Im RoadBIKE-Test: Neun Top-Rennräder aus Carbon

Neun Top-Rennräder aus Carbon im Test


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Top-Rennräder im Test
Foto: Daniel Geiger
Immer leichter – 2012 verschieben sich erneut die Gewichts­grenzen für Rennrad­-Rahmen. RoadBIKE hat getes­tet, was die neuen Super-Rennräder sonst noch können.
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"Carbon ist am Limit, die Grenzen des Werkstoffs sind weitgehend ausgereizt." So lautete zuletzt fast einhellig die Antwort auf die Frage, welche Entwicklungen bei Carbon-Rahmen denn noch zu erwarten seien. 800-Gramm haben sich als magische Grenze manifestiert, an der noch kaum ein Serienrahmen kratzte – bislang.

Doch zur Saison 2012 scheint diese Grenze zu fallen: Gleich einige Hersteller versprechen für ihre neuen Top-Rahmen Gewichte nahe der magischen 0,8-Kilogramm, einige wollen die 800-Gramm sogar unterbieten. Und plötzlich kommt wieder Bewegung ins Spitzensegment!

Doch können die neuen Rahmen diese großen Versprechen überhaupt einhalten? Wenn ja, sind die neuen Leichtgewichte auch rundherum überzeugende Räder? Oder kostet das Gewichtstuning bei den Rahmen am Ende gar Fahrstabilität?

Um das herauszufinden, hat RoadBIKE
9 neue Top-Modelle zum ersten großen Vergleichstest der Saison 2012 geladen – mit bemerkenswerten Ergebnissen! Denn der Wettstreit um den besten Rahmen der Welt bringt einige überraschende Erkenntnisse – im Positiven wie im Negativen. So viel vorweg: Ein neuer Top-Rahmen ist nicht automatisch besser als sein Vorgänger!

Neue Rekordwerte

Dabei sollte der Käufer genau das eigentlich erwarten dürfen – bei Preisen, die in diesem Testfeld bei 5.999 Euro anfangen. An den steigenden Preisen der Top-Renner lässt sich auch ablesen, dass sich die Hersteller immer weiter an die Grenzen des technisch Machbaren annähern: Mit jedem Gramm weniger steigen in der Oberliga die Kosten exponentiell, da der Entwicklungsaufwand gleichzeitig immer größer wird.
Während sich der Unterschied zwischen einem Renner für 1.200 Euro und einem doppelt so teuren Modell noch in Kilogramm bemessen lässt, liegen die Räder im Test fast alle sehr nah am Testdurchschnitt von rund 6,4-Kilo.

Lediglich das sündhaft teure Cervélo wiegt mit sagenhaften 5,63-Kilo deutlich weniger, das Specialized erscheint mit seinen 6,7-Kilo fast schon als "Schwergewicht". Allein diese Feststellung zeigt, auf welchem Niveau sich die neuen Top-Renner ganz selbstverständlich bewegen: Das schwerste Testrad unterbietet die 6,8-Kilo-Marke, welche die UCI als Mindestgewicht für (fahrfertige) Profi-Räder vorschreibt – alle anderen liegen darunter!

Der Grund für dieses neu eröffnete Leichtbauwettrennen: die Rahmengewichte. Beim Cervélo und Cannondale zeigt die RoadBIKE-Waage deutlich unter 800-Gramm – für Serienrahmen sensationell wenig! Der Stevens-Rahmen bleibt unter 850-Gramm; BH Bikes, Scott und (abzüglich des integrierten Sitzdoms) auch Giant bleiben knapp unter 900-Gramm – ebenfalls beeindruckende Werte. Daneben fallen die über 900-Gramm schweren Rahmen von Cube, Rose und Specialized fast schon ab. Doch schließlich ist das Gewicht nicht das einzige Kriterium, das einen guten Rahmen auszeichnet.

Deutlich wird das beim Blick auf die Steifigkeiten, die RoadBIKE im eigenen Prüf­labor gemessen hat: Mit BH Bike, Cervélo und Cube verfehlen gleich 3 der Rahmen-Gabel-Sets im Lenkkopf einen Wert von über 70 Nm/°, den RoadBIKE als für jedes Fahrergewicht alltagstauglich erachtet! Zwar fuhr sich keiner der 3 Rahmen in der Praxis wirklich problematisch. Dennoch folgten die Räder in Kurven nicht so präzise, wie man das von modernen und derart teuren Rädern erwarten darf.

Neue Fahrsicherheit

Denn es sind gerade die sehr präzisen Lenk­­­eigenschaften und das daraus resultierende verlässliche Handling, mit dem die besten Räder in diesem Vergleich einen spürbaren Schritt nach vorn machen – auch gegenüber ihren Vorgängern. Lobende Worte, wie von Testfahrer Ralf Lang für Specializeds Tarmac SL4, waren in ähnlicher Form von allen Testern zu hören: "Es ist schon sehr beeindruckend, wie punktgenau und präzise das Rad in jeder Situation genau das macht, was ich will!" Vergleichbare Kommentare gab’s auch für die im Lenkkopf brettsteifen Renner von Cannon­dale und Giant. Diese messerscharfe Präzision schafft Vertrauen und bringt Sicherheit – gerade im Grenzbereich, wenn es unmöglich ist, einen Lenkbefehl nochmals nachzukorrigieren.

Als klarer Trend kristallisierte sich bei den Testfahrten noch etwas anderes heraus: Die Zeit nervöser Lenkungen ist vorbei! Früher galt, gerade bei den Top-Modellen, "Sportlich heißt wendig!" Diese Regel hat sich fast komplett ins Gegenteil verkehrt: Laufruhige Geometrien dominierten das Testfeld. Kein Wunder, schließlich sind die für Profis entwickelten Räder vor allem auf Langstreckenrennen unterwegs – auf einer 180-Kilometer-Etappe rollt es sich mit einem laufruhigen Begleiter einfach stressfreier.

Auch im Sprint ist es kein Nachteil, wenn das Vorderrad gelassen die Spur hält, während der Fahrer sich voll auf maximale Kraftentfaltung konzentrieren kann. Lediglich das Cervélo tanzt hier – sprichwörtlich – aus der Reihe: Zwar haben die Kanadier dem neuen R5 ein deutlich längeres Steuerrohr spendiert – ebenfalls ein Zugeständnis an den Langstreckeneinsatz, doch das Vorderrad reagiert deutlich lebendiger als bei allen anderen Testrädern.

Überdeutlich wurde bei den Testfahrten auch, welch hohen Einfluss neben der Steifigkeit auch die Dämpfungseigenschaften auf die Fahrsicherheit haben. Die laut Laborwerten hervorragend dämpfenden Rahmensets von Cannondale, Cube, Scott und Stevens schlucken Stöße von harten Kanten und Wellen im Asphalt ausgezeichnet: Ein großer Fortschritt der neuen Rahmen, der die Laufruhe und Fahrstabilität deutlich verbessert!

"Die Räder liegen derart gut und sicher, dass man eigentlich den Begriff Fahrwerk verwenden müsste", lautete das Fazit von Tester Haider Knall. Wer immer noch meint, bei einem Rennrad auf diese Dämpfungseigenschaften verzichten zu können, verschenkt eine Menge Potenzial – und kommt im Zweifelsfall einfach später ins Ziel.


Die Rennräder im Test

Autor: Felix Böhlken
© RoadBIKE
Ausgabe 02/2012