Stan Engelbrecht: Gravel-Biking in Südafrika

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Der Schotter-Enthusiast © Werner Müller-Schell

Stan Engelbrecht: Gravel-Biking in Südafrika Der Schotter-Enthusiast

Südafrika ist keine typische Rad-Nation. Dass sich hier dennoch eine Gravel-Szene etabliert hat, ist besonders einem Mann zu verdanken: Stan Engelbrecht.

Es ist schwer festzustellen, wie lange der Kudu schon hier liegt. Sein Körper ist zur Hälfte im Schlamm versunken, der Rest Aasfressern zum Opfer gefallen. Die Überreste des einstmals mächtigen Savannentieres sind von Hunderten Fliegen besetzt. Tagelang muss es ums Überleben gekämpft haben – ohne Chance, sich zu befreien. Es ist der fünfte Tag unserer Tour durch die Steppe, als wir den ausgetrockneten Gamkapoort-Stausee durchqueren und auf dieses schaurige Bild treffen. Nicht weit von dem Kudu entfernt liegt ein Artgenosse, ebenso elend im Schlamm verendet. Es sind die letzten Tage eines langen, heißen Sommers. Die Tiere müssen sich in dem einstigen Reservoir auf der Suche nach Wasser befunden haben, als ihnen dieses schlimme Schicksal widerfahren ist. Für uns ist die Szene ein Weckruf: Ein halber Tag liegt noch vor uns, bis wir die Kleinstadt Prince Albert erreichen, das Ziel unseres Bikepacking-Abenteuers durch die südafrikanische Karoo-Wüste.

Wir sind unterwegs mit Stan Engelbrecht, einer der bekanntesten und außergewöhnlichsten Persönlichkeiten der südafrikanischen Gravel-Szene. Auf seinen unzähligen Radreisen hat der 43-Jährige bereits Fahrten im gesamten südlichen Afrika unternommen. Als Buchautor und Fotograf hat er Menschen und ihre Fahrräder auf künstlerische Art und Weise porträtiert. Und als Eventorganisator hat er in den vergangenen Jahren viele Veranstaltungen mitgeprägt, die das Thema Gravel am Kap der Guten Hoffnung einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgemacht haben. Die südafrikanische Variante des Retro-Radfestivals Eroica etwa, das Wüstenetappenrennen "Tour of Ara" oder auch "Karoobaix", eine Gravel-Hommage an den Profiklassiker Paris–Roubaix in der Karoo-Wüste. Deren karge Landschaft bildet nun auch die Kulisse unserer Tour: vom kleinen Ort Montagu, knappe drei Stunden östlich von Kapstadt, nach Prince Albert. 400 Kilometer fast ununterbrochen auf Kies und Sand.

Foto: Werner Müller-Schell

Ein verstecktes Gravel-Juwel

"Südafrika ist eigentlich perfekt für Gravel-Touren. Große Teile unseres Straßennetzes sind Schotterwege, dazu gibt es abseits der Hauptverkehrswege oftmals kilometerweit keinen Verkehr", erzählt Stan, während wir vorsichtig durch das staubige Bett des ausgetrockneten Staudamms pedalieren und die brutale Szene der eingesunkenen Kudukadaver hinter uns lassen. Zielstrebig fährt Stan voraus, in Richtung eines kleinen Schotterpfades, der sich an der gegenüberliegenden Uferseite emporschraubt. Sein graues Outdoorshirt flattert im Wind, auf den Rücken hat er griffbereit seine Kamera geschnallt. Mit ihr dokumentiert er jede seiner Reisen auf klassischem Film. "Oldschool", wie er mit einem schelmischen Grinsen sagt. Stan, das merkt man bereits beim ersten Treffen mit ihm, ist kein Typ für Trends. Und gewiss keiner, der sich dem Mainstream anpasst.

Foto: Werner Müller-Schell

Es kommt daher nicht von ungefähr, dass der großgewachsene Bike-Enthusiast mit den locker zurückgekämmten blonden Haaren und den tätowierten Armen seine ersten Gravel-Touren bereits unternommen hat, als Gravelbikes in der Fahrradindustrie noch Zukunftsmusik waren. "Ich war schon als Jugendlicher radverrückt", erinnert er sich an die frühen 1990er-Jahre zurück. Damals, nach dem Ende der Apartheid, werden Mountainbikes in Südafrika populär und Stan macht seine ersten Gravel-Erfahrungen. "Schotterpisten und Trails gab es ja genug. Ich merkte aber irgendwann, dass ich etwas anderes wollte. Also habe ich das Basteln angefangen", sagt er lachend. Ergebnis: ein zum Gravelbike umfunktioniertes Cannondale- Rennrad, an das auch Packtaschen montiert werden können – die Basis für seine ersten langen Touren. Von Kapstadt aus fährt er 2000 Kilometer nach Windhoek im benachbarten Namibia. Später bereist er mit seinem Freund Nic Grobler ganz Südafrika. 10 000 Kilometer, größtenteils auf Schotter.

Gerade letztere Reise, Ende der 2000er-Jahre, ist dabei prägend für seinen weiteren Lebensweg: Unterwegs schießen Grobler und er mehr als 500 Fotos von südafrikanischen Radfahrern, die sie am Wegesrand treffen – und kreieren mit den daraus entstehenden Bildbänden ein Porträt eines gespaltenen Landes, in dem mit der "Cape Town Cycle Tour" und dem "Cape Epic" zwar zwei der bekanntesten Radrennen der Welt stattfinden, das Fahrrad im Alltag aber fast nur als "Nutzfahrzeug" verwendet wird. "Von da an habe ich mich immer mehr für die Geschichte der südafrikanischen Fahrradszene selbst interessiert", sagt Stan, der unsere Tour auf einem Gravel Grinder der kleinen südafrikanischen Marke Mercer Bikes bestreitet. Selbstverständlich "handmade", zu Hause in Kapstadt.

Vintage-Tour am Kap

Südafrika, fährt Stan fort, habe nämlich eine sehr spannende Fahrradgeschichte zu erzählen – von den ersten Radrennen Ende des 19. Jahrhunderts bis zu einheimischen Fahrradschmieden, die international kaum bekannt sind und die es heute längst nicht mehr gibt. Was in Europa alte Bianchis und Colnagos sind, sind am Kap der Guten Hoffnung Renner von Herstellern wie Alpina, Du Toit und Hansom. Klassische Stahlrennräder mit Vintage- Komponenten. Räder, mit denen Stan nicht selten auch auf seine Touren geht – weil sie authentischer seien als moderne Carbon-Maschinen, wie er erklärt, während wir mit niedriger Trittfrequenz die Uferpiste am Stausee hinaufklettern und unseren Weg in Richtung Prince Albert fortsetzen. Das Terrain ist sandig, immer wieder müssen wir mit den schweren Packtaschen schieben. Menschen haben wir seit Stunden nicht getroffen.

Foto: Werner Müller-Schell

Das Interesse für die südafrikanische Radkultur, die Liebe zu Retrorädern und das für heroische Gravel-Abenteuer wie gemachte Terrain – diese Kombination führt Stan schon bald zu seinem nächsten großen Projekt: der Tour of Ara. Von 2014 bis 2018 veranstaltet er das einzige Vintage-Etappenradrennen seiner Art in Afrika. Jede Ausgabe umfasst sechs Tagesabschnitte, allesamt zwischen 100 und 215 Kilometer lang, ausschließlich auf Gravel-Straßen. Rund 50 Teilnehmer nehmen die Strapazen pro Saison auf sich, die eine Huldigung an die Helden längst vergangener Radsportepochen sind. Die Idee zur Tour of Ara entstand eines Abends, als Stan gemeinsam mit Freunden in einem Buch zur Historie der Tour de France blätterte. "Dort gab es ein spezielles Foto von einem Fahrer, der während einer Etappe mit staubigem Gesicht in einem Lokal einen Teller Pasta hinunterschlingt", erinnert sich Stan. "Ein tolles Motiv, das zeigt, wie episch der Radsport einst gewesen ist. Die Tour de France ist in Südafrika natürlich weit weg – aber wir wollten auch hier ein heroisches Rennen etablieren."

Südafrikanische Eroica

Mit der Tour of Ara gelingt Stan ein Event, das sich aufgrund seiner Ursprünglichkeit bald auch in der europäischen Gravel-Community einen Namen macht. Es dauert nicht lange, bis er so mit den Gründern des bekannten Retro-Radfestivals L’Eroica um Giancarlo Brocci in Kontakt kommt. Die Italiener zeigen sich von seiner nächsten Idee schnell begeistert: einer Eroica am Kap der Guten Hoffnung. Bereits 2016 fällt im beschaulichen Montagu so der Startschuss zur ersten Auflage der Eroica South Africa – ein Event, das mittlerweile Hunderte Radenthusiasten aus der ganzen Welt anzieht. Mit der Nova Eroica South Africa wird seit 2018 zudem auch eine Variante für moderne Gravelbikes veranstaltet – 140 Kilometer mit 2000 Höhenmetern durch die Steppe. "Dazu gibt es hierzulande inzwischen auch noch einige andere Events für Gravel-Fans. Es ist schön zu sehen, dass in den letzten Jahren Bewegung in die südafrikanische Radszene gekommen ist", sagt Stan, als wir endlich das Ortsschild von Prince Albert erreichen – eine Stadt, die mit ihren weißen Fassaden wie eine Oase in der kargen Landschaft wirkt.

Es wartet nur noch das letzte Hindernis dieser Schlussetappe unseres fünftägigen Bikepacking-Abenteuers auf uns: der Swartberg-Pass. Auf seiner Passhöhe wollen wir unser letztes Camp aufschlagen. "Es sind nur ein paar Kilometer, nicht weit", meint Stan. Aus den "paar Kilometern" werden zwölf. Dabei stellt sich schnell heraus, warum er uns zum Abschluss die steile, durch einen langen Canyon führende Bergstraße hinaufjagt: Diese entpuppt sich nämlich als Juwel für Pässeliebhaber – und als Anstieg, der sich nicht vor den großen Kletterpartien der Alpen zu verstecken braucht. Der einzige Unterschied ist der Straßenbelag: feinster, weißer Schotter. Bald fährt jeder nur noch sein eigenes Tempo, doch als wir die Passhöhe erreichen, steht fest: Touren mit Stan Engelbrecht, Südafrikas Gravel-Pionier, sind nicht nur anstrengend, sondern auch immer ein Abenteuer. Und sie sind eine Hommage an Südafrika – ein Land, das trotz bester Bedingungen nach wie vor ein kaum entdecktes Gravel-Paradies ist.

Foto: Werner Müller-Schell