Im RoadBIKE-Test: Elf Langstrecken-Rennräder im Test

Rennräder für die Langstrecke: Die Super-Tourer


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Marathon-Rennräder im Test
Foto: Christian Lampe

 

Marathon-Rennräder im Test:
Foto: Benjamin Hahn

 

Marathon-Rennräder im Test: Felt Z4
Foto: Benjamin Hahn

 

Marathon-Rennräder im Test: Giant Defy Advanced 0
Foto: Benjamin Hahn

 

Marathon-Rennräder im Test: Lapierre Sensium 500 Di2
Foto: Benjamin Hahn
Die Marathon-Rennräder der meisten Rennrad-Hersteller haben sich zu vielseitigen Alleskönnern gemausert. Dieser Test beweist es.
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Wie wichtig es ein kann, die richtigen Worte zu finden, zeigt die Geschichte der Räder in diesem Test: Als Specialized und Cannondale vor knapp 10 Jahren die ersten Rennräder mit entspannterer Sitzgeometrie und besserer Dämpfung auf die Straße brachten, wollte kaum jemand etwas davon wissen. Die als „Komfort-Renner“ vorgestellten Modelle wurden schon wegen dieser Bezeichnung abgelehnt. Getreu dem Motto: „Komfort hat mit hartem Radsport nichts zu tun!“

Heute ist das Wort „Komfort-Renner“ tabu. Marathon- oder Langstrecken-Renner klingt einfach besser. Mit dieser sportlicheren Umschreibung fand das neue Konzept eines modernen Tourers zunehmend Akzeptanz: Vibrationen zu mindern und harte Stöße abzufedern zählt heute längst zum Pflichtprogramm für jedes moderne Rennrad.

Doch was haben aktuelle Marathon-Renner dann überhaupt noch mehr zu bieten als herkömmliche Rennräder? Was zeichnet sie aus? RB hat 11 der Dauerläufer zum Test eingeladen, um deren Vorzüge und Besonderheiten zu erfahren. Um ein möglichst homogenes Testfeld zu erhalten, wählte RB die Räder diesmal nicht nach dem Preis aus, sondern nach dem Ausstattungsniveau – alle Testkandidaten kommen mit Komponenten auf Ultegra-Niveau. Die Preise der vergleichbar aufgebauten Räder liegen deshalb weiter auseinander als in RB-Vergleichstests üblich: 2299 Euro (Felt) und 4299 Euro (Trek) markieren die Unter- bzw. Obergrenze.

Die erste Überraschung im Test: Trotz der großen Preisunterschiede liegen die Testräder meist auf Augenhöhe – beim Vergleich der Daten wie auch bei den Fahrleistungen. So wiegt das Gros der Räder zwischen 7,1 und 7,8 Kilo – nur Rose und Simplon wiegen mit 6,8 Kilo deutlich weniger, das günstige Specialized drückt mit 8,3 Kilo auf die Waage (siehe Testbriefe).

Rahmen-Bedingungen

Das Übergewicht des Klassikers Specialized Roubaix verschuldet vor allem dessen Rahmen-Gabel-Set: Mit 1900 Gramm ist es deutlich zu schwer geraten. Die leichtesten Sets von Scott und Stevens bleiben dagegen unter der 1,5 Kilo-Marke. Sie beweisen, dass auch ein auf maximale Federung und Sitzkomfort ausgelegter Rahmen wettbewerbsfähig leicht sein kann – zu bezahlbaren Preisen: Scott etwa verlangt für sein Solace 20 faire 2999 Euro.

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Gut gefedert?

Bei der Federung, der traditionellen Domäne der Marathon-Renner, erreichen erwartungsgemäß fast alle Rahmen-Sets gute Werte unter 350 Newton pro Millimeter (N/mm). Auf der Straße ist deutlich zu spüren, wie die Räder harten Stößen vom Untergrund die Spitzen nehmen. Allerdings: Die Probanden von Giant und Lapierre wirkten bei den Testfahrten unerwartet hart. Der Blick auf die Messwerte bestätigte die Fahreindrücke: Beide Sets bleiben hinter den Erwartungen zurück und erreichen nur Werte, die nicht im spürbaren Bereich liegen. Erstaunlich, zählt eine wirksame Federung doch zu den wesentlichen Entwicklungszielen in dieser Produktkategorie.

Überrascht waren die Tester auch, dass die Hälfte der Rahmen-Gabel-Sets bei der Steifigkeit im Lenkkopf Schwächen zeigte. Die Modelle von Felt, Giant, Lapierre, Merida und Trek verfehlten im RB-Labor den Wert von 70 Newtonmeter pro Grad (Nm/°), den RoadBIKE als für jedes Fahrergewicht ausreichend definiert. Ernste Probleme sind dadurch nicht zu erwarten, spürbar ist eine solche Schwäche bei harten Richtungswechseln allemal.

Der Grund für diese Lenkkopfschwächen dürfte in den Steuerrohren liegen, denn ein weiterer Charakterzug der Marathon-Räder ist die entspanntere Sitzposition, die der Fahrer darauf einnimmt. Die 18 bis 20 cm langen Steuerrohre (in mittlerer Rahmengröße) sorgen für weniger Sattelüberhöhung, der Fahrer sitzt aufrechter als auf einem klassischen Renner, dessen Steuerrohr im Schnitt 3 cm kürzer ausfällt.

Berücksichtigt man, wie viele Rennräder mit vielen Zentimeter hohen Spacer-Türmen unterm Vorbau gefahren werden, ist es nur konsequent, gleich auf einen Rahmen mit längerem Steuerrohr zu setzen – auch aus Gründen der Sicherheit: Im längeren Steuerrohr wird der Gabelschaft durch das weiter oben liegenden Steuerlager breiter abgestützt – und weniger belastet.

Ruhige Roller

Das dritte wesentliche Charaktermerkmal der Marathon-Renner ist ihre mehr oder minder ausgeprägte Laufruhe: Durch etwas längeren Radstand, mehr Gabelnachlauf oder etwas flachere Lenkwinkel geben die Entwickler den Dauerläufern eine Spurtreue mit auf den Weg, die lange Rollerpassagen ohne zappeliges Vorderrad angenehmer werden lässt und auch bei hohem Tempo sicheres Handling garantiert. Wie bei der Federung und Sitzposition gilt auch hier: Den meisten Rennradfahrern kommt dieser ruhige, berechenbare Charakter entgegen. Zumal die Dauerläufer trotz aller Gelassenheit nie zum Klotz am Bein mutieren. Die meisten der Räder überzeugten auch die rennerprobten Fahrer unter den Testern mit ihrem spürbaren Vorwärtsdrang (siehe Beschreibung der Räder in den Testbriefen). Diese Tempo-Gier verantworten vor allem die um 74 Grad steilen Sitzwinkel: In „zentraler“ Position hat der Fahrer sein Rad erfahrungsgemäß bestens im Griff – und bringt die Kraft optimal aufs Pedal.

Die Bewertung der Testräder im Detail

Aus umfangreichen Einzelwertungen in Labor und Praxis errechnet sich bei RoadBIKE die Endnote – hier die wichtigsten Wertungen im Überblick.

 

RoadBIKE Langstreckenrenner Bewertung
Foto: RoadBIKE

Liebe zum Detail

Zeigt sich die Geometrie verantwortlich dafür, wie willig sich ein Rad auf der Straße fährt, sorgen viele kleine Ausstattungsdetails dafür, dass es sich angenehm und komfortabel fährt: Breite Reifen schlucken hochfrequente Vibrationen, angenehm zu greifende Lenker lassen Hände und Arme nicht verkrampfen, der passende Sattel schützt vor Sitzproblemen – die Liste der Details ist lang. Doch gerade hier verschenkten bisher viele Anbieter das große Potenzial ihrer Langstrecken-Renner. Mit Ausnahme von Specialized achtete bislang kaum ein Hersteller konsequent auf all diese Details. Zumindest in diesem Testfeld hat sich das komplett geändert: An fast jedem Testrad „passen“ auch diese vermeintlichen Kleinigkeiten, die in der Summe die Zeit auf dem Rennrad angenehmer und letztlich lange Einsätze erfolgreicher machen – eine erfreuliche Entwicklung!


Die Rennräder in diesem Test

22.05.2014
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 05/2014