rb 1116 reifen breite know how TEASER Benjamin Hahn

Rennradreifen: Ist "breit" gleich "besser"?

Vor- und Nachteile breiter Rennradeifen Know-how: Was bringt Breite bei Rennradreifen?

Rennradreifen werden immer breiter. Warum eigentlich? ROADBIKE hat analysiert, welche Auswirkung breitere Pneus auf Gewicht, Rollwiderstand und Aerodynamik haben.

Warum ist die Wahl der Reifen so wichtig?

Wenige Teile am Rennrad beeinflussen Fahrspaß und Sicherheit so unmittelbar wie die Reifen. Als einzige Kontaktfläche zum Asphalt entscheiden sie darüber, wie schnell ein Rennrad rollt, wie leichtfüßig es sich beschleunigen lässt und wie verlässlich es in Kurven oder auf nassen Straßen am Boden "klebt". Wählt man den "falschen" Reifen, ist das erfahrbar: Gegen einen unsichtbaren Widerstand anzutreten, kann mächtig nerven. Und wird man auf schlechtem Untergrund durchgeschüttelt oder muss fürchten, in Schräglage wegzurutschen, fühlt sich das auch nicht gut an. Auch in Sachen Aerodynamik spielen Reifen eine wichtige Rolle. Da sie als Verschleißteile ohnehin regelmäßig getauscht werden müssen, bieten sie die Chance auf effektives Tuning für recht wenig Geld.

RB-Top-Reifen-Test
Tests

Und warum eine Diskussion über die Reifenbreite?

Rennradreifen werden immer breiter, "die" Standard-Reifenbreite gibt es heute nicht mehr. Wer noch auf 23 oder gar 20 Millimeter breiten Pneus angefangen hat, reibt sich heute schon mal verwundert die Augen: 25 Millimeter breite Reifen markieren inzwischen eher das untere Ende der Skala, selbst auf Aero-Rennrädern montieren die Radhersteller mittlerweile mitunter serienmäßig 28 Millimeter breite Pneus, an Endurance-Rennern sind 30 oder 32 Millimeter keine Seltenheit mehr. Damit die breiteren Reifen harmonisch auf der Felge sitzen, werden diese ebenfalls immer breiter: Maulweiten von über 20 Millimetern sind inzwischen eher die Regel als die Ausnahme. Warum breitere Reifen und Felgen? Das diskutieren wir im folgenden.

Moritz Pfeiffer

Sind breitere Reifen besser?

Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten, denn es kommt drauf an, wie und wo Sie fahren. Fakt ist: Breite Reifenermöglichen es, den Luftdruck zu reduzieren, was Komfort, Grip und damit auch die Bremsperformance verbessert, ohne den Rollwiderstand zu erhöhen. Denn breite Pneus liegen satter auf der Straße und übertragen dank ihrer größeren Aufstandsfläche und der besseren Verzahnung mehr Bremskraft. Richtig ist aber auch: Breite Reifen sind schwerer und bieten mehr Luftwiderstand. Die Wahl der "richtigen" Reifenbreite hängt somit von persönlichen Vorlieben, dem schwerpunktmäßigen Einsatzzweck und von der Beschaffenheit des Untergrunds ab, auf dem (häufig) gefahren wird. Natürlich wechselt niemand,der auf unterschiedlichen Straßenbelägen unterwegs ist, dafür jedes Mal die Reifen. Umso sinnvoller ist es, die für das eigene Nutzungsverhalten mehrheitlich beste Lösung zu finden.

Wie beeinflusst der Reifendruck die Performance?

Die Bedeutung des Reifendrucks ist kaum zu überschätzen, denn außer dem Gewicht hängen nahezu alle Aspekte – Breite, Höhe, Komfort, Handling, Aerodynamik und Pannenschutz – mit vom Luftdruck ab. Die Grafik unten bietet einen Überblick, welcher Luftdruck zu welcher Reifenbreite und zu welchem Fahrergewicht passt. Bei der Wahl des Reifendrucks sollten Sie – ebenso wie bei der Wahl der Reifenbreite – den Untergrund berücksichtigen, auf dem Sie vorzugsweise unterwegs sind, denn hoher Druck ist nicht überall die beste – oder gar die schnellste – Lösung. Auf sehr glattem Untergrund macht mehr Druck tatsächlich schneller, auf durchschnittlicher oder schlechter Asphaltqualität "springen" hart aufgepumpte Reifen – der Fahrer wird durchgeschüttelt, die Muskulatur am ganzen Körper muss stärker arbeiten, in Kurven droht früheres Wegrutschen. Deshalb gilt dort in Sachen Reifendruck: Weniger ist mehr.

ROADBIKE Magazin

Welche Reifenbreite und welcher Luftdruck wann und für wen?

ROADBIKE Magazin
*für Luftdruckwerte passend zu Ihrem individuellen Gewicht siehe Tabelle weiter oben

Die einzelnen Faktoren im Detail:

1. Gewicht

Breitere Reifen bestehen aus mehr Material und sind dementsprechend schwerer. Da sich das Mehrgewicht auf die rotierende Masse verteilt und weit außen sitzt, wirkt es sich natürlich auch auf das Handling und Fahrverhalten aus (Stichwort: Kreiselkräfte). "Höheres Gewicht am Reifen macht sich vor allem dann negativ bemerkbar, wenn der Reifen sehr oft beschleunigt oder abgebremst wird", sagt Peter Krischio, Senior Advisor im Produktmanagement von Reifenhersteller Schwalbe. Wer nicht – wie zum Beispiel Kriteriumsrennfahrer – alle paar Hundert Meter hart antritt, wird das Mehrgewicht allerdings kaum wahrnehmen.

ROADBIKE Magazin

2. Pannenschutz

Verbessern breitere Reifen auch den Pannenschutz? Jein. Denn was Schnitte oder Stiche durch Lauffläche oder Seitenwand angeht, macht es keinen Unterschied, ob ein 25 oder 32 Millimeter breiter Reifen montiert ist. Die Pneus einer Modellreihe sind in der Regel identisch aufgebaut, unabhängig von der Breite. Nur der Pannenschutzgürtel wird mit zunehmender Breite größer. Anders sieht es beim Durchschlagsschutz aus: "Hier bedeutet größere Breite tatsächlich größere Widerstandskraft gegen Defekte", sagt Schwalbes Produktmanager Peter Krischio, "allein wegen seines größeren Volumens steckt der Reifen es besser weg, wenn er an Bordsteinen oder Schlaglöchern gequetscht wird. Und das gilt auch bei geringerem Luftdruck."

RB Tubeless-Reifentest 2021
Björn Hänssler

3. Rollwiderstand

Breite Reifen rollen bei identischem Luftdruck leichter, weil sie aufgrund der größeren Aufstandsfläche weniger walken als schmalere Pneus. Da man den Luftdruck bei breiteren Reifen aber sinnvollerweise reduziert, um Dämpfung und Grip zu verbessern, bleibt der Vorteil im realen Betrieb marginal. Positiv formuliert: Breitere Reifen bieten bessere Dämpfung und mehr Haftung – ohne sich spürbar nachteilig auf den Rollwiderstand auszuwirken.

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4. Aerodynamik

Die Aerodynamik eines Reifens hängt von zwei Aspekten ab: erstens vom Luftwiderstand, der durch die Frontalfläche des Reifens erzeugt wird, zweitens von dessen Profil. Im Detail: Der Luftwiderstand eines Reifens entsteht durch seine Breite und Höhe, beides hängt auch davon ab, auf welcher Felge der Pneu montiert und mit wie viel Luft er befüllt ist. Nicht zuletzt müssen Reifen und Felge (auch deren Breite) harmonieren und zusammenpassen, damit ein aerodynamisch günstiger Übergang entsteht. Dabei gilt: Je "flacher" dieser Übergang ausfällt, desto besser. Wölbt sich der Pneu dagegen ballonartig über eine deutlich schmalere Felge, ist dies aus aerodynamischer Sicht nachteilig.

"Noch entscheidender ist aber das Profil", betont Aerodynamik-Experte Jean-Paul Ballard von Swiss Side, "denn das Reifenprofil hat die Aufgabe, den seitlich anströmenden Luftstrom eng am Laufrad zu halten und über die Lauffläche auf die windabgewandte Seite zu führen, wo er auf die Felge trifft und den Segeleffekt unterstützt." Reißt der Luftstrom hingegen schon am Reifen ab, weil kein Profil vorhanden ist oder zwischen Reifen und Felge eine Lücke klafft, erhöht das den Luftwiderstand bzw. schwächt den Segeleffekt ab. "Umso unverständlicher ist deshalb, dass manche für Zeitfahren oder Triathlons deklarierten Reifen ohne Profil kommen", betont Luftfahrt-Ingenieur Ballard.

ROADBIKE Magazin

Beeinflusst das Reifenprofil den Rollwiderstand?

Es kommt darauf, wie stark das Profil ausgeprägt ist. Zunächst entscheidet vor allem die Gummimischung über Grip und Rollwiderstand, nicht das Profil. So rollen leicht profilierte Gravel-Pneus kaum schlechter als "glatte" Rennradreifen. Deutlich spürbare Unterschiede ergeben sich bei stärker profilierten Gravel- oder Cyclocross-Reifen. Dann gilt: "Je gröber das Profil, desto größer der Rollwiderstand", so Reifen-Experte Peter Krischio von Schwalbe, "Griptests haben zudem gezeigt, dass diamantierte Reifen eine schlechtere Nasshaftung haben." Solche Reifen haben ihren Haupteinsatzzweck eben auf unbefestigten Wegen, Schotter oder Schlamm, wo reine Rennradreifen wiederum fehl am Platz sind

Reifen im Überblick
Björn Hänssler

Gelten die Erkenntnisse zur Reifenbreite auch für Tubeless- und Schlauchreifen?

Grundsätzlich ja. Da Tubeless-Reifen "schneller" rollen, also weniger Rollwiderstand bieten, können Sie den Luftdruck Ihrer Reifen übrigens je nach Geschmack um bis zu ein Bar senken. Das verbessert noch einmal Komfort und Grip – ohne die Durchschlagsgefahr zu erhöhen, da ohnehin kein Schlauch montiert ist.

Übrigens: "Vergleichsmessungen von Tubeless- und Schlauchreifen zeigen, dass die aktuelle Generation von Tubeless-Clinchern bis zu 50 Prozent weniger Rollwiderstand aufweist", betont Swiss-Side-Experte Jean-Paul Ballard, "ich sage: Schlauchreifen sind tot!"

Da könnte etwas dran sein, zumal auch die letzte Bastion, die traditionell auf Schlauchreifen setzt, ins Wanken gerät: der Profiradsport. Immerhin gewann Kasper Asgreen die Flandernrundfahrt nach Angabe von Specialized auf 28 Millimeter breiten Clinchern, gefahren mit Latexschläuchen, und Jasper Stuyven war laut Reifenhersteller Pirelli bei seinem Mailand-Sanremo-Sieg auf Tubeless-Reifen unterwegs …

Profi-Rennräder 2021
Luc Claessen/gettyimages
Auch das Rad von Straßenweltmeister Julian Alaphilippe steht laut Specialized auf Clincher-Reifen mit Latexschläuchen.

Worauf muss ich mit breiteren Reifen in der Praxis achten?

Breite Reifen benötigen mehr Platz.

An Felgenbrems-Rennern limitieren die Bremskörper oft die Montagefreiheit auf 28 Millimeter breite Pneus, bei Disc-Rennern können Gabelkrone, Sitz- und Kettenstreben limitierende Faktoren sein. Überprüfen Sie unbedingt vorher, ob genügend Platz vorhanden ist – Faustformel sind fünf Millimeter "Luft". Beachten Sie auch, dass sich Reifen mit der Zeit etwas weiten können: Was im Neuzustand vielleicht gerade so passt, kann schon nach kurzer Zeit knapp werden.

Breite Reifen verlangen nach anderen Schläuchen.

Zwar haben die Hersteller reagiert, oftmals passen Schläuche für 25er-Reifen auch noch bei 28-Millimeter-Pneus, spätestens bei 30 oder 32 Millimetern ist aber meist Schluss. Sorgen Sie für die passende Ausrüstung – auch für den Pannenfall – im Satteltäschchen! Tipp: TPU-Schläuche á la Tubolito, Schwalbe Aerothan oder Pirelli Smartube nehmen wenig Platz weg.

Breite Reifen passen besser auf breite Felgen.

Prüfen Sie, für welche Reifenbreite Ihre Laufräder freigegeben sind. Ein sehr breiter Reifen auf einer sehr schmalen Felge wölbt sich stark – ein Nachteil in Sachen Aerodynamik (siehe weiter vorne). Und ein schmaler Reifen baut auf breiter Felge flach und "unrund", was sich im Lenkverhalten/Handling bemerkbar machen kann. Selbst wenn es nicht unbedingt ein Sicherheitsrisiko ist: Achten Sie auf zueinander passende Reifen-Felgen-Kombinationen!

Video: So finden Sie die richtige Reifenbreite

18 Rennradreifen verschiedener Preisklassen im Test

Björn Hänssler
18 Bilder
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