Kinder und Jugendliche im Radsport: Die nächste Generation

Foto: Daniel Geiger Radrennen U19 Junioren und U17 Jugend
Wie kommen junge Menschen zum Rennrad, was fasziniert sie daran? Und wie kann man sie dabei unterstützen? RoadBIKE hat sich bei einigen Nachwuchsrennen umgehört.

Schwer atmend stehen Lukas Kegel und Niklas Geis am Straßenrand, die Köpfe über die Lenker gebeugt. Dann grinsen die beiden jungen Rennfahrer vom RSV Stuttgart-Vaihingen und klatschen sich ab. Gerade sind sie im schwäbischen Backnang ihr erstes Rennen der Saison 2018 gefahren, 20 Runden à zweieinhalb Kilometer mit einem fiesen, 300 Meter langen Anstieg. „Es geht wieder los“, frohlockt Lukas. Der groß gewachsene 17-Jährige startet in der Juniorenklasse U19 und fährt an die 30 Rennen pro Jahr. In Backnang hält er stets eine der vorderen Positionen, wagt auch mal einen Angriff – und sprintet am Ende auf Platz zwei. Niklas kämpf dagegen mit den kleinen Ungerechtigkeiten des Lebens: Durch seinen Geburtstag spät im Jahr gehört er zu den Jüngsten in der Jugendklasse U17, und wenn, wie in Backnang, Jugend- und Juniorenklasse zusammen starten, muss sich der 14-Jährige mit deutlich älteren, größeren und kräfigeren Konkurrenten messen. Die Folge: Nach gutem Start gehen bei ihm nach einigen Runden die Lichter aus. Doch trotz Überrundung fährt Niklas das Rennen zu Ende, um im Ziel mit stolzem Trotz zu sagen: „Aufgeben ist nie eine Option!“

Foto: Daniel Geiger Lukas Kegel und Niklas Geis klatschen nach einem Radrennen ab

Lukas und Niklas sind zwei von knapp 4000 Kindern und Jugendlichen, die laut Angabe des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) aktuell eine Wettkampf-Lizenz gelöst haben. Die Zahlen sind rückläufg, was sich stellvertretend auch in Backnang zeigt: 2014 standen allein im Rennen der U19 noch 42 Fahrer am Start, 2018 waren es selbst bei Zusammenlegung von Jugend- und Juniorenklasse gerade mal 22. Schülerrennen in den Klassen U11 bis U15 bietet der veranstaltende Verein RSV Backnang-Waldrems gar nicht mehr an. Allgemein belegen die Zahlen des Deutschen Olympischen Sportbundes: Immer weniger Kinder und Jugendliche sind überhaupt Mitglied in einem Radsportverein – viele Vereine überaltern deshalb.

Die Problematik ist nicht radsportspezifsch, die Gründe sind vielfältig: weniger Zeit für außerschulische Aktivitäten durch die Zunahme von Ganztagsschulen; weniger logistische Unterstützung und Fahrdienste, da immer öfer beide Elternteile berufstätig sind; und nicht selten Sparzwänge und Mittelkürzungen durch Bund, Länder und Kommunen. Das oft beschworene Bild der Video spielenden und Smartphone-süchtigen Nullbock-Generation trifft dagegen nur bedingt zu: Studien zufolge verbringen Kinder und Jugendliche ihre Freizeit immer noch am liebsten direkt mit Altersgenossen, das Smartphone ist nicht beliebter als Lesen oder Sport. Und nach wie vor gilt: Kinder und Jugendliche sind interessiert, suchen, probieren gerne aus. Irgendwo bleiben sie dann hängen.

Foto: Daniel Geiger Radrennen U19 Junioren und U17 Jugend
Foto: Daniel Geiger Lukas Kegel

"Zum Thema rasierte Beine muss man sich schon mal was anhören. Aber damit komme ich klar." Lukas Kegel, Rennfahrer U19, RSV Stuttgart-Vaihingen

Insofern gilt es, spannende Angebote zu machen. Und hier hat der Radsport zugleich gute und schlechte Ausgangsbedingungen, weiß Marco Rossmann, Jugendsekretär beim Bund Deutscher Radfahrer: „Gut ist: Das Fahrrad und seine Vorform, das Laufrad, sind die ersten eigenen Fortbewegungsmittel, die Kinder nutzen. Sie haben viel Spaß und erreichen dabei aus eigener Kraft Geschwindigkeiten und legen Distanzen zurück, die sie sich gar nicht vorstellen konnten. Sie erweitern erheblich ihren Bewegungsradius, sind stolz auf ihr
Rad und ihre Leistung und erleben Freiheit und Unabhängigkeit. Das sind prägende positive Erlebnisse!“

Der Schritt vom Fahrradfahren zum Radsport, womöglich gar mit Wettkampfcharakter, ist hingegen weit. „Schlecht ist: Der Radsport ist ein teures, zeitintensives und exotisches Hobby, das viel Unterstützung durch Eltern und Ehrenamtliche verlangt. Und selbst
wenn man als Jahrhunderttalent geboren wird, erlebt man Schmerzen und Rückschläge. Die Hemmschwelle ist niedrig, zu einem leichteren, vielleicht auch vermeintlich cooleren Freizeitangebot zu wechseln.“

Foto: Daniel Geiger Radrennen U19 Junioren und U17 Jugend

Was können Eltern tun, um ihre Kinder für den Radsport zu begeistern? Rossmann rät: „Natürlich gemeinsam Rad fahren, als Familie, bei Vereinsausfahrten, Volksradfahren oder Radtourenfahrten (RTF) in der Umgebung. Und dann den Nachwuchs einfach mal anmelden bei Schnuppertagen, Anfängerrennen oder Fahrtechnikkursen auf dem Mountainbike. Das macht Spaß und erlaubt einen vielfältigen Einblick in den Radsport. Das notwendige Material kann man sich of zunächst leihen.“

Unterstützung durch Eltern und Verein

Jugendrennfahrer Niklas kam mit zehn Jahren über das Mountainbike zum Radsport: „Das Rennradfahren hat mir dann aber besser gefallen. Ich liebe die hohen Geschwindigkeiten und den Kick, wenn man beim Rennen in großer Schräglage durch enge Kurven schießt. Es ist faszinierend, was der Körper alles leisten kann. Und wie man die Grenzen verschiebt.“ Bei Vereinskollege Lukas war es ein älterer Nachbarsjunge, der Radrennen fuhr und so das Interesse weckte: „Erst war es einfach Faszination und Ausprobieren, mittlerweile ist auch Ehrgeiz dazugekommen. Ich trainiere zwischen acht und 14 Stunden pro Woche, je nach Jahreszeit auf der Straße oder im Gelände. Im Jahr komme ich so auf 14 000 Kilometer.“

Foto: Daniel Geiger Radrennen U19 Junioren und U17 Jugend

Wenn der Nachwuchs nicht, wie im Fall von Lukas und Niklas, von selbst den Weg in den Radsport findet, heißt es für Vereine: Klinken putzen. Das weiß auch Klaus Schmidt, dessen Verein VfR Büttgen in Nordrhein-Westfalen als Instanz für Bahn- und Straßenradsport gilt. „Wir gehen aktiv in die Schulen im Umkreis und bieten eine Rad-AG an. Gibt es an einer Schule einen Tag der offenen Tür, sind wir dabei, bauen dort einen Geschicklichkeitsparcours auf und einen Rollentrainer. Sind Kinder besonders begabt, laden wir sie zum Vereinstraining ein, das wir an fünf Tagen in der Woche anbieten. Kommt niemand, rufen wir auch schon mal zu Hause an und erneuern unsere Einladung.“ Darüber hinaus richtet der Verein traditionell am 30. April ein Bahn- und am 1. Mai ein Straßenrennen aus. „Dazu laden wir dann die Schüler mit den Eltern ein, um mal Radsport live zu erleben und beim Anfängerrennen Rennluft zu schnuppern.“

Ähnlich aktiv rekrutiert der RSV Stuttgart-Vaihingen von Lukas und Niklas seinen Nachwuchs: Man beteiligt sich an Fahrrad-Aktionstagen, frühkindlicher Verkehrserziehung in Grundschulen und den Bestrebungen, Radsport als Teil des Schulsports zu etablieren (wie es in Bayern und Hessen schon der Fall ist, mit Radsport als möglichem Abi-Fach in Sport). So viel Engagement trägt Früchte – der VfR Büttgen betreut derzeit knapp 30 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren, die Stuttgarter sogar fast 40.

Foto: Dennis Stratmann Nachwuchsradsportler des VfR Büttgen

Gestemmt werden kann das alles nur durch großes ehrenamtliches Engagement. „Unser Trainer fährt neben seiner Arbeit so of es geht mit uns, in der Regel zweimal pro Woche“, erzählen Lukas und Niklas. „Er startet selbst mit A-Lizenz bei Radrennen und schreibt uns bei Bedarf Trainingspläne.“ Doch auch kleinere Beiträge helfen, zum Beispiel die Pflege der Homepage, damit Nachwuchs und Eltern überhaupt von dem Radsport-Angebot erfahren, Fahrdienste zu den Wettkämpfen, Kuchen backen, Würstchen grillen oder Streckenposten stehen beim Heimrennen.

Neben dem Engagement der Vereine leisten of die Eltern wichtige Unterstützung. „Wir achten darauf, dass Schule und Sport in gutem Verhältnis zueinander stehen. Wir finanzieren das Material und das Trainingslager, und wir fahren zu fast jedem Rennen“, erzählt Katrin Kegel, Lukas’ Mutter. Vor dem Start die Nummer ans Trikot heften, die Jacke entgegennehmen, in vollem Renntempo eine neue Flasche reichen, Zeitabstände zurufen – all das ist Katrin, ihrem Mann Jochen und auch Niklas’ Vater Martin längst in Fleisch und Blut übergegangen. Jochen Kegel ist über Lukas sogar selbst zum Rennradfahren gekommen, erst wenige Tage zuvor haben Vater und Sohn im Trainingslager Seite an Seite Kilometer abgespult. Lukas’ Mutter Katrin betont: „Auch wenn es schon mal anstrengend ist: Durch Lukas’ Hobby verbringen wir als Familie viel Zeit miteinander. Mit einem 17-jährigen Sohn ist das sicher nicht selbstverständlich.“ Zur Unterstützung gehört es aber auch, manchmal wegzusehen. „Ich weiß, dass es gefährlich ist“, sagt Katrin, „ich stelle mich auch nie an Abfahrten. Das will ich nicht sehen.“ Und Martin Geis schaut betreten, sagt aber nichts, als Sohn Niklas erzählt: „Klar überholen einen die Autos im Training schon mal verdammt eng. Das ist scheiße. Aber was soll man machen?“

Foto: Daniel Geiger Startnummer abmachen nach einem Radrennen

Egal ob Eltern oder Vereinsverantwortliche: Wer eng mit Nachwuchssportlern zusammenarbeitet, findet Unterstützung in den Qualifzierungs und Fortbildungskursen, die vom Bundesverband BDR und den Landesverbänden angeboten werden. „Das sind Trainerscheine und Fahrtechnikkurse, aber auch grundlegende Tipps und Anregungen zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“, erklärt Jan Paffhausen, Bildungsreferent beim württembergischen Radsportverband. „Denn je höher das Niveau der ehrenamtlichen Betreuung, desto größer der Spaß, den die Kinder haben und desto größer letztlich auch der gesellschafliche Nutzen des Engagements.“

Foto: Daniel Geiger Niklas Geis

"Profirennen gucke ich mir schon gerne an, aber im Zweifel fahre ich doch lieber selber." Niklas Geis, Rennfahrer U17, RSV Stuttgart-Vaihingen

Auf die Frage, wie der Radsportnachwuchs noch gefördert werden könne, appelliert Paffhausen an alle: „Hingehen zu den Rennen! Die Jungs und Mädchen anfeuern! Einen Kaffee trinken und ein bisschen Geld in die Vereinskassen spülen. Oder auch, wenn es möglich ist, als Sponsor aufreten. Das kostet nicht die Welt, bringt aber viel, weil in den letzten Jahren viele Gelder in den Jedermann-Sport abgeflossen sind. Der nächste John Degenkolb oder Marcel Kittel kann den Sprung an die Weltspitze nur schaffen, wenn die Bedingungen im Lizenzrennsport es erlauben.“

Foto: Daniel Geiger Anfeuerung bei einem Radrennen

Schule fürs Leben

Ob sie bei ihrem zeitintensiven Hobby nicht auch mal das Gefühl haben, etwas zu verpassen? „Nein“, sagen Lukas und Niklas unisono. Sie lernen, ihre Zeit einzuteilen und die Feste im Wortsinn so zu feiern, wie sie fallen. Überhaupt loben die Eltern von Lukas und Niklas die Radsport-Leidenschaft ihrer Söhne auch als Schule fürs Leben. „Niklas lernt, sich zu organisieren und diszipliniert auf ein Ziel hinzuarbeiten“, sagt etwa Vater Martin Geis, „er wird unabhängiger und selbstständiger, wenn er mit dem Verein unterwegs ist oder zu den Rennen fährt. Und er lernt auch, mit Erfolgen und Rückschlägen umzugehen.“

Dann endet das Gespräch, denn Vereinskollege Lukas wird zur Siegerehrung gerufen und klettert aufs Podium. Auch Niklas fährt mit einer Geldprämie nach Hause. Der Rennveranstalter RSV Backnang-Waldrems plant übrigens, im nächsten Jahr neben U17 und U19 auch wieder für die jüngeren Klassen Rennen auszurichten.

Foto: Daniel Geiger Siegerehrunrg eines Radrennens

Radsport für Kinder und Jugendliche

Strassenrennen finden in der Regel auf zuschauerfreundlichen Rundkursen statt. Die Nachwuchsklassen sind nach Alter unterteilt, es bestehen Übersetzungsbeschränkungen: U11, U13, Schüler U15, Jugend U17 und Junioren U19. Oft werden auch Erste-Schritt-Rennen für Anfänger angeboten. Alle Termine unter www.rad-net.de

Foto: Christian Lampe Stempelkarte bei einer RTF

Stempelkarte bei einer RTF

Breitensport: Volksradfahren, Radtourenfahrten (RTF) oder Country-Tourenfahrten (CTF) stehen grundsätzlich auch Kindern und Jugendlichen offen. Wertungskarten gibt´s für alle, die älter als neun Jahre sind. Die fleißigsten Punktesammler werden am Jahresende in verschiedenen Altersklassen geehrt.

Weitere Disziplinen, in denen Kinder und Jugendliche Radsport betreiben können, sind Cyclocross, Bahn, Mountainbike, BMX, Kunstrad, Radball und Radpolo. Grundsätzlich gilt: Je vielseitiger die radsportliche Ausbildung, desto besser. Eine Festlegung auf eine Disziplin kann auch erst nach der U19 erfolgen.

Foto: Dennis Stratmann Nachwuchsradsportler auf der Bahn
30.08.2018
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE
Ausgabe 07/2018