Sieben Rennräder für die Langstrecke im Test

Test: Sieben Marathon-Rennräder


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Langstrecken-Rennräder im Test
Foto: Björn Hänssler

 

RoadBIKE BMC Granfondo GF01 Ultegra Di2
Foto: Benjamin Hahn

 

RoadBIKE BMC Granfondo GF01 Ultegra Di2
Foto: Benjamin Hahn

 

RoadBIKE BMC Granfondo GF01 Ultegra Di2
Foto: Benjamin Hahn

 

RoadBIKE Felt Z2
Foto: Benjamin Hahn
Die neuen Langstrecken-Renner versprechen spürbar mehr Komfort. RoadBIKE liefert in diesem Labor- und Praxis-Test die Fakten – denn Komfort ist messbar.
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Drei konstruktive Eckpunkte kennzeichnen diese bei Tourern und Vielfahrern so beliebten Spezialisten: maximaler Federungkomfort, hohe Laufruhe bzw. ruhiges Handling sowie eine Geometrie, die eine entspannte(re) Sitzposition garantiert. Natürlich finden sich solche Qualitäten auch an anderen Rennrädern, doch erst das konsequente Zusammenspiel aller Merkmale zeichnet einen gelungenen Langstrecken-Renner aus.

Die Neuerung, mit der diese Langstrecken-Renner die ganze Branche nachhaltig veränderten, ist die vertikale Nachgiebigkeit der Rahmen-Gabel-Sets, umgangssprachlich häufig als Dämpfungskomfort bezeichnet. Korrekterweise müsste man aber von Federung sprechen: Ein Rahmen reagiert unter dem Gewicht seines Fahrers wie eine Feder, die bei Stößen vom Untergrund – der Straße – zusammengedrückt wird und sich wieder entspannt.

Diese vertikale Nachgiebigkeit gilt mittlerweile als anerkanntes Entwicklungsziel für ein zeitgemäßes Rennrad-Rahmen-Gabel-Set. Die neuen Modelle in diesem Test setzen prompt auch Bestmarken: BMC und Trek erreichen herausragende Werte am Heck (rund 160 N/mm). Beide Rahmen federn also an der Sattelstütze unter einem Gewicht von 80 Kilo um fast 5 Millimeter ein, an der Front um knapp 4 Millimeter. Verglichen mit den ersten Messungen im Jahr 2007 sind die Werte der Neuen fast doppelt so gut!

Auf der Straße sind diese Fabelwerte insofern spürbar, als man nichts spürt: Spurrillen und Kanten im Straßenbelag verlieren mit diesen Räder ihren Schrecken, harten Schlägen nehmen sie die Spitzen. Mit aufwendiger Data-Recording-Messtechnik hat Road­BIKE diesen Effekt erstmals praxisnah nachgewiesen.

Ursprünglich wurde der Nutzen des Feder­ungskomforts mit der Schonung der Haltemuskulatur begründet: Muss der Halteapparat weniger Stöße ausgleichen, bleibt am Ende mehr Kraft für die Hauptaufgabe des Rennradfahrers übrig – kraftvolles Treten. Mittlerweile bringen einige Rahmenentwickler sogar den Begriff „Fahrwerk“ ins Spiel. Etwa Specialized-Entwickler Chris D’Aluisio: „Ein gutes Fahrwerk am Rennrad verbessert die Straßenlage und bringt damit mehr Sicherheit bei hohen Geschwindigkeiten.“

Interessanterweise steht diese Aussage im Zusammenhang mit dem Tarmac SL4 – einer reinrassigen Rennmaschine. Doch sie trifft uneingeschränkt auch auf die Langstrecken-Renner in diesem Test zu: Sie „liegen“ sagenhaft ruhig und sicher auf der Straße und verleiten zu maximalem Tempo. „Echte“ Rennräder also, die einfach eine Extraportion Komfort bieten.

Wie die Lenkung Ruhe bringt

Die Marathon-Renner im Test fahren sich aber nicht nur wegen ihrer wirksamen Federung sehr angenehm und, bei Bedarf, auch richtig schnell. Ein weiteres wesentliches Merkmal ist ihre hohe Laufruhe. Ein relativ langer Radstand und etwas mehr Gabelnachlauf helfen den Testrädern allesamt, vorbildlich ihre Spur zu halten.

Sie folgen Fahrerbefehlen präzise, doch niemals unerwartet oder gar giftig. Das schont die Konzentration bei langen Ausfahrten, zudem sorgt dieses zuverlässige Handling für die Fahrstabilität, die bei hohem Tempo gefragt ist. Nicht umsonst trimmen Konstrukteure auch aktuelle Aero-Renner, die auf hohe Geschwindigkeiten ausgelegt sind, auf maximale Laufruhe.

Das dritte wesentliche Merkmal eines Langstrecken-Renners ist die angenehme Sitzposition auf dem Rad: Durch ein im Verhältnis zur Rahmenhöhe etwas kürzeres Oberrohr (meist 5 bis 10 Millimeter weniger als bei „klassischer“ Geometrie) und ein relativ langes Steuerrohr (plus 20 bis 30 Millimeter) gerät die Sitzposition angenehmer, als vom „normalen“ Rennrad gewohnt.

Entspannter Sitzen

Schon vor über 10 Jahren baute übrigens Centurion Rahmen mit deutlich längerem Steuerrohr, doch damals war die Rennrad-Welt wohl noch nicht offen für diese geänderte Sitzgeometrie. Dabei ist der Schritt zum längeren Steuerrohr nur logisch: Fragt man Radhändler oder Anbieter von Custom-Programmen, so lässt sich die Mehrheit der Rennradfahrer mehrere Zentimeter Spacer zwischen Steuersatz und Vorbau montieren, um dadurch etwas entspannter auf dem Rad zu sitzen.

Doch diese Anpassung birgt gerade bei Gabelschaftrohren aus Carbon auch Risiken, wie RoadBIKE-Techniker Haider Knall weiß: „Mehr als 3 Zentimeter Spacer sollten nie montiert werden, weil sonst das Carbon-Schaftrohr auf Dauer zu stark belastet wird!“ In seiner Zeit als Rennmechaniker kamen Knall eine Menge Gabelschaftrohre unter, die sich nach vielen tausend Kilometer hartem Einsatz zwischen oberem Steuerlager und Vorbau verformt hatten.

Bei einem etwas längeren Steuerrohr, wie sie bei Marathon-Rennern üblich sind, liegt der obere Steuersatz näher am Vorbau, der empfindliche Gabelschaft wird entsprechend breiter abgestützt und damit wirksam vor Verformung geschützt. „Außerdem sieht so ein Spacer-Turm einfach nicht gut aus!“, fügt Rennrad-Ästhet Knall hinzu. Den Testrädern dagegen sieht man das längere Steuerrohr auf den ersten Blick gar nicht an – besonders wenn der Vorbau so spektakulär integriert ist wie bei Looks neuem 675.

Der längere Hebel im vorderen Rahmendreieck fordert andererseits die Rahmenbauer heraus: Sie müssen auf eine ausreichende Lenkkopfsteifigkeit achten! Im Test zeigten die Sets von Look und Felt hier kleine Schwächen – die für alle Fahrer bis 90 Kilo allerdings kein Sicherheitsrisiko bedeuten. Speziell beim Felt Z, technisch eng mit den hochgelobten, steifen F-Modellen verwandt, wird offensichtlich, dass mehr Komfort auf Kosten der Lenkkopfsteifigkeit gehen kann. Die anderen Sets im Test gaben sich in dieser Disziplin keine Blöße.

Auffällig dagegen: Auf den neuen Langstrecken-Rennern sitzt der Fahrer meist etwas sportlicher, als das bei früheren Langstrecken-Generationen üblich war: Auf Specializeds neuem Roubaix mit der seit Jahren unveränderten Geometrie mit rund 19 Zentimeter langem Steuerrohr sitzt der Fahrer entspannt und eher aufrecht, während die Rahmen von BMC, Felt, Look und Scott auf Steuerrohre setzen, die weniger als 18 Zentimeter messen (siehe Geometrien) und daher eine deutlich sportlichere, leicht gestrecke und an der Front nur gemäßigt aufrechte Position erlauben. Gut über dem Tretlager – für satten Vortrieb – sitzt man auf allen Testrädern.

Die Summe der Maßnahmen

Auch wenn die Entwickler ihre Konzepte unterschiedlich umsetzen – alle achten dabei auf die 3 wesentlichen Eckpunkte: den Federungskomfort des Rahmens, die Geometrie und die Sitzposition des Fahrers. Weit weniger konsequent kümmern sich viele um die Ausstattung: Mindestens 25 Millimeter breite Reifen, einen in der Breite wählbaren Sattel und einen angenehm zu greifenden Lenker mit dämpfendem Band montieren nur Specialized und Trek. Beim Roubaix gleichen die Komfort-Parts sogar den vergleichsweise schlechten Federungskomfort an der Front effektiv aus.

Schade, dass viele Hersteller diese Ausstattungsdetails weitgehend außer Acht lassen, gerade bei so teuren Rädern wie in diesem Test! Denn es ist immer erst die Summe aller Maßnahmen, die in der Praxis spürbaren Komfort bringen. Immerhin kommt dem Thema inzwischen die Anerkennung zu, die es verdient – die Räder im Test bringen einen bemerkenswerten Innovationsschub mit sich. Und die Entwicklung wird weitergehen. Denn auch gut Ding kann immer noch besser werden ...

Testfazit:

Die neuen Langstrecken-Konzepte stehen für einen Innovationsschub, der erfahrbar ist. BMC und Trek bieten bisher nicht dagewesenen Federungskomfort, alle Anbieter schicken trotz ausgeprägter Laufruhe und hohem Komfort echte Rennräder auf die Straße – die sich vor keiner „harten“ Rennmaschine verstecken müssen! Unterschiede sind dennoch spürbar: Auf den Rädern von BMC, Felt, Look und Scott fühlen sich auch Rennfahrer wohl, während die Modelle von Specialized, Trek und Simplon Tourenfahrer und Randonneure begeistern. Den Testsieg holt sich das Simplon – mit einem schlüssigen Konzept ohne Schwächen.



Die Rennräder in diesem Test:

05.03.2013
Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 01/2013