Porträt: Lael Wilcox, die Königin des Gravel

Community
Rugile Kaladyte © Rugile Kaladyte

Porträt: Lael Wilcox Die Königin des Schotters

Lael Wilcox ist ein echtes Phänomen in der Welt des Gravel: Die Frau aus Alaska gilt als beste Ultra-Distanz-Bikerin der Welt und lässt in Rennen die meisten Männer hinter sich. Was sie antreibt? Positives Denken und Koffein.

Neulich begegnete sie einem Grizzly. Er hat sich auf die Hinterbeine gestellt, mit den Vordertatzen in die Luft geschlagen und ist auf sie losgestürmt. "Da habe ich zugesehen, dass ich so schnell wie möglich wegkomme", erzählt Lael Wilcox. Dann schaffen es nur sehr wenige, mit der 33-Jährigen mitzuhalten. Auch der Bär nicht. Denn Lael Wilcox zählt zu den schnellsten Ultra-Distanz-Gravelbikern der Welt – nicht nur im Frauenfeld, das bei solchen Events oft recht überschaubar ausfällt.

Lael Wilcox ist eine der prägenden Figuren bei den härtesten Rennen der Welt. Was sie antreibt? "Mich motivieren Ideen, Träume und wie schnell sie Wirklichkeit werden können", sagt die 33-jährige, die in Anchorage geboren wurde. In ihrer Heimat Alaska will sie ihre Begeisterung fürs Radfahren, für die prägenden Erfahrungen, die einem lange Distanzen allein in der Natur geben, an junge Frauen weitergeben. Seit zwei Jahren veranstaltet sie "Lael Rides Alaska", bei dem Frauen zwischen Mai und September 1000 Kilometer durch Alaska radeln. Alleine oder mit mehreren, aber immer auf einer selbst geplanten Route, auf eigene Faust. Das Motto: "Let's see what's possible" – frei übersetzt: Entdecke die Möglichkeiten. Denn auch sie selbst hat auf dem Fahrrad erfahren, wie weit sich die eigenen Grenzen verschieben lassen.

2016 gewann Lael Wilcox als erste Frau das rund 6800 Kilometer lange Trans Am Bike Race von Oregon nach Virginia, 2017 fuhr sie mit 11:13:02 Stunden die "Fastest Known Time" beim kalifornischen Baja Divide über 2700 Kilometer, 2019 kam sie als Gesamtzweite beim Silk Road Mountain Race über 1800 Kilometer ins Ziel. Trotz Schnee, Kälte und wenig Möglichkeiten, unterwegs Nahrung aufzunehmen. Ihr Schicksalsrennen aber heißt Tour Divide, ein rund 4400 Kilometer langes Selbstversorger-Event von Kanada bis an die Grenze Mexikos. Mehr als 60 000 Höhenmeter durch die Rocky Mountains. Über Schotter, Matsch und Trails.

Die Rekord-Jägerin

2015 stellte sie dort einen neuen Frauenrekord auf. Bei ihrem Rookie-Rennen, zu dem sie die gut 3300 Kilometer von ihrem Zuhause in Alaska zum Start in Banff per Rad angereist war. Mit 17:01:51 Tagen war sie im Rennen prompt zwei Tage schneller als ihre Vorgängerin, wurde insgesamt Sechste – und war unzufrieden. "Ich wurde krank, musste wegen Atemproblemen ins Krankenhaus", berichtet Lael. "Deshalb war klar, dass ich wiederkommen muss." Die Athletin aus Anchorage macht nur dann einen Haken an ein Rennen, wenn sie weiß: "Mehr wäre nicht gegangen." Darum kehrte sie noch im selben Jahr zurück, fuhr die Tour-Divide-Route auf eigene Faust als Einzelzeitfahren und verbesserte ihre Zeit auf 15 Tage, 10 Stunden und 59 Minuten. Auch das genügte ihr nicht. Das nächste Ziel: Gesamtsieg. Dokumentiert ist dieser, letztlich gescheiterte, Versuch im Film "I Just Want To Ride". Der zeigt nicht nur die verschiedenen Gesichter und unzähligen Herausforderungen dieses harten Offroad-Rennens, sondern lässt auch aufblitzen, warum Lael Wilcox eine so gute Ultra-Fahrerin ist: Sie bleibt fast immer positiv.

© Rugile Kaladyte

Immer positiv bleiben: alles Kopfsache

So huscht ein Lächeln über ihr müdes Gesicht, als eine ältere Dame sie vor einem Dorfladen anspricht, vor dem Lael sich gerade Pommes in die Oberrohrtasche stopft. Sie nimmt den Sonnenuntergang nicht nur wahr, sondern hält an, um – die Arme ausgebreitet, die Augen geschlossen – den Moment aufzusaugen. Sie freut sich über den Besuch von einem Elch oder zwei Eulen, anstatt nachzudenken, ob das jetzt gefährlich sein könnte.

Diese "Grundpositivität" war schon immer da, glaubt Lael. Sie habe aber lange daran arbeiten müssen, sie abrufen zu können. Manchmal gelingt ihr das auch heute noch nicht. Aber sie weiß, dass Tiefs dazugehören und dass es "das Wichtigste ist, dass ich mental gut drauf bin. Fühle ich mich gut, fahre ich besser". Sie hat gelernt, schlechte Phasen auszuhalten. Weil sie weiß, dass die Schmerzen vorübergehen. Dass sie es trotz 60 Kilometern mit gebrochener Sattelstütze noch vor Ladenschluss zu dem kleinen Radladen im Nirgendwo schaffen wird. Dass die Sonne auf- und wieder untergehen und wieder aufgehen wird und dass dazwischen das komplette Spektrum psychischer und physischer Reaktionen liegt. Liegen muss. Weil das zum Leben dazugehört. Und Radfahren ihr Leben ist.

Mental dort anzukommen, wo sie jetzt steht, war ein langer Lernprozess, den sie in wenige Jahre gepackt hat. Erst mit 20 Jahren stieg Lael regelmäßig aufs Rad. 2008 nur deshalb, weil sie keinen Führerschein hatte und die sechs Kilometer zu ihrem Job in einer Brauerei in Tacoma, Washington, nicht laufen wollte. Kurz darauf folgte die erste Überlandfahrt, um ihre Schwester zu besuchen. Sie hatte kein Geld für die Busfahrt nach Seattle. Die knapp 70 Kilometer lange Strecke war im Vergleich zu ihren heutigen Touren mickrig, damals jedoch ein Aha-Moment. "Da ist mir bewusst geworden: wenn wir von Stadt zu Stadt fahren können, können wir das auch mit dem ganzen Land machen. Ich hatte noch nie etwas von Biketouring oder Ultra-Distanz-Radfahrten gehört, konnte mir aber vorstellen, jeden Tag auf dem Rad zu sitzen, ohne zu wissen, wo ich abends schlafe."

Sieben Jahre lang arbeitete sie jeweils ein halbes Jahr in Restaurants und Fahrradläden, die restlichen sechs Monate reiste sie mit dem Bike durch die USA, Südafrika, den Nahen Osten, Europa. Ihr erstes Rennen absolvierte sie im Jahr 2014, auf dem Carbon-Renner ihrer Mutter – und finishte das 640 Kilometer lange "Fireweed 400" in Alaska nach 27 Stunden prompt als Zweite. Ob ihre Mutter ihr das Rad noch einmal leihen würde, wenn sie die Folgen abgesehen hätte? Zweifelhaft. "Als ich meiner Mutter 2015 gesagt habe, dass ich die Tour Divide nochmal fahren möchte, ist sie in Tränen ausgebrochen", berichtet Lael. "Für sie war das sehr schwer, sie machte sich Sorgen – und hoffte, ich würde irgendwann doch noch Medizin studieren."

© Rugile Kaladyte

Hirn denkt, Bauch lenkt

Lael hat ihr Ding gemacht – und tut es heute noch. Nicht weil sie kaltherzig ist, im Gegenteil. Sie denkt viel nach, wenn sie da draußen unterwegs ist, nur mit dem Knirschen des Schotters unter den Reifen: "Ich verbringe viel Zeit in meinem Kopf", sagt sie. Entscheiden tut aber meistens doch der Bauch. Lael beschreibt sich als jemanden, der sich "wenig Gedanken darüber macht, was morgen oder in ein paar Monaten ist". Sie verlässt sich auf ihren Instinkt und tut, was sich gut anfühlt. Das ist manchmal schwierig für ihr Umfeld, aber wer sie kennt, der weiß, dass sie am glücklichsten ist, wenn der Fahrtwind um ihre Waden weht. In ihrer Partnerin Rue Kaladyte hat sie jemanden gefunden, der versteht, dass Lael immer wieder an und über ihre Grenzen gehen muss. Seit drei Jahren sind sie und die Foto- und Filmjournalistin ein Paar. Rue begleitet sie auch auf ihren Touren und bei ihren Rennen.

Das trifft nicht immer auf Wohlwollen. Als 2019 "I Just Want To Ride" entstehen sollte, rumorte es bei der Tour Divide: "Ich war mit viel Negativität konfrontiert wegen des Videos. Die Medienbegleitung und vor allem die Tatsache, dass Rue auf der Strecke sein würde, verschaffe mir einen unfairen emotionalen Vorteil und ich könne deshalb besser abliefern, hieß es. Dabei kostet es eher Zeit, wenn ich mit Außenstehenden interagiere. Zudem hatte ein anderer Fahrer ein Media-Team dabei, was aber niemanden störte. Vielleicht stehe ich als Frau auch unter schärferer Beobachtung", mutmaßt sie.

Tatsächlich schlägt der "Queen of Ultra-Endurance Racing", die seit 2018 von ihrem Sport leben kann, neben Sympathie auch Skepsis entgegen. Vielleicht, weil es bisher nicht viele Frauen in der Szene gibt. Vielleicht, weil es schwer zu begreifen ist, dass eine junge Frau von nicht sonderlich kräftiger Statur reihenweise Männer abhängt. Vielleicht, weil sie manchmal, wenn weder Kaffee noch Energy Drinks verfügbar sind, eine Koffeintablette nimmt, um den Schlafmangel zu kompensieren und "sich unterwegs besser zu fühlen." Vielleicht auch, weil sie sich nicht einschüchtern lässt.

Etwa vor ihrem Trans-Am-Sieg 2016. Da schloss der Führende, Steffen Streich, zu ihr auf. Er fuhr nach einer Pause in die falsche Richtung und bemerkte seinen Irrtum erst, als Lael im entgegenkam. "Lass uns zusammen fahren", schlug er vor. Sie zog das Tempo an – und davon – zum Gesamtsieg. Beim Gedanken an diese Szene lacht sie und sagt: "Ich habe kein schlechtes Gewissen. Das ist ein Rennen, dafür sind wir hier. Nach 18 Tagen hatten wir auf den letzten Kilometern noch ein echtes, aktives Rennen. Ich wollte unbedingt so finishen." Sie gibt offen zu, dass sie Rennen auch wegen des Ergebnisses fährt – und weil diese Ergebnisse so außergewöhnlich sind, wurde sie schon als "genetische Mutation" bezeichnet.

© Rugile Kaladyte

Was sie treibt, sind jedoch weniger irgendwelche Unregelmäßigkeiten im Chromosom, als eine tief verwurzelte Unruhe. Lael braucht Herausforderungen, vor allem aber braucht sie Abwechslung. Deshalb hat sie auch das GRIT-Programm gegründet, in dem sie Mädchen aus finanziell schlechter gestellten Familien aufs Bikepacking und eine Drei-Tages-Tour über 100 Kilometer vorbereitet. Oder eben ihr Programm "Lael rides Alaska". "Ich möchte die Menschen ermutigen, ihre direkte Umgebung mit dem Rad zu erkunden, zu entdecken, wie schön sie ist", sagt sie. "Es muss ja nicht immer gleich eine Ultra-Distanz sein.

Dieser Artikel kann Links zu Anbietern enthalten, von denen Gravelbike eine Provision erhält. Diese Links sind mit folgendem Icon gekennzeichnet: