Im RoadBIKE-Test: 15 Rennräder mit Scheibenbremse

Trendsetter: Disc-Rennräder im Test


Zur Fotostrecke (15 Bilder)

RoadBIKE 0315 Heft Rennrad Test
Foto: Daniel Geiger

 

RoadBIKE BH Quartz Ultegra Disc
Foto: Benjamin Hahn

 

RoadBIKE BMC Granfondo Disc GF01 Ultegra Di2
Foto: Benjamin Hahn

 

RoadBIKE Cannondale Synapse Hi-Mod Ultegra
Foto: Benjamin Hahn

 

RoadBIKE Centurion Gigadrive Disc 4000
Foto: Benjamin Hahn
Schnell, komfortabel – und jetzt mit Scheibenbremsen: Sind diese Marathon-Rennräder die Blaupause für das Rennrad der Zukunft?
Zu den getesteten Produkten

Zing – zing – zing. So klingt die Zukunft. Nach einer langen Vollbremsung hat sich die Bremsscheibe durch die dabei entstehende Hitze etwas verzogen und streift dann leicht an den Bremsbelägen. Zing – zing. Schon nach kurzer Abkühlphase herrscht wieder Ruhe.

Mit dieser Episode aus dem Test der 15 neuen Disc-Tourer ist eigentlich alles Wesentliche zur aktuell heißesten Neuheit gesagt: Scheibenbremsen verzögern kraftvoll, die durch Reibungsenergie entstehende Hitze führt die Bremsscheibe ab – nicht wie bisher die sicherheitsrelevanten Bauteile Felge und Schlauch. Klarer Punktsieg für die Scheibenbremse, also.

Scheibenbremsen sind gefragt

So kontrovers das Für und Wider von Discs am Rennrad an jedem Radfahrer-Stammtisch, in der Branche und auch in der RoadBIKE-Redaktion diskutiert werden: An den neuen Touren-Rennrädern sind die glänzenden Scheiben fast schon Standard. Kaum noch ein Hersteller, der auf den Disc-Tourer im Katalog verzichten mag.

Zu den 15 Testrädern auf Ultegra-Niveau hätten noch einige weitere gepasst, zum Beispiel Simplons neues Inissio. Allerdings konnten einige Hersteller zum Testbeginn im Dezember 2014 noch kein Rad liefern. Grund: Keine Disc-Schaltgruppe verfügbar! Die sind derzeit heiß begehrt ...

Shimanos Ultegra samt der hydraulischen Bremsanlage BR-RS785 dominiert aktuell den Markt, doch die Japaner konnten die große Nachfrage offensichtlich nicht schnell genug bedienen. Die interessante neue Force 22 Disc von Sram wird derzeit noch eher selten verbaut, mutmaßlich eine Folge der Hydraulikbremsen-Rückrufaktion des Herstellers vor einem Jahr.

So erhitzt die Diskussionen um den Rückruf geführt werden, so unauffällig geben sich die Stopper im Alltag. Korrekt montiert, justiert und eingebremst, garantieren Disc-Stopper konstant hohe Bremskraft – bei jeder Witterung.

Zur Darstellung des Videos benötigen Sie aktiviertes JavaScript sowie den Adobe Flash-Player.

Video: RoadBIKE

Neue Technik, neue Routinen

Apropos einbremsen: Mountainbiker kennen das Prozedere, seit Discs auch an günstigen Bikes selbstverständlich sind. Für Rennradfahrer ist es die wichtigste Veränderung, die es im Zusammenhang mit der für sie neuen Technik zu beachten gilt: Eine neue Scheibenbremse will zunächst einmal richtig auf Temperatur gebracht werden, idealerweise durch eine Reihe von direkt aufeinanderfolgenden Vollbremsungen.

Die Reibpartner (Beläge und Scheiben) passen sich dabei aneinander an, organische Beläge gasen durch die starke Erwärmung aus. Erst danach erreicht die Bremsanlage ihre volle Leistung – und auch bei Vollbremsungen maximale Standfestigkeit. Ist das erledigt, zeigen die Disc-Stopper, gerade bei wechselhaftem Wetter und nassen Straßen, ihre Stärken.

Die Vorteile einer hydraulischen Scheibenbremsanlage spürt deutlich, wer zum Anbremsen einer engen Kurve in die Hebel langt: Keine Felgenbremse packt so zuverlässig kraftvoll und, vor allem, perfekt dosierbar zu. Die bei korrekter Justage seltene, nur kurzzeitige Geräuschkulisse nach Vollbremsungen signalisiert: Hier geht es heiß her! Erfreulicherweise weit weg von Felge und Schlauch, denen ein Hitzekollaps in jedem Fall erspart bleibt.

In Anbetracht dieser Vorzüge ist es nur logisch, dass die neue Technik zuerst bei Langstrecken-Rennern zum Einsatz kommt: Modelle wie Specializeds Roubaix, einst angetreten, das Rennrad mit mehr Sitzkomfort, Vibrationsdämpfung und sicheren Fahreigenschaften für all jene zu verbessern, die viele Stunden im Sattel verbringen, profitieren besonders davon. Eine Scheibenbremse ist am Tourer nicht nur sinnvoll, weil sich diese Räder oft in den Bergen oder auf schlechtem Untergrund bewegen – jeder Vielfahrer oder Marathonfahrer weiß eine zuverlässige, belastbare Bremse zu schätzen.

 

Scheibenbremsen-Rennräder im Test Gewichtsvergleich
Foto: RoadBIKE

Die innovativsten Rennräder

Nun wird das Segment der Langstrecken- oder Touren-Renner also wieder zum Innovationsmotor. Auch weil Gewicht hier nicht das alles entscheidende Kriterium ist: Das Mehrgewicht eines Disc-Tourers im Vergleich zum vergleichbar aufgebauten Felgenbremsmodell beträgt im Schnitt ca. 700 Gramm (s. Bild). Das geht nicht allein aufs Konto der Bremsanlage und entsprechend verstärktem Rahmen samt Gabel.

Fast alle Räder in diesem Test rollen auch auf Laufrädern mit etwas breiteren Felgen und, nicht selten, 28er-Reifen. Dank Scheibenbremse bieten Rahmen und Gabel mehr Reifenfreiheit, die dicken Pneus bringen, abgesehen vom moderaten Mehrgewicht, viele Vorteile: Die Vibrationsdämpfung ist deutlich besser, zudem lassen sich die Räder auf den voluminöseren Reifen geschmeidig durch jeden Kurvenradius zirkeln.

Die Erfahrungen mit diesen Innovationsträgern werden die Hersteller auf die anderen Rennrad-Kategorien übertragen. Längst ist es ausgemachte Sache, dass 2016 die Scheibenbremse auch im Profi-Zirkus Einzug halten wird – und schon im Sommer die ersten Profi-Renner mit Discs zu sehen sein werden.

Ungeklärte Fragen

Bis dahin sollte die Industrie aber die Fragen klären, die dieser Test aufwirft: Allein an den Testrädern sind 6 verschiedene Achskombinationen mit teils nicht zueinander kompatiblen Naben und Achsen verbaut. Dieses Fehlen eines einheitlichen Standards ist für alle ein Ärgernis: Hobby-Rennradfahrer, Profis (Stichwort: Laufradwechsel im Rennen) und Händler.

Erstaunlich, dass bislang nicht einmal Branchenriese Shimano eine Lösung parat hält. Die Marktmacht, einen Achsstandard vorzugeben, hätten die Japaner – erst kürzlich wurde ein neuer Standard zur Befestigung der Bremsanlage an Rahmen und Gabel veröffentlicht – obwohl hier mit dem im MTB-Bereich gängigen Post-Mount-Standard eine durchaus taugliche Lösung existiert.

Einfach gute Räder

Diese fraglos wichtigen Detailfragen sollten eine wesentliche Erkenntnis des Tests aber nicht überschatten: Die Disc-Tourer sind einfach überzeugende Rennräder!

In knapp 10 Jahren haben die Entwickler das Langstrecken-Konzept konsequent und zielführend weiterentwickelt. Und anstatt die Vorreiter der Kategorie, allen voran Specializeds Roubaix oder das Cannondale Synapse, mit ihrer aufrechten Sitzgeometrie zu kopieren, trauen sich immer mehr Entwickler, eigenständige, äußerst charakterstarke Lösungen auf die Straße zu schicken:

Trotz viel Federungskomfort und hoher Laufruhe begeistern viele aktuelle Tourer vor allem als mitreißende Sportler (mehr zum Charakter der Räder in den Testberichten). Das Touren-Segment präsentiert sich 2015 in vielen Ausprägungen, mit Scheibenbremse kommt eine weitere, zukunftsweisende hinzu.

Fotostrecke: Test: 15 Rennräder mit Scheibenbremse

15 Bilder
RoadBIKE BH Quartz Ultegra Disc Foto: Benjamin Hahn
RoadBIKE BMC Granfondo Disc GF01 Ultegra Di2 Foto: Benjamin Hahn
RoadBIKE Cannondale Synapse Hi-Mod Ultegra Foto: Benjamin Hahn

Die Rennräder in diesem Test

30.03.2015
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 3/2015