Test: 18 Ultegra Rennräder

Im schatten nobler Carbon-Rahmen locken klassische Alu-Rennräder auf Ultegra-Niveau mit Kampfpreisen. RoadBIKE suchte im grossen Labor- und Praxistest nach der besten Vernunftlösung – und entdeckte dabei echte Profisportler.
Zu den getesteten Produkten

 

Klassische Alu-Rennräder auf Ultegra-Niveau.
Schon ab 900 Euro gibt's unter den Rennrädern richtige Sportskanonen.

Media-Show: So testet die Redaktion

Es muss nicht immer Kaviar sein. Johannes Mario Simmels Romantitel könnte auch getrost das Motto für diesen Test abgeben. Echte Preisknüller mussten es sein, die die RoadBIKE-Redaktion zum Test erreichen sollten. Klar, was das bedeutet: Alu statt Carbon, Ausstattung auf Ultegra-Niveau. Insgesamt 18 Räder. Zwar stehen diese Modelle im Schatten der im Trend liegenden Kohle­faser-Renner. Für ambitionierte Alltagsfahrer, die nicht auf die Funktion von langlebigen und perfekt funktionierenden Komponenten verzichten mögen, stellen solche Räder aber eine heiße Alternative dar.

Für das gute, alte Aluminium gibt es drei Argumente: Geld, Erfahrung, Haltbarkeit. Für das Radon, günstigstes Rad im Test, verlangt der H&S Bikediscount im Internet schlappe 899 Euro. Das Gros der Testräder geht für unter 1400 Euro über den Tresen – da kann kein Carbonrenner dieser Ausstattungsklasse mithalten. Lediglich Cannondale landet mit 2300 Euro dort, wo preisaggressive Hersteller längst mit Carbon eingedrungen sind. Auch technisch gehören die Alu-renner nicht zum Alteisen, wie der Test zeigt: Der leichteste Rahmen im Testfeld, Cannondales CAAD 9, erreicht mit weit unter 1300 Gramm einen Wert, der – wenn auch teuer erkauft – sogar für Rennfahrer interessant ist. Der Profitester im RoadBIKE-Team, Andreas Dilger sagt: „Cannondale, Canyon, Giant, Cube oder Trek präsentieren sich super und eignen sich sogar für den Renneinsatz.“

 

Ultegra Test
Wo brillieren die Ultegra-Renner, wo schwächeln sie?

Die harten Testkriterien

Vor dem Praxistest durchliefen alle 18 Rahmen aufwendige Labormessungen, zudem misst RoadBIKE-Mechaniker Haider Knall die Seitensteifigkeiten der Laufräder. „Neben dem Rahmen und der Gabel beeinflussen Laufräder die Fahr- eigenschaften eines Rennrades am meisten“, weiß der erfahrene Mechaniker, auf dessen Rat auch viele Profis vertrauen.

Bei den Steifigkeitsmessungen erreichten Rahmen einige Rahmen echte Traumwerte (alle Steifigkeitswerte stehen bei den Testbriefen). Zwar sind die Lenkkopfsteifigkeiten der Spitzenreiter von Carver, Trenga DE oder Univega angesichts hoher Rahmengewichte kein Kunststück. Aber auch der 1360 Gramm leichte Rahmen von Cube erreicht mit 109,2 Nm/Grad einen Messwert, der sich in der Praxis durch präzise Lenkmanöver, direktes Handling und Laufruhe ohne Rahmenflattern bei hohen Geschwindigkeiten positiv bemerkbar macht. Ein ähnliches Bild bei den Tretlagersteifigkeiten: Fast alle Rahmen bewegen sich im absolut grünen Bereich.

Anders als im Lenkkopfbereich können Rahmen im Tretlagerbereich aber auch zu steif sein. „Der Komfort kann unter zu viel Steifigkeit, die sowieso nicht mehr spürbar ist, deutlich leiden“, sagt RoadBIKE-Tester Andreas Dilger. Auf Alu trifft das ganz besonders zu – die Nachteile des Materials gegenüber Carbon werden offensichtlich: Alu gibt mangels ausreichender Eigendämpfung Vibrationen gern ungefiltert an den Fahrer weiter – im Test ist das bei allen Rädern mit den guten Steifigkeitswerten im Tretlagerbereich deutlich zu spüren. Ein Alurahmen, wie etwa der von Centurion, der weder zu steif noch zu weich ist, fühlt sich dagegen komfortabel und damit angenehm an. Deutlich erfahrbar ist das auf dem Teil der RoadBIKE-Testrunde, die rauhe Kopfsteinpassagen und Abschnitte mit schlechtem Belag enthält.

 

Ultegra Test
Preisbewusste Rennradler finden bei den aktuellen Ultegra-Alurennen die perfekten Preis-Leistungs-Knüller.

Sehr hohes Niveau

Insgesamt lässt sich aber sagen: Die Räder im Test markieren eindrucksvoll das hohe Niveau, auf dem der Alurahmenbau liegt. Immerhin dominierte die leichte Edelstahl-Legierung weit über ein Jahrzehnt den Markt, weil sie problemlos zu verarbeiten, stabil und relativ unempfindlich ist. Vorteile, die nach wie vor für Alu sprchen – neben dem deutlich günstigeren Preis im Vergleich zu Carbon.

Systemfragen

Viel schlechter als bei den Rahmen lösen die meisten Hersteller jedoch das Thema Laufräder. Der Trend geht auch in diesem Preisbereich mittlerweile zu Systemlaufrädern. Auch wenn so ein Systemlaufrad als optischer Blickfang fungiert, technisch spricht – zumindest auf diesem Preisniveau – nicht viel dafür. Fast alle Testrenner sind mit Laufrädern ausgestattete, die unter dem hohen Niveau der Ultegra-Schaltgruppe liegen. Nur der Fulcrum-Satz im Focus und die Mavic-Ksyrium-Equipe-Laufräder im Canyon gefielen mit sehr guten Seitensteifigkeiten und durchweg solider Qualität.

Die anderen Laufräder sind meist entweder schwer oder nicht besonders steif, schlimmstenfalls beides auf einmal. Die RoadBIKE-Messungen offenbarten zudem hohe Serienstreuungen beim meist verbauten Aksium von Mavic. Fast schon dramatisch, wie viele Laufräder nicht mittig zentriert waren. Zwei bis drei Millimeter wich die Mehrzahl der Felgen aus der Mitte ab, im schlimmsten Fall sogar satte acht Millimeter – haarsträubend. „Da muss man eigentlich empfehlen, gleich beim Kauf solide, klassisch eingespeichte Laufräder zu verlangen – vielleicht lässt der Händler ja mit sich reden“, zieht RoadBIKE-Techniker Haider Knall Bilanz.

 

Ultegra Test
Für unter 1500 Euro gibt es richtig gute Alurahmen mit Ultegra-Ausstattung.

Die Praxis zählt

Theorie ist gut, Praxis ist besser. Nach dieser Philosophie der RoadBIKE-Testredaktion wurden aber alle Messwerte mit umfangreichen Praxiserfahrungen abgeglichen. Die RoadBIKE-Tester kennen die Messwerte noch nicht, wenn sie ihre Runden drehen. Und siehe da: Renner mit steifem Lenkkopf und steifen Laufrädern gefielen allen Testern am besten, was die Fahrstabilität betrifft.

In den Praxistests fallen neben Fahreigenschaften und Handling aber auch die feinen Details auf, die darüber entscheiden, ob ein Gesamtkonzept gelungen ist. „Manchmal hapert es da. Achten Sie deshalb schon beim Kauf darauf, dass der Lenker zu Ihrer Schulterbreite und die Kurbel zu Ihrer Beinlänge passt“, empfiehlt RoadBIKE-Redakteur Nils Flieshardt. Und letztlich entscheiden auch die Komponenten über ein gelungenes Rad.

Schön, dass Trenga und Stevens vom Ultegra-Einerlei abweichen und Srams neue Preis-Leistungs-Gruppe Rival verbauen, zumal kein einziges Rad mit Campagnolos Veloce oder Centaur-Gruppe im Testfeld war. Das neue System der Gangwechsel von Sram ist zwar gewöhnungsbedürftig, schaltet aber problemlos, wenn auch deutlich mechanischer und schwergängiger als bei der Ultegra. Dafür packen die Bremsen der Rival deutlich giftiger zu.


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Inhaltsverzeichnis

Autor: Andreas Dilger
© RoadBIKE