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Neun Aero-Rennräder im Test

Im Test: Neun aerodynamisch optimierte Rennräder

Aerodynamisch optimierte Rennräder sind in aller Munde – doch welchem Fahrertyp bringt der Aero-Trend wirklich Vorteile? RoadBIKE hat's getestet. Zu den getesteten Produkten


Der neueste Trend für mehr Geschwindigkeit sind Aero-Renner, unter aerodynamischen Gesichtspunkten optimierte Rennräder. Wer besser durch den Wind kommt, spart Kraft. Oder ist bei gleicher Leistung schneller. Ein Ansatz, der einleuchtet. Neun aktuelle Vertreter dieser Spezies hat RoadBIKE getestet, um zu klären, ob das Aero-Konzept aufgeht – das so neu eigentlich gar nicht ist: Triathleten geben seit jeher gewaltige Beträge für die Verbesserung der Aerodynamik aus.

Im Triathlon verwurzelte Marken wie Cervélo oder Kestrel trugen den Aero-Gedanken schon vor Jahren in den Renn­radbereich. Doch erst zur Saison 2010 entwickelte sich daraus ein Trend, seit der Eurobike sind Aero-Renner plötzlich das Thema – die offensiv vermarkteten Aero-Neuheiten von Canyon, Merida oder Storck haben daran großen Anteil.

Canyon betont, ebenso wie Cervélo und Felt, welchen großen Einfluss die von ihnen gesponserten Profi-Teams bei der Entwicklung der Aero-Konzepte hatten. Auf langen Etappen und in Ausreißergruppen sollen die Aero-Renner durch ihren geringeren Luftwiderstand einige Watt an Leistung einsparen – die dann im Sprint-Finale über Sieg und Niederlage entscheiden können.

Spürbar schnell unterwegs

Im Praxistest fühlten sich die Aero-Renner tatsächlich richtig schnell an! Gerade auf welligen Rollerpassagen halten fast alle Testräder beeindruckend willig ein hohes Tempo. Das liegt in erster Linie an der meist sportlich-gestreckten Sitzposition mit steilen Sitzwinkeln (74 Grad) für druckvolles Pedalieren.

Nicht zu lange Steuerrohre (um 160 Millimeter) bringen den Fahrer zudem in eine tiefere – und damit aerodynamisch bessere Sitzposition. Canyon geht mit einem nur 150 Millimeter langen Steuerrohr noch weiter, nur Isaac und Stevens verzichten mit rund 180 Millimeter langen Steuerrohren auf diesen Kniff.

Dass die Aero-Renner wegen ihrer windschlüpfig geformten Rahmen schneller unterwegs sind als herkömmliche Straßenräder, lässt sich messtechnisch nicht seriös belegen. Das Problem: Der Einfluss des Rennrades auf das Gesamtsystem (mit Fahrer) ist schlicht zu gering. Er beträgt nach Expertenmeinung zwischen 5 und 15 Prozent.

„Selbst wenn so ein Aero-Renner um 10 Prozent weniger Luft­widerstand aufweist als ein normales Straßenrad, bedeutet das für das Gesamtsystem nur eine Verbesserung von unter einem Prozent“, grenzt der Aerodynamik-Experte Andreas Walser den vermeintlichen Aero-Vorteil ein.

Gemeinsam mit Walser, der unter anderem Michael Rich und Nicole Cooke auf ihren Zeitfahrmaschinen in die richtige Position brachte, hat RB verschiedene Möglichkeiten geprüft, die von den Herstellern versprochenen Vorteile ihrer Aero-Renner reproduzierbar zu messen.

Belastbare Daten

Belastbare Daten zum Thema Aerodynamik herauszufahren oder zu messen, ist allerdings nahezu unmöglich. Die verwertbaren Daten zum Testfeld kommen deshalb in bewährter Manier aus dem RB-Labor – und sie sprechen eher gegen die Aero-Renner: Die Aero-Rohrsätze treiben die Rahmengewichte im Test teils weit über 1000 Gramm, dennoch zeigten viele Modelle Schwächen bei der Lenkkopfsteifigkeit.

Mit Cervélo, Felt und Kestrel bleiben gleich drei Rahmen-Gabel-Sets weit unter den von RoadBIKE geforderten 70 Newtonmetern pro Grad, um jedem Fahrergewicht zu genügen. In der Praxis bedeutet das bei hohen Geschwindigkeiten unpräzise Lenkmanöver, die häufiges Nachkorrigieren erfordern.

Auch die meisten anderen Testteilnehmer erreichen bei den Lenkkopfmessungen gerade so den „grünen Bereich“. Der Grund: Um die Stirnfläche möglichst klein zu halten, setzen die Entwickler bei den Aero-Rahmen auf schlanke Gabelschaftrohre, meist mit durchgehenden 11/8 Zoll als Durchmesser.

Nur Centurion und Merida verwenden bei ihren (baugleichen) Rahmen moderne von 11/8 auf 1,5 Zoll anwachsende Schaftrohre – und erreichen damit zeitgemäße Steifigkeiten.

Nicht nur beim Lenkkopf, auch bei der vertikalen Nachgiebigkeit müssen die Fahrer der getesteten Räder Abstriche machen: Kein Rahmen-Gabel-Set erreicht an Front und Heck einen ausgeglichenen und zeitgemäß hohen Dämpfungskomfort, wie ihn heute fast jeder superleichte Top-Rahmen bietet. Lediglich Canyon kommt der Forderung nach einer ausgeglichenen, ordentlichen Dämpfung mit dem Aeroad-Rahmen recht nah.

Spürbar anders unterwegs

In der Praxis sind diese Schwächen im Lenkkopf und bei der Dämpfung selbst für leichte Fahrer um 70 Kilo spürbar. Echte Sportler, an die sich solche Aero-Renner ja richten, werden den Komfortverlust an den meist brettharten Aero-Sattelstützen vielleicht noch achselzuckend hinnehmen. Aber präzises Lenkverhalten dürften gerade sportliche Fahrer vehement einfordern.

Allerdings: Durch den langen Radstand der Aero-Renner im Test liegt der Schwerpunkt hier ohnehin auf hoher Laufruhe, was bestens zum Konzept eines „Ausreißer-Renners“ passt. Zackige Ortsdurchfahrten oder enge Serpentinenabfahrten sind nicht die Sache dieser Räder. Dafür sind sie durch ihre hohe Laufruhe und die tiefe Frontfür den Einsatz bei Jedermann-Zeitfahren oder -Triathlons wie geschaffen.

Nicht von ungefähr montieren alle Hersteller an den Testrädern Alu-Lenker, die einem Zeitfahr-aufsatz problemlos Platz bieten. Unter diesem Aspekt wird der Aero-Ansatz dann auch interessant: Wer sich keinen teuren Zeitfahrboliden leisten mag – oder kann, dem eröffnen die Aero-Renner neue Möglichkeiten.

Denn mit Zeitfahraufsatz und bei Geschwindigkeiten über 40 km/h kommt dem Faktor Luftwiderstand eine größere Bedeutung zu als beim normalen Straßeneinsatz: Bei Tempo 40 macht der in dritter Potenz zur Geschwindigkeit wachsende Luftwiderstand bereits rund 80 Prozent der gesamten Fahrwiderstände aus.

Allerdings haben diesen Zeitfahraspekt nur Canyon und Kestrel konsequent zu Ende gedacht: Bei beiden Testrädern erlaubt die weit auf der Sattelstütze verstellbare Sattelklemmung so steile Sitzwinkel, wie sie Zeitfahrer oder Triathleten brauchen. Alle anderen setzen vor allem auf die „schnelle Optik“. Auch die kann beflügeln, kein Frage. Und mal ehrlich: Wer sich auf so einem schnittigen Aero-Renner richtig schnell fühlt, wird auch schneller fahren!

In 11 Schritten zur Endnote - so testet RoadBIKE die Rennräder

Die Rennräder in diesem Test:

Felt
Felt AR4

Felt AR4

Autor: Felix Böhlken

© RoadBIKE : Ausgabe 03/2011

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