Im Test: 6 Rennräder aus Titan und 4 Modelle aus Stahl

Traum-Rennräder aus Titan und Stahl im Test


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Test Titan- und Stahl-Rennräder
Foto: Dan Zoubek

 

Cielo Sportif
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De Rosa Corum
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Falkenjagd Aristos RS
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Fixie Inc. Betty Leeds
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Alu- oder Carbon-Rennräder sind Ihnen zu langweilig? Dann prüfen Sie doch mal den Umstieg auf außergewöhnliche Renner aus edlen Metallen wie Titan und Stahl.
Zu den getesteten Produkten

RoadBIKE hat sechs ­Titan-Rennräder und vier Stahl-Renner unter die Lupe genommen. Da es diese oft nur als Rahmen oder Rahmen-Sets gibt, fließen auch nur diese in die Laborwertung ein. Gesamtgewichte und Ausstattungen dagegen spielen eine Rolle für den Fahreindruck, werden aber in diesem Test nicht mit Punkten bewertet.

Das Titan-Testfeld reicht von vergleichsweise günstigen Rennrädern, wie dem Kocmo Road Master mit einem Rahmenpreis von 1599 Euro, bis zur High-End-Klasse, vertreten durch das Lynskey R440, für dessen Rahmen satte 3990 Euro fällig werden. Die Stahl-Konkurrenz ist insgesamt güns­tiger, wenn auch preislich genauso bunt gemischt: Die Spanne reicht von 1099 Euro für das Rahmen-Gabel-Set von Fixie Inc. bis zum 1998-Euro-Kit von Cielo.

Aber ist doppelt so teuer auch doppelt so gut? Eine schwer zu beantwortende Frage, da sich die Faszination, die von perfekt gezogenen Schweißnähten, fein gefrästen Ausfallenden und aufwendig bearbeiteten Rohren ausgeht, nicht objektiv bewerten lässt. Anders sieht es mit Kriterien wie Gewicht, Steifigkeit, Komfort und Fahrverhalten aus. Sie verraten, was ein Rahmen-Gabel-Set kann – unabhängig von Geschmäckern und Preisen.

Warum letztere bei Titan und Stahl so hoch sind, hat im Prinzip zwei Gründe. Zum einen sind es die Materialien selbst, die, in Form von hochwertigen Rohrsätzen, deutlich teurer sind als Aluminium. Zum anderen ist es die aufwendige Verarbeitung, die besonders bei Titan ins Geld geht. Die verwendeten Legierungen müssen unter Ausschluss von Sauerstoff geschweißt werden, da das Titan sonst spröde würde.

Deshalb können die Rahmenrohre nur in speziellen Kammern oder unter Einsatz eines fließenden Schutzgases verbunden werden. Das kostet Arbeitszeit, und die ist teuer. Zudem sind sowohl Titan als auch Stahl Nischenprodukte, bei denen die preisdrückenden Mechanismen der Massenproduktion nicht greifen.

Doch was können die edlen Außenseiter auf dem Rennradmarkt? Hier lohnt besonders ein Blick auf die Ergebnisse der Steifigkeitsmessungen, denn während sich leichte Gewichtsnachteile noch verschmerzen lassen, beeinflussen weiche Tretlager und Lenkköpfe die Fahrqualität und damit den Fahrspaß erheblich. Ganz gleich wie schön oder aus welchem Material ein Rad auch sein mag.

Titan- und Stahl-Rennräder: Schön, aber wenig steif?

Die gute Nachricht kommt aus dem Tretlagerbereich: Alle Rahmen erreichen locker den von RoadBIKE definierten grünen Bereich von über 80 N/mm, der auch bei harten Antritten eine weitestgehend verlustfreie Kraftübertragung garantiert. Anders bei der Lenkkopfsteifigkeit: Hier verfehlen die meisten Rahmen-Gabel-Sets mit Werten unter 65 Nm/° den grünen Bereich, der bei 70 Nm/° beginnt.

Besonders schwere Fahrer jenseits der 80 Kilo können dies als geringere Lenkpräzision und Spurtreue wahrnehmen. Zwar schaukelte sich auch auf rasanten Abfahrten keines der betroffenen Räder auf, ihre Performance im sportlichen Einsatz war jedoch merklich eingeschränkt.

Ein Problem, das den Materialien geschuldet ist? Keinesfalls. Dass ordentliche Lenkkopfsteifigkeiten auch bei leichten Titan-Rahmen möglich sind, beweisen eindrucksvoll die Renner von Falkenjagd und Punch Cycles. Ihre Werte von 75 beziehungsweise 72 Nm/° sind absolut gesehen in Ordnung, für Titan-Rahmen um 1500 Gramm sind sie hervorragend und legen die Messlatte ein ganzes Stück nach oben.

Der positive Ausreißer bei den Stahl-Rädern ist das Gios Compact Pro, das ebenfalls mit einem steifen Lenkkopf punktet. Allerdings sind gute Steifigkeiten bei einem überdurchschnittlich hohen Rahmen-Gabel-Set-Gewicht von knapp 3 Kilo auch nicht wirklich eine Kunst.

Mythos auf dem Prüfstand

Bleibt noch der sagenumwobene Komfort, der sowohl Titan als auch Stahl allgemein zugeschrieben wird. Die Messungen können den guten Ruf der Legierungen zumindest teilweise untermauern. Die Titan-Räder im Test erreichen überwiegend gute Werte an Front und Heck, lediglich das Falkenjagd mit seinem harten Hinterbau und das Van Nicholas nutzen die an sich guten Dämpfungseigenschaften des Materials nicht aus, weil sie wenig vertikal flexende Rohre mit 31,6 Millimeter Durchmesser einsetzen.

Bei den Stahl-Rennern gelingt es nur dem Cielo, sowohl beim Front- als auch beim Sitzkomfort zu punkten. Die übrigen Kandidaten zeigen sich im statischen Belastungstest am Sattel eher unnachgiebig. Doch zur Ehrenrettung der getesteten Modelle sei gesagt, dass sich alle Räder in der Praxis deutlich geschmeidiger anfühlen als es die Laborwerte vermuten lassen.

Ein erfreulicher Effekt, der wohl tatsächlich auf die auch bei Stahl materialeigenen Dämpfungseigenschaften zurückzuführen ist. Besonders Vibrationen, wie sie durch rauen Asphalt verursacht werden, verarbeiten die Rahmen deutlich besser, als es etwa Alu- und auch viele Carbon-Rahmen vermögen.

Und wem das noch nicht reicht, der kann zumindest bei den meisten Titan-Anbietern seine Wünsche nach mehr Komfort äußern. Meist lässt sich der angedachte Traumrenner durch bestimmte Rohrdurchmesser, Wandstärken und Abmessungen an die ­eigenen Bedürfnisse anpassen – zum Teil ­sogar ohne Aufpreis. Natürlich funktioniert die individuelle Anpassung auch umgekehrt.

Steifer geht es fast immer, allerdings muss man dann in der Regel ein höheres Gewicht hinnehmen. Doch was sind schon ein paar Gramm mehr, wenn man die Liebe seines Radlerlebens endlich gefunden hat? Eben ...


Die Rennräder in diesem Test: