahrers Traum. Einziger Verlust ist eine Trinkflasche, die mir beim Versuch, sie wieder in die Halterung zu stecken, entgleitet. Ich kann ihr nur noch nachschauen, wie sie über die Straßenkante rollt und mehrere Meter in die Tiefe stürzt. Keine Chance, sie wiederzuholen. Schon gar nicht mir Radschuhen. Naja, bis zum Ziel sollte es auch mit einer Pulle gehen. Die letzten Kilometer ziehen sich mal wieder, sodass ich kurz beschließe, die nächsten Wochen keine Berge mehr sehen zu wollen. Solche Gelübde halten aber für gewöhnlich nicht weiter als bis zur Passhöhe, die ich nach knapp 7 Stunden Fahrtzeit erreiche. Kurze Randbemerkung: Auf den letzten Kilometern fühle ich mich ein bisschen wie bei Hänsel und Gretel, alle paar Meter markieren weggeworfene Gel-Packungen den Weg nach oben. Und das trotz der eigentlich strikten "Anti-Littering"-Einstellung der Haute Route. Beim Einschreiben sollten alle Fahrer eine entsprechende Erklärung unterschreiben. Aber offenbar schrecken die angedrohten Zeitstrafen nicht ausreichend ab und das Risiko, erwischt zu werden, ist zu gering. Ich finde es jedenfalls unsäglich, seinen Müll absichtlich in die Pampa zu werfen. Ok, meine Trinkflasche liegt jetzt auch irgendwo am Gavia, aber das war echt ein versehen und ich kam wirklich nicht mehr dran, ohne meine Gesundheit zu gefährden.

So gut wie geschafft, denke ich mir. Jetzt steht nur noch morgen das "Zeitfahren" aufs Stilfser Joch auf dem Programm. Gegen die müden Beine gönne ich mir eine Massage, die im Haute Route-Packet enthalten ist und hoffe, dass es was bringt. Wir werden sehen.

Etappe 3: Einzelzeitfahren

Nach zwei anstregenden Etappen gabs zum Abschluss noch ein "Einzelzeitfahren" von Bormio aufs Stilfser Joch. Also eigentlich alles wie gehabt, jeder kämpft sich selbst den Berg hinauf. Aber immerhin: Am Start durfte man sich kurz fühlen wie ein Profi, denn los ging es von einer Rampe mit Countdown. Dass die eigentliche Zeit erst in rund 1500 Metern gestartet wurde - geschenkt. Und auch ein paar mehr Zuschauer wären schön gewesen, aber die Einwohner von Bormio (Bormioser? Borminesen? Bormianer?) waren wohl doch nicht so interessiert. Alle 30 Sekunden gehen die Fahrer ins Rennen, in umgekehrter Reihenfolge ihrer Platzierung. Die schlechtesten starten also zuerst, der Gesamtführende geht als letzter ins Rennen.

Nach zwei Etappen mit mehr als 3000 Höhenmetern kommen mir die heutigen knapp 1500 aufs Stilfer Joch wie ein Spaziergang vor, zumal das Wetter geradzu ideal ist: Blauer Himmel und vor allem: Kein Wind. Und überraschender Weise zeigen auch meine Beine nur wenig Spuren von Müdigkeit. So kurbele ich mich diesen wunderschönen Pass hoch, obwohl ich zugeben muss, dass mir die andere Seite im direkten Vergleich doch besser gefällt.

Immerhin kann ich ein paar vor mir gestartete Fahrer einholen und hoffe, meine aktuelle Position im Ranking zumindest zu verteidigen. Nach 1.50 Stunden bin ich schließlich oben und hole mir meine verdiente Finisher-Medaille ab, ehe ich mich in die Abfahrt zurück nach Bormio stürze. Auf dem Weg nach unten sehe ich noch den Gesamtführenden, der nur knapp über eine Stunde bis nach oben brauchen wird.

Nach drei Tagen darf natürlich auch das Gesamtergebnis (Männer und Frauen) nicht fehlen: Ich bin 134. von insgesamt 216 Finishern geworden, mit einem Zeitrückstand auf den Gesamtsieger Clarke Cullum von 3:41:44 Stunden. Damit kann ich durchaus leben. Mein Ziel, nicht letzter zu werden, sehr gut übertroffen!

Fazit

Drei Tage, drei Etappen, jede Menge Höhenmeter: Wie fällt nun das Fazit aus? Ich muss sagen, die Haute Route Stelvio ist ein extrem cooles Event. Die Etappen sind anspruchsvoll, aber doch machbar. Die Stimmung zwischen den Fahrern extrem motivierend. Spätestens am zweiten Anstieg kennt man die Leute, die ein ähnliches Tempo fahren. Trotz unterschiedlich langer Pausenzeiten sieht man sich immer wieder. Der Service rundum ist ebenfalls extrem gut. Besonders praktisch ist der Gepäcktransport zur Bergankunft, sodass man sich für die abschließende, ungezeitete Abfahrt ausreichend warm anziehen kann. Apropos ungezeitet: Auch das muss man den Organisatoren hoch anrechnen, dass sie eben nicht aus Einfachheit die Zeit komplett vom Start bis in Ziel nehmen, sondern sich auch - wie auf der zweiten Etappen geschehen - im Sinne der Sicherheit dazu entscheiden, einzelne Strecken von der Zeitnahme auszunehmen. Es war deutlich spürbar, dass es in diesen Abschnitten deutlich entspannter zuging, Zeit für Fotostopps oder eine längere Pause am Verpflegungsstand blieb. So fühlte man sich gut aufgehoben und betreut. Gerne einmal wieder!

11.06.2018
Autor: Christian Brunker
© RoadBIKE