Porträt: Tom Ritchey - der Godfather of Gravel

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Tom Ritchey Godfather of Gravel © Daniel Geiger

Porträt: Tom Ritchey - der Godfather of Gravel Die Ein-Fahrrad-Regel

Er fuhr Rennradrennen und schweißte eigene Rahmen – dann kam die Erfindung des Mountainbikes "dazwischen". Schließt sich mit dem Gravel Bike für Tom Ritchey nun ein Kreis? Ein Gespräch über das Graveln und Ritcheys wichtigste Regel

"Als junge Rennfahrer gab es für uns nur eine Regel: Du darfst nur ein einziges Rad fahren!" Ein Fahrrad und zwei Laufradsätze, einen fürs Training und einen für die Rennen. Wer Tom Ritcheys "Ein-Fahrrad-Regel (1-bike-rule)" kennt, weiß schon viel über die Grundsätze des Mannes, der als einer der Erfinder des Mountainbikes gilt. Was viele nicht wissen: Der braungebrannte Kalifornier war ursprünglich Straßenrennfahrer. Und bis heute ist der Mann mit dem markanten Oberlippenbart meistens auf einem Rad mit Rennlenker unterwegs.

Was viele ebenfalls nicht wissen: Seine Trainingsrunden drehte der junge Tom Ritchey Anfang der 1970er Jahre mit dem Rennrad nicht etwa auf den sicherlich ordentlich asphaltierten Straßen in der Bay Area südlich von San Francisco – sondern in den Bergen dahinter. "Mein Trainer, Jobst Brandt, ist mit uns jedes Wochenende in die Santa Cruz Mountains geradelt. Das war damals Wildnis, es gab Schotterpisten für Waldarbeiter und Rancher, sonst nichts. Da sind damals wirklich Menschen verloren gegangen." Sein Oberlippenbart wird mit seinem Grinsen breiter.In dieser Wildnis sammelten Ritchey und seine Trainingspartner also ihre Kilometer. "150 Meilen waren normal", sagt er lapidar, als wäre das nichts Besonderes. Das sind 240 Kilometer. Über Schotterpisten. Mit Stahlrennrädern.

Tom Ritchey Godfather of Gravel
© Tom Ritchey privat

Mit dem Rennrad über Schotterpisten? War Ritchey etwa der erste Gravelbiker? "Auf keinen Fall. JB war hier schon seit den 1950ern mit dem Rennrad unterwegs", stellt Ritchey klar. JB, so nennt er seinen Trainer und Mentor Jobst Brandt. Der deutschstämmige Porsche-Ingenieur und Fahrrad-Enthusiast sollte die prägende Figur für Ritchey werden.

Neue Wege erfahren

Und der Tüftler Ritchey wiederum wurde selbst eine prägende Figur für die Entwicklung des Fahrrads, wie wir es heute kennen. Auf die Frage, wie um alles in der Welt man auf die Idee kommen könne, sich mit einem seinerzeit extrem unkomfortablen Rennrad stundenlang über Schotterpisten zu quälen, funkeln einen die wachen Augen Ritcheys an. "Na, um was Neues zu probieren!" Um diese bis heute unveränderte Begeisterung Ritcheys zu verstehen, Dinge anders und damit interessanter und besser zu machen, muss man sich den Zeitgeist der 1970er vor Augen führen, ganz besonders im Hippieparadies Kalifornien. Hier wurde er groß, hier sammelte er die prägenden Kilometer, wenn man so will. Er sagt selbst: "Alles änderte sich damals, ganz besonders in Bezug auf das Fahrrad. Die Leute fingen an, Touren mit dem Rad zu fahren, 1976 war das erste Race Across America." Es war die Zeit der Ölkrisen und die Geburtsstunde der alternativen Lebensstile. Und Tom Ritchey war mittendrin.

Tom Ritchey Godfather of Gravel
© Tom Ritchey privat

Schon sein Vater war Radsportler. Er war es auch, der dem jugendlichen Tom das Schweißen beibrachte. So konnte er kleinere Reparaturen an seinem Rahmen selbst erledigen. Da er ohnehin schon Reifen flickte und wieder verkaufte, um sich seinen ersten eigenen Rahmen, ein Cinelli "B", leisten zu können, weitete Ritchey seinen Reparaturservice auf defekte Stahlrahmen aus. Dabei fielen ihm auch all die Schwachstellen an den verschiedenen Rahmen auf.

Sein kreativer Geist erkannte darin sofort 1000 Möglichkeiten, wie man ein Rennrad besser machen könnte. "Meine Rahmen sollten leicht und stabil sein. Und sie hatten schon damals viel Reifenfreiheit, um mit pannensicheren, möglichst breiten Reifen über die Schotterpisten fahren zu können." Damit nahm Ritchey an seinem Rennrad der 1970er Jahre vorweg, was heute zu den charakteristischen Merkmalen jedes Gravelbikes zählt.

Besser machen!

Seinem Erfinder- und Verbesserungstrieb folgend, fing Ritchey auch schnell an, eigene Anbauteile wie Vorbauten oder Kurbeln zu bauen. Warum? "Der Produktzyklus betrug damals 20 oder 30 Jahre! Die Technik stagnierte. Die Teile, die es gab, genügten unseren veränderten Ansprüchen nicht, also machte ich selbst Änderungen." Ritchey fing also an, selbst zu bauen, was es noch nicht zu kaufen gab. Und so gaben Ritcheys 70er-Jahre-Gravel-Touren durch die Santa Cruz Mountains mit den Anstoß zu einer Revolution: 1977 begann er mit ein paar anderen Rennfahrern, Downhill-Rennen über Schotterpisten zu fahren. Was letztendlich zur Erfindung des Mountainbikes führte. Das erste regulär erhältliche Mountainbike wird Tom Ritchey zugeschrieben. Der Rest ist Geschichte – die heute, 40 Jahre später, mit Scheibenbremsen, riesigen Übersetzungsbandbreiten und breiten Reifen ihre jüngste Evolutionsstufe im Gravel Bike gefunden hat.

Aber warum hat es so lange gedauert, bis das "1-Bike", das eine Rad für alle Gelegenheiten, im Gravelbike seine Wiedergeburt feierte? Bei dieser Frage setzt der Meister ein extrabreites Grinsen unter seinen Oberlippenbart.

Schließt Gravel den Kreis?

"Wie viel Zeit hast du?" Da die Zeit – und der Platz für die Geschichte – begrenzt ist, fasst Ritchey es so zusammen: "Greg LeMond gewann 1983 die Straßen-WM und dann die Tour. Das änderte alles. Zum ersten Mal geriet Amerika in den Blick der Radwelt. Und damit auch wir mit unseren Mountainbikes."

Man sieht: Mountainbike und Rennrad waren von Anfang an eine unzertrennliche Schicksalsgemeinschaft – auch wenn sich die Wege der beiden Kategorien zunächst jahrzehntelang auseinanderentwickelten. Tom Ritchey entwickelte fleißig Teile für die neue Fahrradkategorie, die plötzlich im Fokus stand. Trotzdem ist es ihm wichtig, zu betonen, dass "ich das Rennrad nie aufgegeben habe".

Aber warum kam es überhaupt zu dem Umweg über die grobstolligen Räder mit den geraden Lenkern? "Bei unseren Downhill-Rennen ging es um Kontrolle und Sicherheit. Darum verwendeten wir breite, gerade Lenker. An denen konnte man auch Bremsen aus dem Motocross befestigen." Und warum gab es am Mountainbike so ein rasantes Entwicklungstempo, das dann immer erst mit Verzögerung aufs Rennrad abfärbte? Auch darauf hat Ritchey eine interessante Antwort, die tiefe Einblicke gibt, wie die Radindustrie funktioniert: "Die Radbranche in Kalifornien war geprägt von Ingenieuren der Luftfahrtindustrie. McDonnell und Easton sitzen in der Bay Area. Leichtbau, CNC, eloxierte Teile – die ganzen Trends der 1980er und -90er wurden maßgeblich von diesen Leuten geprägt, die alle auch begeisterte Mountainbiker waren. Mittlerweile leben wir in einer À-la-Carte-Industrie: Es ist viel einfacher und günstiger, Dinge umzusetzen." Wie zum Beispiel breite Reifen, Scheibenbremsen oder eine laufruhige Geometrie an Rädern mit Rennlenker zu verwirklichen. Und damit Gravelbikes zu bauen.

Tom Ritchey Godfather of Gravel
© Tom Ritchey privat

Aber ist das Gravelbike denn jetzt das "1-Bike" nach Ritcheys Ideal? Für solche Vereinfachungen ist er nicht zu haben. "Es kommt nicht darauf an, was für ein Fahrrad du hast, sondern darauf, wo du damit unterwegs bist. Würde ich in Alaska leben, hätte ich vermutlich so ein Rad (er zeigt auf ein MTB-Hardtail mit fetten Ballonreifen). Man muss schauen, was sich einem hinter der eigenen Haustür bietet, und das Passende dafür finden."

Es ist dieser offene Geist, der bei Tom Ritchey am meisten beeindruckt. Ihm ist es egal, ob jemand Rennrad, Gravelbike oder Mountainbike fährt. Hauptsache, er fährt ein Fahrrad.

Tom Ritchey Godfather of Gravel
© Daniel Geiger

Über Tom Ritchey:

Tom Ritchey, geboren 1956, begann Ende der 1960er in Kalifornien eine erfolgreiche Karriere als Straßen-Rennfahrer und war Mitglied des US-Teams. Nebenbei schweißte der Tüftler eigene Rennradrahmen sowie eigene Bauteile und verkaufte sie. Mitte der 1970er fuhr er bei den ersten Mountainbike-Rennen mit. Ritchey wird das erste serienmäßige Mountainbike zugeschrieben, er erfand zahlreiche Bauteile. Möglicherweise hat er damals auch schon Gravelbikes gebaut.

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