Test: Superleichte Carbon-Rennräder

Top-Rennräder der Saison 2015 im Test


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Top-Rennräder für die Saison 2015 im Test
Foto: Christian Lampe

 

Cervelo RCA
Foto: Benjamin Hahn

 

Cervelo RCA
Foto: Benjamin Hahn

 

Cervelo RCA
Foto: Benjamin Hahn

 

Colnago V1-r
Foto: Benjamin Hahn
Top-Rahmen werden immer leichter. Doch wie leicht ist noch sinnvoll, und wann sind die Grenzen erreicht? RoadBIKE hat 5 Top-Rennräder der Saison 2015 getestet.
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Top-Rennräder sind Grenzgänger. Sie brechen Gewichts- und Steifigkeitsrekorde und definieren den Status quo des aktuell Machbaren. Sie setzen Trends bei der Geometrie und dem Charakter, den ein Rennrad auf der Straße zeigt.

Entwickelt für höchste Ansprüche von Profis, geben diese Räder technisch vor, wohin sich unser Sport bewegt. Und weil im High-End-Segment Prestige eine große Rolle spielt, Geld dagegen weniger, dürfen sich die Entwickler bei den Top-Modellen nach Herzenslust austoben.

Derzeit geben die Ingenieure im Spitzensegment alles: Das Wettrennen um neue Gewichtsrekorde ist – mal wieder – voll entbrannt. Getreu dem Motto "Leichter, immer leichter" unterbieten sich neue Top-Rahmen im Halbjahrestakt mit Bestwerten.

Aktuell im Visier: die 700-Gramm-Marke. Schon deswegen ist der Test neuer Spitzen-Rennräder immer einer der interessantesten der ganzen Saison – obwohl diese Traumräder regelmäßig die Grenzen dessen überschreiten, was für den größten Teil der Kundschaft finanziell realisierbar ist.

13 000 Euro für ein Rennrad? Das ist für viele nicht mal mehr ein Traum, sondern schlicht ein unerschwingliches Luxusobjekt aus einer anderen Welt ...

Grenzgänger

6 brandneue Kompletträder in diesem Test wollen wieder Grenzen einreißen: Trek kündigte mit dem Émonda SLR das "leichteste Serienrad der Welt" an, Cervélo verspricht, mit dem neuen Rca das "leichteste Rahmen-Set der Welt" zu bauen.

Dazu starten die großen Namen Colnago und Orbea mit neuen Top-Modellen durch, Specialized schickt eine neue Generation seines Profi-Renners Tarmac auf die Straße, und Rose will mit dem neuen X-Lite Team endgültig den Ruf ablegen, vor allem beim Preis zu überzeugen.

Im RoadBIKE-Prüflabor zeigen die Rennräder, dass die Hersteller es ernst meinen: 1026 Gramm wiegt Treks Set aus Rahmen, Gabel und Steuersatz – inklusive aller nötigen Beschläge und, vor allem, inklusive kurzem Sitzdom! Das neue Rca von Cervélo wiegt nach RoadBIKE-Messung nur 10 Gramm mehr. Die 1-Kilo-Marke rückt damit plötzlich in greifbare Nähe – noch vor 10 Jahren war das für einen Rahmen allein kaum vorstellbar.

 

RoadBIKE Top Rennräder Test tabelle
Foto: RoadBIKE

Rahmen im Grenzbereich

Alle 6 Rahmen-Sets lassen sich sicher fahren – gefährliches Aufschaukeln bei hohen Geschwindigkeiten gehört der Vergangenheit an. Das liegt wohl auch an der auf Laufruhe ausgelegten Geometrie moderner Rahmen.

Aber: Schon um 75 Kilo schwere Tester notierten in die Testprotokolle, dass einige Top-Rennräder Lenkbefehlen bei höheren Geschwindigkeiten deutlich weniger präzise folgen. Andere Rahmen-Sets sind dafür steifer, als man das noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätte: Colnago und, mehr noch, Specialized bauen extrem fahrstabile Sets.

Diese beiden auf der Straße unglaublich reaktionsfreudigen Modelle wiegen dafür über 400 Gramm mehr als die Leichtgewichte im Test. Logisch, mehr Rahmengewicht bedeutet mehr Material, was größere Wandstärken ermöglicht. Und damit im Regelfall schlicht mehr Stabilität bedeutet.

Die Superleicht-Sets haben einen Punkt erreicht, an dem großes Carbon-Know-how, der Einsatz extrem teurer Fasern und Harze und penibelste Detailarbeit nötig sind, um bei minimalen Wandstärken fahrstabile Räder zu bauen. Dass dies möglich ist, beweist Cervélo – die ihre Rahmen allerdings in Kleinserien in den USA produzieren.

 

Top-Rennräder für die Saison 2015 Laufräder tabelle
Foto: RoadBIKE Die Laufräder der Top-Rennräder im Vergleich.

Laufräder im Grenzbereich

Dass beim Gewicht eine "erfahrbare" Grenze erreicht wird, drängt sich bei den Laufrädern der 6 getesteten Komplett- Rennäder auf: Rose und Trek statten ihre Testräder mit atemberaubend leichten Laufrad-Sets aus, die als Paar deutlich unter 1 Kilo wiegen, zusammen mit Schnellspannern, Kassette und Reifen (in beiden Fällen mit nicht alltagstauglichen Schlauchreifen für Zeitfahren) unter 1,5 Kilo!

Allerdings sind beide nicht ausreichend seitensteif: Was der Laufradprüfstand mit Zahlen belegt (s.Bild), spürt selbst ein leichter Fahrer bei harten Sprintattacken problemlos selbst.

Was bei diesen superleichten Laufrädern ebenfalls auffällt: Durch die geringe Schwungmasse der Vorderräder verändert sich die Fahrstabilität des Rades. Die Lenkung wird weniger stabilisiert, als man das von einem modernen Rennrad gewohnt ist. Hier wird deutlich spürbar, dass ab einem gewissen Punkt "leichter" nicht automatisch immer auch "besser" bedeutet.

Grenzenloses Fahrerlebnis

Immer leichter, immer steifer – immer schneller? So deutlich die erwähnten Schwächen bei Laufrädern und Rahmen-Sets auf der Straße spürbar sind, so beeindruckend fahren sich die gut gemachten Renner in diesem Test: Wie leichtfüßig und direkt ein nur 6 Kilo schwerer Rennsportler wie das Cervélo Rca beschleunigt, verschlägt einem schlicht die Sprache. Vor allem beflügelt und motiviert solch ein ungezügelter Vorwärtsdrang ungemein.

Wie wichtig steife Rahmen und Laufräder sind, zeigen Specialized und Colnago: Beide bleiben zwar deutlich über den Gewichtsbestwerten in diesem Test, auf der Straße überzeugen sie dafür ohne Einschränkung.

Und sie machen deutlich: So beeindruckend Leichtgewicht sein mag – es ist nicht das allein entscheidende Maß für ein richtungweisendes Rennrad.

Testfazit kompakt

Innerhalb von nur 3 Jahren haben die Top-Rahmen 100 Gramm abgespeckt: Cervélos Rca wiegt nur noch unglaubliche 669 Gramm. Die Rahmen-Gabel- Sets von Cervélo und Trek marschieren stramm auf die 1-Kilo- Marke zu. Allerdings verfehlen auffällig viele Top-Rahmen im Lenkkopf eine für jedes Fahrergewicht taugliche Steifigkeit. Kein Problem für Cervélo – das bestens ausgestattete Testrad mit dem zweitbesten Rahmen-Gabel- Set holt sich verdient den Testsieg.


25.02.2015
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE