Bikepacking: Deutschland Süd - Nord

Abenteuer
© Bjoern Haenssler

Bikepacking: Deutschland Süd - Nord Ab ans Meer

Einmal Deutschland Süd–Nord, bitte! Auf ihrer alljährlichen gemeinsamen Auszeit fahren zwei alte Freunde mit den Gravelbikes quer durch Deutschland: von Rosenheim bis Rostock – und noch ein bisschen weiter.

Die Regeln sind recht einfach. Erstens: Einmal im Jahr nehmen mein Kumpel Daniel und ich uns eine Woche und machen etwas Besonderes. Und zweitens: irgendwas mit Fahrrädern. Fertig. Einfach eine Woche im Jahr ausbrechen aus dem Alltag. Wir waren schon mit den Mountainbikes in den Bergen, sind mit Aldi-Rädern von Aachen nach Görlitz gefahren. Jetzt würde Daniel gerne mal zum Baden an die See. Die Ostsee, wohlgemerkt. "Von West nach Ost haben wir, dann fahren wir jetzt von Süd nach Nord", schlägt er vor. Konkret: Von seiner Heimat Rosenheim nach Rostock, von Oberbayern an die Ostsee. Deal! Nur die Aldi-Räder tauschen wir gegen flotte Gravel-Flitzer. Und los geht’s. Unter uns die Räder und vor uns die Welt. 1100 Kilometer, um genau zu sein. Und neun Tage Zeit.

Schon in der ersten Nacht zieht Daniel aus. "Ich halte das nicht mehr aus! Wenn wir Legehennen wären, stünde jetzt PETA vor der Textiltüre", sagt er, verlässt unser Mini-Zweimannzelt und verbringt den Rest der Nacht auf der grünen Wiese. Klar, wir wollten Gewicht sparen, wo es geht, haben selbst über Zahnpastamengen und das zweite Unterhemd diskutiert. Aber bei der Größe des Zeltes hätten wir vielleicht nicht ansetzen sollen. Lange Rede: Ab jetzt ist der Sternenhimmel unser Zelt.

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Da lachen doch die Hühner

Wir konnten ja nicht ahnen, wie sehr diese Entscheidung zu einem wirklich unvergesslichen Trip beitragen sollte. Nicht nur nehmen wir die Nächte unter freiem Himmel besonders intensiv wahr, die Übernachtungen im Freien führen auch immer wieder zu interessanten Begegnungen. So wie die mit den neugierigen Hühnern, die aufgeregt um uns herumgackern, als wir unter dem Vordach eines Tierparks aufwachen. Oder die mit dem Besitzer des Ausflugslokals Waldnaabtal, der uns nach der Nacht vor seiner Blockhütte nicht etwa des Hausfriedensbruchs bezichtigt, sondern uns erst mal einen heißen Kaffee in die Hand drückt und dann wissen will: "Wo geht’s denn hin?"

Den Vogel schießt jedoch Sebastian ab, den ich vor einigen Jahren beim Radmarathon Mecklenburger Seen Runde kennengelernt habe. Als wir uns zu unserer letzten Nacht im Freien am Serrahner See vorbereiten, hält ein Bulli, die Tür öffnet sich und ein fröhlicher Sebastian steigt aus. In der Hand: ein Eimer voller gekühlter Getränke. Lange sitzen wir da, reden, lachen – und springen irgendwann in absoluter Finsternis in den See. "Echt gute Idee, dass du dein Anstecklicht noch auf den Steg gelegt hast", bescheinige ich Daniel. Sonst hätten wir den Ausstieg kaum wiedergefunden.

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Raus aus den Klamotten ...

Auch das Baden in den Seen, in den Flüssen und zum Abschluss in der Ostsee machen die Tour so besonders. Sei es, wenn wir zur Abkühlung in der Mittagshitze in die Müritz hüpfen oder uns abends mit dem Sprung ins kühle Nass der Koberbachtalsperre die Staubpanade vom Körper waschen.

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Was mich auch immer wieder begeistert, ist die Landschaft, durch die wir radeln. Auf den kleinen Nebenstraßen und Schotterwegen des Oberpfälzer Walds etwa, auf der Schotter-Achterbahn bei unserem Abstecher nach Tschechien oder auf den Panzerstraßen und Alleen der Mecklenburgischen Seenplatte. So ein schönes Land, durch das wir rollen! Und wir haben uns die wohl beste Art ausgesucht, es zu entdecken. Ob Kanada, Südafrika oder Dubai: In meinem Job als Fotograf habe ich schon viel gesehen von der Welt. Aber doch und vielleicht gerade deshalb zieht es mich in meinem Urlaub oft auf Entdeckungsreise durch die eigene Heimat.

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Diesmal endet diese Reise früher als geplant, denn wir erreichen Rostock tatsächlich zwei Tage vor unserem Zeitplan. "Ist doch klar, wenn wir die ganze Zeit von den Bergen Richtung Meer fahren", erkennt Daniel geistesgegenwärtig. Wir sitzen vor dem alten Leuchtturm von Warnemünde. Wir haben es geschafft. Aber irgendwas ist nicht richtig. "Das kann es doch noch nicht gewesen sein", sage ich und sehe ein Funkeln in Daniels Augen, als er antwortet: "Wie klingt Rosenheim–Rostock–Rügen für dich?"

Und so springen wir nach einer fast schon beklemmenden Nacht mit festem Dach über dem Kopf wieder in den Sattel. Verlängerung! Mit der Fähre setzen wir über die Mündung der Warnow und nehmen den Ostseeradweg unter die Räder. In großem Bogen geht es vorbei an Traumstränden und durch die Rostocker Heide bis Stralsund. Wir steigen nochmal in die Ostsee und anschließend am Rande des örtlichen Sportplatzes in unsere Schlafsäcke. Am nächsten Morgen verscheuchen uns ein paar kräftige Jungs in ihren Vorbereitungen auf ein Match American Football.

... und ab ins Wasser

Wir rollen auf dem alten Rügendamm hinüber auf Deutschlands größte Insel und immer weiter Richtung Norden. Mit der Wittower Fähre setzen wir über und stehen eine Stunde später am Kap Arkona. "Willkommen am nördlichsten Punkt Rügens", rufe ich Daniel zu, nur um umgehend korrigiert zu werden. Denn es geht tatsächlich noch einen guten Kilometer weiter gen Norden. Wir jedoch drehen ab nach Süden. Richtung Sassnitz, wo wir am nächsten Morgen unsere zuggestützte Heimreise antreten werden. Doch nicht, bevor wir das endgültige Ende unserer Tour mit einem Radler und einer Portion Pommes an der Imbissbude gebührend feiern. "Einmal will ich aber noch in die Ostsee, dafür haben wir das Ganze ja gemacht", verlangt Daniel. Also nochmal im Meer planschen, abtrocknen und dann schlafen. Im Stadtpark. Unter freiem Himmel. Einfach so.

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