Kommentar: Mensch, Ulle!

Foto: TDW/gettysport Jan Ullrich
Jan Ullrich befindet sich in einer ernsten Lebenskrise. Es ist Zeit für Solidarität, nicht für Häme. Ein Kommentar von RoadBIKE-Redakteur Moritz Pfeiffer.

Jan Ullrich ist der Grund, warum ich mit dem Rennradfahren angefangen habe. Im Sommer 1997 fuhr ich noch mit dem Mountainbike herum, auf Asphalt wohlgemerkt, da ich der Schüttelei auf Wurzeln und Steinen seinerzeit nichts abgewinnen konnte. Und plötzlich fuhr da ein jugendlicher Rotschopf im zarten Alter von 23 Jahren die Tour de France seines Lebens.

Ich saß wie gebannt am Fernseher, verfolgte jede Etappe. Den 10. Abschnitt nach Andorra-Arcalis – Ullrichs Triumphfahrt ins Gelbe Trikot – habe ich von der ersten bis zur letzten Minute live gesehen. Über sieben Stunden. Danach stand für mich fest: Ich brauche ein Rennrad!

Es war der Beginn einer bis dato ungebrochenen Leidenschaft, die mir unzählige unvergessliche Momente bereitet hat, Freundschaften beschert, Naturerlebnisse ermöglicht, Siege (mehr über mich selbst als über andere), Niederlagen, Stürze.

Foto: TDW/gettysport Jan Ullrich

Die Schulterklopfer sind längst weg

Jan Ullrich war damals der Held. Meiner, aber auch der von abertausenden Anderen. Fans, Sponsoren, Politikern und Funktionären. Heute befindet sich Jan Ullrich in der wohl schwersten Krise seines Lebens. Die Schulterklopfer sind längst weg, ebenso die vielen Begleiter, die aus der Nähe zum umjubelten Rad-Star vor allem den eigenen Vorteil zogen. Beim Sport geblieben sind viele, die durch Ulle dazu gekommen sind. Manche halten ihm bei aller Ambivalenz die Treue, andere haben sich ab- und teils gegen ihn gewendet.

Foto: TDW/gettysport Jan Ullrich

Natürlich: Jan Ullrich hat gedopt, er hat die Öffentlichkeit jahrelang getäuscht. Das hat auch mich enttäuscht. Aber er hat einen hohen Preis dafür bezahlt und tut es noch immer. Der Ausschluss von der Tour de France 2006 unmittelbar vor dem Start aufgrund der Verwicklung in die Fuentes-Affäre und die darauf folgende heftige Abweisung durch Teile der Medien und der Öffentlichkeit haben Jan Ullrich schwer getroffen. Aufgearbeitet und abgeschlossen hat er seine Erlebnisse, seine Mitverantwortung, die Höhenflüge und die Abstürze bis heute scheinbar nicht.

Foto: TDW/gettysport Jan Ullrich

2015 lernte ich Jan Ullrich persönlich kennen – als sehr herzlichen, ausgesprochen fröhlichen Menschen ohne Allüren. Aber Ulle wirkte auch verletzlich, vorsichtig, in letzter Konsequenz undurchdinglich und unnahbar. Mein Eindruck war, dass die viele Ablehnung, die er erfahren hat, der Hass, der ihm entgegenschlug, die Häme, die er einstecken musste, ihn tief getroffen haben. Und dass er letztlich immer noch auf der Suche ist nach einer Erklärung und einem Schlussstrich.

Am Tiefpunkt

In den letzten Wochen hat Jan Ullrich es allerdings wieder dorthin geschafft, wo er sich am wenigsten wohl fühlt – ins Rampenlicht, in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Festnahme auf Mallorca wegen Belästigung von Nachbar Til Schweiger, Ermittlungen wegen versuchten Totschlags nach einer Attacke gegen eine Escortdame, Zwangseinweisung in die Psychiatrie in Deutschland – bei Bild, Bunte und Konsorten braucht man mittlerweile wohl Nivea vom vielen Händereiben ob der dicken Schlagzeilen, die Ulle zuletzt produziert hat.

Foto: TDW/gettysport Jan Ullrich

Fakt ist: Der Mensch ist krank. Und braucht professionelle Hilfe. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass der begonnene Entzug ihn wieder auf den rechten Weg bringt – dass er wieder gesund wird und zu seiner Familie zurückkehrt. Und nicht eines Tages endet wie ein anderer großer und sensibler Protagonist jener Tour de France 1997, der am Doping, den Drogen, der öffentlichen Meinung und der eigenen Schuld zerbrach – Marco Pantani.

16.08.2018
Autor: Moritz Pfeiffer
© RoadBIKE