Focus Paralane²: E-Rennrad mit Fazua-Antrieb

Foto: Benjamin Hahn Focus Paralane² E-Rennrad

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Bei MTBs sind E-Antriebe nicht mehr wegzudenken. Kann das Focus Paralane² auch Rennradfahrer überzeugen?

Kurz und Knapp

  • Focus Paralane²: E-Rennrad mit Fazua-Antrieb
  • wiegt dank leichtem Motor und kleinem Akku unter 13 kg
  • E-Rennrad mit Carbon-Rahmen, das auch ohne Akku und Motor gefahren werden kann

Im Herbst 2017 wurden E-Rennräder erstmals ein größeres Thema – weil Bianchi, Cube, Pinarello und Focus Rennräder mit dem neuen Fazua-Motor präsentierten. Wirklich kaufen konnte man bisher kaum eines davon. Doch jetzt will Focus durchstarten. Ab Juli soll das Focus Paralane² (sprich: Paralane squared) in vier Modellversionen in den Handel kommen.

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Focus Paralane²: Die Fakten

Die Basis des E-Rennrads von Focus ist, der Name lässt es erahnen, der Disc-Tourer Paralane mit seiner ausgewogenen Fahrerpositionierung, ruhigem Handling und viel Reifenfreiheit. Die Plattform ist also durchaus sportlich angelegt, das Paralane ist zwar für die Straße konzipiert – je nach montierten Reifen (max. 35 mm) kommt es aber auch mit Feldwegen und Schotterpisten gut klar.

Die hochgestellte 2 im Namen steht für das große Versprechen von Focus: „Das Paralane² soll zwei Räder in einem bieten: ein normales Rennrad und einen Elektro-Renner!“ Dabei hilft die Besonderheit des Antriebs: Fährt man schneller als 25 km/h, wo die Unterstützung durch den Motor endet, ist kein nennenswerter Widerstand durch Motor oder Getriebe spürbar. Mit maximal 400 Watt Leistung, 60 Nm Drehmoment an der Kette und einer Akkuleistung von 250 Wh sucht der Antrieb die goldene Mitte aus Performance und schlanker Bauart.

Offensichtlich ist: Man muss immer selbst treten, der Motor bietet Unterstützung, treibt das Rad aber nicht alleine an. Die Unterstützung ist an der wenig eleganten, eher rudimentären Steuereinheit in drei Stufen wählbar: 125 W, 250 W oder 400 W. Das Paralane² beschleunigt damit zügig, am Berg schiebt der Motor spür- und hörbar: Ein leises Surren verrät den Fazua-Fahrer. Besonders am Berg fällt auf: Der Antrieb benötigt eine gewisse Kadenz für den Impuls zur Unterstützung: 70 bis 80 Kurbel-Umdrehungen pro Minute sind optimal.

Außerdem lässt sich der Motor auch ganz abschalten. Dann, oder wenn man die 25-km/h-Marke überschreitet, spürt man tatsächlich keinen nennenswerten Kraftverlust: Der Motor wird komplett entkoppelt. Damit unterscheidet sich der Fazua-Antrieb deutlich von jedem anderen System. Üblicherweise ist das Treten oberhalb der Unterstützung mit einem deutlich höheren Kraftaufwand verbunden.

Ein weiterer großer Vorteil von Fazua: Das komplette System wiegt unter 5 kg. So wiegt das Paralane² rund 13 Kilo – viel für ein Rennrad, für ein E-Bike sensationell wenig. Der Antrieb wirkt so nie wie ein Klotz am Bein, das Focus Paralane² fährt sich wie ein normales Rennrad – wenn auch ein sehr schweres. Besonders praktisch: Akku und Motor (zusammen 3,3 kg) lassen sich entnehmen, dann kommt das Paralane² unter 10 kg. Focus will optional eine Abdeckung anbieten, die man statt des Motor-Akku-Blocks montieren kann.

Die Integration des Fazua-Systems bringt einige Besonderheiten für das Focus Paralane² mit sich: Durch die Breite des Getriebes lässt sich nicht jede Kurbel montieren, die Tretlagerbreite (Q-Faktor) ist größer als beim Rennrad üblich: Die Kurbelarme stehen etwa so weit auseinander wie beim Mountainbike. Für eine optimale Kettenlinie verwendet Focus deshalb eine aus dem MTB-Bereich stammende „Boost“-Nabe mit 148 mm Breite, dadurch sitzt die Kassette weiter außen. Die Gangwechsel funktionierten auch unter Last geschmeidig, egal ob mit elektronischer oder mechanischer Schaltung.

Erster Fahreindruck vom Focus Paralane²

Zwei Testräder stellte Focus zur Verfügung, fast alle Tester der Redaktion waren damit unterwegs. Das sagen die RoadBIKE-Redakteure zum neuen E-Rennrad Focus Paralane²:

Felix Böhlken, RoadBIKE-Redakteur
„Brauche ich ein Rennrad mit Motor? Sicher nicht! Dabei bleibe ich – auch nachdem ich mit dem Paralane² unterwegs war. Denn das Rennrad ist für mich kein Fortbewegungsmittel, sondern ein Sportgerät. Ich will mit dem Rennrad aus eigener Kraft Ziele erreichen – darin steckt für mich der Reiz, das ist der große Unterschied zu jedem anderen Fahrrad.

Trotzdem hat so ein Rennrad mit Motor unbedingt eine Daseinsberechtigung! Wenn man es nicht als Rennrad sieht, sondern als Fortbewegungsmittel. Für mich zum Beispiel sind die über 30 Kilometer zur Arbeit mit dem Rennrad morgens einfach nervig – ich bin kein Morgentyp, darum habe ich schon ernsthaft über ein E-Bike nachgedacht. Aber bisher einfach nichts gefunden, was zu mir und meiner Fahrweise passen würde.

Bis jetzt: Der Fazua-Antrieb ist genau das Richtige für mich. Er unterstützt mich etwas am Berg oder, wenn ich wirklich mal keinen Dampf in den Beinen habe – aber ich muss immer richtig in die Pedale treten. Mit Druck kann ich das Paralane² aber fast wie ein richtiges Rennrad fahren – aus eigener Kraft. Das Mehrgewicht ist zu verschmerzen, und ein Rennrad mit Fazua-Motor kann sich sehen lassen. Damit wäre so ein Paralane² für mich eine Alternative zum sportlichen Pendeln. Wenn da nicht der heftige Preis wäre.“

Sebastian Hohlbaum, RoadBIKE-Onlineredakteur
„E-Bikes sind für mich kein Neuland. Ich war schon auf vielen E-MTBs in den Bergen unterwegs, und für die Stadt leihe ich mir immer häufiger das E-Bike meiner Frau aus. Am Rennrad habe ich den Motor bisher nie vermisst. Warum eigentlich? Warum sollte man am Rennrad nicht genauso vom E-Antrieb profitieren wie am Mountainbike oder Stadtrad?

Was für mich bis jetzt immer dagegen sprach, war das Gewicht. Ein Rennrad muss leicht sein! Das Paralane² erfüllt dieses Kriterium nicht ganz. Mit seinen 13 kg reißt es bei den Rennrädern die Latte, für ein E-Bike ist es aber sensationell leicht. Beim Fahren spürt man das höhere Gewicht, trotzdem hat man noch das Gefühl, auf einem Rennrad zu sitzen. In der Ebene beschleunigt das Paralane², wie man es von einem (so schweren) Rennrad erwartet. Hat man Fahrt aufgenommen, ist es kein Problem, das Tempo über 30 km/h zu halten. Und am Berg hilft ja der Motor.

Allerdings schiebt er selbst in der höchsten Unterstützungsstufe nicht so kräftig, wie ich es von anderen E-Bikes kenne. So hat man auch mit Motor noch das Gefühl, selbst für den Vortrieb zu sorgen. Es kommt dem Fahrgefühl auf dem Rennrad schon nahe, bleibt am Ende aber ein E-Bike. Gibt es für das E-Rennrad eine Nische? Mit Sicherheit! Allerdings noch nicht in meiner Garage.“

Christopher Knall, RoadBIKE-Techniker
„Ich war sehr positiv überrascht vom Focus Paralane² – es ist völlig anders als jedes E-Bike, das ich bisher in Tests gefahren bin. Denn die beiden großen Nachteile aller anderen E-Bikes sind beim Fazua-Antrieb kein Thema: das höhere Gewicht und der spürbare Widerstand, wenn man schneller fährt, als der Motor unterstützt. Beim Focus spürt man wirklich nicht, wenn man schneller als 25 km/h tritt – das hätte ich nicht erwartet. Damit ist das Paralane² eigentlich gar kein E-Bike.

Trotzdem wäre ein Rennrad mit Motor definitiv nichts für mich, egal wie unauffällig der Antrieb ist, und egal was es kostet: Beim Rennrad geht es für mich darum, alles aus eigener Kraft zu schaffen. Es geht doch gerade darum, sich einen langen Anstieg hochzuquälen und dann oben einen Espresso zu genießen, den man sich auch verdient hat. Zum Pendeln wäre mir die Unterstützung bis 25 km/h zu wenig – hier würde ich mir Unterstützung bis 45 km/h wünschen. Denn beim Pendeln steht für mich nicht der sportliche Aspekt im Mittelpunkt, vielmehr möchte ich einfach möglichst schnell von A nach B kommen.“

Alexander Walz, stellvertretender RoadBIKE-Chefredakteur
„Ein Rennrad mit Elektromotor ist doch völlig sinnlos!“ Vergleichbare Kommentare – mal freundlicher, mal schärfer formuliert – habe ich so ziemlich von jedem gehört, dem ich vom Paralane² erzählt habe. Natürlich scheint die Idee, einem Sportgerät einen Motor einzupflanzen, zunächst widersinnig. Und doch gibt es Szenarien, die den Einsatz eines solchen Renners sinnvoll erscheinen lassen: in Gruppen mit ungleichen Kräfteverhältnissen etwa oder beim Pendeln.

Was mich am meisten begeistert: Fahren mit dem Paralane² fühlt sich an wie Fahrradfahren – ob der Motor mitarbeitet oder nicht. Vor allem der praktisch nicht spürbare Übergang vom unterstützten Treten zum Fahren mit hundert Prozent Muskelkraft hat es mir angetan. Dass der Motor nur bis 25 km/h mitarbeitet, stört plötzlich nicht mehr. Und sollte der Akku mal leer gefahren sein: Macht ja nix, wenn sich das Rad ohne Antrieb nicht fährt wie ein typisches Mittelmotor-Pedelec, sondern wie ein Fahrrad, bei dem die eingesetzte Tretenergie eben nicht in einem Getriebe verpufft, anstatt Vortrieb zu erzeugen, wenn der Motor nicht mehr anschiebt.

Ein schlüssiges Konzept! Ich könnte mir sogar vorstellen, meine Frau mit einem solchen Rad fürs Rennradfahren zu begeistern – wenn das Rad nicht gar so teuer wäre. Aber wer weiß, noch stehen wir ja ganz am Anfang in Sachen E-Rennräder?..."

Foto: Focus Focus Paralane2 E-Rennrad

Das Paralane² 9.8 kommt mit elektronischer Ultegra Di2-Schaltung.

Focus Paralane²: Modelle und Preise

Mit der neuen Shimano 105-Gruppe wird das günstigste Focus Paralane² 9.6 rund 5.199 Euro kosten. Teurer sind die Modelle mit Shimano Ultegra Schaltung. Das Focus Paralane² 9.7 mit mechanischer Shimano Ultegra wird für 5.999 Euro erhältlich sein. Das Focus Paralane² 9.8 mit elektrischer Shimano Ultegra Di2 kostet 6.999 Euro. Und das Topmodell Focus Paralane² 9.9 mit Shimano Dura-Ace Di2 werden 10.499 Euro fällig. Viel Geld für ein Konzept, an dem sich garantiert die Geister scheiden werden.

Foto: Benjamin Hahn

Project Y: E-Rennrad-Studie von Focus

Schon im Juni 2017 hatte Focus eine E-Rennrad-Studie, den Vorgänger des Paralane², vorgestellt. Hier ist die Original-News:

Rennrad und Elektromotor: In der Vergangenheit ließen sich Rennradfahrer von dieser Kombination nur selten überzeugen. Denn in der Regel bewegen sich Rennradfahrer schneller voran, als sie durch normale E-Bikes unterstützt werden. Bei den meisten E-Bikes hilft der Motor nur bis 25 km/h. Wer schneller fahren will, muss ordentlich in die Pedale treten.

Und für die schnelleren S-Pedelecs (bis 45 km/h) sind Nummernschild, Licht, Ständer und Reflektoren Pflicht. Für viele Rennradfahrer ist das nicht mit dem puristischen Look eines Rennrades vereinbar.

Dazu kommt der Gewichtsfaktor. Während am Rennrad um jedes Gramm gefeilscht wird und die High-End-Serienräder gerne unter 6 kg wiegen, ist man bei einem E-Bike schnell bei über 18 oder sogar über 20 kg.

Foto: Christiane Rauscher

Keine 12 kg soll das E-Rennrad von Focus wiegen.

Focus möchte das mit seinem Project Y ändern. Was vor einem Jahren schon als superleichte E-MTB-Studie vorgestellt wurde, soll jetzt das E-Bike auch für Rennradfahrer attraktiv machen.

Kern des Project Y ist der mit dem jungen Hersteller Fazua entwickelte 250-W-Mittelmotor, der die Pedalachse antreibt. Dazu kommt ein 250-Wh-Akku im Unterrohr. Motor und Akku sind, für ein E-Bike, sehr leicht. Gepaart mit dem Carbon-Rahmen soll das Project Y E-Rennrad von Focus unter 12 kg wiegen.

Der Motor unterstützt in der Spitze mit bis zu 400 Watt. Die Reichweite des Akkus hängt stark von Statur und Fahrweise des Fahrers ab. Für eine ausgedehnte Rennradtour mit Dauer-Unterstützung wird es sicher nicht reichen.

Aber das ist laut Focus auch gar nicht angestrebt. Stattdessen soll der Motor eben nur dann nachhelfen, wenn der Fahrer wirklich Unterstützung notwendig hat (z.B. bergauf oder in widrigem Gelände).

Da der Motor bei Erreichen der 25-km/h- Grenze völlig entkoppelt wird und da das Rad (für ein E-Bike) sehr leicht ist, soll sich das Project Y Rennrad, wie ein Rennrad ohne Motor fahren lassen.

Foto: Benjamin Hahn

Focus zeigt drei verschiedene Aufbau-Varianten des Project Y.

Ein E-Rennrad, viele Möglichkeiten

Auf den Eurobike Media Days zeigte Focus das Project Y E-Rennrad aufgebaut für drei unterschiedliche Einsatzzwecke. Allen ist der Carbon-Rahmen mit dem integrierten Akku und Motor und den Flat-Mount-Aufnahmen für Scheibenbremsen gemein.

Für die Straße ist das Project Y mit Continental Grand Prix 400 in 28mm ausgestattet. Dazu gibt es eine Shimano Dura-Ace Di2 Disc Gruppe mit 160er Bremsscheiben und semi-kompakt Kurbel (52/36). Die Laufräder sind Custom-Aufbauten von DT Swiss mit einem speziellen Achsmaß (Road Boost), das die Kettenlinie verbessern soll.

Fürs gröbere Gelände gibt es eine Cross-Version des Project Y. Diese kommt mit einem 1x11 Schalt-Mix aus Shimano Dura-Ace Scheibenbremsen kombiniert mit einem Shimano XTR Di2 Schaltwerk mit 11-40er Kassette und einem Kettenblatt mit 42 Zähnen. Für tiefen Schlamm gibt es die Continental Cyclocross King Reifen in 32mm Breite.

Für Adventure-/Gravel-Biker gibt es ein mit Packtaschen von Ortlieb bestücktes Project Y E-Rennrad. Geschaltet wird hier auch mit einem Dura-Ace Di2/XTR Di2 Mix, allerdings mit 50/34 Kompakt-Kurbel gepaart mit einer 11-40er Kassette. Für die Schotterpisten gibt es 33mm-Semislick-Reifen von Challenge.

Bisher ist das Project Y E-Rennrad nur eine Studie. Ob das Zusammenspiel aus Fahren mit und ohne Motorunterstützung funktioniert und welche Reichweiten mit dem 250-Wh-Akku erreicht werden können, muss ein erster Praxistest zeigen.

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13.06.2018
Autor: Sebastian Hohlbaum, Felix Böhlken
© RoadBIKE