Mitgefahren: Gravel Rallye Black Forest

Foto: Moritz Pfeiffer Auf der Strecke der Gravel Rallye Black Forest
Immer mehr Gravel-Events sprießen aus dem Boden. Dem ganz eigenen Charme der Szene erlag RoadBIKE bei der Gravel Rallye Black Forest im Südschwarzwald.

Die Gravel Rallye Black Forest hat Eindruck hinterlassen. Auch bei meinem drei-jährigen Sohn. Noch Wochen nach dem Event erzählt er aufgeregt "von dem Fahrradrennen mit dem Hirsch!" Moment, ein Fahrradrennen mit einem Hirsch? Um das zu verstehen, muss man ein wenig in die Mentalität der Gravel-Szene eintauchen, die sich derzeit in Windeseile in Deutschland ausbreitet - mit neuen Events, anderer Philosophie, innovativen Formaten.

Graveln bezeichnet neudeutsch das Rennradfahren auf und vor allem abseits asphaltierter Straßen. Fröhlich wird hin und hergewechselt zwischen Asphalt, Wald- und Wiesenwegen, leichten Trails und Schotterpisten.

Im Kern geht es darum, auf dem Rennrad neue Wege zu beschreiten, Abenteuer zu erleben, die Tour auch da fortzusetzen, wo der Asphalt endet und - ganz wichtig - einen großen Bogen zu machen um die SUV-Panzer, LKWs und Motorräder auf Deutschlands Landstraßen. Und während es beim eng verwandten Cyclocross eher um den Wettkampf auf kurzen Rundkursen mit künstlichen Hindernissen geht, zieht es den Gravel-Biker auf epische Touren hinaus in die Natur - gerne mit Gleichgesinnten, gerne mit einem anschließenden gemeinsamen Bier, gerne ohne Ergebnisliste.

Und wo kommt nun der Hirsch ins Spiel, der meinem Sohn so gut im Gedächtnis geblieben ist? Willi der Hirsch ist das Maskottchen des Veranstalters der zwei-tägigen Gravel Rallye Black Forest, bei der ich kürzlich teilnahm und die Familie zur Unterstützung mitgeschleppt hatte. Während des Events fungiert der Hirsch als Spaßkanone und Motivator und reicht den Teilnehmern nach vollbrachter Leistung das Finisher-Bier. Sinnbildlich steht er für die entspannte Lebensfreude der Gravel-Szene, die sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Foto: Hirsch-Sprung Willi der Hirsch bei der Gravel Rallye Black Forest

Zurückzuführen ist der Hirsch auf den Firmennamen des Veranstalters, die Firma Hirsch-Sprung aus Breitnau im Südschwarzwald. Diese bietet Radreisen, Fahrtechnik-Kurse und Events an, der Firmenname bezieht sich auf das unweit von Breitnau gelegene enge Felsentor Hirschsprung im Höllental zwischen Freiburg und Titisee.

Foto: Hirsch-Sprung Andreas Aeschlimann, Eva und Björn Fünfgeld

Eva und Björn Fünfgeld (r.) vom Veranstalter Hirsch-Sprung mit Andreas Aeschlimann (l.) vom Sponsor Ritchey.

Die Gravel Rallye, die 2018 zum zweiten Mal stattfand, soll zu einer festen Instanz im Schwarzwald werden: Samstags ein lockeres Zusammenkommen am Start- und Zielort, dem Naturfreundehaus Breitnau, mit kleiner Ausstellermesse, optionalem Cyclocross-Funrace sowie Barbecue-Party am Abend, sonntags die eigentliche Gravel Rallye über wahlweise 34, 82 oder 113 Kilometer Schwarzwald-Trails, Schotter und Asphalt.

"Die Leute wollen einfach Spaß haben auf dem Rad", beschreibt Hirsch-Sprung-Inhaberin Eva Fünfgeld die Motivation der Teilnehmer. "Bei vielen Events geht es darum, wer der Schnellste ist. Bei uns geht es darum, eine gute Zeit mit Gleichgesinnten zu verbringen und eine schöne Strecke durch unsere Heimat, den Schwarzwald, unter die Reifen zu nehmen. Ohne Leistungsdruck, aber schon sportlich herausfordernd."

Foto: Hirsch-Sprung RB-Redakteur Moritz Pfeiffer beim Cyclocross

RB-Redakteur Moritz Pfeiffer beim Cyclocross Funrace.

Wer zumindest zeitweise in den Wettkampfmodus schalten möchte, hat dazu am Samstag beim Cyclocross-Funrace die Gelegenheit, auf einem knapp ein Kilometer langen Rundkurs um das Naturfreundehaus. Damit nicht zuviel sportlicher Ehrgeiz aufkommt, führt Willi der Hirsch die Teilnehmer beim Le Mans-Start zu ihren Rädern. Bei der anschließenden Siegerehrung gibt es kein Podium, sondern Liegestühle, und Bier statt Recovery-Drink, quasi nahtlos schließt sich die abendliche Barbecue-Party an.




Am Sonntag treffen sich vor dem Start viele Teilnehmer im Frühstücksraum des Naturfreundehauses - auch manche, die nicht dort übernachtet haben. Ich komme mit RoadBIKE-Leser Andreas aus Stuttgart ins Gespräch. Er hat das Graveln erst kürzlich für sich entdeckt und ist Feuer und Flamme, dem Autoverkehr besser aus dem Weg gehen und trotzdem schnell Rennrad fahren zu können. Auf das Event ist er durch die Liste mit Gravel-Veranstaltungen in RoadBIKE Ausgabe 04/18 aufmerksam geworden, die heutige Runde will er entspannt angehen und die Landschaft genießen.

Foto: Hirsch-Sprung Start und Ziel bei der Gravel Rallye Black Forest

Kurz darauf rolle ich in einer etwa zehn-köpfigen Gruppe los. Eine feste Startzeit gibt es nicht. Gleich zu Beginn öffnet sich ein ein beeindruckendes Panorama über den Schwarzwald, wo morgens um acht Uhr noch manche Wolke tief hängt. Aber es ist trocken, die Temperaturen sind angenehm. Über Hinterzarten geht die Fahrt zum Titisee, bald stehen auch erste Schotterpassagen und kleine Trails auf dem Programm. Die Gruppe zieht sich schnell in die Länge, je nach fahrtechnischem Können und Kondition. Viele Frauen sind am Start, eine angenehme Entwicklung im noch immer sehr männlich dominierten Radsport.

Foto: Hirsch-Sprung Blick über den Südschwarzwald Richtung St. Märgen

Nach etwa 20 Kilometern beginnt der erste lange Anstieg auf den Hochfirst. Zunächst geht es gut fahrbahr auf breiter Waldautobahn bergauf, vorbei an der mächtigen Hochfirst-Skisprungschanze, wo auch Weltcup-Springen ausgetragen werden. Plötzlich wechselt die gut ausgeschilderte Strecke auf einen schmalen Trail. Neben der Bewältigung der Steigung geht es nun auch darum, die richtige Fahrlinie zu finden zwischen nassen Wurzeln und Steinen. Der Puls hämmert in den Schläfen, immer wieder schiebt ein Teilnehmer sein Rad für einige Meter. Als ich schon fürchte, auch bald vom Rad zu müssen, geht es endlich wieder auf eine Asphaltstraße - ein Moment des Durchschnaufens. Doch zu früh gefreut. Die letzten 500 Meter schraubt sich die Straße mit deutlich mehr als 10 % Steigung in den Himmel.

Oben angekommen wartet die erste Verpflegungsstelle. Witziger Einfall der Veranstalter: Beim Start und im Ziel sowie an den Verpflegungsstellen auf der Strecke zieht jeder Teilnehmer je eine Pokerkarte, deren Bild auf einer Wertungskarte notiert wird. Im Ziel entscheidet das gezogene "Blatt" darüber, aus welcher Preiskategorie man einen kleinen Gewinn erhält. Im Prinzip funktioniert das System wie die Stempelkarte bei einer RTF und dokumentiert, welche Strecke ein Teilnehmer gefahren ist, es macht aber viel mehr Spaß.

Foto: Hirsch-Sprung Poker-Game bei der Gravel Rallye Black Forest

Nach einer ausgiebigen Pause fahre ich die wenigen Meter weiter zum Sendemast auf dem Hochfirst, von wo aus man einen tollen Blick auf die umliegenden Schwarzwaldgipfel und den Titisee hat. Die kurze Bronze-Runde biegt hier bereits ab, ich bleibe aber noch auf Kurs. Es folgt eine Flachpassage über den Bergrücken, bevor es steil hinab ins Tal geht. So steil, dass gewisse Fahrkünste erforderlich sind und die Scheibenbremsen jaulen. Überhaupt ist die Tour nicht ganz ohne, eine gute Radbeherrschung und Kondition sollte man schon mitbringen (es gibt aber auch immer wieder Möglichkeiten, technisch anspruchsvolle Passagen zu umfahren oder abzukürzen, zur Not muss ein Stück geschoben werden).

Foto: Moritz Pfeiffer Blick vom Hochfirst auf den Titisee

"In Baden-Württemberg gilt momentan noch die Zwei-Meter-Regel, die Fahrradfahrer faktisch von fast allen Trails verbannt", erklärt Veranstalterin Eva Fünfgeld, "aber unsere Strecke nutzt in Teilen den Gipfeltrail im Hochschwarzwald, der grundsätzlich für Radfahrer freigegeben ist. Das hat unser Genehmigungsverfahren erleichtert."

Nach einer erneuten Verpflegung samt Pokerkarte in Lenzkirch folgt der zweite Anstieg, der zwar nicht mehr über Trails führt, aber teilweise so steil ist, dass meine Trittfrequenz gefühlt auf 30 sinkt. Phasenweise gleicht der Weg eher einem zugewachsenen Steilhang. Also runter vom Rad und selbiges in alter Cyclocross-Manier schultern. Belohnung für die Mühen ist eine Flow-Strecke auf feinem Schotter, über die Höhe, durch weite Wiesen und dunkle Wälder.

Foto: Moritz Pfeiffer Steiler Anstieg bei der Gravel Rallye Black Forest

Immer wieder treffe ich Matthias und Jörg aus Frankfurt. Mal sind sie vor mir, mal anders herum. Irgendwann beschließen wir, gemeinsam zu fahren. Matthias kommt aus der Gegend und nutzt das Event, um die alte, mit dem Rennrad bereits vielfach befahrene Region auf dem Gravel-Bike neu kennenzulernen. Die Strecke führt über das Gelände der Rothaus Brauerei und über einen weiteren kräftezehrenden Anstieg in Richtung Schluchsee.

Dann der Schreckmoment: Auf einem Radweg entlang der Bundesstraße will Jörg Fußgänger überholen, blickt über die Schulter - und fährt dabei mit Karacho in die Leitplanke, die Radweg und Straße voneinander trennt. Krachend überschlägt er sich. Gott sei Dank zeigt sich schnell: Glück im Unglück. Die Schulter ist geprellt, hier und da Abschürfungen und blaue Flecken, aber keine schwere Verletzung. Das Rad ist jedoch hinüber: Der Gabelschaft ist gebrochen, die Gabel abgerissen und nur noch über die Bremsleitung mit dem Rahmen verbunden. Mit Blick auf das zerstörte Rad entwickelt Jörg aber Galgenhumor: "Lieber das Rad als ich."

Erneut Glück im Unglück: Das Malheur ist 500 Meter vor der nächsten Verpflegungsstelle passiert. Jörg wechselt die Sportart und wandert das letzte Stück, von dort bringt ihn der Veranstalter mit den Resten seins Rads wieder zum Start. Matthias und ich trennen uns an der Verpflegungsstelle - er will die lange Gold-Runde auskosten, ich die Geduld meiner Familie nicht überstrapazieren. Außerdem machen sich bei mir langsam die Anstrengungen bemerkbar. Die vielen, teils sehr steilen Anstiege, die hohe Konzentration auf den Trails... So mancher der 41 Finisher auf der 113 Kilometer langen Gold-Runde ist an die 10 Stunden unterwegs.




Auf der Silber-Runde, für die ich mich entscheide, geht es nun am Schluchsee entlang Richtung Bärental. Ich tue mich mit Mario aus der Schweiz zusammen, später entsteht eine richtige Gruppe. Aus Rücksicht auf die Fußgänger führt die Strecke nicht am Seeufer entlang, sondern immer ein paar Höhenmeter weiter oben am Hang. Das bedeutet zwar weitere Kletterpartien, bringt aber auch schöne Ausblicke mit sich. Über Bärental und erneut Titisee geht es zurück nach Hinterzarten, und der mental vielleicht schwerste Teil beginnt, denn jeder weiß: All das sind wir heute früh schon bergab gefahren, nun gilt es noch einmal, bis auf knapp 1100 Meter zum Naturfreundehaus zu klettern.

Nach knapp fünf Stunden bin ich wieder im Ziel. Mein Pokerblatt ist durchwachsen, ich gewinne ein Glas Saure Gurken. 156 Starter zählen die Veranstalter am Ende, davon 12 aus dem Mutterland des Gravels, den USA, sowie 24 aus der Schweiz. "Im nächsten Jahr werden wir die Strecke ein wenig anpassen, weniger Trails, mehr Flow-Strecken, und weitere kleine Kinderkrankheiten abstellen", verspricht Eva Fünfgeld. Das Feedback der Teilnehmer holt sie sich im direkten Gespräch oder anschließend per E-Mail.

Foto: Hirsch-Sprung Teilnehmer der Gravel Rallye Black Forest nach dem Zieleinlauf

Nachmittags ist die kleine Ausstellermesse, wo unter anderem die Sponsoren Ritchey, Tune und Trickstuff ihre Produkte zeigen und teils ausleihen, gut besucht. Mit dem obligatorischen Finisher-Bier in der Hand palavern die Teilnehmer und berichten von ihren Erlebnissen. "Natürlich wollen wir noch ein bisschen wachsen, aber diesen familiären Charakter, dieses Miteinander wollen wir auf jeden Fall wahren", sagt Eva Fünfgeld. Willi der Hirsch - der in Wirklichkeit ihr Ehemann Björn ist - nickt bestätigend. Und mein Sohn schaut ihn mit großen Augen an.

Termin 2019

20./ 21. Juli

Weitere Informationen

https://www.hirsch-sprung.com/gravel-rallye

Foto: Hirsch-Sprung Gute Stimmung an einer Verpflegungsstelle bei der Gravel Rallye Black Forest
28.08.2018
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE